{"id":28787,"date":"2022-10-27T19:09:14","date_gmt":"2022-10-27T17:09:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/alptraum-bahnfahrt-hindernisse-und-ein-brutaler-rauswurf\/"},"modified":"2022-11-20T23:39:02","modified_gmt":"2022-11-20T21:39:02","slug":"alptraum-bahnfahrt-hindernisse-und-ein-brutaler-rauswurf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/alptraum-bahnfahrt-hindernisse-und-ein-brutaler-rauswurf\/","title":{"rendered":"Alptraum Bahnfahrt: Hindernisse und ein brutaler Rauswurf"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Am 1. August 2022 wurdest du am Bahnhof G\u00f6ttingen von Polizeibeamten brutal aus dem ICE geschleift. Was war passiert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">C\u00e9cile Lecomte: Es gab einen Konflikt um den Platz f\u00fcr meinen Rollstuhl in einem ICE, und ich habe die Einschr\u00e4nkungen meiner Rechte nicht schweigend hingenommen, sondern die mangelhafte Barrierefreiheit der Deutschen Bahn kritisiert. Und das gefiel einer Reisenden und einer Zugchefin nicht.<br \/>\nIch war in Darmstadt mit privat organisierter Unterst\u00fctzung in den ICE gekommen, da die Deutsche Bahn die Einstiegshilfe f\u00fcr mich und meinen Rollstuhl mit Hublift mangels Personal abgelehnt hatte. Nur der Rollstuhlplatz konnte reserviert werden. In Frankfurt S\u00fcd stieg mein Begleiter zu. Wir hatten uns lange nicht gesehen und haben uns unterhalten. Eine Reisende beschwerte sich dar\u00fcber, da wir uns im \u201eRuhebereich\u201c befanden.<br \/>\nIch erwiderte, dass ich keinen \u201eRuhewagen\u201c-Platz gebucht habe, es sei aber der einzige Wagen im ICE Modell T, in den ich mit meinem Rollstuhl einsteigen d\u00fcrfe. Sie k\u00f6nne einen anderen Ruhebereich aufsuchen. Ich k\u00f6nne dagegen den Wagen nicht wechseln und wolle mir nicht die Unterhaltung verbieten lassen, ich habe den strukturellen Ableismus der Bahn satt und wolle diesen Umstand nicht immer ausbaden. Das Bahnfahren sei f\u00fcr Menschen mit Rollstuhl ein Dauerkampf gegen Barrieren, um \u00fcberhaupt mitfahren zu k\u00f6nnen. Wenn der Rollstuhlplatz im Familienbereich ist, darf ich ja auch nicht um Ruhe bitten.<br \/>\nWir haben uns nicht lange unterhalten, denn ich habe mich in Marburg wegen R\u00fcckenschmerzen hingelegt. Mit dem K\u00f6rper halb unter Sitz und Tisch und auf dem eigentlichen Rollstuhlplatz. Mein Rollstuhl stand neben der Toilette, weil er dort nicht im Weg steht wie auf dem eigentlichen Rollstuhl-\u201ePlatz\u201c, der in diesem ICE-Modell so schmal ist, dass der Rollstuhl halb vor der Schiebet\u00fcr steht und durch vorbeilaufende Menschen mit ihren Koffern besch\u00e4digt wird. Ich kenne andere Menschen mit Behinderung, die sich gelegentlich hinlegen m\u00fcssen, weil sie so wie ich Schmerzen haben, behinderungsbedingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Damit h\u00e4tte doch eigentlich alles beendet sein k\u00f6nnen. Wie ging es dann weiter?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles wurde durch das vorbeilaufende Personal nicht beanstandet, bis in Kassel eine Frau mit doppeltem Kinderwagen zustieg und ich geweckt wurde.<br \/>\nZwischen uns Fahrg\u00e4sten gab es hier eigentlich keinen Streit. Menschen mit Koffern konnten noch durch, aber die Zugchefin war der Auffassung, dass es nicht gehe. Ich wurde \u2013 ohne zuvor gefragt worden zu sein, warum ich liege, ob es mir gut geht \u2013 aufgefordert, aufzustehen und den Platz f\u00fcr den Kinderwagen freizumachen.<br \/>\nDies habe ich abgelehnt mit der Erkl\u00e4rung, dass nicht ich oder mein Rollstuhl im falschen Wagen eingestiegen sind, sondern die Frau mit Kinderwagen, die durch die DB falsch informiert wurde und selbst f\u00fcr die ung\u00fcnstige Situation nichts k\u00f6nne. Ich \u00e4u\u00dferte, Schmerzen zu haben und mich f\u00fcr den Kinderwagen nicht verantwortlich zu f\u00fchlen. Der Kinderwagen sei zudem viel zu gro\u00df, w\u00fcrde nicht einmal durch die Schiebet\u00fcr passen. Die Zugchefin solle doch daf\u00fcr sorgen, dass der Kinderwagen zum daf\u00fcr vorgesehenen Platz kommt.<br \/>\nEs wurde mit der Polizei gedroht, weil ich \u201eunkooperativ\u201c sei und mein Recht mitzufahren deshalb verwirkt habe. Ich erwiderte, ich sei der Auffassung, dass die Verst\u00f6\u00dfe der Bahn gegen die Vorschriften der Barrierefreiheit \u2013 hier ganz konkret der zu schmale Rollstuhlplatz \u2013 und gegen die UN-Behindertenrechtskonvention sicherlich schwerer wiegen als mein \u201eUnkooperativsein\u201c, meine Weigerung, nach ihrer Pfeife zu tanzen.<br \/>\nDie Zugchefin verschwand. In der Zeit bis G\u00f6ttingen l\u00f6sten die Fahrg\u00e4ste das Kinderwagenproblem unter sich. Die Frau ging mit ihren zwei Kindern zum Fahrradwagen, um zu gucken, ob Platz sei, und das war der Fall \u2013 der Zug war nicht \u00fcberf\u00fcllt. Meine Begleitung und ein weiterer Fahrgast erkl\u00e4rten sich bereit, den Kinderwagen beim n\u00e4chsten Halt in G\u00f6ttingen aus dem Zug zu tragen und zum Fahrradabteil zu bringen. So geschah es auch, sodass ich der Auffassung war, das Problem sei nun gel\u00f6st und alles gut. Die Situation war ja wieder wie vor dem Einstieg der Frau mit Kinderwagen, die zuvor nicht beanstandet worden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Zugchefin bestand aber auf deinem Rauswurf: Du wurdest des Zuges verwiesen, obwohl das Kinderwagenproblem gel\u00f6st war, richtig? Wie war die Situation f\u00fcr dich?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richtig. Das haben weder ich noch mein Begleiter in dem Moment verstanden. Mein Begleiter war sogar weg, er unterst\u00fctzte den Umzug des Kinderwagens, als die Polizei einstieg. Die Polizei trug gegen meinen Willen meinen Rollstuhl aus dem Zug \u2013 wohlgemerkt nicht sachgerecht \u2013 und forderte mich auf \u201eaufzustehen\u201c. Es war Dienst nach Vorschrift: Die Zugchefin habe das Hausrecht, weshalb ich den Zug verlassen m\u00fcsse. Ob ich anschlie\u00dfend hilflos dastehe ohne M\u00f6glichkeit, von dem fremden Bahnhof wegzukommen, interessierte sie nicht.<br \/>\nEs gab keine Ausstiegshilfe, obwohl ein solcher Hublift am Bahnsteig vorhanden gewesen w\u00e4re. Es wurde \u201eZwang\u201c angewendet, was ich Gewalt nenne. Ich wurde an den Gelenken, die aufgrund meiner chronischen rheumatischen Erkrankung schmerzen, angefasst und unsanft durch den Zug, \u00fcber Stufen und Bahnsteig geschleift. Kein besonders behindertengerechter Ausstieg!<br \/>\nIch sa\u00df dann auf einem Bahnsteig in einer fremden Stadt ohne einen Plan, wie ich ohne Mobilit\u00e4tshilfe weiterkomme. Die Buchung von Ein- und Ausstiegshilfe sowie die Reservierung eines Rollstuhlplatzes sind spontan bei der Deutschen Bahn nicht m\u00f6glich \u2013 das geht nur mit Voranmeldung mindestens einen Tag zuvor. Die Zugchefin und die Polizei wussten mit Sicherheit um diesen Umstand.<br \/>\nIch sa\u00df am Bahnsteig zun\u00e4chst aufgew\u00fchlt, w\u00fctend und verzweifelt. Die Polizei ist, nachdem sie selbst feststellte, dass keine Straftat zu verfolgen ist, und viele Reisende auf dem Bahnsteig ihre Ma\u00dfnahme kritisierten, abgezogen. Ich hatte Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck. Der Anschlusszug, den ich in Hannover h\u00e4tte nehmen m\u00fcssen, fuhr \u00fcber G\u00f6ttingen. Ich konnte mit Hilfe von meiner Begleitung und von Fahrg\u00e4sten einsteigen. Dort traf ich auf einen freundlichen, verst\u00e4ndnisvollen Schaffner: \u201eDer Kollegin fehlt die soziale Kompetenz, das geht gar nicht klar\u201c, sagte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Du hast danach ein Handy-Video des Rauswurfs und verschiedene Artikel dazu ver\u00f6ffentlicht. Wie war die \u00f6ffentliche Resonanz \u2013 von Medien oder von anderen von Ableismus Betroffenen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Video sorgte in sozialen Medien f\u00fcr gro\u00dfe Emp\u00f6rung: Darin ist n\u00e4mlich zu sehen, wie ich von der Polizei aus dem Zug gezerrt wurde. Nat\u00fcrlich gab es auch eine Reihe ableistischer Kommentare, \u00e0 la \u201eBehinderte sollen still sein, sich nicht beschweren, zu Hause bleiben oder froh sein, dass man f\u00fcr sie den Aufwand mit Ein- und Ausstiegshilfe betreibt und sie \u00fcberhaupt mitfahren d\u00fcrfen\u201c.<br \/>\nTeilhabe und Inklusion sind aber unverhandelbare Grundrechte! Andere von Ableismus Betroffene sehen es genauso und haben in meiner Geschichte die Probleme, mit denen sie jedes Mal konfrontiert werden, wiedererkannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>F\u00fcr die Deutsche Bahn ist das ja nicht gerade gute Presse. Hat die Bahn sich entschuldigt oder sonst irgendwie reagiert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bahn hat mich um Mithilfe bei der Aufkl\u00e4rung des Vorfalles gebeten. Ich habe dazu Stellung genommen. Seitdem hat sie sich nicht mehr gemeldet, sondern \u2013 wie auch die Bundespolizei \u2013 via Presseberichten T\u00e4ter-Opfer-Umkehr und Victimblaming betrieben. Es wird gesagt, ich sei im Grunde genommen selbst schuld am Rauswurf gewesen. Ich sei \u201eaggressiv\u201c, \u201eunkooperativ\u201c, selbstdarstellerisch gewesen. Weil ich nicht der Erwartung, dem Stereotyp der Behinderten, die Einschr\u00e4nkungen stillschweigend akzeptiert, entspreche. Abgesehen davon, dass Begriffe wie \u201eaggressiv\u201c mehr Wertung als Wahrheit sind, wird sich nicht damit auseinandergesetzt, weshalb es zum Konflikt kam, und mit der eigenen Verantwortung von Bahn und Polizei in der Eskalation.<br \/>\nDie Bundespolizei suggerierte sogar, ich habe den Rausschmiss absichtlich herbeigef\u00fchrt, indem sie mir unterstellte, Bilder f\u00fcr eine Kampagne produzieren zu wollen \u2013 diese Unterstellung kam im Nachhinein, als die Polizei erfuhr, wer die Rollstuhlfahrerin ist. Ausgerechnet gegen die Bundespolizei Nord klage ich in mehreren Verfahren gegen ihre \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen, die sie mit meinem politischen Engagement begr\u00fcndet.<br \/>\nIch bin inzwischen gegen diese Unterstellung rechtlich vorgegangen \u2013 mit Erfolg: Die Bundespolizei darf die Aussage nicht wiederholen; sie hat die Unterlassungserkl\u00e4rung unterschrieben. Daf\u00fcr dachte sie sich eine neue Dreistigkeit aus und schickte mir im Oktober einen \u201eGeb\u00fchrenbescheid\u201c f\u00fcr diese \u201epolizeiliche Ma\u00dfnahme\u201c: 82 Euro soll ich f\u00fcr die ableistische Gewaltanwendung zahlen.<br \/>\nMehrere Medien (u. a. G\u00f6ttinger Tageblatt) haben die Rechtfertigung von Bahn und Bundespolizei zu meinem Fall unkritisch abgedruckt \u2013 obwohl diese Partei sind und die Polizei sicher keine \u201eneutrale\u201c Informationsquelle ist. Das ist kein professioneller Journalismus. Einzig die taz hat sich bislang bei mir f\u00fcr R\u00fcckfragen pers\u00f6nlich gemeldet und sich um eine ausgewogene Berichterstattung bem\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das war ja keineswegs das erste Mal, dass du mit der fehlenden Barrierefreiheit der Bahn konfrontiert warst. Was sind aus deiner Sicht die krassesten H\u00fcrden, denen Rollstuhlfahrer*innen ausgesetzt sind?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fahre oft Bahn. Das will ich auch, ich will kein Auto fahren. Das ist im Sinne einer \u00f6kologischen Mobilit\u00e4tswende. Aber diese kann nur dann gelingen, wenn ALLE mitfahren k\u00f6nnen, wenn diese inklusiv gestaltet wird, Menschen mit Behinderung teilhaben.<br \/>\nIch habe aber das Gef\u00fchl, dass Menschen mit Behinderung f\u00fcr die Bahn Fahrg\u00e4ste dritter Klasse sind (zwei Klassen gibt es ja schon) und als Last, nicht als Fahrg\u00e4ste, betrachtet werden. So klingen auch manchmal die Durchsagen der Bahn: \u201eDie Abfahrt des Zuges verz\u00f6gert sich aufgrund eines Rollstuhls\u201c. N\u00f6, die Verz\u00f6gerung ergibt sich aus mangelnder Barrierefreiheit, Stufen sind im Weg!<br \/>\nAber in den Augen der Bahn ist alles in Ordnung, wie es ist: Sie setzt weiter auf den Stufen-ICE. Denn es gibt ja einen Mobilit\u00e4tsSERVICE, Betroffene sollen sich daf\u00fcr bedanken, und der \u00d6ffentlichkeit wird vorgegaukelt, damit sei Barrierefreiheit gew\u00e4hrleistet. Dem ist nicht so, denn ich darf oft nicht mitfahren, weil der \u201eService\u201c nicht rund um die Uhr gew\u00e4hrt wird, nicht \u00fcberall. Weil oft Personal fehlt. Weil die Infrastruktur defekt ist. Das einzige Universal-WC ist oft au\u00dfer Betrieb, die T\u00fcr zum einzigen Rollstuhlwagen ist manchmal defekt, der Rollstuhlwagen fehlt, oder der Platz ist bereits gebucht.<br \/>\nEs muss sich grunds\u00e4tzlich was \u00e4ndern! Barrierefreie Infrastruktur muss her (Z\u00fcge, Bahnh\u00f6fe, Redundanz, also nicht nur einen Wagen mit Rollstuhlplatz), mehr Personal, Schulung des Personals zu Ableismus \u2026 Nicht nur Lippenbekenntnisse und Sich-selbst-Feiern f\u00fcr kleine Dinge und dies als Marketing nutzen, obwohl die Realit\u00e4t anders ist. Das ist leider die aktuelle Politik der Bahn, wenn sie mit \u201ediversity\u201c wirbt &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um das durchzusetzen, muss noch einiges an Druck erzeugt werden. Es ist super, dass sich Betroffene einzeln und kollektiv dagegen wehren \u2013 und Nichtbetroffene m\u00fcssen diesen Kampf unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Interview!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Am 1. August 2022 wurdest du am Bahnhof G\u00f6ttingen von Polizeibeamten brutal aus dem ICE geschleift. Was war passiert? C\u00e9cile Lecomte: Es gab einen Konflikt um den Platz f\u00fcr meinen Rollstuhl in einem ICE, und ich habe die Einschr\u00e4nkungen meiner Rechte nicht schweigend hingenommen, sondern die mangelhafte Barrierefreiheit der Deutschen Bahn kritisiert. 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