{"id":28773,"date":"2022-10-27T19:09:09","date_gmt":"2022-10-27T17:09:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/vom-radieschen-zur-reichsflugscheibe\/"},"modified":"2022-12-07T13:20:30","modified_gmt":"2022-12-07T11:20:30","slug":"vom-radieschen-zur-reichsflugscheibe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/vom-radieschen-zur-reichsflugscheibe\/","title":{"rendered":"Vom Radieschen zur Reichsflugscheibe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBioladen in L\u00f6llbach: Solidarische Landwirtschaft soll allen helfen\u201c, berichtete die Rhein-Zeitung am 20. Januar 2022 aus Rheinland-Pfalz. \u201eDer Bioladen Achtsamland bildet die Keimzelle f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Projekt, das in diesem Fr\u00fchjahr startet. Inhaberin Claudia Rheins Idee ist nicht neu und verspricht Erfolg. Sie lehnt sich dabei an ein erfolgreiches Konzept vieler Bioh\u00f6fe an: die Solidarische Landwirtschaft (Solawi).\u201c<br \/>\nDas klingt progressiv. Schlie\u00dflich setzt das Konzept der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-eroberung-des-brotes\/\">Solawis<\/a> auf eine selbstorganisierte und solidarische Kooperation zwischen Verbraucher*innen und Erzeuger*innen, um Markt und Verwertungszwang zu Gunsten einer regionalen, fairen, unabh\u00e4ngigen, b\u00e4uerlichen und \u00f6kologischen Landwirtschaft auszuhebeln. Das Projekt um das \u201eAchtsamland\u201c soll \u201edie Basis des notwendigen Wandels in unserer Gesellschaft sein\u201c, denn es sei \u201ean der Zeit, jeglichen unw\u00fcrdigen Wettbewerb zu beenden\u201c, hei\u00dft es auf der Website des dazugeh\u00f6rigen Vereins \u201elebe einfach e. V.\u201c Achtsamkeit, Respekt und \u201eEhrfurcht vor dem Leben\u201c seien Triebfedern des Engagements.<br \/>\nIm Kanal des Projekts auf dem Messenger-Dienst Telegram sind jedoch mitunter ganz andere Positionen zu finden. So postete eine Nutzerin etwa Falschinformationen und <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/querdenker-demos-in-schwarz-weiss-rot\/\">Querdenken-Propaganda<\/a> gegen selbst basalste Ma\u00dfnahmen zur Pandemie-Bek\u00e4mpfung wie Masken und Impfungen. Doch Claudia Rhein bittet ihre Nutzer*innen, \u201e(a)uch noch so gute Posts\u201c zu diesem Thema nicht in die Gruppe zu stellen. Sie diene der realweltlichen Vernetzung. Zu politisch soll es also beim \u201eAchtsamland\u201c nicht zugehen. Daf\u00fcr weicht eins lieber auf andere Kan\u00e4le aus. Dennoch leitete Rhein selbst etwa Inhalte und Werbung rechtsradikaler Verschw\u00f6rungsapologet*innen wie Eva Herman oder des Kopp-Verlags in die Gruppe des \u201eAchtsamlands\u201c weiter. Zwei Nutzerinnen stellen sich als Teil des \u201eWiderstands\u201c vor.<br \/>\nDie Pandemiejahre haben eindr\u00fccklich verdeutlicht, wie anf\u00e4llig Menschen f\u00fcr simple Erkl\u00e4rungsmuster sind und wie gern sie einfache Feindbilder \u00fcbernehmen und bedienen. Corona verharmlosenden oder gar leugnenden Demonstrant*innen wurde immer wieder zu Recht vorgeworfen, rechtsoffen zu sein und den N\u00e4hrboden zu bereiten f\u00fcr einen weiteren Rechtsruck der Gesellschaft. Aber wie genau funktioniert diese Entwicklung, worin liegt die Sogwirkung? Was bringt eigentlich \u00f6kologisch orientierte Menschen, die die Welt um sich herum kritisch betrachten, zu v\u00f6lkischen Siedler*innen?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">V\u00f6lkisch-esoterische Romanvorlage<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Versuch, pers\u00f6nliche Entwicklungen und Motive zu begreifen, tauchen wir ein in die Welt v\u00f6lkischer Siedler*innen. An einer Figur kommen wir dabei nicht vorbei: Anastasia. Sie stammt aus der zehnb\u00e4ndigen Romanreihe \u201eDie klingenden Zedern Russlands\u201c von Wladimir Megre und wird auch in Deutschland geradezu religi\u00f6s verehrt. Die B\u00fccher, deren deutsche \u00dcbersetzungen zwischen 1999 und 2011 erschienen sind, beinhalten neben Esoterik und Naturromantik genaue Instruktionen zur Gestaltung so genannter Familienlandsitze, also ein Hektar gro\u00dfer H\u00f6fe zur Selbstversorgung einer Familie oder Sippe. Aber auch: Frauen verachtende und heteronormative Geschlechtervorstellungen, Verschw\u00f6rungsmythen sowie v\u00f6lkische, rassistische und antisemitische Ideologie.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>F\u00fcr einen kollektiven Widerstand gegen die verst\u00e4rkte Landnahme v\u00f6lkischer \u00d6kos gibt es zwar kein Patentrezept, aber doch einige ermutigende Beispiele. So konnte das Anwachsen einer Regionalgruppe der \u201eAkademie Engelsburg\u201c in Flensburg gest\u00f6rt werden, weil deren \u00f6ffentliches Treffen von lauten Tr\u00f6ten und Redebeitr\u00e4gen begleitet und deren Chat auf Telegram unterwandert wurde.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als \u201eGeschenk der Liebe an die Menschheit\u201c werden die B\u00fccher angepriesen, auf youtube werden Besprechungen hunderttausendfach geklickt, zahlreiche Telegram-Kan\u00e4le mit tausenden Mitgliedern allein im deutschsprachigen Raum widmen sich explizit der Anastasia-Ideologie, Blogger*innen greifen Zitate aus den B\u00fcchern auf, und seit \u00fcber zehn Jahren existiert mit \u201eGarten WEden\u201c ein Monatsmagazin f\u00fcr Selbstversorgung, das sich explizit auf den \u201eTraum Anastasias\u201c bezieht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Von der Naturverbundenheit zur Verschw\u00f6rungsideologie &#8230;<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Online-Forum \u201e\u00d6kologisch Siedeln\u201c beschreibt eine 57-j\u00e4hrige Tierheilpraktikerin mit Schwerpunkt Hom\u00f6opathie, die Aussagen Anastasias seien f\u00fcr sie die \u201efehlenden Puzzle-Teilchen\u201c, die sie \u201eimmer gesucht habe\u201c. Bisher habe sie nur ein Hochbeet, jetzt wolle sie \u201eRichtung Selbstversorgung starten\u201c. Eine alleinerziehende Mutter schildert, sie habe psychische und physische Gewalt erlebt, sei vor ihrem \u201eNochehemann\u201c geflohen, habe nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung keinen Kontakt mehr zu zweien ihrer Kinder und suche \u201edringend eine Gemeinschaft\u201c. Sie hoffe, samt ihrer \u00e4ngstlichen einj\u00e4hrigen H\u00fcndin \u201ebald Anschluss\u201c zu finden.<br \/>\nAuf die Frage, was Menschen motiviert, sich gerade in Anastasia-affinen Communitys zu organisieren, antwortet eine Person, sie sei zwar \u201ezu vielem auch anderer Meinung, aber Diskurs ist ja das, was der Gesellschaft aus meiner Sicht abhanden gekommen ist.\u201c Sie erg\u00e4nzt: \u201eMich interessiert vor allem die Verbindung zur Natur, die ich f\u00fcr Menschen f\u00fcr elementar halte, der Schutz der B\u00f6den und der Luft. Au\u00dferdem finde ich hier gl\u00fccklicherweise niemanden, der auf Atomenergie steht und der R\u00fcstungsausgaben toll findet. Vieles von dem, wof\u00fcr die Gr\u00fcnen vor Jahrzehnten standen, die ich aber heute als Totalausfall empfinde.\u201c<br \/>\nDoch mit der Presse sprechen wollen die Anastasia-Anh\u00e4nger*innen in der Regel nicht. Sp\u00e4testens als klar wird, dass auch kritische Fragen zu erwarten sind, werden Gespr\u00e4che abgebrochen, aus manchen Foren werden wir verbannt. Auch Claudia Rhein aus dem \u201eAchtsamland\u201c, die wir ebenfalls bei \u201e\u00d6kologisch Siedeln\u201c wiederfinden, sagt einen Interviewtermin kurzfristig ab.<br \/>\nGro\u00dfe Entt\u00e4uschungen und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft verbinden auch hunderte Menschen im \u201eLandsitzliebe\u201c-Single-Chat. Unter dem Deckmantel einer harmlosen \u00d6ko-Single-Plattform werden hier wie selbstverst\u00e4ndlich und unwidersprochen patriarchale Geschlechterrollen reproduziert und antisemitische B\u00fccher empfohlen. Mittlerweile existieren im deutschsprachigen Raum hunderte \u2013 wenn nicht gar tausende \u2013 solcher Gruppen, deren Inhalte vielfach unkommentiert geteilt werden und flie\u00dfend ineinander \u00fcbergehen. Von vermeintlicher Coronaaufkl\u00e4rung und Gartentipps \u00fcber Buchempfehlungen und Singlechats bis zu Reichsb\u00fcrgerideologie und Tag-X-Vorbereitung: Vom Radieschen zur Reichsflugscheibe sind es nur wenige Klicks.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">&#8230; und raus aufs Land<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits rund 20 reale Hofprojekte allein in Deutschland beziehen sich explizit auf die Ideenwelt Anastasias; zahlreiche Initiativen in Gr\u00fcndung kommen hinzu. Prominent und aktiv sind etwa \u201eGoldenes Grabow\u201c in Brandenburg, \u201eWeda Elysia\u201c im Harz und der \u201eMutterhof\u201c im Allg\u00e4u.<br \/>\nIn der vertr\u00e4umten, d\u00fcnn besiedelten Prignitz auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg liegt das \u201eGoldene Grabow\u201c. Seit sich die Anastasia-Anh\u00e4nger*innen in Grabow bei Blumenthal niederlie\u00dfen, haben einige der rund 200 Ortsans\u00e4ssigen Angst. Kritiker*innen werden eingesch\u00fcchtert. \u201eSpinner, dachte ich zu Anfang. Aber sie haben sich ja schon ganz klar zu erkennen gegeben, dass sie nicht nur \u00d6ko-Spinner sind\u201c, sagte eine Anwohnerin, die anonym bleiben m\u00f6chte, gegen\u00fcber dem Deutschlandfunk Kultur ((1)). \u201eNach au\u00dfen wird immer pr\u00e4sentiert: Wir wollen nur unsere Biokartoffeln anbauen und nachhaltig leben.\u201c Tats\u00e4chlich finden hier auch rechtsradikale Veranstaltungen statt. Beim \u201eAnastasia-Festival\u201c 2015 stand ein Teil der aus dem v\u00f6lkischen Freibund der 1990er-Jahre bekannten Widmer-Sippe auf der Grabower B\u00fchne. Zum Projekt sollen bereits mehr als 80 Hektar Land geh\u00f6ren.<br \/>\nGanz im S\u00fcden der Republik im Markt Unterthingau im Ostallg\u00e4u liegt der \u201eMutterhof\u201c. In seinem professionellen PR-Video kommt dieser als modernes Pionierprojekt f\u00fcr eine \u00f6kologische und nachhaltige Zukunft daher. Projektgr\u00fcnder und Permakultur-Enthusiast Robert Briechle beklagt darin den \u201eHumus- und Artenschwund\u201c sowie das \u201eDegenerieren der Agrarfl\u00e4chen\u201c. Dagegen soll sein Hofprojekt \u201em\u00f6glichst vielen Menschen einen Weg f\u00fcr ein Leben auf dem Land im Einklang mit der Natur er\u00f6ffnen und damit die ganzen Lebensr\u00e4ume f\u00fcr alle Lebewesen erschaffen.\u201c Mit einem w\u00f6chentlichen Obst- und Gem\u00fcsemarkt lockt Briechle Produzierende und Konsumierende aus der ganzen Region auf den \u201eMutterhof\u201c. In einem Gespr\u00e4ch, das im Juli 2020 auf youtube ver\u00f6ffentlicht wurde ((2)), spricht der Landwirt allerdings mit dem Brandenburger Neonazi Frank Willy Ludwig \u00fcber seine \u201eAufgabe f\u00fcr den Stamm, f\u00fcr das Volk, f\u00fcr das Heil der Erde und das Heil der Wesen auf der Erde\u201c. Am Ende des Gespr\u00e4chs erw\u00e4hnt Ludwig eine \u201eVerantwortung der wei\u00dfen Rasse\u201c.<br \/>\nAuf Strategieschulungen f\u00fcr die Anastasia-Bewegung erkl\u00e4rte Ludwig, worum es der Bewegung gehen soll, wie ein der ARD zugespieltes Video zeigt: \u201eK\u00fcmmert euch um eure Frau. Zeugt Kinder. Schafft euch einen Garten an, fertig. Das ist es doch, was der F\u00fchrer auch gesagt hat. Blut und Boden. Kraft durch Freude.\u201c Nur nach au\u00dfen sollen die Siedler*innen ganz anders auftreten: \u201eGr\u00fcndet etwas Sch\u00f6nes. [&#8230;] Die bezaubern dann auch die Leute, wenn sie \u00f6ffentlich auftreten, durch Gesang und durch die Kleidung und durch Tanz. Das ist wichtig. Weil wenn du dich im Volk beliebt machst, kann kein Politiker, keine dunkle Macht mehr sagen: \u201aEy, das sind B\u00f6se\u2018. Dann sagen die: \u201aMoment mal, die habe ich doch beim Konzert erlebt. Wie k\u00f6nnen die b\u00f6se sein, die sind doch toll.\u2018\u201c<br \/>\nAls Beispiel f\u00fcr dieses Vorgehen nennt Ludwig \u201eWeda Elysia\u201c. Das Projekt wirbt mit einem Imagekurzfilm mit dem Titel \u201eHerzkraft\u201c f\u00fcr die eigene Ideologie. Die \u201eKraft der Heimat\u201c wird darin beschworen, Frauen tauchen meist in langen R\u00f6cken auf und betonen die Wichtigkeit der Bindung von Kindern an ihre Wurzeln. Von eigener Kultur, Tradition und Brauchtum ist die Rede, vom Wissen der Ahnen und von Volkstanz und Heimatliedern. Geflochtene Z\u00f6pfe und Spinnr\u00e4der f\u00fcr die Frauen stehen sensenden und bauenden M\u00e4nnern gegen\u00fcber. Nicht Teil des Videos: Die ideologische und pers\u00f6nliche N\u00e4he der Bewohner*innen \u201eWeda Elysias\u201c zu Reichsb\u00fcrgerbewegung, Identit\u00e4ren und anderen Rechtsradikalen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Anastasias Weltanschauung: antisemitisch, rassistisch und misogyn<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLaut Mainstream sind wir alle Nazis lol\u201c, kommentiert ein User bei youtube ein Anastasia-Video und liefert damit eine f\u00fcr die Szene symptomatische Reaktion auf Kritik. Selbstverst\u00e4ndlich sind nicht alle Menschen, die Interesse oder Bewunderung f\u00fcr Anastasia zeigen, \u00fcberzeugte Nazis, aber das ist auch selten der Vorwurf. Insofern ist die Abwehrhaltung ein Strohmann-Argument: Es widerlegt eine so gar nicht aufgestellte Behauptung.<br \/>\nDie Methode begegnet uns bei unseren Recherchen immer wieder. Selbst relative Neulinge, die \u00fcber m\u00f6glichst unpolitisch gehaltene Gruppen wie die von Claudia Rhein akquiriert werden, leugnen immer wieder die v\u00f6lkische Grundlage Anastasias. Beide Strategien dienen der Selbstverharmlosung der Szene und sind inzwischen aus Querdenken-Kreisen sattsam bekannt. Nach ehrlichem Interesse daran, wie die Neue Rechte funktioniert, oder einer kritischen Auseinandersetzung mit den antisemitischen und rassistischen Inhalten der Romanreihe k\u00f6nnen wir innerhalb der Anastasia-Fanszene nur vergeblich suchen.<br \/>\nAngesichts der Inhalte der B\u00fccher ist das h\u00f6chst beunruhigend. \u201eDas j\u00fcdische Volk\u201c habe \u201evor den Menschen Schuld\u201c \u2013 und w\u00fcrde deshalb seit Jahrhunderten verfolgt, hei\u00dft es in Band 6 der Anastasia-Reihe. Und in Band 7 wird dann weiter behauptet, vielen j\u00fcdischen Menschen gel\u00e4nge es \u201eganz gut\u201c, \u201eso viel Geld wie nur m\u00f6glich in ihren H\u00e4nden zu konzentrieren\u201c, und: \u201eIn vielen L\u00e4ndern der Welt\u201c best\u00fcnden \u201edie Bankvorst\u00e4nde aus Juden und das ist ihre Aufgabe.\u201c Au\u00dferdem schreibt Megre: \u201eWenn es erforderlich ist, k\u00f6nnen die Leviten nat\u00fcrlich auch den Bankprofis einen Ratschlag geben, welche Anlagen momentan vielversprechend sind. Sie k\u00f6nnen allerdings auch ihre Empfehlungen abgeben, welches Regime, welche Gruppierungen oder Oppositionsbewegungen zu unterst\u00fctzen oder mit Hilfe von finanziellen Intrigen zu vernichten sind.\u201c Im Klartext: Eine kleine Gruppe j\u00fcdischer Menschen im Hintergrund steuere das Weltgeschehen \u2013 der antisemitische Verschw\u00f6rungsmythos schlechthin.<br \/>\nUnd auch Megres Vererbungs- und Rassenlehre ist nur schwer zu ertragen. In Band 8 schreibt er: \u201eDer erste Mann im Leben einer Jungfrau pr\u00e4gt ihr einen Stempel seines Geistes und seines Blutes auf. Er bestimmt ein psychisches und physisches Bild der Kinder vor, die sie geb\u00e4ren wird. Alle anderen M\u00e4nner, die mit ihr intime Verh\u00e4ltnisse haben werden, um eventuell ein Kind zu zeugen, sind letztlich nur Samenspender und \u00dcbertr\u00e4ger von Geschlechtskrankheiten.\u201c Die Schilderungen von Ritualen, bei denen \u201edas M\u00e4dchen\u201c als \u201eZeichen des Gehorsams\u201c den Kopf senkt (Band 6), illustrieren wenig \u00fcberraschend das unter Anastasia-Anh\u00e4nger*innen bevorzugte Geschlechterverh\u00e4ltnis. Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei erw\u00e4hnt, dass die Romane neben den Schilderungen der Weltanschauung der Frau aus der Taiga auch Szenen enthalten, in denen Kleinkinder mit Hilfe von Mammuts die Welt retten oder eine Gruppe Prostituierter am Strand Bandenbosse zusammenschie\u00dft.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Per Milit\u00e4rdiktatur vom \u201esatanischen Konstrukt\u201c ins Deutsche Reich<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie kommen Menschen aus ihren Telegram-Blasen oder kruden Romanwelten zu realen Vernetzungen und Landsitzprojekten? Eine wichtige Schnittstelle ist die \u201eAkademie Engelsburg\u201c. Deren Oberguru Martin Laker hat im Mai 2021 \u00fcber seinen Telegram-Kanal mit immerhin 47.000 Abonnent*innen dazu aufgerufen, Regionalgruppen der \u201eAkademie Engelsburg\u201c zu gr\u00fcnden. Tausende Menschen in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz folgten dem Aufruf und gr\u00fcndeten innerhalb k\u00fcrzester Zeit hunderte Ortsgruppen bzw. in Gro\u00dfst\u00e4dten diverse Stadtteilgruppen. Sie gehen wandern, machen Stockbrot, tauschen sich \u00fcber Chemtrails, germanische Mythologie und Gem\u00fcseanbau aus \u2013 und eben \u00fcber Anastasias Ideen und deren Umsetzung.<br \/>\nLaut Laker stehe Anastasia \u00fcber allem und habe \u201eden ganz obersten Plan gemacht\u201c. Das Ziel sei, das jetzige \u201esatanische Konstrukt\u201c abzubauen und dann, nach einer mehrj\u00e4hrigen Phase der Milit\u00e4rdiktatur, ein Deutsches Reich zu errichten. Anastasia untergeordnet sei dann Q mit seinen Q-Anons, den \u201edigital soldiers\u201c der Bewegung, wie sich Laker auch selbst beschreibt. So verbindet der \u00d6ko-Guru die Ideenwelt Anastasias mit Querdenken- und Reichsb\u00fcrgerideologie.<br \/>\nIn den \u201eEngelsburger Neuigkeiten\u201c, seinem regelm\u00e4\u00dfigen Videoformat, betonte Laker im Mai 2021 zun\u00e4chst, die \u201eg\u00f6ttliche Sch\u00f6pfung\u201c sei \u201ekunterbunt\u201c, aber wenn er erlebe, wie \u201ejemand eine Gruppierung mit einer anderen zusammenmatscht\u201c, habe man \u201ekeine zwei unterschiedlichen Farben mehr, sondern man geht ins Mischen\u201c. Und genau das sei es, was \u201edie Globalisten die letzten 70 Jahre\u201c gemacht h\u00e4tten. Die Schlussfolgerung des antisemitischen Rassisten: \u201eUnd das ist ganz ganz wichtig, dass wir bei unserer Farbe bleiben, jeder bei seiner\u201c.<br \/>\nWenige Wochen sp\u00e4ter kommentiert Laker die Shoah. Er sagt, unsere \u201eAhnen\u201c h\u00e4tten \u201egar nichts Schlimmes gemacht, das wurd\u02bc nur so verdreht, dass wir glauben, dass die was Schlimmes gemacht haben, und dass wir uns von denen distanzieren, und das ist falsch!\u201c Ob er den industriellen Massenmord der Nazis nun leugnet oder verherrlicht, geht aus Lakers Ausf\u00fchrungen nicht hervor.<\/p>\n<figure id=\"attachment_28914\" aria-describedby=\"caption-attachment-28914\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-28914\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/IMG_20191009_095341.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/IMG_20191009_095341.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/IMG_20191009_095341-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/IMG_20191009_095341-600x300.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/IMG_20191009_095341-768x384.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/IMG_20191009_095341-150x75.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28914\" class=\"wp-caption-text\">Direkt auf dem Anastasia-Landsitz Mutterhof in Unterthingau findet einmal w\u00f6chentlich der \u00f6rtliche Obst- und Gem\u00fcsemarkt statt, \u00fcber den sich Menschen aus der Umgebung versorgen. &#8211; Foto: Sebastian Lipp<\/figcaption><\/figure>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Was sch\u00f6n klingt, ist auch ein Gesch\u00e4ftsmodell<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar wirken selbstversorgende Siedlungsprojekte auf den ersten Blick nach dem Gegenteil von kapitalistischer Verwertungslogik, und doch steckt bei n\u00e4herer Betrachtung hinter zahlreichen Ans\u00e4tzen auch eine Methode, Geld zu verdienen. Nicht immer wird der zu zahlende Preis dabei \u201ePreis\u201c genannt, immer wieder ist stattdessen von \u201eEnergieausgleich\u201c die Rede. Bemessen wird letzterer aber auch in Euro, und das oft nicht zu knapp.<br \/>\nSo bewirbt Laker verschiedenste Produkte und Workshops. Eine der angepriesenen Erfindungen sind so genannte Naturharmoniestationen (NHS), die als Bausatz knapp 200 Euro und fertig montiert rund 500 Euro kosten. Zahlreiche Chatgruppen auf Telegram tauschen sich dar\u00fcber aus, welche Wetterver\u00e4nderungen angeblich auf den Einsatz solcher Naturharmoniestationen zur\u00fcckzuf\u00fchren seien, und die Miniversion f\u00fcr \u201enur\u201c 100 Euro als Halskette sch\u00fctze angeblich vor den vermeintlich gef\u00e4hrlichen Spike-Proteinen geimpfter Personen.<br \/>\nIm Vergleich zu den ebenfalls von Laker beworbenen Produkten der Firma \u201eAirnergy\u201c aus Hennef ist eine NHS jedoch sogar noch g\u00fcnstig. Bis zu 9.000 Euro kosten die dort angebotenen \u201eWaldluft-Generatoren\u201c, deren Effekt laut einer von der Internetplattform <a href=\"http:\/\/www.psiram.com\">psiram.com<\/a> zitierten Studie der Sportwissenschaftlerin Dr. Petra Platen nicht \u00fcber den Placeboeffekt hinausgeht.<br \/>\nUnd auch auf den Flugbl\u00e4ttern der Initiative \u201eWedenhain\u201c aus Schleswig-Holstein findet sich ein wohlwollender Hinweis auf eine Verk\u00e4uferin \u00e4therischer \u00d6le. Bei n\u00e4herer Betrachtung entpuppt sie sich schlicht als Teil eines Multilevel-Marketing-Modells, bei dem, \u00e4hnlich wie bei klassischen Schneeballsystemen, die Verkaufenden gedr\u00e4ngt werden, weitere Wiederverk\u00e4ufer*innen anzuwerben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Marshmallow-Seelen, Hohlerde und Mond-Raumstation<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mond, meint Laker, sei eine vor Hunderttausenden von Jahren in die Umlaufbahn gebrachte k\u00fcnstliche Raumstation. Er w\u00fcrde vielleicht auch bald weggebracht. Es seien zahlreiche Flugscheiben am Himmel unterwegs. Und er selber pendle zwischen dieser Welt der dritten Dimension und der f\u00fcnften. Menschen, die, wie Laker, an Leben oder Reisen in der f\u00fcnften Dimension glauben, k\u00f6nnen direkt Mitglied werden im 5D-Movement, strukturiert in bisher rund 25 Regionalgruppen im deutschsprachigen Raum. Eine Gemeinschaft, \u201ewo wir wir selbst sein d\u00fcrfen\u201c, sei diese Bewegung. Es gehe um das Spielen und Ausprobieren und darum, das \u201eParadies auf Erden\u201c zu erschaffen.<br \/>\nWenn wir eines bei unseren Recherchen immer wieder lernen, dann, dass es offenbar nichts gibt, das zu absurd w\u00e4re, es zu verbreiten, ohne den Zugewinn an Anh\u00e4nger*innen zu stoppen. Der \u201eGeistheiler Sananda\u201c, der ebenfalls die Anastasia-B\u00fccher empfiehlt, beschreibt in einem seiner Videos, ihm sei die Seele einer verstorbenen Person in Gestalt eines Marshmallows begegnet. Und von Christa Jasinski, Herausgeberin des bereits erw\u00e4hnten \u201eGarten WEden\u201c-Magazins, k\u00f6nnen wir im gleichnamigen Verlag auch noch die angeblichen Tagebuchaufzeichnungen ihres verstorbenen Mannes kaufen, der in neun B\u00fcchern von Zivilisationen auf der Innenseite der Erde berichtet und \u2013 wen wundert\u02bcs \u2013 antisemitische Verschw\u00f6rungsmythen bedient.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eDie sind mir eher alternativ vorgekommen\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit solchen Ideen besch\u00e4ftigen sich auch die Initiator*innen eines gr\u00f6\u00dferen Landkaufs im Allg\u00e4u. An wenigstens drei Orten wollte eine rund 30-k\u00f6pfige Gruppe um Benjamin W. Ende 2021 f\u00fcr mehr als sechs Millionen Euro Grundst\u00fccke und Anwesen erwerben, um eine \u201eLebensOase\u201c aufzubauen. Mit der Idee ihres \u00d6kodorfs nahm die Gruppe Immobilienbesitzer*innen, Gemeinder\u00e4te und Ortsvorsitzende f\u00fcr sich ein \u2013 bis Recherchen die kruden antisemitischen und okkult-rassistischen Einfl\u00fcsse und die Planungen zum Aufbau von Landsitzen aufdeckten. \u201eDie sind mir eher alternativ vorgekommen, vom ganzen Habitus, vom Look und so weiter. Nie im Leben h\u00e4tte ich da an etwas V\u00f6lkisches oder Rechtsradikales gedacht\u201c, erkl\u00e4rt Joachim Konrad, Erster B\u00fcrgermeister (CSU) der betroffenen Gemeinde Altusried. Seine angebotene Unterst\u00fctzung sei damit hinf\u00e4llig, er wolle sich nicht als \u201eSteigb\u00fcgelhalter\u201c hergeben. Das Projekt scheitert \u2013 zumindest an diesem Standort. Jetzt sucht die Gruppe weiter nach geeigneten Arealen.<br \/>\nAuch der \u201eMutterhof\u201c des Allg\u00e4uer Anastasia-Fans Robert Briechle expandiert. Ebenfalls Ende 2021 beteiligte er sich am Aufbau eines Landsitzes, nachdem die Ern\u00e4hrungswissenschaftlerin Manuela G. im rund 20 Kilometer entfernten Irsee bei Kaufbeuren ein 1,25 Hektar gro\u00dfes Gr\u00fcnland-Areal am Waldrand nur wenige hundert Meter westlich der schw\u00e4bischen Markt- und Klostergemeinde erwarb. Auch die 48-j\u00e4hrige Kaufbeurerin tr\u00e4umt in einem Video, mit dem sie das Projekt vorstellt, davon, eine \u201eEinheit\u201c von \u201eMensch, Tier, Natur\u201c zu schaffen. Sie will das Gel\u00e4nde \u201ein etwas Bl\u00fchendes, etwas Lebendes\u201c verwandeln. Nur am Rande deutet sie an, dass es Megres B\u00fccher sind, die sie inspirieren.<br \/>\nMit deren problematischen Anteilen will sie aber auf Nachfrage nichts zu tun haben: \u201eWenn ich ein Buch lese, dann nehme ich das, was f\u00fcr mich an Essenz wichtig ist, und das war bei Anastasia einfach diese Familieng\u00e4rten, die gestaltet werden.\u201c Mit dem Begriff der \u201eFamilieng\u00e4rten\u201c bezeichnet der \u201eMutterhof\u201c heute seine als Familienlandsitze konzipierten Areale, um den Anastasia-Bezug zu verschleiern. Mit der Anastasia-Bewegung identifiziere sie sich nicht, so G. Doch deren rassistische und antisemitische Inhalte schreckten sie nicht ab. Auch Briechles Kontakte in Neonazi-Kreise spielen f\u00fcr sie keine Rolle, sagt sie. \u00dcberhaupt seien die Vorw\u00fcrfe gegen ihn falsch. F\u00fcr sie habe der \u201eMutterhof\u201c-Gr\u00fcnder \u201edas Herz am rechten Fleck\u201c. G. w\u00fcrde auch Neonazis willkommen hei\u00dfen, wenn sich diese auf ihrem Gel\u00e4nde inspirieren lassen wollten. Auch G. erfuhr zun\u00e4chst Unterst\u00fctzung seitens der Beh\u00f6rden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Was tun? Was tun!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bewegung ist heterogen und wirbt auf unterschiedlichsten harmlos daherkommenden Kan\u00e4len erfolgreich Menschen an. Die ideologische Ver\u00e4nderung geschieht stetig, manchmal f\u00fcr Au\u00dfenstehende schwer erkennbar und dann scheinbar ganz pl\u00f6tzlich in gro\u00dfen Spr\u00fcngen. Es mag platt und abgedroschen wirken, aber vor allem kommt es wie immer darauf an, dem Rechtsruck im Alltag entgegenzutreten. Wenn B\u00fcrgerkriegsszenarien und rechte Literatur beworben werden oder Brauchtum verkl\u00e4rt wird, im Familienchat, in der solidarischen Landwirtschaft, im Bioladen, in der Naturheilkundepraxis oder an Weihnachten, dann verdient das entschlossenen Widerspruch. Wenn Menschen von merkw\u00fcrdig wirkenden Workshops oder Seminaren berichten oder seltsame Produkte erwerben, lohnen sich genaue und kritische Nachfragen \u2013 und eine klare Haltung. Denn nach \u201eharmlos\u201c kommt \u201ezu sp\u00e4t\u201c.<br \/>\nManche Kooperation zwischen v\u00f6lkischen Siedler*innen und Beh\u00f6rden konnte erst durch intensive investigative Recherche abgewendet werden. Politik und Verwaltung m\u00fcssten ihre Verantwortung erkennen, sich eigeninitiativ schulen und wachsam sein. Mancherorts passiert das bereits. Hier haben die v\u00f6lkischen Siedler*innen trotz Camouflage kaum eine Chance, Fu\u00df zu fassen.<br \/>\nWo das (noch) nicht der Fall ist, kommt es auf die Zivilgesellschaft und insbesondere die \u00d6koszene selbst an. F\u00fcr einen kollektiven Widerstand gegen die verst\u00e4rkte Landnahme v\u00f6lkischer \u00d6kos gibt es zwar kein Patentrezept, aber doch einige ermutigende Beispiele. So konnte das Anwachsen einer Regionalgruppe der \u201eAkademie Engelsburg\u201c in Flensburg gest\u00f6rt werden, weil deren \u00f6ffentliches Treffen von lauten Tr\u00f6ten und Redebeitr\u00e4gen begleitet und deren Chat auf Telegram unterwandert wurde. Und im Harz haben sich Anwohner*innen zusammengetan und mit \u201eKreuzen ohne Haken f\u00fcr Vielfalt\u201c deutlich gemacht, dass sie keine Lust haben auf die v\u00f6lkischen Siedler*innen am Ort. Als Antifaschist*innen die Bev\u00f6lkerung Unterthingaus informierten, musste auch der \u201eMutterhof\u201c Sympathiepunkte einb\u00fc\u00dfen. Es gilt also, Augen und Ohren offenzuhalten und gegen entsprechende Tendenzen aktiv zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBioladen in L\u00f6llbach: Solidarische Landwirtschaft soll allen helfen\u201c, berichtete die Rhein-Zeitung am 20. 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