{"id":28471,"date":"2022-08-31T15:25:56","date_gmt":"2022-08-31T13:25:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/homosexuelle-vergessene-opfer-des-nationalsozialismus\/"},"modified":"2022-11-07T12:45:58","modified_gmt":"2022-11-07T10:45:58","slug":"homosexuelle-vergessene-opfer-des-nationalsozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/homosexuelle-vergessene-opfer-des-nationalsozialismus\/","title":{"rendered":"Homosexuelle:  Vergessene Opfer  des Nationalsozialismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Dein erstes Buch \u201ePrzemilczane. Seksualna praca przymusowa w czasie II wojny \u015bwiatowej\u201c (dt. \u201eVerschwiegen. Sexuelle Zwangsarbeit w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs\u201c) hast du zum Thema sexuelle Zwangsarbeit ver\u00f6ffentlicht. Dein zweites Buch \u201eOni. Homoseksuali\u015bci w czasie II wojny \u015bwiatowej\u201c (dt. \u201eSie. Homosexuelle w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs\u201c) behandelt homosexuelle bzw. nicht-bin\u00e4re Menschen als Opfer des Nationalsozialismus bzw. w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs. Warum hast du diese Themen gew\u00e4hlt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-28500 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Joanna_Ostrowska_Cover-von-Oni.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Joanna_Ostrowska_Cover-von-Oni.jpg 400w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Joanna_Ostrowska_Cover-von-Oni-300x420.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Joanna_Ostrowska_Cover-von-Oni-214x300.jpg 214w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Joanna_Ostrowska_Cover-von-Oni-107x150.jpg 107w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>Joanna Ostrowska: Mein Forschungsinteresse entspringt dem \u2028Bed\u00fcrfnis, mich gegen den Prozess des Verschweigens bestimmter Ph\u00e4nomene in der polnischen Geschichtsschreibung und im kollektiven Ged\u00e4chtnis aufzulehnen. Als ich 2005 begann, mich mit diesen Themen zu besch\u00e4ftigen, ging es mir vor allem darum, die Geschichte der Opfer sexueller Gewalt in Kriegszeiten aufzuarbeiten.<br \/>\nDas Buch \u201eSie\u201c ist eine der n\u00e4chsten Etappen in einem eher langfristig angelegten Projekt, das Themen im Zusammenhang mit der Geschichte der Nicht-Normativit\u00e4t auf dem Gebiet des heutigen Polen im 20. Jahrhundert rekonstruiert und offenlegt. Das durchzieht alle meine Texte und B\u00fccher wie ein roter Faden. Mit jeder Ver\u00f6ffentlichung bereite ich mich automatisch auf die n\u00e4chste vor. Bei meinen Recherchen \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/08\/wehrmachtsbordelle\/\">Bordelle<\/a>, die es f\u00fcr die Wehrmacht, SS und Polizei, f\u00fcr Zwangsarbeiter und KZ-Gefangene w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs gab, stie\u00df ich auf andere Gruppen vergessener Opfer des Nationalsozialismus. Bei der Suche nach Biografien von nicht-heteronormativen Menschen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs fand ich pers\u00f6nliche Dokumente von Menschen, die zur Zwangssterilisation verurteilt wurden, und so weiter. Ich glaube, wenn man solche Unterlagen findet, kann man sie einfach nicht vergessen.<br \/>\nZugleich sehe ich meine Arbeit von Anfang an im Kontext des LGBTQIA-Aktivismus. Dr. Klaus M\u00fcller vom Salzburg Global LGBT* Forum, den ich zum ersten Mal im Film \u201eParagraph 175\u201c von Rob Epstein und Jeffrey Friedman (2000) sah, machte mir klar, dass Menschen, die queere Geschichte schreiben, vor allem eine p\u00e4dagogische Verantwortung haben. Ich versuche, dem gerecht zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Homosexualit\u00e4t wurde als \u201eunnat\u00fcrlich\u201c betrachtet. Auf welcher Rechtsgrundlage wurden Homosexuelle und nicht-bin\u00e4re Menschen im NS-Staat verfolgt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Deutschen Reich war der \u00a7 175 in Kraft, der 1935 um den \u00a7 175a erweitert und erg\u00e4nzt wurde ((1)). Dies war die Rechtsgrundlage f\u00fcr die Verfolgung von M\u00e4nnern, die als homosexuell galten. Nach Beginn des Krieges fielen \u2013 entgegen der bisherigen Festlegungen \u2013 auch Menschen anderer Nationalit\u00e4ten unter diesen Paragraphen, nicht nur Reichsdeutsche und Volksdeutsche. Und ich spreche nicht nur von mutma\u00dflich intimen Beziehungen zwischen z.\u00a0B. einem Polen und einem Deutschen, sondern auch von Beziehungen zwischen Landsleuten in den eroberten Gebieten. Sowohl im Generalgouvernement ((2)) als auch in den so genannten [in das Deutsche Reich \u2013 Anm. M. K.] eingegliederten Gebieten wurden Personen, die einer intimen Beziehung verd\u00e4chtigt wurden, strafrechtlich verfolgt.<br \/>\nAn ehemaligen Treffpunkten von nicht-heteronormativen Menschen wurden Razzien organisiert, die sich nur gegen diese richteten. Uns liegen Dokumente vor, die best\u00e4tigen, dass solche Aktionen der Kriminalpolizei ein regelm\u00e4\u00dfiger Kontrollmechanismus waren. W\u00e4hrend der Aktionen wurden Menschen unterschiedlicher Nationalit\u00e4t und Geschlechtsidentit\u00e4t festgenommen. Dies widerspricht der These, dass sich die Besatzungsmacht nicht f\u00fcr das Sexualleben der Bev\u00f6lkerung der eroberten L\u00e4nder interessierte, es sei denn, es stellte eine Bedrohung f\u00fcr die deutschen B\u00fcrger:innen dar.<br \/>\nBei den Prozessen im Wartheland ((3)) wurde nicht nur auf die Paragraphen 175 und 175a, sondern auch auf die \u201eVerordnung \u00fcber die Strafrechtspflege gegen Polen und Juden in den eingegliederten Ostgebieten\u201c (RGBl. 1941 I 759 ff) \u2013 Punkte II und III \u2013 Bezug genommen. Die Gerichte im Generalgouvernement verwiesen auf Artikel 207 des polnischen Strafgesetzbuchs ((4)). Das so genannte Makarewicz-Gesetz von 1932 entkriminalisierte sexuelle Beziehungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts, allerdings mit einer Ausnahme: Die \u201egewerbsm\u00e4\u00dfige Unzucht\u201c mit einer Person des gleichen Geschlechts (sowohl bei M\u00e4nnern als auch bei Frauen) wurde weiterhin bestraft. Bei nachgewiesenem Gewinn konnte der:die Angeklagte zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt werden. Gleichzeitig wurde der Begriff \u201eGewinn\u201c sehr weit gefasst \u2013 es konnte sich um eine Geldzahlung handeln, aber auch um einen Theaterbesuch, ein Abendessen oder ein Geschenk. Auf jeden Fall war der Wortlaut von Artikel 207 dem von Paragraph 175a Absatz\u00a04 sehr \u00e4hnlich: \u201eMit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, bei milderen Umst\u00e4nden mit Gef\u00e4ngnis nicht unter drei Monaten wird bestraft: ein Mann, der gewerbsm\u00e4\u00dfig mit M\u00e4nnern Unzucht treibt oder von M\u00e4nnern sich zur Unzucht mi\u00dfbrauchen l\u00e4\u00dft oder sich dazu anbietet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mit welchen Repressionen mussten sie rechnen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten der Protagonist-:innen in meinem Buch wurden mehrmals in Strafanstalten eingewiesen. Einige von ihnen hatten Prozesse aus der Vorkriegszeit hinter sich, was sich stark auf die L\u00e4nge ihrer Strafe ausgewirkt hat. Die so genannten Wiederholungst\u00e4ter wurden unmittelbar nach Beendigung ihrer Haftstrafe im Rahmen der \u201eSicherungsverwahrung\u201c in Konzentrationslager eingewiesen.<br \/>\nDie nach den Paragraphen 175 und 175a verurteilten Polen wurden ebenfalls als \u201eSchutzh\u00e4ftlinge\u201c in die Lager gebracht. Dort erhielten sie einen roten Winkel (politischer H\u00e4ftling) und die Kategorie \u201eSchutzh\u00e4ftling\u201c, genau wie andere Landsleute, die zum Beispiel wegen des Kampfes gegen die Besatzungsmacht inhaftiert waren. Auf dieser Grundlage wurde jahrelang die These vertreten, dass die Nazis nicht-heteronormative Menschen aus den eroberten Gebieten nicht verfolgten, weil schlie\u00dflich nur Menschen deutscher Herkunft im Lager Rosa Winkel ((5)) trugen.<br \/>\n\u00dcbrigens funktioniert der Ausdruck \u201edeutsche Homosexuelle\u201c im \u00f6ffentlichen Diskurs [in Polen \u2013 Anm. M. K.] immer noch, sogar in polnischen Gedenkst\u00e4tten. Es war allerdings nicht so schwierig, Polen zu finden, die aufgrund der Paragraphen verurteilt worden waren. Es gen\u00fcgte zu sehen, dass auf einigen Transportlisten beispielsweise die H\u00e4ftlingskategorie \u201e175 Pole\u201c angegeben war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Warum wurden auch solche brutalen Methoden wie z. B. Sterilisierung angewendet?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u201eGesetz zur Verh\u00fctung erbkranken Nachwuchses\u201c, das so genannte Sterilisationsgesetz, trat in Nazi-Deutschland im Januar 1934 in Kraft. Es bezog sich nicht auf M\u00e4nner, die als homosexuell galten, aber auf seiner Grundlage wurden Menschen herausgegriffen, die angeblich Ballast f\u00fcr eine \u201egesunde\u201c Reichsgesellschaft darstellten \u2013 sie sollten niemals selbst \u00fcber Nachkommen entscheiden. Die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/es-war-wunderbares-material-unter-diesen-gehirnen\/\">Zwangssterilisation<\/a> betraf Menschen, die vom Staat als \u201eerbkrank\u201c eingestuft wurden (angeborene geistige Behinderung, Schizophrenie, manisch-depressive Psychose, erbliche Epilepsie, Chorea Huntington, erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, schwere Missbildungen und schwerer Alkoholismus). Gleich\u2028zeitig bot das Gesetz ein Einfallstor f\u00fcr die Kontrolle aller als \u201easozial\u201c eingestuften Personen. Schritt f\u00fcr Schritt wurden weitere als \u201emarginal\u201c definierte soziale Gruppen katalogisiert und im biopolitischen Sinne kontrolliert.<br \/>\nIm Juni 1935 wurde das Sterilisationsgesetz dahingehend ge\u00e4ndert, dass Personen, die nach \u00a7 175 rechtskr\u00e4ftig verurteilt wurden, zur Zwangssterilisation \u00fcberwiesen werden konnten. Die verurteilte Person musste eine Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung unterschreiben. Auf jeden Fall war die \u201efreiwillige Entscheidung\u201c ein Schl\u00fcsselelement dieser Politik. Von Beginn des Krieges an wurde die Kastration als eine M\u00f6glichkeit dargestellt, einer weiteren Bestrafung zu entgehen \u2013 eine Option f\u00fcr die Entlassung aus einem Konzentrationslager. Im Allgemeinen wurde diese Art der medizinischen \u201eBehandlung\u201c einerseits als Instrument zur Kontrolle \u201eunw\u00fcrdiger\u201c B\u00fcrger:innen und andererseits als Verfahren f\u00fcr so genannte Sexualstraft\u00e4ter, d. h. damals auch f\u00fcr M\u00e4nner, die als homosexuell galten, betrachtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hat der Paragraph 175 die Vorstellungen, den Diskurs und die Mythen bzw. Stereotypen \u00fcber homosexuelle Menschen in Polen verst\u00e4rkt bzw. beeinflusst? Wenn ja, in welcher Weise?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, nat\u00fcrlich. Im polnischen Nachkriegsdiskurs wurde der Paragraph 175 zum Beispiel dazu benutzt, um zu zeigen, wie tolerant Polen gegen\u00fcber nicht-heteronormativen Menschen war und immer noch ist. Das zuvor erw\u00e4hnte Gesetzbuch von Makarewicz war bis Ende der 1960er-Jahre in Kraft, aber niemand schenkte dem Artikel 207 Beachtung. Es war bequemer, die These von der Entkriminalisierung von Homosexualit\u00e4t in Polen zu wiederholen und als Gegenpol auf die deutsche, sp\u00e4ter nationalsozialistische Gesetzgebung zu verweisen, die den Krieg \u00fcberstanden hatte und zun\u00e4chst unver\u00e4ndert in die BRD \u00fcbernommen wurde: Der Paragraph 175a wurde erst am 1. September 1969 gestrichen. ((6))<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Mein Forschungsinteresse entspringt dem Bed\u00fcrfnis, mich gegen den Prozess des Verschweigens bestimmter Ph\u00e4nomene in der polnischen Geschichtsschreibung und im kollektiven Ged\u00e4chtnis aufzulehnen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig beherrschte seit Beginn des 20. Jahrhunderts der Mythos von der \u201edeutschen Krankheit\u201c in Bezug auf Homosexualit\u00e4t die polnische Gesellschaft. Schon in der Zeit der polnischen Teilungen ((7)) schrieb die polnische Presse \u00fcber den \u201eWundbrand des deutschen Organismus\u201c.<br \/>\nDieses Phantasma war auch in der Zwischenkriegszeit pr\u00e4sent und \u00fcberlebte den Krieg. Wir finden es leicht in den Berichten von \u00dcberlebenden der Konzentrationslager, vor allem bei denen polnischer Herkunft. Einer der ehemaligen H\u00e4ftlinge schrieb nach dem Krieg ausdr\u00fccklich: \u201eDas sind keine Belanglosigkeiten, [&#8230;] denn es geht um unsere Zukunft. Wenn diese jungen Menschen, diese Zukunft der polnischen Nation, die nach uns die Last des Wiederaufbaus tragen werden, der noch Jahrzehnte dauern wird, wenn das Menschen mit einem gebrochenen moralischen R\u00fcckgrat sind, dann ist das System schuld, das Berlin den Konzentrationslagern auferlegt hat. Jeder, der seinen Sohn gesehen h\u00e4tte \u2013 einen Jungen, der aus dem Lager zur\u00fcckkehrte, seinen Lebensunterhalt mit seinem K\u00f6rper verdiente oder \u201aorganisierte\u2018 [&#8230;] \u2013 w\u00fcrde zusammenbrechen. Ich denke, dass dies eine der gr\u00f6\u00dften Wunden ist, die dieses System, seine Vollstrecker [&#8230;] Europa zuf\u00fcgen und damit den gr\u00f6\u00dften Schaden anrichten k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie verhielten sich die Familien und Angeh\u00f6rigen der Opfer?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das oben angef\u00fchrte Zitat beantwortet diese Frage teilweise. Nach dem Krieg gab es in der polnischen Gesellschaft keinen Platz f\u00fcr Geschichten \u00fcber nicht-heteronormative Menschen. Zun\u00e4chst war da die Angst, erneut stigmatisiert oder auch kriminalisiert zu werden \u2013 die ersten Strafverfahren nach Artikel 207 vor polnischen Nachkriegsgerichten, die ich gefunden habe, stammen aus dem Jahr 1947. In Krakau gen\u00fcgte es, das eine:r der Zeug:innen in einem ganz anderen Strafverfahren jemanden denunzierte, und innerhalb weniger Tage wurde ein Ermittlungsverfahren gegen die M\u00e4nner eingeleitet, die sich in den \u00f6ffentlichen Toiletten an der Ecke Starowi\u015blna- und Dietla-Stra\u00dfe getroffen hatten.<br \/>\nZweitens birgt das Sprechen \u00fcber die eigenen Kriegserfahrungen im Falle von queeren Menschen die M\u00f6glichkeit der Ablehnung auch in den Kreisen von Freund:innen und Familie. Eine der schockierendsten pers\u00f6nlichen Quellen, die ich bei meinen Recherchen fand, war ein Brief einer Schwester an ihren jugendlichen Bruder im Gef\u00e4ngnis. Nach Ansicht der Familie wurde Dionizy zu Recht in die Strafvollzugsanstalt eingewiesen, schlie\u00dflich war er vom Teufel besessen. Er sollte seine Strafe verb\u00fc\u00dfen. Es ist nicht bekannt, ob der Teenager \u00fcberlebt hat.<br \/>\nDie meisten der Protagonist:innen in meinem Buch haben nach dem Krieg nicht \u00fcber ihre Erfahrungen gesprochen. Oder sie gaben ganz andere Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Inhaftierung an. Auch Teofil Kosi\u0144ski, der Anfang der 1990er-Jahre Lutz van Dijk seine Geschichte erz\u00e4hlte (\u201eVerdammt starke Liebe\u201c, 1991), hat sich seinen Verwandten gegen\u00fcber nie offenbart. Er vertraute niemandem in Polen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Opfer haben zum Selbstschutz ihre Aussagen gegen\u00fcber den NS-Gerichten angepasst, um eine m\u00f6glichst niedrige Strafe zu bekommen. Was konnte die Strafe beeinflussen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den von mir untersuchten Prozessakten dominierte die Version der \u201egegenseitigen Selbstbefriedigung\u201c. Die Beschuldigten behaupteten, dass es zwischen ihnen nie zu analem, oralem und interkruralem Sex gekommen sei. Es war klar, dass das Gericht w\u00e4hrend des Prozesses den \u201eVerf\u00fchrer\u201c und den \u201eVerf\u00fchrten\u201c identifizieren w\u00fcrde. Im Falle des Verf\u00fchrers war die Strafe immer h\u00f6her. Jegliche \u201eGewinne\u201c (Geschenke, Geld, Einladungen ins Kino oder Theater usw.) wurden verheimlicht, um nicht der \u201egewerbsm\u00e4\u00dfigen Unzucht\u201c bezichtigt zu werden (\u00a7 175a Abs. 4).<br \/>\nDie polnischen Angeklagten beriefen sich auf Unwissenheit und behaupteten, das polnische Gesetzbuch stelle gleichgeschlechtliche Intimbeziehungen nicht unter Strafe. Einige der Angeklagten retteten ihre Partner, indem sie die \u201eSchuld\u201c auf sich nahmen. Eine der dramatischsten Geschichten, auf die ich gesto\u00dfen bin, ist das Verh\u00e4ltnis zwischen dem polnischen Zwangsarbeiter J\u00f3zef und dem Deutschen Erich in T\u00fcbingen. Erich schickte w\u00e4hrend seiner gesamten Haftzeit Briefe an den Staatsanwalt, in denen er die Freilassung von J\u00f3zef forderte und schrieb, dass er derjenige sei, der seinen j\u00fcngeren Partner verf\u00fchrt habe. Er war bereit, sich kastrieren zu lassen, nur um den Polen vor einer schweren Strafe zu bewahren.<br \/>\nDie \u201eZeit der Maskierung\u201c (wie Claudia Schoppmann es nannte) \u00fcberdauerte den Krieg. Nicht nur in Deutschland war es in der Nachkriegszeit sicherer, sich zu verstecken. In Polen fanden die ersten Prozesse gegen nicht-heteronormative Menschen wie gesagt bereits 1947 statt. W\u00e4hrend der Verh\u00f6re versuchten die Verhafteten, die gleichen Ausfl\u00fcchte zu benutzen wie einige Jahre zuvor unter der Besatzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Damals wie heute wurde aus einem Homosexuellen eine Figur des Fremden geschaffen. Ist das der Grund, warum die Opfer des Paragraphen 175 bis heute auf Anerkennung warten m\u00fcssen und im kollektiven Ged\u00e4chtnis nicht als Opfer anerkannt werden? Oder gab es auch andere Gr\u00fcnde?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meines Erachtens geht es hier vor allem um den Prozess der Ausgrenzung und Diskriminierung nicht-heteronormativer Menschen im historischen Diskurs. Nat\u00fcrlich spreche ich in erster Linie von der Erfahrung des polnischen kollektiven Ged\u00e4chtnisses, in dem auch in den Berichten von Zeug:innen \u2013 ehemaligen KZ-H\u00e4ftlingen \u2013 \u2028eine nicht-heteronormative Person als fremd, brutal, an der \u201edeutschen Krankheit\u201c erkrankt, als Mitverschw\u00f6rer, als sexuelles Raubtier dargestellt wurde, das sich an den Unschuldigen in der Lagergemeinschaft vergreift. Diese homophoben Zeug:innen-Aussagen von \u00dcberlebenden wurden nie kritisiert.<br \/>\nDer Prozess der Anerkennung, der in Deutschland Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre begann, hat in Polen nie stattgefunden. Es gen\u00fcgt ein Blick auf die in Polen erschienenen historischen Ver\u00f6ffentlichungen. Zurzeit gibt es keine wissenschaftlichen Artikel und Studien \u00fcber Menschen, die als \u201easozial\u201c und \u201ekriminell\u201c eingestuft wurden. Ganz zu schweigen von den \u201eRosa Winkeln\u201c, der Geschichte der Transgender- und der intergeschlechtlichen Menschen. Es gibt keine \u00dcbersetzungen der Grundlagenwerke, die in englischer und deutscher Sprache zum Thema der vergessenen Opfer des Nationalsozialismus und der Zeug:innen-Aussagen ver\u00f6ffentlicht wurden. Um ein paar Namen zu nennen: Die polnischen Leser:innen haben keinen Zugang zu B\u00fcchern von Gisella Perl, Olga Lengyel, Esther Bejarano, Margareta Glas-Larsson. Heinz Hegers Buch [\u201eDie M\u00e4nner mit dem Rosa Winkel\u201c \u2013 Anm. M. K.] wurde 2016 in polnischer Sprache ver\u00f6ffentlicht \u2013 fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Erstver\u00f6ffentlichung, und es war das erste Buch zu diesem Thema auf Polnisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Alles, was wir \u00fcber die Opfer erfahren, stammt aus der Dokumentation der T\u00e4ter:innen. Warum ist das so?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stimmt. Die meisten der von mir verwendeten Materialien waren Gerichts-, Gef\u00e4ngnis-, Lager- und Polizeiakten. Tats\u00e4chlich war in der Regel der Vorwurf nach \u00a7 175 der Ausgangspunkt f\u00fcr weitere Nachforschungen. Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich mit dem Prozess der Kriminalisierung zusammen, aber es verkompliziert die Forschung auch symbolisch \u2013 wir bewegen uns die ganze Zeit in einer Erz\u00e4hlung \u00fcber \u201eKriminelle\u201c. Leider ist es im Fall meiner Protagonist:innen selten, dass man Selbstzeugnisse findet. Wenn sie \u00fcberlebten, schwiegen sie oder erz\u00e4hlten eine \u201eandere Version\u201c ihrer Kriegsvergangenheit, die auch ein hervorragendes Zeugnis f\u00fcr die Realit\u00e4t ist, in der sie nach dem Krieg leben mussten. Deshalb ist es so schwierig, ihre Biografien nur auf die Nazizeit oder vielleicht auf die Kriegszeit zu beschr\u00e4nken.<br \/>\nMein Ziel war es, Quellen vor allem aus der Vor- und Nachkriegszeit zu finden, die in irgendeiner Weise der Dokumentation von T\u00e4ter:innen entgegenwirken k\u00f6nnen. Ich habe jedoch das Gef\u00fchl, dass ich selbst bei dem Versuch, Biografien wiederherzustellen, eher die Welt nachbilde, in der meine Protagonist:innen agierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie bist du mit den Quellen umgegangen?<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_28502\" aria-describedby=\"caption-attachment-28502\" style=\"width: 364px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-28502\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Artikel-Joanna-Jozef.jpg\" alt=\"\" width=\"364\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Artikel-Joanna-Jozef.jpg 364w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Artikel-Joanna-Jozef-300x462.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Artikel-Joanna-Jozef-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Artikel-Joanna-Jozef-98x150.jpg 98w\" sizes=\"auto, (max-width: 364px) 100vw, 364px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28502\" class=\"wp-caption-text\">Jozef Niemczyk, Opfer der Verfolgung &#8211; Foto: AIPN, Sign, GK 42\/22, k. 4., Instytut Pamieci Narodowej<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claudia Schoppmann schreibt in der Einleitung ihres Buches \u201eVerbotene Verh\u00e4ltnisse: Frauenliebe 1938\u20131945\u201c \u00fcber die Gerichtsakten von nicht-heteronormativen Frauen:<br \/>\n\u201eKeine der Frauen, die in diesen Fallgeschichten zu Wort kommen, habe ich pers\u00f6nlich kennengelernt. Dies macht es sehr schwierig, die Perspektive der Justizopfer angemessen zu rekonstruieren. Ich wei\u00df von ihnen nur aus staubigen Akten, kenne nur das, was sie vor der Polizei oder dem Gericht aussagten. Die Vernehmung d\u00fcrfte von den meisten als einsch\u00fcchternd, wenn nicht als bedrohlich erlebt worden sein. Abgesehen von ganz wenigen in Akten enthaltenen Selbstzeugnissen (z. B. beschlagnahmte Briefe), die als authentisch gelten k\u00f6nnen, sind die Aussagen der Beschuldigten also zum einen durch die Verh\u00f6rsituation gepr\u00e4gt, zum anderen tragen die Protokollaussagen die Handschrift des Polizei- und Justizapparates. Das zeigt sich auch an dem Voyeurismus, der in allen Akten ganz offen zutage tritt, an der fast gen\u00fcsslichen Wiedergabe pikanter Details aus dem Intimleben. Und es erwies sich als schwierig, die Dinge beim Namen zu nennen, ohne diesen Voyeurismus zu reproduzieren\u201c. ((8))<br \/>\nIn meinen B\u00fcchern versuche ich zu vermeiden, die Sprache der T\u00e4ter:innen zu reproduzieren. Andererseits bin ich mir aber durchaus bewusst, dass de facto jedes Zitat eine Geste der Reproduktion ist. Jedes Mal, wenn ich Strafverfahren rekonstruiere, ist dies ein gef\u00e4hrlicher Schritt in Richtung einer erneuten Kriminalisierung. In \u201eSie\u201c wollte ich jedoch die Sprache der T\u00e4ter:innen problematisieren \u2013 um zu zeigen, wie viele der Stigmatisierungsmechanismen aus der Zeit der Besatzung auch in der Nachkriegszeit \u00fcberlebt haben. Bei mehreren Gelegenheiten habe ich mir l\u00e4ngere Zitate erlaubt, um meinen Leser:innen zu verdeutlichen, dass dies kein gew\u00f6hnliches Verh\u00f6r war. Da ich mich nun auf die deutsche \u00dcbersetzung des Buches vorbereite, wei\u00df ich, dass ich einige Passagen umschreiben werde. Jedenfalls ist es mir seit Erscheinen des Buchs im April 2021 gelungen, mehrere R\u00e4tsel um die Protagonist:innen zu l\u00f6sen, Familien zu finden und ganz neue Quellen zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In diesem Buch rekonstruierst du einige Biografien. Warum hast du diese F\u00e4lle gew\u00e4hlt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Schreiben von \u201eSie\u201c habe ich Jack Halberstams Werk im Hinterkopf gehabt, insbesondere \u201eDie queere Kunst des Scheiterns\u201c [engl. \u201eThe Queer Art of Failure\u201c \u2013 Anm. M. K.]. Mein Ansatz war es, einen Weg zu finden, so viele verschiedene Lebensgeschichten wie m\u00f6glich zu zeigen. Manchmal sind es solche, die sich in einem einzigen Absatz zusammenfassen lassen. Ich habe jedes Kapitel mit einem Namen betitelt, aber ich habe versucht, eine Art Mosaik von Leben zu schaffen. Ich versuchte, Verbindungen zwischen den Protagonist:innen zu zeigen \u2013 ich schreibe \u00fcber Menschen, die aus der gleichen Stadt stammen, die zu \u00e4hnlichen Zeiten in Gef\u00e4ngnissen und Lagern waren, deren Namen auf der gleichen Transportliste stehen oder die eine \u00e4hnliche Art von Verfolgung erlebt haben. Nat\u00fcrlich wird dies immer \u201emeine Auswahl\u201c sein.<br \/>\nUnter anderem aus diesem Grund betrachte ich \u201eSie\u201c als den ersten Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen. Zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt m\u00f6chte ich mich mehr auf die queere Geschichte konzentrieren, und zwar in einem regionalen Rahmen. Dieser Prozess der \u201eQueerisierung\u201c des Diskurses wird transnationaler werden.<br \/>\nGemeinsam mit Mathias Foit (FU Berlin) und Alina Szeptycka (Kultura R\u00f3wno\u015bci\/Wroc\u0142aw) planen wir derzeit einen gro\u00dfen queerhistorischen Sammelband \u00fcber Niederschlesien zwischen 1871 und 1969, der in Zusammenarbeit mit deutschen und polnischen Wissenschaftler:innen entstehen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Interview, \u00dcbersetzung und Anmerkungen: moku<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der zweite Teil des Interviews erscheint in <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/09\/queerisierung-der-geschichte-die-ns-verfolgung-polnischer-lgbtqia-personen-erforschen\/\">GWR 472<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Dein erstes Buch \u201ePrzemilczane. Seksualna praca przymusowa w czasie II wojny \u015bwiatowej\u201c (dt. \u201eVerschwiegen. Sexuelle Zwangsarbeit w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs\u201c) hast du zum Thema sexuelle Zwangsarbeit ver\u00f6ffentlicht. Dein zweites Buch \u201eOni. Homoseksuali\u015bci w czasie II wojny \u015bwiatowej\u201c (dt. \u201eSie. Homosexuelle w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs\u201c) behandelt homosexuelle bzw. nicht-bin\u00e4re Menschen als Opfer des Nationalsozialismus bzw. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/homosexuelle-vergessene-opfer-des-nationalsozialismus\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":28499,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Homosexuelle: Vergessene Opfer des Nationalsozialismus - graswurzelrevolution","description":"GWR: Dein erstes Buch \u201ePrzemilczane. Seksualna praca przymusowa w czasie II wojny \u015bwiatowej\u201c (dt. \u201eVerschwiegen. 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