{"id":28466,"date":"2022-08-31T15:25:54","date_gmt":"2022-08-31T13:25:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/40-jahre-zeitschrift-silence-oekologie-alternativen-gewaltfreiheit\/"},"modified":"2022-09-03T19:23:07","modified_gmt":"2022-09-03T17:23:07","slug":"40-jahre-zeitschrift-silence-oekologie-alternativen-gewaltfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/40-jahre-zeitschrift-silence-oekologie-alternativen-gewaltfreiheit\/","title":{"rendered":"40 Jahre Zeitschrift \u201eSilence\u201c: \u00d6kologie \u2013 Alternativen \u2013 Gewaltfreiheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Guillaume, der Titel der Zeitschrift \u201eSilence: \u00e9cologie \u2013 alternatives \u2013 non-violence\u201c k\u00f6nnte diejenigen deutschsprachigen Aktivist*innen \u00fcberraschen, die eure Geschichte nicht kennen. Angesichts des dramatischen Zustands der \u00d6kologie weltweit w\u00fcrde man eher einen Ausdruck der Wut oder einen Aufschrei als Titel erwarten. Tats\u00e4chlich hie\u00df ja die Zeitschrift, die \u201eSilence\u201c vorausging, \u201eLa Gueule Ouverte\u201c (Aufgerissenes Maul). Kannst du uns \u00fcber diese Namens\u00e4nderung aufkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Guillaume Gamblin: \u201eSilence\u201c wurde 1982 gegr\u00fcndet, zwei Jahre nach Aufl\u00f6sung der Zeitschrift \u201eLa Gueule ouverte\u201c. Der neue Titel ist ein Augenzwinkern auf diese Zeitschrift; er entstammt aber auch einer Idee aus einem <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/lisa-simpson-und-captain-planet-vs-emilia-friends\/\">Comic<\/a> von Didier Com\u00e8s, der damals erschien (dt. Titel: \u201eSilence, der Stumme\u201c, Carlsen Verlag, Reinbek 1982; L. M.).<br \/>\nEs war nicht einfach nur eine Namens\u00e4nderung. Es war ein anderes Medium mit einem anderen Kollektiv und mit einem Gesellschaftsziel, in dem nunmehr die Gewaltfreiheit ihren expliziten Platz finden sollte. Man kann aus dem Titel jedoch auch eine Kritik der gesellschaftlichen Ruhe interpretieren, die damals bei den \u00f6kologischen Fragen herrschte \u2013 und das Bed\u00fcrfnis, davon zu reden, was in den anderen Medien unter dem Deckmantel des Schweigens verblieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kannst du uns bitte zwei entscheidende Ereignisse nennen, die die Geschichte eurer Zeitschrift begleitet und gepr\u00e4gt haben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sagen, dass \u201eSilence\u201c aus dem <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/09\/der-anti-atom-kampf-geht-weiter\/\">Anti-Atomkraft-Kampf<\/a> entstand; das war das einigende Band der Gr\u00fcnder*innen. Die Zeitschrift wurde also im Widerstand gegen das Programm der zivilen und milit\u00e4rischen Nutzung der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/03\/franzosische-anti-atom-bewegung-ruft-zu-aktionen-gegen-castortransporte-auf\/\">Atomkraft in Frankreich<\/a> geboren, und sie schuf Verbindungen zwischen den \u00f6kologischen, energiepolitischen, antirepressionspolitischen und antimilitaristischen Themenbereichen.<br \/>\n\u201eSilence\u201c hat sich \u00fcbrigens in denselben R\u00e4umen getroffen wie die Koordination des Kampfes gegen den Schnellen Br\u00fcter \u201eSuperph\u00e9nix\u201c. Dabei handelte es sich um einen neutronenbetriebenen Reaktor, der in Creys-Malville an der Rh\u00f4ne im Departement Is\u00e8re, zwischen Lyon und Genf, gebaut werden sollte (und 1997 aufgegeben wurde; L. M) \u2013 ein europ\u00e4isches Projekt mit 51 % franz\u00f6sischem, 33 % italienischem und 16 % deutschem Finanzierungsanteil. In der Folge gab es eine Zusammenarbeit mit dem Netzwerk \u201eSortir du nucl\u00e9aire\u201c (dt. Aussteigen aus der Atomenergie; L. M.). Man kann sagen, dass sich diese Widerstandsprojekte zusammen entwickelt haben.<br \/>\nEin anderes Schl\u00fcsselereignis war das Aufkommen der Vision einer \u201ed\u00e9croissance\u201c, also der gesellschaftlichen Zielvorstellung eines \u201edegrowth\u201c oder des Postwachstums. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat \u201eSilence\u201c dieses Thema geradezu propagiert und \u00fcber ein Buch und zahlreiche weitere Publikationen in die breitere \u00f6ffentliche Diskussion eingebracht; aber die ersten Artikel in \u201eSilence\u201c dazu stammen bereits aus dem Jahr 1993. Die Analysen basierten auf einer radikalen Kritik des Konzepts der \u201eEntwicklung\u201c und ihrer vielen Formen, die alle die \u00d6kologie mit dem Kapitalismus vers\u00f6hnen wollten, wie es noch heute bei der so genannten nachhaltigen Entwicklung der Fall ist. Das Konzept des Postwachstums ist bei uns verkn\u00fcpft mit einer technikkritischen Perspektive, die etwa auch Aktionen gegen Werbung und Werbeplakate usw. beinhaltet.<br \/>\nNeben dem Postwachstum und der Kritik des Entwicklungsbegriffs kann man auch weitere wichtige ideelle Quellen von \u201eSilence\u201c nennen, etwa die soziale \u00d6kologie, die seit 1984 mit dem Denken von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/zwischen-sozialoekologie-und-libertaerem-kommunalismus\/\">Murray Bookchin<\/a> verbunden wurde, oder den \u00d6kofeminismus, der ab 1997 oft auf den Titelseiten von \u201eSilence\u201c thematisiert worden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In den 40 Jahren gab es sicherlich nicht wenige Ver\u00e4nderungen auf redaktioneller, technischer und organisatorischer Ebene. Kannst du uns einige dieser Ver\u00e4nderungen beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfangs hatte die Zeitschrift eine nur regionale Verbreitung, rund um Lyon, und sie erschien vierzehnt\u00e4gig. Sie wurde komplett in freiwilliger Arbeit hergestellt. Computer existierten noch nicht; die ganze Ausgabe wurde von Freiwilligen auf der Schreibmaschine getippt, oft nachts, weil die R\u00e4ume tags\u00fcber von Initiativen benutzt wurden.<br \/>\nDer erste Computer tauchte 1986 auf, im selben Jahr, als sich die Zeitschrift frankreichweit ausdehnte und ein erster bezahlter Redakteur eingestellt wurde. Als eingetragener Verein lebte sie jedoch weiterhin gr\u00f6\u00dftenteils von der Arbeit Freiwilliger und dem, was sie schrieben.<br \/>\nSeit dem Jahr 2002 gibt es jedes Jahr ein Treffen der \u201eFreund*innen von \u201aSilence\u2018\u201c an wechselnden Orten, um mit Formen des \u00f6kologischen und selbstverwalteten Lebens zu experimentieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie sieht die Struktur der Zeitschrift heute aus? Wie hoch ist heute eure Auflage, und wie funktioniert der Vertrieb? Habt ihr Austausch auf internationaler Ebene?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute hat die Zeitung vier Teilzeitarbeiter*innen, die alle gleich viel verdienen. Die Zeitschrift lebt ohne Werbeanzeigen und vermeidet Subventionen, so weit es nur geht. Der \u2013 knappe \u2013 Finanzhaushalt basiert auf den Abonnements. Wir hatten einen H\u00f6hepunkt mit 5.000 Abos im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts; heute haben wir ein wenig mehr als 3.000 Abonnent*innen. Wir vertreiben die Zeitschrift au\u00dferdem in 180 L\u00e4den und \u00fcber Infost\u00e4nde bei Bewegungsevents. Wir produzieren auch B\u00fccher und Plakate zum Konzept des Postwachstums, zu Gewaltfreiheit, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/03\/feminismus-heute\/\">Feminismus<\/a> u. a. Die B\u00fccher verlegen wir in Zusammenarbeit mit rund zehn Verlagen, darunter auch dem Verlag \u201e\u00c9cosoci\u00e9t\u00e9\u201c in Qu\u00e9bec. Eine zweistellige Anzahl von Freiwilligen k\u00fcmmert sich jeden Monat um die Versendung der Zeitschrift an die Abonnent*innen, f\u00fchrt die Infost\u00e4nde durch, schreibt Artikel und Buchbesprechungen, liest Korrektur, organisiert Veranstaltungen etc.<br \/>\n\u201eSilence\u201c hat enge Verbindungen zu rund einhundert Medien, darunter einigen im Ausland, etwa der \u201eGraswurzelrevolution\u201c in der BRD oder \u201eMoins!\u201c (dt. Weniger!; L. M.) in der Schweiz, sowie mit aktivistischen Netzwerken in Belgien und anderswo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Unsere deutschsprachige Zeitschrift, die \u201eGraswurzelrevolution\u201c, ist sowohl in der anarchistischen als auch in der gewaltfreien Bewegung verwurzelt. Wie sieht es bei der Zeitschrift \u201eSilence\u201c mit dem Raum f\u00fcr anarchistische Ideen aus? Seid ihr auch Gegner*innen der so genannten \u00f6kologischen Parteien wie der EELV (franz\u00f6sische Gr\u00fcne; Europe-\u00c9cologies-Les-Verts)? Hat sich eure Beziehung zu den Parteien im Laufe der Jahre ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrere Gr\u00fcnder*innen der Zeitschrift waren fr\u00fcher in einer \u00f6koanarchistischen Student*innenzeitung, die hie\u00df \u201ePoing Noir\u201c (dt. Schwarze Faust; L. M.). \u201eSilence\u201c tritt \u00f6ffentlich nicht als explizit anarchistisch auf, aber ich denke, dass es in ihr seit ihren Anf\u00e4ngen einen libert\u00e4ren Geist gibt. Trotzdem steht die Zeitschrift f\u00fcr eine politische \u00d6ffnung, die den Bereich des Anarchismus \u00fcberschreitet. Mitglieder des Vereins haben sich auch in der Partei der Gr\u00fcnen engagiert. Madeleine Nutchey, die von 1997 bis 2006 Verlagsleiterin war, war Mitglied der Gr\u00fcnen. Diese Verbindung zur Partei der Gr\u00fcnen wurde innerhalb der Zeitschrift in zahlreichen Debatten thematisiert. Heute ist niemand mehr Parteimitglied, aufgrund der Ablehnung der dort vorherrschenden Professionalisierung und aufgrund der Fehlentwicklungen, die aus den Kompromissen mit den anderen Parteien herr\u00fchrten.<br \/>\nEs gibt keine Ablehnung der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/06\/anarchistischer-antiparlamentarismus-und-transformation-der-demokratie\/\">repr\u00e4sentativen Demokratie<\/a>, aber sie ist f\u00fcr \u201eSilence\u201c, so m\u00f6chte ich es ausdr\u00fccken, nur ein sehr kleiner Bestandteil der Politik. Im Rahmen der Wahlen interessieren wir uns vor allem f\u00fcr demokratische Experimente mit rotierenden Mandaten oder auch B\u00fcrger*innenlisten. Wir stellen aber auch alle anderen Formen, Politik von unten zu machen, in den Vordergrund. Im Rahmen unseres Vereins versuchen wir, in einem st\u00e4ndigen Prozess von Versuch und Irrtum, Praxen der Selbstverwaltung zu verwirklichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aktuelle \u00f6kologisch-politische Lage in Frankreich ist manchmal schwer ertr\u00e4glich, mit seiner starken Atomindustrie, seinen 56 AKWs, den Atomwaffen der \u201eForce de frappe\u201c, den Interventionen der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/02\/frankreichs-militar-mordet-in-mali\/\">franz\u00f6sischen Armee<\/a> in mehreren L\u00e4ndern Afrikas und dem Willen von Pr\u00e4sident Emmanuel Macron, die Atomenergie auch noch zur gr\u00fcnen Energie \u2013 selbst auf europ\u00e4ischer Ebene \u2013 zu erkl\u00e4ren. Au\u00dferdem gibt es eine starke Gegner*innenschaft in der \u00d6ffentlichkeit gegen alternative Energiequellen wie etwa Windr\u00e4der.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie sch\u00e4tzt du die aktuellen Perspektiven f\u00fcr den \u00f6kologischen Kampf in Frankreich ein? Auf welche Erfolge in der Geschichte \u00f6kologischer K\u00e4mpfe k\u00f6nnt ihr zur\u00fcckblicken?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der aktuelle Zustand des Planeten und der Gesellschaft kann uns in der Tat leicht verzweifeln lassen. Wir haben den Eindruck, uns gegen eine Dampfwalze zu stemmen. Aber in Wirklichkeit ist jeder autonome Freiraum, jede gerettete Tierart, jedes blockierte unn\u00fctze Gro\u00dfprojekt ein Sieg.<br \/>\nSinn und Zweck von \u201eSilence\u201c ist es vor allem, die engagierten Aktivist*innen in den verschiedenen Bereichen der \u00d6kologie, der Gewaltfreiheit, des Feminismus und der sozialen Gerechtigkeit miteinander zu vernetzen, um einander kennenzulernen, Br\u00fccken zu bauen und zusammen voranzukommen. Wir loten die alternativen M\u00f6glichkeiten in den p\u00e4dagogischen, wohnungspolitischen, arbeitspolitischen und landwirtschaftlichen Bereichen aus. Und wir stellen dabei fest, dass es eine Unmenge von inspirierenden Initiativen gibt. Es ist die Aufgabe eines Mediums wie \u201eSilence\u201c, diese Alternativen bekanntzumachen und deren K\u00e4mpfe zu verkn\u00fcpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Werdet ihr denn das Jubil\u00e4um \u201e40 Jahre Silence\u201c geb\u00fchrend feiern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja. Und f\u00fcr unser 40-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um haben wir uns daf\u00fcr entschieden, die Siege in den \u00f6kologischen K\u00e4mpfen zu feiern. Wir haben rund 200 erfolgreich gef\u00fchrte \u00f6kologische K\u00e4mpfe in den letzten rund sechzig Jahren aufz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Von den bekanntesten wie dem Kampf der Bauern und B\u00e4uerinnen im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/larzac-1971-1981\/\">Larzac<\/a> gegen die Ausweitung eines Truppen\u00fcbungsplatzes oder Notre-Dame-des-Landes gegen einen geplanten Gro\u00dfflughafen \u00fcber die weniger bekannten wie der Aufgabe bestimmter Atomkraftwerke, des Projekts eines Touristikzentrums, das einen Wald zerst\u00f6rt h\u00e4tte, und einer neokolonialen Goldmine in Franz\u00f6sisch-Guyana bis hin zu den K\u00e4mpfen f\u00fcr die Wiederinbetriebnahme regionaler Bahnstrecken.<br \/>\nWir ver\u00f6ffentlichen in unserer Oktober-Ausgabe einen Schwerpunkt zu den Siegen der \u00d6kologie und auch ein gro\u00dfes Wandplakat \u2013 eine Frankreichkarte \u201e50 Siege der \u00d6kologie\u201c. Denn wir wollen zu unserem 40-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte von K\u00e4mpfen daf\u00fcr nutzen, uns besser vorbereitet der Zukunft zuwenden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr deine Antworten. Und wir w\u00fcnschen euch alles Gute f\u00fcr die n\u00e4chsten 40 Jahre!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Guillaume, der Titel der Zeitschrift \u201eSilence: \u00e9cologie \u2013 alternatives \u2013 non-violence\u201c k\u00f6nnte diejenigen deutschsprachigen Aktivist*innen \u00fcberraschen, die eure Geschichte nicht kennen. Angesichts des dramatischen Zustands der \u00d6kologie weltweit w\u00fcrde man eher einen Ausdruck der Wut oder einen Aufschrei als Titel erwarten. 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