{"id":28458,"date":"2022-08-31T15:25:51","date_gmt":"2022-08-31T13:25:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/lifestyle-schlechter-ruf-gute-tradition\/"},"modified":"2022-10-11T00:44:35","modified_gmt":"2022-10-10T22:44:35","slug":"lifestyle-schlechter-ruf-gute-tradition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/lifestyle-schlechter-ruf-gute-tradition\/","title":{"rendered":"Lifestyle: Schlechter Ruf, gute Tradition"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201euniforme Lebensart des Philisters\u201c ((1)), der Spie\u00dferinnen und Spie\u00dfer, sie war immer wieder Zielscheibe anarchistischer Kritik. So nahm etwa der Dichter, Journalist und Anarchist <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/erich-muehsam-in-meiningen\/\">Erich M\u00fchsam<\/a> die Lebensart der B\u00fcrger*innen aufs Korn und setzte ihr den Lifestyle der Boh\u00e8miens entgegen. Aus \u201eWut gegen den vertrottelten Konventionsdrill\u201c ((2)) entwickelten sich andere, unkonventionelle Formen des Lebensstils. M\u00fchsam kombinierte seine Kritik an der Lebensart und die Idee, aus ihr auch praktische Konsequenzen zu ziehen, zwar mit dem Aufruf zum Klassenkampf. Aber insgesamt hat der Lifestyle in der Linken keinen guten Ruf. In den 1980ern verband man ihn mit Oberfl\u00e4chlichkeit und Golf GTI, dem Lifestyle haftet der Makel des Unauthentischen und Tumben an. Wer auf Lifestyle setzt oder einen pflegt, dem oder der geht es angeblich nicht ums Wichtige und Wesentliche. Deshalb ist es auch so bitter, als \u201eLifestyle-Linke*r\u201c beschimpft zu werden, und deshalb wird auch der \u201eLifestyle-Anarchismus\u201c als Selbstbezeichnung sich nicht durchsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt hatte Sahra Wagenknecht in ihrem Buch \u201eDie Selbstgerechten\u201c \u00fcber die \u201eLifestyle-Linke\u201c geschimpft. Sie meint damit gro\u00dfst\u00e4dtische, akademische Milieus, die sich um gendersensible Sprache k\u00fcmmern und einen gelebten Kosmopolitismus pflegen. Ein Gro\u00dfteil der W\u00e4hler*innenschaft der Partei Die Linke also. Wagenknecht aber bek\u00e4mpft sie, weil diese urbanen Kosmopolit*innen nicht nur individualistisch und intolerant, sondern auch an sozialer Gleichheit nicht mehr interessiert seien. Statt f\u00fcr soziale Gleichheit seien sie \u201ef\u00fcr Quoten und Diversity\u201c ((3)), als ob sich das ausschlie\u00dfen w\u00fcrde. Obwohl sie selbst \u201evon einem aufgekl\u00e4rten Konservatismus lernen\u201c ((4)) m\u00f6chte, wirft sie den vermeintlich selbstgerechten Lifestyle-Linksliberalen letztlich vor, nicht mehr links zu sein.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Gibt es die Lifestyle-Linke \u00fcberhaupt? Es scheint sich wohl doch eher um einen Schm\u00e4hbegriff zu handeln, der andere denunzieren soll. Indizien f\u00fcr eine Linke, die ernsthaft behauptet, allein \u00fcber den stilistischen und formalen Gebrauch von Konsumg\u00fctern lie\u00dfen sich gesellschaftliche Transformationen herbeif\u00fchren, werden sich kaum finden lassen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Abkehr von der Frage danach, wie die Gesellschaft als ganze transformiert werden k\u00f6nne und welche Organisationsformen daf\u00fcr zu w\u00e4hlen seien, hatte auch die \u00d6ko-Anarchistin Janet Biehl vor mehr als zwanzig Jahren schon dem \u201eLebensstilanarchismus\u201c vorgeworfen. Sie verteidigte dabei den libert\u00e4ren Kommunalisten <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/zwischen-sozialoekologie-und-libertaerem-kommunalismus\/\">Murray Bookchin<\/a>, der im \u201eLebensstilanarchismus\u201c eine Abwendung von der revolution\u00e4ren Tradition und ein Abtauchen in einen subkulturellen Kult der Selbstdarstellung sah. Wie Wagenknecht sah schon Biehl im positiven Bezug auf \u201eLifestyle\u201c eine individualistische Tendenz am Werk, die schlie\u00dflich auch nicht mehr links sei: \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/04\/sozial-oder-lebensstilanarchismus\/\">Lebensstilanarchismus<\/a>\u201c, schrieb Biehl 1999 in der Graswurzelrevolution, \u201eist symptomatisch f\u00fcr die fast \u00fcberall vorhandene verheerende Str\u00f6mung nach rechts\u201c ((5)).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tja. Der Lifestyle wird also zum Verbannungsurteil. Wer sich mit ihm besch\u00e4ftigt oder ihn kultiviert, soll aus dem vielf\u00e4ltigen Universum des Linksseins ausgeschlossen werden. Das ist nat\u00fcrlich harter Tobak und fordert zur Gegenrede heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst einmal sollte unterschieden werden zwischen der analytischen Besch\u00e4ftigung mit Lifestyle auf der einen und seiner als praktisch-politisch verstandenen Pflege auf der anderen Seite. Was die Analyse betrifft, ist in der soziologischen Debatte sp\u00e4testens seit Pierre Bourdieus Studie \u201eDie feinen Unterschiede\u201c (1979, dt. 1982) klar, dass Lebensstile nicht nur Klassen repr\u00e4sentieren, also milieuspezifische Gewohnheiten zum Ausdruck bringen, sondern auch Klassen reproduzieren, sie also stabilisieren. Auf dem Golfplatz und im Sterne-Restaurant vergewissern sich die Reichen ihrer abgegrenzten Existenz, insgesamt verweisen M\u00f6bel, Mampf und Markenschuh die Menschen auf ihre gesellschaftlichen Pl\u00e4tze. Sich mit Lifestyle zu besch\u00e4ftigen, kann demnach auch hei\u00dfen, die kulturelle Dimension von Herrschaft zu adressieren. Einen Lebensstil zu pflegen, kann in diesem Sinne auch bedeuten, verschiedene Versuche zu unternehmen, Bestehendes eben nicht zu reproduzieren, sondern dagegen aufzubegehren. Das w\u00e4ren also die praktisch-politischen Schlussfolgerungen aus dieser Analyse. Sie waren in der Tat h\u00e4ufig der Ansatz politisierter Subkulturen. Erich M\u00fchsam und die Boh\u00e8me Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts legen davon diverse Zeugnisse ab. Aber auch die Cultural Studies der 1970er erkannten das: \u201eResistance through rituals\u201c ((6)) (Widerstand durch Rituale) war der programmatische Titel eines Sammelbandes, der den emanzipatorischen Potenzialen von Lebensstilelementen in jugendlichen Subkulturen nachging.Potenziale ist aber auch das entscheidende Stichwort: Nicht jeder Stil und jede Geste entfalten automatisch widerst\u00e4ndige Kraft in sozialer Hinsicht. Die Pflege von B\u00e4rten und Balkonpflanzen, die Besch\u00e4ftigung mit biologischer Landwirtschaft, nachhaltigem Konsum und ein bisschen Hanf und Hygge machen noch keine sozialrevolution\u00e4re Haltung, ein autonomes Outfit macht noch keine selbstverwaltete Gesellschaft. Allerdings: Hat das jemals jemand wirklich geglaubt? Gibt es die Lifestyle-Linke \u00fcberhaupt? Es scheint sich wohl doch eher um einen Schm\u00e4hbegriff zu handeln, der andere denunzieren soll. Indizien f\u00fcr eine Linke, die ernsthaft behauptet, allein \u00fcber den stilistischen und formalen Gebrauch von Konsumg\u00fctern lie\u00dfen sich gesellschaftliche Transformationen herbeif\u00fchren, werden sich kaum finden lassen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_28587\" aria-describedby=\"caption-attachment-28587\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-28587\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Sahra_Wagenknecht_und_Oskar_Lafontaine_in_Weimar_-_51403882539.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Sahra_Wagenknecht_und_Oskar_Lafontaine_in_Weimar_-_51403882539.jpg 800w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Sahra_Wagenknecht_und_Oskar_Lafontaine_in_Weimar_-_51403882539-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Sahra_Wagenknecht_und_Oskar_Lafontaine_in_Weimar_-_51403882539-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Sahra_Wagenknecht_und_Oskar_Lafontaine_in_Weimar_-_51403882539-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Sahra_Wagenknecht_und_Oskar_Lafontaine_in_Weimar_-_51403882539-150x100.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28587\" class=\"wp-caption-text\">K\u00e4mpft in s\u00fcndhaft teuren Kost\u00fcmen und sogar auf Gauweiler-Partys gegen Lifestyle-Linke: Sahra Wagenknecht &#8211; Foto: DIE LINKE, CC BY 2.0 &lt;https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0&gt;, via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was es aber mit Sicherheit gibt, sind Linke, die den Lebensstil f\u00fcr gesellschaftspolitisch relevant halten. Die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen beispielsweise sprechen von Lebensweise (statt Lebensstil), um der Art und Weise des G\u00fctergebrauchs ihre individuelle Schlagseite zu nehmen. \u00c4hnlich wie Bourdieu meinen sie, dass es kollektive Lebensstile oder eben Lebensweisen gibt, die politische, \u00f6konomische und soziale Verh\u00e4ltnisse st\u00fctzen und Ungleichheiten vertiefen. Brand und Wissen sprechen in Bezug auf Nordamerika und Westeuropa von einer \u201eimperialen Lebensweise\u201c ((7)): Wie wir hier leben, hat Auswirkungen auf das Leben anderer. Ressourcenverbrauch und Ausbeutung anderswo werden vertieft, das ist wohl nicht zu leugnen, je mehr Avocados hier gegessen, je mehr iPhones weggeschmissen und je mehr SUVs hier gefahren werden. Je verschwenderischer der Lebensstil im globalen Norden, desto schlechter geht es anderen und desto st\u00e4rker wird die Natur belastet. Vielleicht m\u00fcssten hier interne Differenzen der \u201eimperialen Lebensweise\u201c in Sachen Zugeh\u00f6rigkeiten zu ethnischen Gruppen, Klassen, Geschlechtern und Staatsangeh\u00f6rigkeiten noch akzentuiert und das \u201eWir, der globale Norden\u201c hinterfragt werden. Aber so viel ist festzuhalten: Es w\u00e4re doch grunds\u00e4tzlich merkw\u00fcrdig, diesen zerst\u00f6rerischen Lifestyle in Gesellschaftsanalysen nicht zu reflektieren. Und es w\u00e4re letztlich auch verk\u00fcrzt, linke Kritik auf \u00f6konomische Wertsch\u00f6pfung, Ausbeutung und Handelsbeziehungen zu beschr\u00e4nken. Anarchistische Kritik hat sich darauf im \u00dcbrigen auch selten begrenzt.<br \/>\nInwieweit Leute mit umwelt- und sozialvertr\u00e4glicheren Lebenskonzepten und Lebensstilen dann tats\u00e4chlich noch \u201eeiner neuen Kultur die Wege\u201c ((8)) zu weisen imstande w\u00e4ren, wie Erich M\u00fchsam es der Boh\u00e8me nachsagte tun zu k\u00f6nnen, w\u00e4re zu diskutieren. Eine postanarchistische Perspektive jedenfalls d\u00fcrfte revolution\u00e4re Lifestyle-Effekte nicht einfach voraussetzen. Schlie\u00dflich gilt es auch, den Niedergang der Alternativkultur und die Einbindung der Kritik am \u201eKonventionsdrill\u201c in die neoliberale Gesellschaftsformation aufzuarbeiten. Letztlich muss immer wieder neu ausprobiert werden, wie und durch welche lebensstilistischen Moves die Verh\u00e4ltnisse vielleicht doch wieder zum Tanzen gebracht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201euniforme Lebensart des Philisters\u201c ((1)), der Spie\u00dferinnen und Spie\u00dfer, sie war immer wieder Zielscheibe anarchistischer Kritik. So nahm etwa der Dichter, Journalist und Anarchist Erich M\u00fchsam die Lebensart der B\u00fcrger*innen aufs Korn und setzte ihr den Lifestyle der Boh\u00e8miens entgegen. 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