{"id":28479,"date":"2022-08-31T15:26:01","date_gmt":"2022-08-31T13:26:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/soziale-verteidigung-fallbeispiel-bulgarien-1943\/"},"modified":"2022-09-19T10:19:59","modified_gmt":"2022-09-19T08:19:59","slug":"soziale-verteidigung-fallbeispiel-bulgarien-1943","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/soziale-verteidigung-fallbeispiel-bulgarien-1943\/","title":{"rendered":"Soziale Verteidigung: Fallbeispiel Bulgarien 1943"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Im Zuge vieler \u00e4hnlicher Veranstaltungen, die aus dem pazifistischen und gewaltfreien Milieu anl\u00e4sslich des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine durchgef\u00fchrt wurden, fand am 25. Mai 2022 ein gut besuchtes Videoseminar zu historischen Beispielen der sozialen Verteidigung statt, organisiert von der Werkstatt f\u00fcr gewaltfreie Aktion, Baden. Zu den angesprochenen Beispielen z\u00e4hlten Prag 1968 und dessen Fortsetzung als \u201esamtene Revolution\u201c in der \u010cSSR 1989 sowie die soziale Verteidigung Litauens vor und nach der \u201eBlutnacht von Vilnius\u201c am 13. Januar 1991 mit 14 Erschossenen, die zur Unabh\u00e4ngigkeit Litauens f\u00fchrte. Vor allem aber wurde die Rettung der bulgarischen Juden und J\u00fcdinnen vor der Deportation im M\u00e4rz 1943 als historisches Fallbeispiel f\u00fcr wirksame soziale Verteidigung thematisiert.<br \/>\nBei der Diskussion um nicht-milit\u00e4rische Alternativen zur Verteidigung der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/war-resisters-international-erklaerung-zum-krieg-in-der-ukraine\/\">Ukraine<\/a> gegen den brutalen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/04\/putins-angriff-auf-die-ukraine-was-tun\/\">Angriffskrieg Russlands<\/a> unter Putin wird die soziale Verteidigung derzeit schnell verspottet und medial nicht einmal als M\u00f6glichkeit erw\u00e4hnt, obwohl hier und dort von \u201ezivilem Widerstand\u201c \u2013 aber nur als Erg\u00e4nzung zum milit\u00e4rischen Widerstand \u2013 die Rede ist. Deshalb muss hier betont werden, dass all die Toten, die der Ukraine-Krieg bisher fordert, im Rahmen einer milit\u00e4rischen Verteidigung zu beklagen sind und eben nicht der sozialen Verteidigung angelastet werden k\u00f6nnen. Um die soziale Verteidigung aus der Verdr\u00e4ngung jeglicher Alternative zum milit\u00e4rischen Widerstand zu befreien, ist die Kenntnis des bulgarischen historischen Beispiels unabdingbar.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Falsche Mythen und reale Zahlen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den geschichtspolitischen Diskussionen ist das bulgarische Beispiel sozialer Verteidigung eine \u00e4u\u00dferst komplexe und widerspr\u00fcchliche Angelegenheit. Eine v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6hte und unzutreffende Erz\u00e4hlung von Bulgarien als \u201eLand ohne Antisemitismus\u201c und der ebenso falsche Mythos von der \u201ekollektiven Rettung der bulgarischen Juden\u201c wurden vom kommunistischen Regime nach 1945 gepflegt. Auch von der b\u00fcrgerlichen Republik nach 1989 wurden sie aus nationalistischem Interesse aufrechterhalten und zur Reputationsideologie Bulgariens in der Weltpolitik ausgebaut.<br \/>\n1963 hatte sich <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/hannah-arendt-als-comic\/\">Hannah Arendt<\/a> aufgrund eines \u201el\u00fcckenhaften Forschungsstands\u201c (Stefan Troebst) zu ihrem Fehlurteil der Behauptung von \u201e0 deportierten Juden\u201c aus Bulgarien hinrei\u00dfen lassen. ((1)) Die Zahl Null hatte noch der bundesdeutsche Shoah-Historiker Wolfgang Benz in seiner Einleitung zum 1991 erschienenen Buch \u201eDimensionen des V\u00f6lkermords\u201c \u00fcbernommen, ((2)) bevor nicht nur in der Forschung, sondern auch in der bulgarischen \u00d6ffentlichkeit bis heute eine differenzierte Kritik der verschiedenen Mythenbildungen Raum gegriffen hat.<br \/>\nReal \u00fcberlebten durch den mutigen Gewissensprotest eines Teils der bulgarischen Eliten und der Zivilgesellschaft \u2013 und keineswegs der gesamten Nation \u2013 nahezu 49.000 Juden und J\u00fcdinnen, indem Deportationen aus \u201eAlt-Bulgarien\u201c verhindert wurden. Aus den damals annektierten, also zum so genannten Gro\u00df-Bulgarien z\u00e4hlenden Regionen \u00c4g\u00e4isch-Thrakien und Vardar-Mazedonien wurden hingegen 11.343 j\u00fcdische Menschen per Schiff und Bahn nach Treblinka deportiert und vernichtet.<br \/>\nEs wird heute auch eher von Aktionen f\u00fcr das \u201e\u00dcberleben\u201c der bulgarischen Juden und J\u00fcdinnen gesprochen als von der \u201eRettung der bulgarischen Juden\u201c, denn das autorit\u00e4r-faschistisch strukturierte Bulgarien war 1941 dem Dreim\u00e4chtepakt von NS-Deutschland, Japan und Italien beigetreten, hatte ein \u201eGesetz zum Schutze der Nation\u201c \u00e4hnlich den N\u00fcrnberger Gesetzen verabschiedet, das die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung bis hin zu Enteignungen entrechtete und zum Tragen des Judensterns verpflichtete.<br \/>\nIm M\u00e4rz 1943 sollte im Rahmen der nazistischen \u201eEndl\u00f6sung\u201c die gesamte j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung deportiert werden, war bereits in innerbulgarischen Sammellagern konzentriert und zu Zwangsarbeit eingesetzt worden, bevor die Deportationen in letzter Minute verhindert wurden. Das entspricht zwar keineswegs einer wirklichen \u201eRettung\u201c, denn die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung Bulgariens wurde ja unterdr\u00fcckt und entrechtet und erfuhr sp\u00e4ter auch keine materielle Wiedergutmachung. Aber immerhin \u00fcberlebte sie dank der Protestaktionen in so gro\u00dfer Anzahl, dass nach 1945 genauso viele Juden und J\u00fcdinnen in Bulgarien lebten wie 1939 \u2013 das Beispiel bleibt also einzigartig in der Geschichte des erfolgreichen zivilen Widerstands gegen die NS-Vernichtungspolitik in Europa.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Zwischen Kollaboration und Widerstand<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft wird als kriegshistorischer Grund f\u00fcr die Verhinderung der bulgarischen Deportationen die Niederlage der deutschen Armee in Stalingrad vom M\u00e4rz 1943 angef\u00fchrt, in deren Folge es ja auch zu den erfolgreichen Demonstrationen der Frauen in der Berliner Rosenstra\u00dfe kam. ((3)) Das Argument kann jedoch nur sehr bedingt greifen, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, dass noch im M\u00e4rz 1944 rund 400.000 Juden und J\u00fcdinnen des nicht weit von Bulgarien entfernt liegenden Ungarn deportiert und vernichtet wurden. Irgendetwas Besonderes war in Bulgarien also geschehen.<br \/>\nIn Bulgarien gab es seit 1908 ein parlamentarisch verfasstes K\u00f6nigtum, offiziell \u201eZarentum\u201c genannt, in dem der Zar \u00fcber die letzte Entscheidungsmacht gegen\u00fcber einem rechtlich beschr\u00e4nkten Parlament verf\u00fcgte (\u00e4hnlich dem deutschen Kaiserreich vor 1918). 1934 wurde Bulgarien unter Zar Boris III. zur autorit\u00e4r-faschistischen K\u00f6nigsdiktatur und lavierte au\u00dfenpolitisch zwischen der Anlehnung an die Sowjetunion und dem aufstrebenden Nationalsozialismus, weshalb es sich bei der Wahrnehmung seiner Interessen noch beim Hitler-Stalin-Pakt 1939\u20131941 sehr wohlf\u00fchlte und dabei au\u00dfenpolitischen Bewegungsspielraum versp\u00fcrte. Der Beitritt zum Dreim\u00e4chtepakt 1941 f\u00fchrte dann zum Durchmarsch der NS-Truppen durch Bulgarien nach Thrakien und Mazedonien und zur Kollaboration der bulgarischen Armee und Polizei mit den Nazis bei der Deportation der dortigen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung.<br \/>\nDie Annexion beider Gebiete war noch von einem nationalistischen Taumel gro\u00dfer Teile der bulgarischen Bev\u00f6lkerung begr\u00fc\u00dft worden. Trotzdem entwickelte sich nicht-bewaffneter Widerstand, der sich aus mutigen Initiativen Einzelner, einer Spaltung der Eliten in der Regierung sowie einer Gewissensentscheidung des etablierten Klerus in der Orthodoxen Kirche, ganz im Gegensatz zu den Putin-Speichelleckern der Orthodoxen Kirche Russlands heute, ergab. Erst durch diese Spaltungen im Herrschaftsgef\u00fcge wurde die Zivilgesellschaft ermutigt, offen gegen die geplanten Deportationen zu demonstrieren und auch bedrohte und verfolgte Juden und J\u00fcdinnen zu verstecken. ((4))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Spaltung der kollaborationistischen Mehrheit durch Dimitar Peschew<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dimitar Peschew (1884\u20131973) war in der entscheidenden Zeit des Beitritts Bulgariens zum Dreim\u00e4chtepakt zum Vizepr\u00e4sidenten des bulgarischen Parlaments aufgestiegen. In der zweiten M\u00e4rzh\u00e4lfte 1943 organisierte er dort eine Abspaltung von Parlamentariern der b\u00fcrgerlichen regierenden Mehrheit, unterst\u00fctzt von einigen Abgeordneten der Opposition, die sich gegen die Pl\u00e4ne und die Durchf\u00fchrung der Deportation aller Juden und J\u00fcdinnen Bulgariens richtete. \u00dcber Peschew schreibt der italienische Historiker Gabriele Nissim in seiner Biografie:<br \/>\n\u201eEr war der einzige hochrangige Politiker eines mit dem Dritten Reich verb\u00fcndeten Staates, der das Schweigen \u00fcber das Schicksal der Juden gebrochen und mit seiner Aktion K\u00f6nig und Regierung gezwungen hatte, die Maschinerie der Deportation aufzuhalten. (&#8230;) Obwohl er nicht mit dem Gewehr gek\u00e4mpft hatte, war er der gr\u00f6\u00dfte Widerstandsk\u00e4mpfer Bulgariens (&#8230;): Die Juden waren noch am Leben.\u201c ((5))<br \/>\nWie ist es dazu gekommen? In der bulgarischen Kleinstadt Kjustendil, dem Geburtsort Peschews, hatte sich ein b\u00fcrgerliches Milieu in Opposition zum faschistischen Regime entwickelt. 40 Kjustendiler B\u00fcrger beschlossen am 4. M\u00e4rz 1943, eine vierk\u00f6pfige Protestdelegation zu w\u00e4hlen, die noch am selben Abend Sofia erreichte und sich f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag mit dem ihnen gut bekannten Peschew sowie einem weiteren Kjustendiler Abgeordneten verabredete. Peschew \u201ebittet seine Besucher, an dem folgenden Nachmittag zum Parlamentsgeb\u00e4ude zu kommen. Seiner dringenden Bitte um ein Gespr\u00e4ch mit Premierminister Filov kommt dieser nicht nach. Aber Innenminister Gabrovski empf\u00e4ngt ihn und sieben weitere Abgeordnete. Anfangs leugnet Gabrovski die Verhaftungen [der Juden und J\u00fcdinnen; L. M], er knickt jedoch vor der Hartn\u00e4ckigkeit seiner Besucher ein und gibt schlie\u00dflich telefonisch Order, die Verhaftungen auszusetzen und die bereits Verhafteten zu entlassen. Das gleiche Szenario geschieht in anderen Provinzst\u00e4dten Bulgariens.\u201c ((6))<br \/>\nIn unmittelbarer Folge verfasste Peschew am 17. M\u00e4rz 1943 eine schriftliche Erkl\u00e4rung, die er von 42 Abgeordneten der parlamentarischen Mehrheit unterzeichnen lie\u00df. Er erreichte sie zwar nur telefonisch, unterzeichnete aber mit ihrem Namen. Die Erkl\u00e4rung verurteilte die antij\u00fcdische Politik freundlich, aber in der Sache deutlich. \u00dcber den Parlamentspr\u00e4sidenten wurde sie an Premierminister Filow weitergereicht. Der war w\u00fctend, weil er f\u00fcr seine eigene Mehrheit einen Autorit\u00e4tsverlust bef\u00fcrchtete. So verlangte er in einer Fraktionssitzung der Regierungspartei von jedem Unterzeichner, sich zu distanzieren. Das machten aber nur 12 von 42 Abgeordneten, die anderen 30 blieben bei ihrer Unterst\u00fctzung der Erkl\u00e4rung.<br \/>\nDanach verfolgte Filow erfolgreich die Entmachtung und Entlassung Peschews als Vize-Parlamentspr\u00e4sident. Doch: \u201eGleichwohl, der Plan zur Deportation der Juden wurde vorerst aufgehoben. Das ist gewiss nicht am wenigsten der deutlichen Missbilligung aus dem Parlament zu verdanken.\u201c ((7)) Aus der vorl\u00e4ufigen Aufhebung der Deportationen wurde eine immerw\u00e4hrende Aufhebung.<br \/>\nDem Widerstand der Mehrheitsabspaltung in der Regierungspartei des Parlaments entsprach fast gleichzeitig die Aktion von weithin bekannten und angesehenen W\u00fcrdentr\u00e4gern der Orthodoxen Kirche sowie ihrer Gl\u00e4ubigen aus der Bev\u00f6lkerung. Erst dieses Zusammenspiel machte den Widerstand gesellschaftlich wirksam.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der Metropolit Stepan von Sofia und der Solidarit\u00e4tsboykott von Dupnitza<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Heilige Synode, das leitende Gremium der Orthodoxen Kirche von Bulgarien, erzeugte in der Zeit der geplanten Durchf\u00fchrung der Internierung und Deportierung der bulgarischen Juden und J\u00fcdinnen durch mehrere offizielle Protestschreiben Druck auf den mit den Nazis kollaborierenden Innenminister. Ein erster Schritt war ein Beschluss der Heiligen Synode gewesen, \u00dcbertritte aus der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung zu unterst\u00fctzen und f\u00fcr die frisch Konvertierten besonderen Schutz einzufordern. ((8))<br \/>\nEine zentrale Rolle bei den kirchlichen Protesten gegen die antisemitische Vernichtungspolitik spielte Stepan, der als Metropolit von Sofia das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche Bulgariens war. Er erinnerte sich selbst sp\u00e4ter, 1950, an die Aktionen w\u00e4hrend der Vorbereitung der Deportation:<br \/>\n\u201eEnde des Jahres 1942 und zu Beginn des Jahres 1943 wurde die Verfolgung versch\u00e4rft. (&#8230;) Im Bereich unserer Metropole von Sofia, in deren Di\u00f6zese die meisten Juden lebten, haben wir in dieser Zeit die Position eingenommen, die Juden gegen die unbarmherzige Verfolgung zu verteidigen. (&#8230;) Von den Kirchenkanzeln aus haben wir die Gesellschaft, die Regierung und das Staatsoberhaupt immer wieder aufgefordert, die Verfolgung zu beenden, die Deportation nach Polen zu stoppen.\u201c ((9))<br \/>\nAls die Juden und J\u00fcdinnen in der entscheidenden Zeit in den Sofioter Stadtteil Bunar zwangsumgesiedelt wurden und dort massiven Anfeindungen seitens der antisemitisch-faschistischen Jugendorganisation \u201eBrannik\u201c ausgesetzt waren, intervenierte Stepan bei den Beh\u00f6rden. Daraufhin ergriff die bulgarische Polizei nachdr\u00fcckliche Ma\u00dfnahmen gegen die Brannik-Umtriebe und d\u00e4mmte die Angriffe auf die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung ein.\u00a0((10))<br \/>\nEs kam, so Stepan in seinen Memoiren, sogar zu einem Solidarit\u00e4tsboykott in der Stadt Dupnitza, als er auf dem R\u00fcckweg von einem Kloster dort Halt machte, um einen christlichen Gottesdienst abzuhalten:<br \/>\n\u201eIch fand die Stadt leer und tot vor. Nur Polizeipatrouillen liefen die Stra\u00dfen rauf und runter. Beim Vikar erfuhren wir, dass alle Juden sich in Hausarrest befanden, niemand durfte raus bis auf Kinder unter zehn Jahren, denen es erlaubt war, Eink\u00e4ufe zu t\u00e4tigen. (&#8230;) Um ihren Protest auszudr\u00fccken, hatten die Bulgaren beschlossen, sich ebenfalls in Hausarrest zu begeben. Geschockt (&#8230;) beschlossen wir, mit der Regierung in Kontakt zu treten, und dies noch vor dem Gottesdienst, um unsere Bitte vorzutragen, dieses Dekret [zum Schutze der Nation; L. M.] zur\u00fcck zu nehmen. (&#8230;) Unser Telefongespr\u00e4ch mit dem Premierminister hatte Erfolg, man versicherte uns, dass das Dekret schnell aufgehoben w\u00fcrde. Und so war es, innerhalb kurzer Zeit war die Freiheit wieder hergestellt!\u201c ((11)) Freigelassene Juden beteiligten sich an dem nachfolgenden Gottesdienst in der Kathedrale und auf dem gro\u00dfen Kirchenplatz, die \u00fcberf\u00fcllt waren.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die direkte gewaltfreie Aktion des Kyrill<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer angesehener Vertreter der Orthodoxen Kirche, der sich aktiv den Deportationen entgegenstellte, war Kyrill, der Metropolit von Plovdiv. In dieser Gro\u00dfstadt hatte man die internierten Juden und J\u00fcdinnen bereits in einem eingez\u00e4unten Schulhof zusammengetrieben und f\u00fcr die Deportation vorbereitet. Kyrill n\u00e4herte sich pers\u00f6nlich dem Gel\u00e4nde, \u201estieg \u00fcber den Zaun und versuchte die ver\u00e4ngstigten Menschen zu beruhigen, beschwor sie, dass man nicht dulden werde, dass ihnen etwas B\u00f6ses gesch\u00e4he und gelobte feierlich, sich vor jeglichem Deportationszug auf die Gleise zu legen, sollte dies n\u00f6tig werden, um dessen Abfahrt zu verhindern. Nach Angaben des Zeitzeugen Angel Wagenstein soll er ihnen versichert haben, er werde sich sogar mit ihnen abtransportieren lassen. Nach Stunden schier unertr\u00e4glicher Spannung wurde die Freilassung der Juden verf\u00fcgt.\u201c ((12))<br \/>\nDer j\u00fcdische Zeitzeuge Angel Wagenstein meint zusammenfassend:<br \/>\n\u201eIch muss hier die besondere Rolle der Heiligen Synode der orthodoxen bulgarischen Kirche erw\u00e4hnen als w\u00fcrdiges und einzigartiges Beispiel der Verteidigung der Juden. Dies betrifft die Synode als Institution ebenso wie die pers\u00f6nlichen Anteile der Metropoliten von Plovdiv, Kyrill, und von Sofia, Stepan. (&#8230;) Unbedingt hinzurechnen muss man den umfassenden Widerstand und die praktische Solidarit\u00e4t der aktivsten Schichten der Bev\u00f6lkerung, insbesondere der intellektuellen Elite, die Vereinigungen der Schriftsteller, der \u00c4rzte, der Juristen. In diesem Kontext wurde in perfekter Weise die gro\u00dfe Protestkundgebung in Sofia vom 14. Mai 1943 abgehalten, ein Ereignis, das den Zar und seine Regierung zutiefst beeindruckt hat\u201c ((13)) \u2013 und zwar so, dass er sich der Aufhebung der Deportationen nicht mehr widersetzte. Zu den genannten gewaltfreien Aktionen Einzelner und des Solidarit\u00e4tsboykotts vieler bulgarischer B\u00fcrger*innen muss also noch diese \u00f6ffentliche Massendemonstration hinzugerechnet werden.<br \/>\nWie angesichts dieses historischen Beispiels das scheinbar Unm\u00f6gliche im aktuellen Kontext des Ukraine-Krieges, n\u00e4mlich der Sturz des Putin-Regimes im Herzen der Bestie, vor sich gehen k\u00f6nnte, l\u00e4sst sich vermuten: durch Spaltungen der Eliten, ausgel\u00f6st durch einen Gewissensakt Einzelner, der dann das aufgestaute Protestpotenzial einer kriegsm\u00fcde werdenden russischen Gesellschaft ausl\u00f6sen k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge vieler \u00e4hnlicher Veranstaltungen, die aus dem pazifistischen und gewaltfreien Milieu anl\u00e4sslich des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine durchgef\u00fchrt wurden, fand am 25. 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