{"id":28625,"date":"2022-09-30T13:36:04","date_gmt":"2022-09-30T11:36:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/09\/strahlende-geschaefte-im-krieg\/"},"modified":"2022-10-05T10:18:46","modified_gmt":"2022-10-05T08:18:46","slug":"strahlende-geschaefte-im-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/09\/strahlende-geschaefte-im-krieg\/","title":{"rendered":"Strahlende Gesch\u00e4fte im Krieg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eigentlich unfassbar: Im seit Monaten umk\u00e4mpften und unter Beschuss stehenden ukrainischen Atomkraftwerk <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/am-rand-einer-atomkatastrophe\/\">Saporischschja<\/a> f\u00fchrt der Kreml-Atomkonzern Rosatom die fachliche Aufsicht f\u00fcr die russische Besatzungsarmee und ist damit aktiv am Besatzungsregime beteiligt. Die vor Ort festgesetzte ukrainische AKW-Belegschaft muss sich mit den Rosatom-Vertreter:innen abstimmen und kann nicht frei entscheiden. Im August gab es sogar Berichte \u00fcber Folterungen von AKW-Mitarbeiter:innen \u2013 ein schreckliches Szenario.<br \/>\nDoch zeitgleich lassen sich mittel- und westeurop\u00e4ische L\u00e4nder und Konzerne weiter mit Uran von Rosatom beliefern, so als w\u00e4re das ein ganz normaler Handelspartner. Nun hat auch Frankreich wieder seine Atomgesch\u00e4fte mit Rosatom aufgenommen. Ein Fokus liegt dabei auf der Brennelementefabrik des franz\u00f6sischen Staatskonzerns Framatome im emsl\u00e4ndischen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/es-wie-absicht-klingen-lassen\/\">Lingen<\/a> \u2013 und hier kommt dann auch die Bundesregierung aktiv ins Spiel, die Framatome in Lingen gr\u00fcnes Licht f\u00fcr neue Urangesch\u00e4fte mit Russland gegeben hat.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das Gesch\u00e4ft geht vor<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie konnte das geschehen? Fakt ist, dass Frankreich wie kaum ein anderes Land von der Atomenergie auf vielen Ebenen abh\u00e4ngt. Zum einen gibt es 56 AKW und eine milit\u00e4rische Atommacht, zum anderen eine weitverzweigte Uranindustrie, die Uran in mehreren L\u00e4ndern abbaut, die das Uranerz aufbereitet, dann Uran anreichert und schlie\u00dflich Brennelemente herstellt. Und diese Brennelemente werden nicht nur f\u00fcr eigene AKW produziert, sondern auch f\u00fcr AKW in der Schweiz, in Belgien, den Niederlanden, Spanien, Schweden, Finnland und Gro\u00dfbritannien.<br \/>\nBeispiel Schweiz: Von dort ist bekannt, dass der Atomkonzern Axpo (AKW Leibstadt und Beznau) bis 2030 Vertr\u00e4ge mit Rosatom und Framatome hat \u00fcber die Belieferung mit Uran und Brennelementen. Das AKW G\u00f6sgen hat zumindest bis 2012 noch russisches Uran verwendet \u2013 laut Medienberichten von damals sogar aus Best\u00e4nden der Kriegsmarine. Solange Frankreich und Deutschland direkt nach Putins Einmarsch in die Ukraine jedoch kein russisches Uran angenommen haben, gab es auch keine Brennelemente f\u00fcr die Schweizer AKW. Framatome konnte also seine \u201eKunden\u201c nicht beliefern, und die wollten nicht aus den Vertr\u00e4gen mit Rosatom aussteigen, weil das eventuell Strafzahlungen nach sich ziehen k\u00f6nnte.<br \/>\nIn dieser Situation wurden die harten Bilder aus der Ukraine f\u00fcr Frankreichs Regierung irrelevant \u2013 das Gesch\u00e4ft geht vor. Und von der Bundesregierung gab es keinen Widerspruch. Frankreich leidet gerade intensiv unter dem Ausfall der H\u00e4lfte der eigenen Atomkraftwerke \u2013 zu wenig Wasser in den Fl\u00fcssen aufgrund der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/im-schatten-der-klimakrise\/\">Klimakrisen<\/a>-Sommerd\u00fcrre und zu viele und gravierende technische Probleme. Da will die Bundesregierung den engen Verb\u00fcndeten nicht weiter bedr\u00e4ngen und genehmigt die Nutzung der Lingener Brennelementefabrik f\u00fcr die Verarbeitung von Rosatom-Uran. Ein sehr zwielichtiges und bis Anfang September auch geheimes Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Proteste gegen geheime Lieferungen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch Atomkraftgegner:innen aus den Niederlanden, Deutschland und Russland konnten eine aktuelle niederl\u00e4ndische Transitgenehmigung f\u00fcr das russische Uran nach Lingen ver\u00f6ffentlichen, und Anfang September machte sich das russische Atomschiff Mikhail Dudin prompt auf den Weg nach Rotterdam. Das Medienecho war sehr gro\u00df \u2013 sehr mager aber die Reaktion der Bundesregierung: Die Transportgenehmigungen in Deutschland seien schon vor dem Krieg erteilt worden, und ohne EU-Sanktionen auf Uran k\u00f6nne man gar nichts machen.<br \/>\nAngesichts der gleichzeitig laufenden Debatte um die Laufzeitverl\u00e4ngerung f\u00fcr die letzten deutschen AKW verwundert das nicht. Die gr\u00fcn gef\u00fchrten Wirtschafts- und Umweltministerien in Berlin haben ihre Atomkritik anscheinend nur noch f\u00fcr andere \u00fcbrig \u2013 f\u00fcr sie selbst gilt das nicht mehr. Und so wurde Lingen mitten in die wiederauferstandene franz\u00f6sisch-russische Atomallianz hineingezogen \u2013 mit Billigung der Bundesregierung.<br \/>\nGanz so einfach wurde es dann aber doch nicht. Durch die vielen Medienberichte und die angek\u00fcndigten Proteste aufgeschreckt, \u00e4nderte die Mikhail Dudin am 11. September direkt vor der Hafeneinfahrt von Rotterdam das Fahrtziel und steuerte nun D\u00fcnkirchen in Frankreich an. Zeitgleich lief in Lingen vor der Brennelementefabrik eine Mahnwache \u2013 mit dabei <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/05\/wir-brauchen-eine-anti-atom-revolution\/\">Vladimir Slivyak<\/a>, Tr\u00e4ger des Alternativen Nobelpreises und Ko-Vorsitzender der in Russland verfolgten Umweltorganisation Ecodefense.<br \/>\nDoch Framatome versuchte, den Protest auszutricksen. Denn in D\u00fcnkirchen stellte sich einen Tag sp\u00e4ter heraus, dass mehrere LKW mit Uranf\u00e4ssern den Hafen verlie\u00dfen und laut Greenpeace einige davon auf dem Weg nach Lingen waren. Danach verlor sich jedoch zun\u00e4chst die Spur des Urantransports. Der Druck auf die Atomindustrie muss enorm hoch sein, die Deals mit Rosatom auf alle F\u00e4lle durchzuziehen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Uranmacht Russland<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Blick hinter die Kulissen der Atomindustrie erkl\u00e4rt, warum das so ist. Im April 2022 ver\u00f6ffentlichten der BUND, .ausgestrahlt und andere Umweltorganisationen Zahlen der europ\u00e4ischen Atomenergiebeh\u00f6rde Euratom, nach denen 2020 rund 20 % des in der EU verwendeten Urans direkt aus Russland stammten, weitere knapp 20 % vom engen Verb\u00fcndeten Kasachstan sowie 18 % aus Kanada \u2013 in Kanada hat Rosatom Uranminen aufgekauft. Das Herkunftsland Kanada verschleiert also zum Teil den wahren Eigent\u00fcmer des Urans.<br \/>\nBei einer derart intensiven Abh\u00e4ngigkeit vom Kreml auf dem Uransektor ist verst\u00e4ndlich, dass f\u00fcr viele Atomkonzerne und atomfreundliche Staaten schlichtweg das Gesch\u00e4ftsmodell zusammenbrechen w\u00fcrde, wenn sie auf die Lieferungen von Rosatom verzichten w\u00fcrden. Atomenergie f\u00fchrt eben nicht zu Energieunabh\u00e4ngigkeit. Dieses immer wieder vorgebrachte Argument der Atomlobbyist:innen ist v\u00f6llig falsch \u2013 ganz im Gegenteil: Atomenergie f\u00fchrt zu einer noch viel gr\u00f6\u00dferen Abh\u00e4ngigkeit vom Kreml. Wie das l\u00e4uft, sieht man an den Beispielen Frankreich und Schweiz, aber auch am Beispiel Ungarn. Die Regierung von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/die-pressefreiheit-in-ungarn\/\">Viktor Orb\u00e1n<\/a> hat sich ganz vom politischen Wohlwollen Putins abh\u00e4ngig gemacht, um billiges Gas zu bekommen und zwei AKW mit russischen Darlehen bauen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nUm diesen Zirkel zu durchbrechen, sind der Protest und Widerstand gegen Fabriken der Uranverarbeitung, wie die Brennelementefabrik in Lingen, enorm wichtig. Sie sind die Schwachstellen bei der weiteren Kooperation zwischen Rosatom und den jeweiligen AKW-Betreibern. Und es zeigt sich, wie grundfalsch es war und ist, die Brennelementeproduktion in Lingen und die Urananreicherung im westf\u00e4lischen Gronau beharrlich vom Atomausstieg auszuschlie\u00dfen. Wer f\u00fcr den Weltmarkt Uran anreichert und Brennelemente herstellt, ist auch f\u00fcr die dadurch verursachten Probleme und Krisen mitverantwortlich. Die Bundesregierung kann und darf sich nicht einfach wegducken.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">In atomarer Geiselhaft<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Folgen der v\u00f6llig verfehlten Atompolitik werden in Saporischschja besonders deutlich: Seit Monaten droht Europa dort die gr\u00f6\u00dfte Atomkatastrophe der Geschichte. Sollte der st\u00e4ndige Beschuss die Stromversorgung des AKW endg\u00fcltig kappen oder ein direkter Treffer einen AKW-Block zerst\u00f6ren, ist jederzeit ein Super-GAU m\u00f6glich \u2013 ein echtes Horrorszenario.<br \/>\nDoch warum laufen in der Ukraine noch immer so viele AKW, und wer beliefert sie eigentlich? Nach Putins Besetzung der Krim 2014 wollte die Ukraine sich unabh\u00e4ngig von russischem Uranbrennstoff machen und klopfte in Westeuropa an. Die Regierungen in Berlin, Den Haag und London zeigten sich hilfsbereit: Sie boten an, dass ihr gemeinsamer Urananreicherer Urenco zuk\u00fcnftig unter anderem aus Gronau und Almelo das Uran f\u00fcr Brennelemente liefert, die der US-Konzern Westinghouse dann in Schweden produziert. Derzeit werden sechs von 15 ukrainischen AKW-Bl\u00f6cken von Urenco beliefert, vier davon in Saporischschja!<br \/>\nWenn wir also t\u00e4glich Schreckensmeldungen von dort sehen, dann sollten wir daran denken, dass auch die Bundesregierung \u00fcber Urenco einen gewichtigen Anteil daran hat, dass diese AKW \u00fcberhaupt noch betrieben werden. Die Chance, die Ukraine zu einer zukunftsf\u00e4higen Energiewende zu bewegen, wurde so vertan \u2013 die Folgen m\u00fcssen wir nun alle tragen, denn ein Atomungl\u00fcck w\u00fcrde auch uns betreffen. Das hat die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 bewiesen. Nun lebt die Ukraine in atomarer Geiselhaft.<br \/>\nAtomenergie ist nicht die L\u00f6sung der Energie- und Klimaprobleme, sondern versch\u00e4rft diese nur. Deshalb rufen die regionalen Anti-Atom-Initiativen aus dem Emsland und M\u00fcnsterland zusammen mit vielen weiteren Umweltorganisationen f\u00fcr den 1. Oktober zu einer Anti-Atom- und Energiewendedemo in Lingen auf. Es ist h\u00f6chste Zeit f\u00fcr eine radikale Kehrtwende in der Energiepolitik \u2013 und dazu geh\u00f6rt ein sofortiger und vollst\u00e4ndiger Atomausstieg!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eigentlich unfassbar: Im seit Monaten umk\u00e4mpften und unter Beschuss stehenden ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja f\u00fchrt der Kreml-Atomkonzern Rosatom die fachliche Aufsicht f\u00fcr die russische Besatzungsarmee und ist damit aktiv am Besatzungsregime beteiligt. Die vor Ort festgesetzte ukrainische AKW-Belegschaft muss sich mit den Rosatom-Vertreter:innen abstimmen und kann nicht frei entscheiden. 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