{"id":2864,"date":"1999-10-01T00:00:15","date_gmt":"1999-09-30T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2864"},"modified":"2022-07-26T14:17:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:00","slug":"anarchafeminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/anarchafeminismus\/","title":{"rendered":"AnarchaFeminismus"},"content":{"rendered":"<p>Die Anarcha-Feministinnen und ihre sozialrevolution\u00e4ren Entw\u00fcrfe sind bis heute weitgehend ein Tabu geblieben.<\/p>\n<p>Die Autorin geht den Spuren dieser Tabuisierung nach. Konturen sowie Strukturen des anarcha-feministischen Engagements werden von ihr aufgezeigt. Der Hauptteil des Buches besch\u00e4ftigt sich auch mit bisher weniger ber\u00fccksichtigten Anarchistinnen, beispielsweise mit der russischen Sozialrevolution\u00e4rin Vera Figner oder der Pariser Kommunardin Louise Michel. Im Gegensatz zu m\u00e4nnlichen anarchistischen Theoretikern und Zeitgenossen versuchten die libert\u00e4ren Feministinnen zumeist bewu\u00dft, Theorie und Praxis zu verbinden, besonders im Hinblick auf die soziale Frage. Die Anarcha-Feministinnen &#8222;thematisierten die spezifisch weiblichen Lebensbedingungen, Probleme und Benachteiligungen ihrer Zeitgenossinnen.&#8220; Sie forderten die \u00f6konomische Unabh\u00e4ngigkeit der Frau, berufliche Selbstverwirklichung, sexuelle Befreiung, Geburtenkontrolle, Aufl\u00f6sung der Ehe als Zwangsform. Exemplarisch zeigt sich das am vielseitigen Lebenswerk der bekannten Anarchistin Emma Goldman. Zu ihr schreibt die Autorin: &#8222;Die Grundlage von Goldmans anarchistischen Positionen bildete die Ablehnung von Staat, kapitalistischem Wirtschaftssystem und Religion als unterdr\u00fcckerische Institutionen, die ihrem Ziel, der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Freiheit des Menschen, entgegenstanden.&#8220; Die Erkenntnis, da\u00df staatliche Machtapparate sowie die ausbeuterischen Mechanismen des kapitalistischen Systems die Entfaltungsfreiheit der Menschen vehement beschneiden, bildet bis heute eine wesentliche Grund\u00fcberzeugung der anarcha- feministischen Position. Statt politischer Aktion wie der Teilnahme an Wahlen oder einem Engagement in Parteien propagierte Goldman &#8222;die direkte Aktion, (&#8230;) aber auch ein bewu\u00dftes Verhalten im pers\u00f6nlichen Umfeld.&#8220;<\/p>\n<p>Welchen Stellenwert nimmt nun die Verbesserung der weiblichen Lebensbedingungen innerhalb des gesamten politischen Befreiungsprozesses ein? Obwohl Goldman &#8222;die Befreiung der Frauen als Teil der Befreiung aller Menschen&#8220; sieht, fordert sie speziell f\u00fcr ihre Geschlechtsgenossinnen die radikalen Befreiung aus allen Zw\u00e4ngen des patriarchalischen und kapitalistischen Systems. Die Tatsache der Unterdr\u00fcckung der Frauen darf nicht als Nebenwiderspruch angesehen werden, &#8222;der sich mit der Abschaffung des Staates von selbst erledigt.&#8220; Und Goldman fordert: wenn Frauen wirklich frei sein wollen, m\u00fcssen sie sich &#8222;von der Emanzipation emanzipieren.&#8220; Unter &#8222;Emanzipation&#8220; versteht sie &#8222;die gesellschaftliche Gleichstellung&#8220; der Frauen. Diese aber kann f\u00fcr sie nicht das Ziel der Befreiung sein. Die Konzentration auf eine \u00e4u\u00dferlich erfolgreiche Integration in die vom kapitalistischen System beherrschte Arbeitswelt w\u00fcrden den Frauen Kraft und F\u00e4higkeiten f\u00fcr ihre eigentlich wichtigen Befreiungsprozesse rauben. Aus diesem Grund lehnt Goldman die &#8222;Herangehensweise der Frauenbewegung ab, die eine Gleichstellung der Frauen innerhalb des kapitalistischen Systems anstrebt.&#8220;<\/p>\n<p>Inwiefern sind die damaligen Anarcha-Feministinnen heute noch aktuell? Ein zentraler Aspekt in aktuellen feministischen Diskussionen ist die Kategorisierung des Geschlechts in &#8218;Sex&#8216; und &#8218;Gender&#8216;. &#8218;Sex&#8216; meint dabei das biologische Geschlecht, &#8218;Gender&#8216; das soziale oder kulturelle Geschlecht, also die in einer Kultur mit dem biologischen Geschlecht verkn\u00fcpften Erwartungen und Handlungsm\u00f6glichkeiten. Die Konstruktivistinnen unter den Feministinnen gehen davon aus, da\u00df geschlechtsspezifische Stereotype und Verhaltensweisen Resultate der jeweiligen Sozialisation und deshalb ver\u00e4nderbar (dekonstruierbar) sind. Sie arbeiten u.a. an Entwicklungsmodellen, die eine Gesellschaft zum Ziel haben, &#8222;in der die Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit keine Rolle mehr spielt und Menschen sich individuell, aufgrund ihrer Pers\u00f6nlichkeit&#8220; frei entfalten k\u00f6nnen. F\u00fcr diesen Proze\u00df der Dekonstruktion fordern die Konstruktivistinnen folglich &#8222;die Einbeziehung anderer Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse in feministische Theorien.&#8220;<\/p>\n<p>An diesem Punkt er\u00f6ffnet sich die Diskussion mit anarcha-feministischen Ans\u00e4tzen eigentlich wieder neu. Auch ihnen ging es nicht prim\u00e4r um die blo\u00dfe Gleichstellung der Frauen im Hinblick auf Integration. Auch sie haben ein Ziel vor Augen, in der sich die Menschen frei von geschlechtsspezifischen Stereotypen und Erwartungen entfalten k\u00f6nnen. Sie haben jedoch klar erkannt, da\u00df eine Ver\u00e4nderung der Verh\u00e4ltnisse zugleich die Analyse und radikale Transformation des kapitalistischen Systems beinhalten mu\u00df.<\/p>\n<p>Vorreiterinnen beim Aufbau einer libert\u00e4r-sozialistischen Gesellschaft waren in diesem Sinne die spanischen Anarchistinnen (ca. 1927-1939). Die Feministinnen innerhalb der libert\u00e4ren Bewegung Spaniens befanden sich in der bedr\u00fcckenden Situation, da\u00df &#8222;Sexismus (&#8230;) nicht als eigenst\u00e4ndiger Unterdr\u00fcckungsmechanismus anerkannt&#8220;, sondern als Ph\u00e4nomen behandelt wurde, &#8222;das sich mit der sozialen Revolution von selbst erledigen werde.&#8220; Die Organisationsstrukturen der libert\u00e4ren Gewerkschaft Spaniens (CNT) etwa erlaubten es nicht, da\u00df Anarcha- Syndikalistinnen ihre autonomen Interessen vertreten konnten. Es wurde in einem Umfeld agitiert, &#8222;dem kaum Frauen angeh\u00f6rten.&#8220; Beispielsweise wurden &#8222;proletarische Frauen (&#8230;) nicht als Gruppe mit spezifischen Problemen angesehen, sondern man ging davon aus, da\u00df sie dieselben Interessen h\u00e4tten wie die M\u00e4nner.&#8220; Frauen wurden zwar theoretisch in anarchistische Konzepte mit einbezogen, Unterschiede in Sozialisation und Lebenssituation zwischen den Geschlechtern wurden jedoch nicht ber\u00fccksichtigt. Es ging sogar soweit, da\u00df anarchistische M\u00e4nner die Ursachen f\u00fcr das fehlende &#8222;Engagement der Frauen (&#8230;) als ein Zeichen f\u00fcr die Minderwertigkeit der Frauen&#8220; sahen.<\/p>\n<p>Speziell die Anarcha-Feministinnen, die bereits vor 1936 in separaten Frauengruppen innerhalb der CNT organisiert waren, wehrten sich. Sie gr\u00fcndeten eine eigene Zeitschrift, &#8222;Mujeres Libres&#8220; (Die freien Frauen). Und sie gr\u00fcndeten eine gleichnamige autonome Organisation. Auf ihrem ersten nationalen Kongre\u00df 1937 gaben sich die &#8222;Mujeres Libres&#8220; eine landesweite Struktur. Mit der anarchosyndikalistischen Bewegung Spaniens wollten sie jedoch verwurzelt bleiben. Sie verstanden sich als autonom innerhalb der Gewerkschaft, welche landesweit f\u00f6derativ organisiert war. Sicher ist, da\u00df die Gruppen der &#8222;Mujeres Libres&#8220; regen Zulauf hatten. &#8222;So wuchsen sie zu einer Organisation mit \u00fcber 20.000 Mitgliedern in etwa 150 lokalen Vereinigungen.&#8220;<\/p>\n<p>Prim\u00e4res Ziel ihrer organisierten Bildungsarbeit war die F\u00f6rderung des Selbstbewu\u00dftseins von Frauen, damit sie &#8222;ein selbst\u00e4ndiges Leben f\u00fchren k\u00f6nnten&#8220;, jedoch auch damit sie zu &#8222;Akteurinnen einer revolution\u00e4ren Bewegung werden.&#8220; Unter dem Slogan &#8218;Capacitati\u00f3n&#8216; (Bef\u00e4higung) boten sie in D\u00f6rfern und St\u00e4dten allgemein- und berufsbildende Kurse f\u00fcr Frauen an. Da die Analphabetinnenrate unter den armen Frauen sehr hoch war, ging es ihnen zun\u00e4chst um Alphabetisierungskampagnen. Die Bildungsprogramme erweiterten sie auf m\u00f6glichst viele Bereiche: handwerkliche Ausbildung, Soziologie, Wirtschaft, Fremdsprachen, aber auch Kinder- und Gesundheitsf\u00fcrsorge. Obwohl die &#8222;Mujeres Libres&#8220; sich vorrangig als Organisation f\u00fcr Arbeiterinnen verstanden, erhielten sie auch Zuwachs von Frauen aus der b\u00fcrgerlichen Mittelschicht. Kernanliegen blieb jedoch die Unterst\u00fctzung und Ausbildung mittelloser Frauen sowie ungelernter Arbeiterinnen. &#8222;Einen gro\u00dfen Stellenwert in der revolution\u00e4ren Arbeit der Mujeres Libres hatte die Kampagne gegen die Prostitution.&#8220; Die Gruppen richteten Zentren f\u00fcr Prostituierte ein, um moralische Unterst\u00fctzung, medizinische Versorgung, berufliche Ausbildung und materielle Hilfe bieten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Mujeres Libres&#8220; waren in erster Linie eine basisdemokratische Organisation, die allen Mitgliedern die M\u00f6glichkeit zur \u00f6ffentlichen Meinungs\u00e4u\u00dferung gab. Da sie nicht autorit\u00e4r organisiert waren, hatten sie keine erzwungen einheitliche Position, &#8222;was unter der angestrebten Befreiung der Frau zu verstehen sei.&#8220; Am deutlichsten zeigt sich das wohl in dem Dilemma, da\u00df &#8222;f\u00fchrende Theoretikerinnen der Mujeres Libres den Standpunkt vertraten, Frauen d\u00fcrften sich nicht auf ihre Funktion innerhalb der Familie reduzieren lassen&#8220; , w\u00e4hrend die anarchistische Ministerin Federica Montseny die spanischen Frauen zum Kinderkriegen aufrief. Ihre Einstellung war durchaus typisch f\u00fcr die Mehrzahl der spanischen Anarchistinnen, selbst f\u00fcr viele Mitglieder der &#8222;Mujeres Libres&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Anarcha-Feministinnen und ihre sozialrevolution\u00e4ren Entw\u00fcrfe sind bis heute weitgehend ein Tabu geblieben. Die Autorin geht den Spuren dieser Tabuisierung nach. Konturen sowie Strukturen des anarcha-feministischen Engagements werden von ihr aufgezeigt. Der Hauptteil des Buches besch\u00e4ftigt sich auch mit bisher weniger ber\u00fccksichtigten Anarchistinnen, beispielsweise mit der russischen Sozialrevolution\u00e4rin Vera Figner oder der Pariser Kommunardin Louise &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/anarchafeminismus\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"AnarchaFeminismus - graswurzelrevolution","description":"Die Anarcha-Feministinnen und ihre sozialrevolution\u00e4ren Entw\u00fcrfe sind bis heute weitgehend ein Tabu geblieben. Die Autorin geht den Spuren dieser Tabuisierung n"},"footnotes":""},"categories":[178,44,1038,1042],"tags":[],"class_list":["post-2864","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-242-oktober-1999","category-bucher","category-kleine-unterschiede","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2864","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2864"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2864\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}