{"id":28732,"date":"2022-10-13T13:19:21","date_gmt":"2022-10-13T11:19:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=28732"},"modified":"2022-11-17T01:14:23","modified_gmt":"2022-11-16T23:14:23","slug":"eine-neue-dimension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/eine-neue-dimension\/","title":{"rendered":"Eine neue Dimension"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Wir blicken kurz zur\u00fcck. Ausgel\u00f6st durch Benzinpreiserh\u00f6hungen kam es 2019 zu den wohl gr\u00f6\u00dften landesweiten Protesten in der Geschichte der islamischen Republik. Protestierende auch aus \u00e4rmeren Schichten eroberten die Stra\u00dfen. Sie z\u00fcndeten Polizei- und Regierungsgeb\u00e4ude an. Das Regime t\u00f6tete gesch\u00e4tzt 1.500 Menschen. Die Tage sind heute als \u201eBlutiger November\u201c bekannt. Man fand gefolterte und ermordete Menschen in Abwasserkan\u00e4len und Stauseen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Als im Januar 2020 das Milit\u00e4r den Flug 752 der Ukraine International Airlines in Teheran mit Flugabwehrraketen abschoss und 176 Menschen starben, sah es nicht danach aus, als ob die Lage sich beruhigen w\u00fcrde. Erst mit dem heftigen Einbruch der Coronapandemie \u00e4nderte sich die Situation im Land.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><b>Aufgeschoben ist nicht aufgehoben<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Das Missmanagement und die Unwilligkeit des islamischen Regimes f\u00fchren jedoch von einer Krise in die n\u00e4chste. Nach der Pandemie folgten im Sommer 2021 die Wasserproteste in Chuzestan. Von der mehrheitlich arabischen Bev\u00f6lkerung in Chuzestan breiteten sie sich schnell nach Isfahan und dar\u00fcber hinaus aus. Im Mai 2022 st\u00fcrzte erneut ein Hochhaus ein, diesmal in Abadan. Was, wenn erst das erwartete \u201egro\u00dfe Beben\u201c kommt? Lehrkr\u00e4fte und Ingenieur*innen werden oft monatelang nicht bezahlt und m\u00fcssen streiken, w\u00e4hrend die islamischen Stiftungen, Bonyad genannt, gro\u00dfz\u00fcgig bedacht werden. W\u00e4hrend im Land der Frauenanteil in naturwissenschaftlichen F\u00e4chern \u00fcber 50 Prozent liegt, weit h\u00f6her als in westlichen Industriel\u00e4ndern, predigen alte Mullahs im Fernsehen, dass der Platz einer Frau hinter den T\u00fcren ihres Heimes sei und nirgendwo sonst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><b>Der Funke<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Es fehlte nur ein Funke. Mahsa Jina Amini wurde im Polizeigewahrsam get\u00f6tet. Zeug*innenaussagen vor Ort, R\u00f6ntgenaufnahmen und Aussagen der Familie belegen dies. Der behandelnde Arzt und die Journalistin Nilufar Hamedi wurden verhaftet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Aus den Protesten an Jina Aminis Grab in der Provinz Kurdistan erwuchsen schnell landesweite Kundgebungen, und mit der Ablegung des Kopftuches bei ihrer Beerdigung wurde der kurdische Ruf \u201eJin, Jiyan, Azad\u00ee\u201c (dt. \u201eFrau, Leben, Freiheit\u201c) ins Persische \u00fcbertragen und zur Parole der Bewegung.<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Losl\u00f6sung von Forderungen an das Regime, nach Reformen oder nach der Durchsetzung von Kompromissen und Anf\u00fchrern hat der Bewegung eine Weite und Perspektiven gegeben<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">\u00dcber die Bedeutung der iranischen Frauenbewegung und die Unterdr\u00fcckungserfahrungen der Iranerinnen mit der Sittenpolizei \u201eGasht-e Ershad\u201c wurde bereits viel geschrieben. Ich m\u00f6chte den Blick auf einen wichtigen Punkt werfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Das Ablegen des Hejab als ein Akt der Selbsterm\u00e4chtigung: Nicht nur symbolisch auf Demonstrationen wird das Kopftuch angez\u00fcndet. In diesen Tagen sehen wir immer mehr Frauen, die in Alltagssituationen ohne Kopftuch unterwegs sind. Studierende an Universit\u00e4ten heben die Geschlechtertrennung in den Mensen auf. Sch\u00fclerinnen landesweit legen nicht nur den Hejab ab, sondern entfernen die Abbildungen des Religionsf\u00fchrers Chamenei von den W\u00e4nden und rei\u00dfen sie aus den Schulb\u00fcchern. Sie richten sich gegen die Diktatur und die ideologischen Lehrinhalte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Das Lied \u201eBaraye\u201c (dt. \u201eF\u00fcr\u201c) des iranischen S\u00e4ngers Shervin Hajipour wird zu einer Hymne der jungen Bewegung, zu einem Manifest. Darin werden die k\u00fcnstlerischen Freiheiten, die Umweltprobleme, Tierschutz, die Armut und Stra\u00dfenkinder, die Misswirtschaft, die psychischen Probleme, Transsexualit\u00e4t, der religi\u00f6se Fundamentalismus und die politischen Gefangenen angesprochen. Die Iraner*innen spielen den Song auf den Stra\u00dfen und nachts aus den Fenstern ihrer Hochhausappartments.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Die Losl\u00f6sung von Forderungen an das Regime, nach Reformen oder nach der Durchsetzung von Kompromissen und Anf\u00fchrern hat der Bewegung eine Weite und Perspektiven gegeben. Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt dazu auch, sich radikal gegen die Manifestationen des Regimes zu wenden und gegen die Staatsgewalt oft mit blo\u00dfer Hand zur Wehr zu setzen. Plakate und Wachh\u00e4uschen brennen. Graffitis \u00fcberall.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><b>Eine neue Dimension des Protests<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Bemerkenswert ist die Solidarit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung untereinander. Was mit Mahsa Amini begann, bedeutet: Niemand bleibt allein. Ihr Ruf: \u201eHabt keine Angst, wir stehen alle zusammen\u201c. Belutsch*innen im Osten des Landes rufen \u201eF\u00fcr Kurdistan\u201c und Kurd*innen im Westen \u201eDie Ehre der Belutschen ist auch unsere Ehre.\u201c Als die Studierenden der Sharif-Universit\u00e4t brutal von den Sicherheitskr\u00e4ften angegriffen werden, versuchen die Teheraner*innen mit allen Kr\u00e4ften, sich vor Ort zu versammeln oder mit ihren Fahrzeugen die Stra\u00dfen zu blockieren. Die Iraner*innen haben gelernt, in jedem Video Ort und Datum zu nennen, um Irritationen und Fakenews vorzubeugen. \u201eDie iranische Gesellschaft ist gewachsen, bewusster geworden, \u2026 wendet neue Taktiken an\u201c, umschreibt der Popmusiker Dariush im Interview die neue Qualit\u00e4t der Bewegung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Wir sehen Bilder von Gefangenenbefreiungen und Sicherheitskr\u00e4fte, die sich vor Angriffen zur\u00fcckziehen m\u00fcssen. Selbst wo geschossen wird, stehen Menschen am Stra\u00dfenrand und rufen \u201eBisharaf\u201c (dt. \u201eEhrlos\u201c). Die Einzelh\u00e4ndler*innen streiken. Als der gro\u00dfe Bazar in Teheran schlie\u00dft, sorgt er f\u00fcr eine Massendemo im Zentrum. Arbeiter*innen in der Petrochemie in Bushehr traten in den Streik. Inzwischen befinden wir uns in der vierten Woche der t\u00e4glichen Proteste, und die Menschen sind entgegen aller Brutalit\u00e4t des Regimes bisher nicht bereit, die Initiative erneut aus der Hand zu geben.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir blicken kurz zur\u00fcck. Ausgel\u00f6st durch Benzinpreiserh\u00f6hungen kam es 2019 zu den wohl gr\u00f6\u00dften landesweiten Protesten in der Geschichte der islamischen Republik. Protestierende auch aus \u00e4rmeren Schichten eroberten die Stra\u00dfen. Sie z\u00fcndeten Polizei- und Regierungsgeb\u00e4ude an. Das Regime t\u00f6tete gesch\u00e4tzt 1.500 Menschen. Die Tage sind heute als \u201eBlutiger November\u201c bekannt. 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