{"id":2861,"date":"1999-10-01T00:00:40","date_gmt":"1999-09-30T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2861"},"modified":"2022-07-26T14:26:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:26","slug":"mehmetler-konusuyor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/mehmetler-konusuyor\/","title":{"rendered":"Mehmetler konu\u015fuyor"},"content":{"rendered":"<p>Zwei der letzten Exemplare hat mir meine Freundin, eine Istanbuler Feministin, geschenkt. Das Buch ist meiner Freundin sehr wichtig. Durch die Lekt\u00fcre dieses Buches ist ihrer Tante erst klar geworden, was ihr Sohn eigentlich erlebte, nachdem er einberufen und im Krieg ermordet wurde. So wie der Tante erging und ergeht es vielen, sagte meine Freundin. Au\u00dfer der t\u00e4glichen glorifizierenden kitschigen Kriegspropaganda ist der Krieg im S\u00fcdosten bisher immer noch tabu. Nur wenn Betroffene erz\u00e4hlen, wird etwas erfahrbar. Meist herrscht jedoch Schweigen vor, da die Gesellschaft die Traumata des Krieges nicht wahrhaben will. Die Betroffenen sollen nach den Kriegseins\u00e4tzen aber den &#8222;zivilen&#8220; Alltag wieder aufnehmen.<\/p>\n<h3>Keine Chance der Aufarbeitung<\/h3>\n<p>In der Nachkriegszeit tritt das typische Vietnam-Syndrom auf (Agressivit\u00e4t, Angst, Alptr\u00e4ume, Gewaltt\u00e4tigkeit), ohne da\u00df man sich organisieren und dar\u00fcber sprechen kann. Nadire Mater versucht zum ersten Mal ehemalige Soldaten \u00f6ffentlich sprechen zu lassen: Sie sammelte \u00fcber 40 namenlose Interviews mit M\u00e4nnern, die in den letzten Jahren von 1984 bis 98 Kriegsdienst absolvieren mu\u00dften oder es auch freiwillig taten. Sie gab ihnen alle M\u00f6glichkeiten des Sprechens und auch des Nicht-Sprechen-Wollens, um m\u00f6glichst nah ihre psychosziale Befindlichkeit zu ermitteln. Sie fragte jeden Interview- Partner nach der Situation vor der Einberufung, nach der Zeit w\u00e4hrend des Krieges und wie es ihm nachher erging. Dabei kommt die grausame Realit\u00e4t des Krieges und die Hilflosigkeit der oft blind ins Geschehen geworfenen Soldaten zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Es ist aber auch eine Sprache der T\u00e4ter, die Propaganda verinnerlicht haben.<\/p>\n<p>Mehmet wird der einfache Soldat genannt, der den &#8222;Kampf gegen den Terrorismus&#8220; f\u00fchren soll, und als toter Soldat zum &#8222;sehit&#8220; (&#8222;Helden&#8220;) avanciert. Der t\u00fcrkische Staat hat seit 15 Jahren 2.5 Millionen Soldaten im S\u00fcdosten im Einsatz. F\u00fcr die, die nicht die vergangenen Jahre im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei erlebt haben, vermittelt das Buch endlich eine fa\u00dfbare Realit\u00e4t: Was ging in diesen M\u00e4nnern vor, als sie den Einsatzbefehl in den S\u00fcdosten erhielten? Was haben sie erlebt in der Grundausbildung und dann im Einsatz gegen die KurdInnen? Was hat der Krieg aus ihnen gemacht?<\/p>\n<p>Die ehemaligen Soldaten erz\u00e4hlen von der Absurdit\u00e4t des Krieges, da\u00df der Staat kein Interesse an einem Ende dieses Krieges hat und da\u00df die reichen S\u00f6hne nicht im S\u00fcdosten eingesetzt werden. Au\u00dferdem berichten sie von den grausamen Methoden der Sonderkommandos und der &#8222;Sch\u00e4ndung&#8220; von Leichen get\u00f6teter PKK-K\u00e4mpferInnen. Sie best\u00e4tigen die Existenz von JITEM (spezielle Sonderkommandos), die mit gro\u00dfer Willk\u00fcr morden und nehmen Anteil an dem endlosen Leid der kurdischen Bev\u00f6lkerung, die zwischen den Fronten aufgerieben wird.<\/p>\n<p>Das Buch ist deshalb sowohl f\u00fcr die t\u00fcrkische als auch f\u00fcr die europ\u00e4ische und westliche Gesellschaft von Bedeutung. Es wird hoffentlich bald ins Deutsche \u00fcbersetzt. Im Folgenden drucken wir erste Ausz\u00fcge in Original und \u00dcbersetzung ab.<\/p>\n<p><strong>Irene Kober<\/strong><\/p>\n<hr noshade=\"noshade\" size=\"1\" \/>\n<p><strong><cite>Vorwort<\/cite><\/strong><\/p>\n<p><cite> Nirgends auf der Welt findet ein Krieg so statt, wie es im Fernsehen oder in den Medien zu sehen ist. Kugeln zerfetzen und t\u00f6ten. Dort als Soldat inmitten des Feuergefechts zu sein, kann man Au\u00dfenstehenden nicht beschreiben.<br \/>\nWie auch immer die Namen sind, wir kennen den Soldat nur als Mehmed, obwohl die Soldaten, wie wir auch Kinder irgendwelcher Eltern, Br\u00fcder, Geliebte und V\u00e4ter, Menschen mit Namen sind.<br \/>\nMehmets Buch wurde von 42 solcher Personen geschrieben.<br \/>\nDiese haben ihren Milit\u00e4rdienst zwischen 1984-1998 in der S\u00fcdostt\u00fcrkei, wo der Ausnahmezustand herrscht, absolviert. Sie wollten das Erlebte mit Euch teilen, deshalb haben sie den Mut gehabt, dieses Buch zu schreiben.<\/cite><\/p>\n<p><cite>&#8222;Der Tod ist nur zwei Zentimeter \u00fcber dir&#8220;, sagt Ahmet schmerzvoll, &#8222;wenn du deinen Kopf nur zwei cm aus der Deckung hochhebst, kriegst du den Schuss zwischen die Augenbrauen.&#8220;<br \/>\nDies erz\u00e4hlt ein Offizier, der seinen Dienst im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei absolviert hat.<\/cite><\/p>\n<p><cite> 1964 in Serik geboren, hat Abitur gemacht. Der Vater ist Kaufmann. Er f\u00fchrt den Laden vom Vater. Milit\u00e4rdienst zwischen 1983-1984 absolviert:<\/cite><\/p>\n<p><cite><strong>Ich bin zur\u00fcckgekehrt ohne den Feind gesehen zu haben<\/strong><br \/>\nUnser Gruppenkommandant fuhr mit dem Offizier in einem Jeep hoch. Die Terroristen schie\u00dfen von oben, der Kommandant stirbt sofort. Der Offizier st\u00fcrzt mit zwei Soldaten in ein Tal und ist eingeschlossen. Ein LKW-Fahrer sieht sie und macht Meldung an uns. Unsere Gruppe hatten Bereitschaft: wir fuhren sofort zum Tatort. Sp\u00e4ter kam auch der Kurier vom Kommandanten um.<br \/>\nDie Terroristen konnten wir leider nicht fassen. Wir haben bis zum Morgen geschossen ohne ein Ergebnis.<br \/>\nSp\u00e4ter h\u00f6rten wir, da\u00df sie in den Irak wollten. Um dies zu verhindern, brachte man uns mit dem Helikopter an die Grenze. Wir haben geschossen; dann erfuhren wir, da\u00df wir auf die Packesel von Schmugglern geschossen hatten. In einem Ort, der Catulga hei\u00dft, blieben wir einen Monat. Es war drei Uhr morgens, als wir geweckt wurden und es hie\u00df: &#8222;Die Terroristen kommen!&#8220; Wir fingen sofort an zu schie\u00dfen. Morgens wollten wir nachsehen, wieviele Terroristen wir umgebracht hatten. Wir hatten Packesel erwischt.<\/cite><\/p>\n<p><cite> In einem Ort der Catulga hei\u00dft blieben wir einen Monat. Es war drei Uhr morgens als wir geweckt wurden und es hie\u00df: &#8222;die Terroristen kommen!&#8220; Wir fingen sofort an zu schie\u00dfen. Morgens wollten wir nachsehen, wieviele Terroristen wir umgebracht hatten. Wir hatten Packesel erwischt.<\/cite><\/p>\n<p><cite> Es gibt keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Menschen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, kein Sozialleben, keine Bildung. Die einzige Geldquelle ist die Schmugglerei. Tags\u00fcber sieht man nur Frauen auf den Stra\u00dfen. Wenn man fragt, wo ihre M\u00e4nner seien, hei\u00dft es: &#8222;er ist nach Istanbul gegangen&#8220; das Milit\u00e4r wird dort geha\u00dft, ich kann nicht verstehen warum. Wenn man in die Region investiert h\u00e4tte, w\u00e4re dies alles nicht passiert, denke ich.<\/cite><\/p>\n<p><cite> Die Gesellschaft interessiert sich nicht f\u00fcr den S\u00fcdosten. Nur die, deren Kinder dort Milit\u00e4rdienst leisten oder die in dem Alter sind. Die Medien propagieren den Milit\u00e4rdienst. Bevor man die Kinder dorthin schickt, interessiert es keinen Menschen. Wenn ich nicht dort gewesen w\u00e4re, w\u00fc\u00dfte ich nicht wo Semdinli ist.<br \/>\n(November 1998, Serik, Antalya)<\/cite><\/p>\n<hr noshade=\"noshade\" size=\"1\" \/>\n<p><cite> 1966 in Cankiri geboren hat Volksschule besucht und seinen Milit\u00e4rdienst in Tunceli 1986 absolviert:<\/cite><\/p>\n<p><cite> Nat\u00fcrlich hat man eine Wut wenn man einem Terroristen begegnet. Wir fa\u00dften sie und lieferten sie bei der n\u00e4chsten Gendarmerie ab. Dort wurden sie verh\u00f6rt. Du darfst ihnen nichts tun, es ist verboten. Wenn du mit ihnen redest, geben sie dir als Antwort das Freiheitszeichen. Die Gendarmerie bekam normale Meldungen, wir bekamen definitive. Wir fuhren hin und liquidierten sie, z.B wenn wir h\u00f6rten: &#8222;Da sind 9 Terroristen.&#8220;, dann sind dort auch welche. Wir kamen viel herum. Die Dorfbewohner glaubten, wir w\u00e4ren Terroristen. Wenn denunziert wird, gingen wir als Terroristen in das Dorf und sagten: &#8222;Unsere Freunde wollten hierher kommen, in welche Richtung sind sie gegangen?&#8220; Wir wu\u00dften nicht, was uns erwartet, deshalb machten wir vorher unsere rituelle Waschung und gingen zum Einsatz. Es kam vor, da\u00df wir einen Monat lang unsere Stiefel nicht auszogen. Manchmal funktionierte unser Funkger\u00e4t nicht, weil der Akku nicht aufgeladen werden konnte. Das bedeutet kein Wagen, kein Lebensmittel. In der Regel wurden wir sehr gut verpflegt.<\/cite><\/p>\n<p><cite> Das S\u00fcdostproblem, Kurdenproblem gibt es nicht. Es ist eine Person, die Probleme verursacht. Es gibt nicht das Problem T\u00fcrke, Kurde. Wenn \u00d6calan nicht w\u00e4re, g\u00e4be es das Problem nicht. Er wird von m\u00e4chtigen L\u00e4ndern unterst\u00fctzt. Z.B. T\u00fcrkes &#8211; Gott sei ihm gn\u00e4dig &#8211; sagte: &#8222;Gebt mir drei Monate, und ich bringe seinen Kopf&#8220;. Warum hat man ihm das nicht erlaubt? Ich wei\u00df es nicht. Ich verfolge die Nachrichten. Da wo wir im Einsatz waren wird weitergemacht, es hat sich nichts ge\u00e4ndert. Die Gegenseite agiert auch wie eine Armee. Die besten Soldaten des Milit\u00e4rs befinden sich dort. Ich wei\u00df nicht, warum es solange dauert. Z.B. der Bauer ist tags\u00fcber ein normaler B\u00fcrger, in der Nacht erscheint er als Terrorist, deshalb sagte man: &#8222;Es ist hier \u00fcberall so, so lange man diese Region nicht vernichtet, kann man das Problem nicht l\u00f6sen. Den Osten muss man vernichten&#8220;, sagt man. Ich bin resigniert, es wird weitergehen. Wer kann das beenden nur einer wie Atat\u00fcrk, anders wird es nicht gehen.<br \/>\n(August 1998, Cankiri)<\/cite><\/p>\n<hr noshade=\"noshade\" size=\"1\" \/>\n<h3>Sayilar&#8230; Zahlen&#8230;<\/h3>\n<p>Auf einer Pressekonferenz im Jahr 1998 teilte der Pr\u00e4sident S\u00fcleyman Demirel mit, da\u00df seit dem Beginn der Terroranschl\u00e4ge vom 15. August 1984 bis Anfang Dezember 1998 insgesamt 32.853 Eins\u00e4tze gab. Dabei sind 5.555 Sicherheitskr\u00e4fte umgekommen, desweiteren gab es 11.168 Verletzte.<\/p>\n<p>Hundert Prozent des Erd\u00f6ls der T\u00fcrkei wird im S\u00fcdosten gef\u00f6rdert. Dies betr\u00e4gt im Jahr ca. 200 Trillionen T\u00fcrkische Lira (TL).. .30% des Wassergebiets besteht aus Euphrat und Tigris. Aus dem hieraus erstandenen Energiezins betr\u00e4gt das Einkommen 250 Trillionen TL&#8230; Sogar unter den jetzigen Umst\u00e4nden wird zu 100% Phosphat, 95% Pistazien, 10 % Weizen, 14% Baumwolle, 75% Linsen, 15% Roggen im S\u00fcdosten produziert. Vom Staudammprojekt GAP wird in Zukunft 1.7 Hektar Land bew\u00e4ssert, was dann das vierfache an Ertrag erzielen kann. (Dozent Dr. Ahmet \u00d6zer, Universit\u00e4t Mersin)<\/p>\n<p>In den letzten sieben Jahren ist die Bev\u00f6lkerung von Diyarbakir von 380.000 auf 1.5 Millionen gestiegen. (Dasselbe gilt auch f\u00fcr die anderen St\u00e4dte)&#8230; Nach UN Kriterien braucht ein Mensch zum \u00dcberleben 254 Kalorien, f\u00fcr die man im Jahr 385 Dolar brauchen w\u00fcrde. Dies ist gleichzeitig die Armutsgrenze. Nach den Untersuchungen liegen 85% der Bev\u00f6lkerung von Diyarbakir unter diesem Wert. Dies ist bei der eingewanderten Bev\u00f6lkerung h\u00f6her. (Dozent Dr. Ahmet \u00d6zer, Universit\u00e4t Mersin)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei der letzten Exemplare hat mir meine Freundin, eine Istanbuler Feministin, geschenkt. Das Buch ist meiner Freundin sehr wichtig. Durch die Lekt\u00fcre dieses Buches ist ihrer Tante erst klar geworden, was ihr Sohn eigentlich erlebte, nachdem er einberufen und im Krieg ermordet wurde. So wie der Tante erging und ergeht es vielen, sagte meine Freundin. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/mehmetler-konusuyor\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Mehmetler konu\u015fuyor - graswurzelrevolution","description":"Zwei der letzten Exemplare hat mir meine Freundin, eine Istanbuler Feministin, geschenkt. Das Buch ist meiner Freundin sehr wichtig. Durch die Lekt\u00fcre dieses Bu"},"footnotes":""},"categories":[178,1025,1027],"tags":[],"class_list":["post-2861","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-242-oktober-1999","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2861"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2861\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}