{"id":2879,"date":"1999-10-01T00:00:47","date_gmt":"1999-09-30T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2879"},"modified":"2022-07-26T14:16:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:59","slug":"das-rote-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/das-rote-buch\/","title":{"rendered":"Das rote Buch"},"content":{"rendered":"<p>Das gesellschaftliche Sein hat bekanntlich gro\u00dfen Einflu\u00df auf das Bewu\u00dftsein. In einer kapitalistisch, patriarchalisch, durch die Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen gepr\u00e4gten Gesellschaft wie der hiesigen, ist es daher naheliegend, da\u00df die meisten Menschen davon ausgehen, da\u00df herrschaftsfreie Gesellschaften (&#8222;regulierte Anarchien&#8220;) nicht existierten, schlicht undenkbar sind. Bei vielen SozialwissenschaftlerInnen herrscht der Irrglaube vor, da\u00df in der Vergangenheit existente herrschaftsfreie Gesellschaften entweder vorpolitisch und instabil, oder eben doch irgendwie herrschaftlich organisiert waren. Diese Vorurteile dienen der Herrschaftsstabilisierung und werden als historische und ethnologische &#8222;Argumente&#8220; gegen den von Libert\u00e4ren geforderten Abbau von Herrschaftsstrukturen mi\u00dfbraucht. Das Streben der heutigen AnarchistInnen nach Herrschaftsfreiheit wird als unsinnig und gef\u00e4hrlich verworfen, da Anarchie von den meisten Menschen immer noch mit &#8222;Chaos und Terror&#8220; und nicht mit einer menschengerechten, freiheitlichen Ordnung ohne Herrschaft assoziiert wird.<\/p>\n<p>Die Kultursoziologen R\u00fcdiger Haude und Thomas Wagner setzen sich in ihrem Buch &#8222;Herrschaftsfreie Institutionen&#8220; kritisch mit den oben skizzierten Vorurteilen auseinander und zeigen an Beispielen u.a. aus den Bereichen Verwandtschaftsstruktur, AnArchitektur und Spiel, da\u00df gerade sogenannte &#8222;primitive Gesellschaften&#8220; eine wunderbare institutionelle Phantasie besa\u00dfen, um die Herrschaftsfreiheit dauerhaft sicherzustellen.<\/p>\n<p>Haude und Wagner kn\u00fcpfen mit ihren Thesen und Erkenntnissen unter anderem an den Soziologen Christian Sigrist an, der mit seiner Studie \u00fcber das Entstehen von Herrschaft ein herausragendes Werk zur herrschaftskritischen Soziologie und Ethnologie verfa\u00dft hat. ((1))<\/p>\n<p>Im Vorwort der &#8222;Herrschaftsfreien Institutionen&#8220; charakterisiert Sigrist die Aufs\u00e4tze von Haude und Wagner als bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung der vorliegenden Anarchie-Theorien: &#8222;Damit wird ein Niveau erreicht, von dem aus dr\u00e4ngende Probleme neu analysiert werden k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Kritisiert werden mu\u00df Haudes und Wagners zum Teil unreflektierter Umgang mit Begriffen. So ist im Buch von &#8222;primitiven Anarchisten&#8220; die Rede, egalit\u00e4re bzw. segment\u00e4re Gesellschaften werden als &#8222;anarchistisch&#8220; etikettiert. Abgesehen davon, da\u00df ich den Begriff &#8222;primitiv&#8220; im Zusammenhang mit egalit\u00e4ren Gesellschaften immer in Anf\u00fchrungsstriche setzen w\u00fcrde: Bei Bezugnahme auf egalit\u00e4re Gesellschaften w\u00fcrde ich die Verwendung der Begriffe &#8222;herrschaftsferne&#8220; oder &#8222;herrschaftsfremde&#8220;, anstatt &#8222;anarchistische Gesellschaften&#8220; vorschlagen. Der Begriff &#8222;Anarchist&#8220;, von dem sich der Terminus &#8222;Anarchismus&#8220; ableitet, ist n\u00e4mlich nicht wie der aus der griechischen Antike stammende Begriff &#8222;an-archie&#8220; (&#8222;ohne Herrschaft&#8220;) uralt. Er wurde erst in der franz\u00f6sischen Revolution gepr\u00e4gt und diente zun\u00e4chst als Schm\u00e4hbegriff f\u00fcr politische GegnerInnen. Erst als ab 1840 in Europa der Anarchismus als soziale Bewegung entstand, \u00fcbernahmen Menschen, die eine herrschaftsfreie Gesellschaft anstreben, den Begriff &#8222;Anarchist(in)&#8220; als Selbstbezeichnung. Die Begriffe &#8222;anarchistisch&#8220; und &#8222;Anarchist&#8220; sind also historisch besetzt und mit einer ganz bestimmten sozialen Bewegung und Sozialgeschichte verkn\u00fcpft. Sie m\u00fcssen in diesem Kontext gesehen werden und k\u00f6nnen nicht einfach nur als Synonym f\u00fcr &#8222;herrschaftsfrei&#8220; benutzt werden. ((2))<\/p>\n<p>Wagner und Haude leisten einen sehr guten Beitrag zur anthropologischen Begr\u00fcndung libert\u00e4rer Praxis und Theorie. Ihr Buch ist eine wichtige wissenschaftliche Publikation zur Widerlegung von etatistischen, pseudosozialwissenschaftlichen Theorien. Und nicht zuletzt bieten sie auch f\u00fcr AnarchistInnen \u00fcberraschende Erkenntnisse. Viele Aha-Erlebnisse erzeugen z.B. die Aufs\u00e4tze \u00fcber &#8222;An-architektur &#8211; Politische Aspekte der Siedlungsformen primitiver Gesellschaften&#8220; und \u00fcber &#8222;\u2019Anarchistische Gleichmacher\u2019 &#8211; Institutionelle Aspekte des Spiels in egalit\u00e4ren Gesellschaften&#8220;. Hier werden herrschaftsfeindliche Erkenntnisse offenbart, die uns Libert\u00e4ren auch bei der ideologiekritischen Bew\u00e4ltigung des Alltags im kapitalistischen Herrschaftssystem behilflich sein k\u00f6nnen. Ein Beispiel:<\/p>\n<p>Mein sechsj\u00e4hriger Sohn Deniz hatte sich &#8222;1, 2 oder 3&#8220; angesehen. Eine f\u00fcrchterliche, die kapitalistische Ideologie transportierende TV-Sendung, in der die Kinder spielend den Ellenbogen-Konkurrenzkampf ein\u00fcben.<\/p>\n<p>Dann habe ich mit ihm \u00fcber die Sendung und \u00fcber den Sinn von Spielen hier und in anderen Gesellschaften geredet. Schlie\u00dflich habe ich ihm einen Abschnitt aus dem Kapitel &#8222;Spiele in egalit\u00e4ren Gesellschaften&#8220; (S. 118 ff.) vorgelesen. Dort wird die Unvereinbarkeit von traditional-egalit\u00e4rem und modern-hierarchischem Spielverst\u00e4ndnis durch die Erz\u00e4hlung eines Angeh\u00f6rigen der herrschaftsfreien Mentawaier (Westk\u00fcste Sumatras) veranschaulicht, der eine Begebenheit mit einem holl\u00e4ndischen Offizier der Kolonialzeit wiedergibt: &#8222;&#8218;Nur einmal waren wir nicht mit ihm zufrieden. Er sagte, wir sollten alle an die K\u00fcste kommen und Pfeil und Bogen mitbringen. Dort hatten sie alles sch\u00f6n verziert und warteten auf uns auf einem gro\u00dfen Platz. Wir bekamen zu essen und zu trinken, und dann legten sie eine Kokosnu\u00df hin und sagten, wir sollten darauf schie\u00dfen. Das taten wir auch, und wenn jemand traf, dann schrien sie, wie wenn wir einen Affen getroffen h\u00e4tten und nicht eine Kokosnu\u00df. Zum Schlu\u00df bekamen wir unseren Lohn und durften wieder nach Hause gehen. Nur was nach unseren Gedanken nicht stimmte, das war, da\u00df wir nicht alle gleich viel bekamen. Ein paar bekamen eine ganze Menge, und ein paar bekamen \u00fcberhaupt nichts. So waren wir alle im Herzen ein bi\u00dfchen zornig. Aber was sollten wir machen? Sie sind eben so, wie sie sind\u2018 (Eichberg 1983: 39). Den bogenschie\u00dfenden Mentawaier ist die hierarchische Honorierung von Leistungsergebnissen fremd. &#8218;Stattdessen begegnet man einem &#8218;anderen Sport\u2018, im Rahmen anderer sozialer Muster, ohne Sieger und ohne H\u00e4uptlinge, bzw. positiv: mit einer eigenen sozialen Zeit und einem eigenen sozialen Raum, Abbild einer gewisserma\u00dfen anarchischen Ordnung, der das koloniale Wett- und Preisschie\u00dfen zutreffend als ein &#8218;Durcheinander\u2018 erscheint.\u2018 (41) Dieses Chaos entsteht dadurch, da\u00df die im Spiel zeitweilig au\u00dfer Kraft gesetzte egalit\u00e4re Ordnung nach primitiver Vorstellung wiederhergestellt geh\u00f6rt. Dauerhafte Hierarchie ist in diesem Weltbild, das ein ausgepr\u00e4gtes Gleichheitsbewu\u00dftsein enth\u00e4lt, nicht normal, sondern ein Ausdruck von Unordnung, die Verwirrung hervorruft. (&#8230;) Was z\u00e4hlt, ist nicht das Ziel, der Gewinn oder Triumph, sondern der Prozess des Spielens selbst.&#8220;<\/p>\n<p>Deniz h\u00f6rte mir gespannt zu, wir diskutierten und am Abend bat er mich, ihm diesmal nicht aus einem seiner vielen Kinderb\u00fccher vorzulesen: &#8222;Lies doch noch was aus dem roten Buch vor.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gesellschaftliche Sein hat bekanntlich gro\u00dfen Einflu\u00df auf das Bewu\u00dftsein. In einer kapitalistisch, patriarchalisch, durch die Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen gepr\u00e4gten Gesellschaft wie der hiesigen, ist es daher naheliegend, da\u00df die meisten Menschen davon ausgehen, da\u00df herrschaftsfreie Gesellschaften (&#8222;regulierte Anarchien&#8220;) nicht existierten, schlicht undenkbar sind. 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