{"id":28465,"date":"2022-08-31T15:25:54","date_gmt":"2022-08-31T13:25:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/die-ausbeutung-von-mensch-tier-und-natur-beenden\/"},"modified":"2022-09-21T10:25:02","modified_gmt":"2022-09-21T08:25:02","slug":"die-ausbeutung-von-mensch-tier-und-natur-beenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/die-ausbeutung-von-mensch-tier-und-natur-beenden\/","title":{"rendered":"Die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur beenden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">In den letzten 20 Jahren hat die Tierindustrie mit zahlreichen Skandalen Schlagzeilen gemacht: Angefangen bei Tierseuchen wie BSE oder Schweinepest \u00fcber Antibiotika- und Lebensmittelskandale bis hin zu unz\u00e4hligen massiven Verst\u00f6\u00dfen gegen ohnehin unzureichende Umwelt- und Tierschutzstandards. Die \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung und die politische Rhetorik von Ver\u00e4nderung waren jedes Mal gro\u00df, die Konsequenzen f\u00fcr die Konzerne dagegen gering.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Erst im Zuge der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/pandemie-und-tierindustrie\/\">Corona-Pandemie<\/a> und der Infektionsskandale bei <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/schweinesystem-a-la-toennies\/\">T\u00f6nnies<\/a>, PHW und Co. im Jahr 2020 wurden die ausbeuterischen Verh\u00e4ltnisse, denen vor allem migrantische Arbeiter*innen ausgesetzt sind, \u00f6ffentlich breiter und wirksamer kritisiert. Dass daraufhin tats\u00e4chlich das Werkvertragssystem gesetzlich verboten wurde, war ein erster wichtiger Schritt f\u00fcr die Rechte und Arbeitsk\u00e4mpfe vieler Lohnabh\u00e4ngiger. Zwei Jahre sp\u00e4ter l\u00e4sst sich jedoch eine ern\u00fcchternde Bilanz ziehen: Die Situation, vor allem von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/hat-sich-wirklich-was-veraendert-bei-toennies-co\/\">migrantischen Arbeiter*innen<\/a>, hat sich kaum verbessert. Die Konzerne haben kreative Wege gefunden, um die gesetzlichen Regelungen maximal auszuh\u00f6hlen und ihr Ausbeutungssystem aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Abgesehen von diesen Skandalen und den damit einhergehenden kurzfristigen Aufmerksamkeitsepisoden schafft es die Tierindustrie die meiste Zeit, ungest\u00f6rt ihr Gesch\u00e4ftsmodell auszuweiten. Dabei basiert dieses Modell, neben der massiven Ausbeutung von Arbeiter*innen hierzulande, auf der Zerst\u00f6rung von \u00d6kosystemen und der Ausbeutung von Menschen im Globalen S\u00fcden, und es verursacht massives Tierleid. Au\u00dferdem hat die Tierindustrie die Entstehung von Zoonosen und extrem hohe Treibhausgasemissionen zu verantworten. Eine ernst gemeinte Wende kann daher nur in den Ausstieg aus der Tierindustrie f\u00fchren; das ist eine zentrale Botschaft dieses Beitrags.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Klimakiller Tierindustrie<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Wir brauchen den Ausstieg aus der Tierindustrie, weil deren Gesch\u00e4ftsmodell untrennbar mit der Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung von Menschen, Tieren und Umwelt verbunden ist und massive Ungerechtigkeiten verursacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Dies zeigt sich sehr drastisch in Bezug auf die Klimakrise und die Zerst\u00f6rung von \u00d6kosystemen: Die Tierproduktion beansprucht f\u00fcr Tierhaltung und Futtermittelanbau etwa vier F\u00fcnftel der global genutzten landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen ((1)). Damit wird die Abholzung von Regenw\u00e4ldern, die Zerst\u00f6rung von Mooren und S\u00fcmpfen vorangetrieben, die \u00f6kologisch von enormer Wichtigkeit f\u00fcr die Bindung von Treibhausgasen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Insgesamt ist die Tierproduktion verantwortlich f\u00fcr circa ein F\u00fcnftel der weltweiten Emissionen (2a, 2b), deren Folgen in der Klimakrise schon jetzt sp\u00fcrbar sind. In Europa gehen \u00fcber 80 % der Emissionen aus der Ern\u00e4hrung auf den Konsum von Fleisch, Milch und Eiern zur\u00fcck ((3)). Eine drastische Reduktion der Tierhaltung ist daher l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig und angesichts des drohenden Klimakollapses unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">M\u00f6rderischer Futtermittelanbau in Brasilien<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Tierhaltung ist auch deswegen ein so gro\u00dfes Problem f\u00fcr die Umwelt und die soziale Gerechtigkeit, weil sie so viel Trinkwasser und Futtermittel verbraucht. Um die Futtermittel zu erzeugen, werden im Globalen S\u00fcden W\u00e4lder gerodet und Menschen von ihrem Land vertrieben. Immer gr\u00f6\u00dfere Regenwaldfl\u00e4chen, wertvolle \u00d6kosysteme und Lebensr\u00e4ume m\u00fcssen insbesondere dem monokulturellen Anbau von Soja-Futtermitteln und Weidefl\u00e4chen f\u00fcr Rinder weichen ((4)).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Nicht nur f\u00fcr die Umwelt und Wildtiere, auch f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in den betroffenen Regionen hat das bittere Folgen: In Mato Grosso do Sul (Brasilien), das seinen Namen \u201eGr\u00fcne W\u00fcste\u201c dem intensiven Sojaanbau verdankt, k\u00e4mpfen Indigene und Kleinb\u00e4uer*innen schon seit Jahren um ihr illegal geraubtes Land, das zunehmend in Sojaplantagen umgewandelt und durch massiven Pestizideinsatz vergiftet wird. So bev\u00f6lkert beispielsweise die gr\u00f6\u00dfte indigene Gemeinschaft der Guarani-Kaiow\u00e1 nur noch knapp 1 % ihres urspr\u00fcnglichen Gebiets in der Region. Auch die Zahl der gewaltsamen und t\u00f6dlichen \u00dcbergriffe gegen Indigene nimmt mit der Ausweitung des Sojaanbaus j\u00e4hrlich zu. 2018 wurden mindestens 38 Menschen allein in dieser Region aufgrund von Landkonflikten ermordet ((5)).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die EU als zweitgr\u00f6\u00dfter Importeur von Soja weltweit, und damit allen voran die deutsche Tierindustrie, hat dies mit zu verantworten. Von den etwa 13 Millionen Tonnen Soja allein aus Brasilien landen knapp 90 % in den Futtertr\u00f6gen von K\u00fchen, Schweinen, H\u00fchnern und Puten ((6)).<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Ausbeutung hat System<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Und auch hierzulande sind zahlreiche Menschen von der Ausdehnung der Tierindustrie betroffen. Viele migrantische Arbeiter*innen sehen sich aufgrund prek\u00e4rer Lebensverh\u00e4ltnisse in ihren Herkunftsl\u00e4ndern gezwungen, unter schlimmsten Bedingungen in deutschen Schlachth\u00f6fen, Mastanlagen oder Fleischzerlegebetrieben zu arbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Diese Ausbeutungspraktiken machen eine Produktion bei niedrigsten Kosten m\u00f6glich, was wiederum andernorts lokale M\u00e4rkte und Arbeitspl\u00e4tze zerst\u00f6rt. So verteuert die Tierindustrie Grundnahrungsmittel und Zugang zu Land und tr\u00e4gt dazu bei, dass in einer Welt, in der eigentlich genug Nahrungsmittel f\u00fcr alle vorhanden sind, jeder zehnte Mensch an Hunger leidet (7a).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Hinzu kommt, dass immer weniger Konzerne immer gr\u00f6\u00dfere Teile des Marktes beherrschen und damit den Preisdruck auf kleinere landwirtschaftliche Betriebe erh\u00f6hen. Die Folge ist das seit Jahrzehnten zu beobachtende \u201eH\u00f6festerben\u201c. Viele Landwirt*innen k\u00f6nnen bei der Produktionsgeschwindigkeit und Kosten-Nutzen-Optimierung nicht mehr mithalten und stehen vor Existenzkrisen. F\u00fcr sie gibt es weder Entsch\u00e4digungen, noch werden Alternativen angeboten, denn wer in diesem Wettlauf nicht mehr mithalten kann, tr\u00e4gt vermeintlich selbst die Schuld.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Profitmaximierung durch Tierleid<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Tierproduktion konzentriert sich also zunehmend in gro\u00dfen Betrieben, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/stoppt-das-leid-der-schweine\/\">Mastanlagen und Schlachth\u00f6fen<\/a>. K\u00fche, Schweine, H\u00fchner oder Puten sind in diesem durchrationalisierten und hochtechnisierten Prozess von Zucht, Mast und T\u00f6tung nichts weiter als blo\u00dfe Produkte, die am Ende der Produktionskette zerst\u00fcckelt und abgepackt in den Supermarktregalen liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Systemgem\u00e4\u00df werden ihre Bed\u00fcrfnisse zugunsten steigender Kosten-Nutzen-Optimierung immer weiter zur\u00fcckgedr\u00e4ngt \u2013 ungeachtet aller \u201eTierwohl\u201c-Ma\u00dfnahmen. Schweine, die im Boden w\u00fchlen, sich suhlen wollen und sehr neugierig sind, verbringen ihr ganzes Leben auf wenigen Quadratmetern vollgekotetem Spaltenboden, wobei noch 13 Millionen pro Jahr schon w\u00e4hrend der Mast verenden und als \u201eM\u00fcll\u201c in der Kadavertonne landen (7b). Zahlreiche Undercover-Recherchen belegen immer wieder aufs Neue, dass eine Achtung tierlicher Bed\u00fcrfnisse innerhalb dieses Systems schlichtweg nicht vorgesehen ist und dessen profitorientierten Prinzipien ganz grundlegend widerspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Sind diese gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nde nicht bereits mehr als gravierend, so verhei\u00dft auch der Blick in die Zukunft, sollte sich die Tierindustrie wie bisher fortentwickeln, nichts Gutes: Immer mehr kleinere landwirtschaftliche Betriebe werden schlie\u00dfen m\u00fcssen und in gr\u00f6\u00dfere Marktanteile der Konzerne \u00fcbergehen. Allein die globale Fleischproduktion wird bis zum Jahr 2029 auf mehr als 360 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr wachsen ((8)). Auch die gef\u00e4hrlichen Arbeitsprozesse in der Tierindustrie, die gesundheitlichen Folgen von psychischem und physischem Stress f\u00fcr die Arbeitenden werden weiter fortgeschrieben. Bis 2030 werden nach aktuellem Trend au\u00dferdem \u00fcber 55 % des Regenwaldes im Amazonasgebiet zerst\u00f6rt sein, und die akuten Landkonflikte werden sich weiter zuspitzen ((9)). Insgesamt w\u00e4ren die Folgen f\u00fcr Klima, Menschen und Tiere verheerend, da bereits jetzt die \u00f6kologischen und klimatischen Grenzen dieses Planeten \u00fcberschritten sind und erhebliche Auswirkungen auf die Lebensr\u00e4ume vieler Menschen und Tiere sichtbar sind.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Eine andere Landwirtschaft ist m\u00f6glich<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Angesichts dieses zerst\u00f6rerischen Systems und der akuten Verteidigungsk\u00e4mpfe gegen die Konzerne kann leicht aus dem Blickfeld geraten, dass ein ganz anderes Landwirtschafts- und Ern\u00e4hrungssystem m\u00f6glich ist. Eines, in dem die Produktion nicht an Profiten ausgerichtet ist, sondern vielmehr an Bed\u00fcrfnissen: an den Bed\u00fcrfnissen der B\u00e4uer*innen, der Arbeiter*innen wie auch der Konsument*innen. Ein System, in dem nicht einige wenige \u00fcber die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln entscheiden, sondern dies kollektiv geschieht. Ein System, in dem die Umwelt nicht als endlose Ressource, sondern als zu sch\u00fctzende Lebensgrundlage verstanden wird; und in dem Tiere nicht als Waren ausgebeutet, sondern als f\u00fchlende Individuen geachtet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Ein solches Landwirtschafts- und Ern\u00e4hrungssystem scheint derzeit leider in weiter Ferne zu liegen. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Utopie fest im Blick haben, um im Nebel der erm\u00fcdenden Realpolitik nicht die zielf\u00fchrende Richtung zu verlieren.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Macht der Konzerne und das romantisierte Bild der Tierhaltung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Dass die aktuellen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse weiterhin deutlich zugunsten der Tierindustrie ausschlagen und ihr realpolitisch, wenn \u00fcberhaupt, lediglich \u00fcberschaubare Zugest\u00e4ndnisse abgerungen werden, liegt ma\u00dfgeblich an der Macht der Tierindustrie: an ihren \u00f6konomischen Ressourcen, auf die es angesichts der allgegenw\u00e4rtigen Wirkmacht des Kapitalismus so sehr ankommt, wie auch an ihren Beziehungen in die Parlamente, Regierungen und Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Tierwirtschaft ((10)) nimmt in der Landwirtschaft hierzulande eine dominierende Rolle ein: Etwa 65 % der Verkaufserl\u00f6se der Landwirtschaft entfallen auf tierische Erzeugnisse \u2013 2019 waren das gut 28,4 Milliarden Euro ((11)). Dabei ist in der Tierwirtschaft wiederum ein gro\u00dfer Teil der Macht auf einige wenige Player konzentriert: In der Schweinebranche entfallen auf die vier gr\u00f6\u00dften Unternehmen T\u00f6nnies, Westfleisch, Vion und Danish Crown 64 % aller Schlachtungen, auf die zehn gr\u00f6\u00dften 80 %; bei den Rinderschlachtungen sind es 56 % bei den vier Branchenriesen Vion, T\u00f6nnies, Westfleisch und M\u00fcller beziehungsweise 79 % bei den zehn gr\u00f6\u00dften; bei Gefl\u00fcgelschlachtungen sind es 75 % bei den vier dominierenden Konzernen ((12)).<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"left\"><em><strong>Der drohende <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/graswurzelbewegung-gegen-die-klimakatastrophe\/\">Klimakollaps<\/a>, die fortschreitende Zerst\u00f6rung von Lebensr\u00e4umen und die ma\u00dflose Ausbeutung von Menschen und Tieren dr\u00e4ngen auf radikalere L\u00f6sungen und eine gemeinsame Sto\u00dfrichtung gegen die Tierindustrie<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Und der Staat setzt alles daran, dass die Tierwirtschaft auf Kurs bleibt: So zeigt eine Studie, die das B\u00fcndnis Gemeinsam gegen die Tierindustrie im M\u00e4rz 2021 ver\u00f6ffentlicht hat, dass j\u00e4hrlich \u00f6ffentliche Gelder in H\u00f6he von \u00fcber 13 Milliarden Euro in die Tierwirtschaft flie\u00dfen ((13)). Mit Investitionen in Stallbauten und anderen Subventionen zementiert der Staat damit das von der Tierwirtschaft dominierte Landwirtschaftssystem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Gleichzeitig st\u00f6\u00dft eine Abschaffung der Tierindustrie noch nicht auf breite Zustimmung in der Gesellschaft. Auch wenn eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen in Umfragen immer wieder mitteilt ((14)), mit der gegenw\u00e4rtigen Ausbeutung von Tieren nicht einverstanden zu sein, dulden es die meisten doch sehenden Auges. Der Anteil der Menschen, die den Konsum von Tierprodukten in der Praxis beenden, ist sehr \u00fcberschaubar ((15)). Auch wenn viele Menschen um die enormen Klima- und Umweltsch\u00e4den wissen, so schl\u00e4gt es sich nur in langsam abnehmendem Konsum von Tierprodukten nieder (und gleichzeitig zu diesem Trend h\u00e4lt das Wachstum des Exports von Tierprodukten weiterhin an). Viele Menschen kultivieren trotz aller Intensivierung und Globalisierung weiterhin ein sehr romantisiertes Bild der Tierhaltung.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Vers\u00e4umnisse der Linken<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Dass die Tierindustrie weiterhin so selbstbewusst agieren kann, liegt freilich an der gegenw\u00e4rtigen konzernfreundlichen und <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/ende-des-neoliberalismus\/\">neoliberalen Politik<\/a>. Aber auch die Linke hat daran ihren Anteil: Sie hat derzeit keine Konzepte, um dem etwas entgegenzusetzen. Schlagkr\u00e4ftige B\u00fcndnisse, die die Tierindustrie entmachten k\u00f6nnten, fehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Viele Akteur*innen konzentrieren sich auf ihre jeweiligen Teilbereichsk\u00e4mpfe. Bei Tierschutzorganisationen etwa scheint die L\u00f6sung f\u00fcr die meisten erdenklichen Probleme in Tierwohl-Ma\u00dfnahmen zu liegen, und auch radikalere Tierrechtsgruppen haben selten ein Programm, das \u00fcber die Forderung nach der Schlie\u00dfung aller Schlachth\u00e4user und einer bio-veganen Ern\u00e4hrung aller hinausgeht. Gewerkschaften und Arbeitsrechtsinitiativen wiederum bleiben regelm\u00e4\u00dfig bei Forderungen stehen, die f\u00fcr sich genommen an den Auswirkungen der Tierindustrie auf Tiere und die Umwelt wenig bis nichts \u00e4ndern w\u00fcrden, etwa die Erh\u00f6hung der L\u00f6hne oder die Wiedereinrichtung von kommunalen und regionalen Schlachth\u00f6fen. Bei Landwirtschaftsverb\u00e4nden hingegen fehlt h\u00e4ufig eine Kritik an der Profitorientierung des Agrarsystems. Anstelle expliziter Forderungen nach einer Reduktion der Tierbest\u00e4nde finden sich vor allem Forderungen nach Erhalt der kleinb\u00e4uerlichen Tierhaltung \u2013 als ob das automatisch zu einem Abbau der Tierbest\u00e4nde f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Weil die Tierindustrie so vielschichtige und sich gegenseitig verst\u00e4rkende Probleme und Ungerechtigkeiten verursacht, reichen einseitige Forderungen nicht aus. Weder w\u00fcrde ein massenhafter Umbau von St\u00e4llen f\u00fcr mehr \u201eTierwohl\u201c die Abholzung der Regenw\u00e4lder f\u00fcr Futtermittel stoppen. Noch w\u00fcrde eine Regionalisierung von Schlachth\u00f6fen zu weniger Tierleid f\u00fchren. Ebenso wenig lassen sich die Klimafolgen der Tierindustrie verringern, indem der Ausbeutung von Arbeiter*innen ein Riegel vorgeschoben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Stattdessen dr\u00e4ngt sich die Frage auf, ob blo\u00dfe Reformen desselben Systems nicht lediglich Symptombehandlungen darstellen. Solange Menschen, Tiere und Umwelt dem Zweck der Profitmaximierung untergeordnet werden und sich diese systematische Ausbeutung lohnt, werden T\u00f6nnies, PHW und Co. immer neue Wege finden, die bestehenden Ausbeutungs- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Ausstieg aus der Tierindustrie \u2013 aber wie?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der drohende <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/graswurzelbewegung-gegen-die-klimakatastrophe\/\">Klimakollaps<\/a>, die fortschreitende Zerst\u00f6rung von Lebensr\u00e4umen und die ma\u00dflose Ausbeutung von Menschen und Tieren dr\u00e4ngen auf radikalere L\u00f6sungen und eine gemeinsame Sto\u00dfrichtung gegen die Tierindustrie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Wenn wir es ernst meinen mit dem Anspruch, das System T\u00f6nnies und Co. zu beenden, braucht es einen grundlegenden Systemwandel \u2013 eine umfassende Agrar- und Ern\u00e4hrungswende. Und das bedeutet: die drastische Reduktion der Tierbest\u00e4nde und den Ausbau solidarisch betriebenen \u00f6kologischen Pflanzenbaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Aber um wie viel m\u00fcssen wir die Tierbest\u00e4nde reduzieren, um den genannten Problemen gerecht zu werden, und wie schnell kann das gelingen, wenn es sozial gerecht stattfinden soll? Wir sind \u00fcberzeugt: Ein Abbau von mindestens 80 % der aktuellen Best\u00e4nde bis 2030 kann auf sozial gerechte Weise erreicht werden. Das entspricht einem Abbau von etwa 10 % pro Jahr. Um das umzusetzen, braucht es eine Reihe von Sofortma\u00dfnahmen: Erweiterungen und Neubauten von St\u00e4llen m\u00fcssen sofort verboten und Futtermittelimporte gestoppt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Anstatt diese enormen Tierbest\u00e4nde weiterhin mit Milliarden zu st\u00fctzen, m\u00fcssen Gelder f\u00fcr Ausstiegsprogramme f\u00fcr Tierhalter*innen und Arbeiter*innen sowie f\u00fcr F\u00f6rderprogramme f\u00fcr den \u00f6kologischen Anbau von Getreide, Gem\u00fcse, Obst, H\u00fclsenfr\u00fcchten und N\u00fcssen bereitgestellt werden. Auch m\u00fcssen die Gro\u00dfkonzerne vergesellschaftet werden. Das Verm\u00f6gen, das T\u00f6nnies, PHW und die anderen Profiteur*innen des Systems \u00fcber Jahrzehnte angeh\u00e4uft haben, kann umfassende solidarische Transformationsprogramme f\u00fcr stark von der Tierindustrie dominierte Regionen finanzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">F\u00fcr die bestehenden Anlagen und Betriebe braucht es Konversionspl\u00e4ne. Ebenso ist eine umfassende Bodenreform n\u00f6tig, sodass die Landfl\u00e4chen, die bisher f\u00fcr die Tierindustrie genutzt werden, f\u00fcr sozial gerechte und \u00f6kologische Anbauprojekte verf\u00fcgbar gemacht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der Ausstieg aus der Tierindustrie erfordert f\u00fcr seine effektive Umsetzung, dass sich zugleich die Konsummuster drastisch ver\u00e4ndern: Um den Konsum von Tierprodukten zu minimieren und gleichzeitig mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen, sind gesellschaftliche Entscheidungsr\u00e4ume jenseits der individuellen Geldbeutel n\u00f6tig. Gute Lebensmittel sind ein Grundbed\u00fcrfnis und sollten von demokratisch kontrollierten Betrieben anstelle von profitorientierten Konzernen produziert werden \u2013 es braucht also eine sukzessive Demokratisierung und Entkommerzialisierung der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-eroberung-des-brotes\/\">Nahrungsmittelverteilung<\/a>.. Das Angebot \u00f6ffentlicher Einrichtungen muss partizipativ, das hei\u00dft unter Einbeziehung ihrer Nutzer*innen, umgestaltet werden. Gleichzeitig sind umfassende Bildungskampagnen insbesondere \u00fcber die Folgen der Tierindustrie n\u00f6tig; Ma\u00dfnahmen, die der Agrar- und Ern\u00e4hrungswende entgegenlaufen, wie Werbekampagnen f\u00fcr Tierprodukte, m\u00fcssen eingestellt werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Gemeinsam aus der Defensive: Schulterschluss gegen die Tierindustrie<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Klar ist: Die n\u00f6tigen Ver\u00e4nderungen k\u00f6nnen nicht alleine durch eine ver\u00e4nderte Agrarpolitik im gegenw\u00e4rtigen kapitalistischen System erreicht werden. Vielmehr sind die aufgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen zu verstehen als Einstieg in eine sozial gerechte und \u00f6kologische Agrar- und Ern\u00e4hrungswende, die Teil eines umfassenden Systemwandels hin zu einer solidarischen und \u00f6kologischen Produktions- und Organisationsweise ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Um diesen Einstieg zu schaffen, ist es dringend an der Zeit, aus der Defensive zu kommen. Dass wir hierbei mit \u201esingle-issue\u201c-Ans\u00e4tzen und punktuellen Forderungen nicht weit kommen, d\u00fcrften die Entwicklungen und R\u00fcckschl\u00e4ge der letzten Jahre gezeigt haben. Stattdessen braucht es mehr Willen zwischen den Bewegungen, die sich gegen die Tierindustrie einsetzen, aufeinander zuzugehen und Vorbehalte zu \u00fcberwinden. Es m\u00fcssen Forderungen, die eine gemeinsame Richtung aufzeigen, und schlagkr\u00e4ftige B\u00fcndnisse entwickelt werden, die den Druck auf Politik und Konzerne erh\u00f6hen k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_28584\" aria-describedby=\"caption-attachment-28584\" style=\"width: 360px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-28584\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Schlachten.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Schlachten.jpg 360w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Schlachten-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Schlachten-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Schlachten-113x150.jpg 113w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28584\" class=\"wp-caption-text\">Makabere Kunst-Installation, GogBot-Festival Enschede &#8211; Foto: Horst Blume<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">In den letzten Jahren gab es bereits vielversprechende Ans\u00e4tze in diese Richtung: Anl\u00e4sslich der Corona-Skandale in den Fleischbetrieben 2020 kam es zu Solidarit\u00e4tsbekundungen mit den Arbeiter*innen aus unterschiedlichsten linken Kreisen sowie Demonstrationen mit gemeinsamen Forderungen von Tierrechts-, Arbeitsrechts- und Klimabewegten ((16)). Au\u00dferdem gibt es bereits Ans\u00e4tze, die Kr\u00e4fte gegen die Tierindustrie langfristiger zu b\u00fcndeln, wie z. B. im bewegungs\u00fcbergreifenden B\u00fcndnis Gemeinsam gegen die Tierindustrie ((17)); 2021 organisierte das B\u00fcndnis ein Camp im Oldenburger M\u00fcnsterland, dem Hotspot der deutschen Tierindustrie, zum Austausch, zur Vernetzung und zum gemeinsamen Aktivwerden. Solche kurzfristigen oder langfristigen Zusammenschl\u00fcsse k\u00f6nnen vom \u201eKnow-how\u201c der verschiedenen Bewegungen profitieren und eine breitere gesellschaftliche Basis f\u00fcr die Forderungen schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Wir m\u00fcssen uns jetzt dagegen einsetzen, dass die Tierindustrie weiter stabilisiert und verstetigt wird. Es gibt zahlreiche Angriffsfl\u00e4chen: Der Strukturwandel auf Kosten der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/wie-die-landwirtschaft-das-werden-des-menschen-beeinflusste\/\">Kleinb\u00e4uer*innen<\/a>, die Schweine- und Gefl\u00fcgelpest, die Arbeitsk\u00e4mpfe und die zunehmende \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung \u00fcber Tierleid und Umweltsch\u00e4den. Es gilt, den Zeitpunkt zu nutzen, um deutlich zu machen: Diese Probleme sind systematisch, sie geh\u00f6ren zusammen, daher brauchen wir keine punktuellen Reformen, sondern den Ausstieg aus der Tierindustrie. Und zwar jetzt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten 20 Jahren hat die Tierindustrie mit zahlreichen Skandalen Schlagzeilen gemacht: Angefangen bei Tierseuchen wie BSE oder Schweinepest \u00fcber Antibiotika- und Lebensmittelskandale bis hin zu unz\u00e4hligen massiven Verst\u00f6\u00dfen gegen ohnehin unzureichende Umwelt- und Tierschutzstandards. Die \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung und die politische Rhetorik von Ver\u00e4nderung waren jedes Mal gro\u00df, die Konsequenzen f\u00fcr die Konzerne dagegen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/die-ausbeutung-von-mensch-tier-und-natur-beenden\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":28582,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur beenden - graswurzelrevolution","description":"In den letzten 20 Jahren hat die Tierindustrie mit zahlreichen Skandalen Schlagzeilen gemacht: Angefangen bei Tierseuchen wie BSE oder Schweinepest \u00fcber Antibio"},"footnotes":""},"categories":[1718,1139,1029],"tags":[1208],"class_list":["post-28465","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-471-september-2022","category-das-schlachten-beenden","category-prima-klima","tag-tierindustrie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28465","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28465"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28465\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28582"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28465"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28465"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28465"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}