{"id":28476,"date":"2022-08-31T15:25:59","date_gmt":"2022-08-31T13:25:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/vom-feld-der-unehre-und-einem-kohlrueben-denkmal\/"},"modified":"2022-09-03T11:10:27","modified_gmt":"2022-09-03T09:10:27","slug":"vom-feld-der-unehre-und-einem-kohlrueben-denkmal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/vom-feld-der-unehre-und-einem-kohlrueben-denkmal\/","title":{"rendered":"Vom \u201eFeld der Unehre\u201c und einem Kohlr\u00fcben-Denkmal"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Emil Julius Gumbel, 1891 in M\u00fcnchen geboren, studierte dort Mathematik und National\u00f6konomie und schloss bei Beginn des Ersten Weltkriegs gerade seine Promotion ab. Er erinnerte sich sp\u00e4ter: \u201eIm Jahre 1914 war ich noch jung genug, um mir von all den patriotischen Reden, die ich um mich h\u00f6rte, den Kopf verdrehen zu lassen. Ich meldete mich freiwillig. (\u2026) Nach einem Jahr Kriegsdienst wurde ich auf Genesungsurlaub nach Hause geschickt und kehrte nicht mehr an die Front zur\u00fcck. Ich war zum \u00fcberzeugten Pazifisten geworden.\u201c ((1))<br \/>\nBereits im Herbst 1915 schloss sich Gumbel, der nun in Berlin lebte, dem pazifistischen Bund Neues Vaterland an, der sp\u00e4teren Deutschen Liga f\u00fcr Menschenrechte. 1918\/19 engagierte er sich in der R\u00e4terevolution und musste ihre blutige Niederschlagung durch v\u00f6lkische Freikorps erleben. Dem anhaltenden rechten Terror widmete der Mathematiker seine aufsehenerregende Untersuchung \u201eVier Jahre politischer Mord\u201c (1922). Sie machte ihn zu einer der meistgehassten Personen in nationalistischen Kreisen: Als Antimilitarist, Sozialist und Jude erf\u00fcllte Gumbel gleich drei zentrale Feindbilder und sah sich heftigen Anfeindungen ausgesetzt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Antikriegsrede als Ausl\u00f6ser<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">1923 nahm er einen Lehrauftrag f\u00fcr Statistik in Heidelberg an und habilitierte. Dass der entschiedene Kriegsgegner sein politisches Engagement auch hier fortsetzte, sollte ihn bald ins Fadenkreuz der rechten Studierenden r\u00fccken: Zum zehnten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs organisierte die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) am 24. Juli 1924 die Veranstaltung \u201eNie wieder Krieg!\u201c in der Heidelberger Stadthalle. Als Vorsitzender der DFG-Ortsgruppe sagte Gumbel in seinem Schlusswort: \u201eIch bitte die Anwesenden, zwei Minuten im Schweigen der Toten des Weltkrieges zu gedenken, die \u2013 ich will nicht sagen \u2013 auf dem Felde der Unehre gefallen sind, aber doch auf gr\u00e4\u00dfliche Weise ums Leben kamen.\u201c ((2)) Die \u00c4u\u00dferung l\u00f6ste in der konservativen Universit\u00e4tsstadt Emp\u00f6rungsst\u00fcrme aus, die von den v\u00f6lkischen Studentenverbindungen und der frisch gegr\u00fcndeten \u201eNationalsozialistischen Studentenschaft\u201c angefacht wurden. Innerhalb weniger Tage initiierten der Rektor der Universit\u00e4t und Gumbels Fakult\u00e4t ein Disziplinarverfahren und setzten sich f\u00fcr seine Suspendierung ein. Der liberale badische Kultusminister Willy Hellpach lehnte dies ab, doch die Hetze dauerte noch monatelang an.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vom Kommunalwahlkampf zu den \u201eGumbelkrawallen\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem sich die Situation in der zweiten H\u00e4lfte der 1920er-Jahre etwas beruhigt hatte, l\u00f6ste Emil Julius Gumbels Ernennung zum Professor im Sommer 1930 eine neue rechte Protestwelle aus. An die Spitze der Kampagne setzte sich der Allgemeine Studentenausschuss (AStA), in dem die Nazis 38 % der Sitze hatten und zusammen mit der v\u00f6lkischen \u201eGro\u00dfdeutschen Studentenschaft\u201c die Linie bestimmten. Zugleich stellte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) die Forderung nach Gumbels Suspendierung in den Mittelpunkt ihres Kommunalwahlkampfs, mobilisierte damit Tausende zu ihren Saalveranstaltungen und konnte ihren Stimmenanteil bei der Gemeinderatswahl am 16. November 1930 auf 36 % steigern. ((3))<br \/>\nDie Lage eskalierte Anfang 1931, als sich der AStA unter Verweis auf Gumbels Anwesenheit weigerte, an der Universit\u00e4tsfeier zur Reichsgr\u00fcndung teilzunehmen. Das brachte das Fass zum \u00dcberlaufen, und der Rektor l\u00f6ste den AStA kurzerhand auf, was die \u201eGumbelkrawalle\u201c nach sich zog: Am 21. Januar 1931 endete eine Kundgebung rechter Studierender mit der Besetzung der Alten Universit\u00e4t und mehrst\u00fcndigen Auseinandersetzungen mit der Polizei; es folgten weitere v\u00f6lkische und offen antisemitische Gro\u00dfproteste gegen den Kriegsgegner.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Palmwedel und R\u00fcben<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz der anhaltenden Angriffe lie\u00df sich der Professor nicht von seinem antimilitaristischen Engagement abhalten, und am 27. Mai 1932 sprach er in einer internen Sitzung der Sozialistischen Studentenschaft. In Erinnerung an die Hungerwinter des Ersten Weltkriegs, in denen R\u00fcben oft das einzige Nahrungsmittel waren, merkte Gumbel an, dass eine Kohlr\u00fcbe als <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/umgestaltung-des-nazi-kriegerdenkmals-zu-einem-friedensmahnmal\/\">Kriegerdenkmal<\/a> wohl passender sei als eine sp\u00e4rlich bekleidete Jungfrau mit einem Palmzweig. Drei Nazi-Studenten, die sich in die Versammlung geschmuggelt hatten, ver\u00f6ffentlichten die \u00c4u\u00dferung, und erneut schlugen die Wellen hoch.<br \/>\nWelche Stimmung bei den faschistischen Massenprotesten herrschte, verdeutlicht der Aufruf der \u201eDeutschen Studentenschaft\u201c und des NS-Studentenbunds zur Kundgebung am 24. Juni 1932 in der Stadthalle: \u201eDeutsche Bev\u00f6lkerung Heidelbergs, Kommilitonen, Kommilitoninnen, k\u00e4mpft mit uns f\u00fcr die Entfernung dieses Vertreters \u00fcbelsten Kulturbolschewismus und erhebt euren Protest gegen Gumbel, den Sch\u00e4nder deutscher Ehre!\u201c ((4)) Bei dieser Versammlung, die von 3.500 NS-Anh\u00e4nger*innen besucht wurde, schwelgte der NSDAP-Reichstagsabgeordnete Johannes Rupp in Mordphantasien gegen den Statistiker nach der bevorstehenden Reichstagswahl.<br \/>\nDie Universit\u00e4t beantragte erneut Gumbels Suspendierung \u2013 diesmal mit Erfolg: Am 5. August 1932 wurde ihm die venia legendi entzogen. Damit war er einer der ersten j\u00fcdischen und oppositionellen Professoren, die von den Nazis von der Universit\u00e4t vertrieben wurden. Emil Julius Gumbel emigrierte nach Frankreich und lehrte ab dem Wintersemester 1932\/33 in Paris und Lyon. Vor dem Einmarsch der Wehrmacht konnte er im Sommer 1940 in letzter Minute in die USA fliehen, wo er bis zu seinem Tod 1966 lebte.<br \/>\nIn der BRD wurde der mutige Kriegsgegner nicht gew\u00fcrdigt, auch wenn in j\u00fcngster Zeit einzelne Initiativen an ihn erinnern. Es ist dringend n\u00f6tig, Emil Julius Gumbel dem Vergessen zu entrei\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emil Julius Gumbel, 1891 in M\u00fcnchen geboren, studierte dort Mathematik und National\u00f6konomie und schloss bei Beginn des Ersten Weltkriegs gerade seine Promotion ab. Er erinnerte sich sp\u00e4ter: \u201eIm Jahre 1914 war ich noch jung genug, um mir von all den patriotischen Reden, die ich um mich h\u00f6rte, den Kopf verdrehen zu lassen. 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