{"id":28790,"date":"2022-10-27T19:09:15","date_gmt":"2022-10-27T17:09:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/wenn-der-ast-die-axt-umschlingt\/"},"modified":"2022-10-30T21:21:33","modified_gmt":"2022-10-30T19:21:33","slug":"wenn-der-ast-die-axt-umschlingt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/wenn-der-ast-die-axt-umschlingt\/","title":{"rendered":"Wenn der Ast die Axt umschlingt \u2026"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am 16. September 2022 starb die junge iranische Kurdin Jina (Mahsa) Amini \u2013 ermordet durch die \u201eSittenpolizei\u201c, weil sie ihren Hidschab angeblich nicht korrekt getragen hatte. Am gleichen Tag kam es in der iranischen Hauptstadt Teheran zu ersten Protesten, und seitdem haben die Geschehnisse im Iran, aber auch in der Diaspora und auf internationaler Ebene eine solche Dynamik entwickelt, dass es unm\u00f6glich ist, einen Gesamt\u00fcberblick zu liefern.<br \/>\nDie Proteste werden mit gro\u00dfer Brutalit\u00e4t unterdr\u00fcckt. Binnen vier Wochen wurden mindestens 224 Menschen get\u00f6tet, darunter 23 Kinder. Viele weitere wurden verletzt und verhaftet. Im Angesicht dieser Gewalt entwickeln sich jedoch neue Formen des urbanen Widerstands, der (Gender-)Performativit\u00e4t, der Kunst, Selbstorganisation, Solidarit\u00e4t und Schwesterlichkeit. Wer sind diese Menschen, die auf die Stra\u00dfe gehen und mit blo\u00dfen H\u00e4nden gegen schwerbewaffnete Polizei- und Sicherheitskr\u00e4fte und gegen die Zivilpolizei k\u00e4mpfen?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Jahrzehntelange Unterdr\u00fcckung und Neoliberalisierung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bekannt ist, dass die Mehrheit der Protestierenden junge Leute unter 25 sind, Angeh\u00f6rige der \u201eGeneration Z\u201c, Digital Natives, die das Leben ganz anders erfahren als die vorige Generation.<br \/>\nNach der \u201eislamischen\u201c Revolution war der Iran zu einem kapitalistischen Zentralstaat schiitischer Pr\u00e4gung geworden. Immerhin bot er weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung eine gewisse sozialstaatliche Versorgung. So waren Bildung und Gesundheitsdienste weitgehend kostenlos. Um den Kontext verst\u00e4ndlich zu machen, in dem die jungen Leute aufgewachsen sind, muss ich kurz die Entwicklungen im Iran nach der Revolution von 1979 skizzieren. Unmittelbar nach der \u201eislamischen\u201c Revolution lag zun\u00e4chst noch ihr sozialistisches, antikoloniales, antiimperialistisches Erbe in der Luft \u2013 wenngleich meist nur als leere Floskeln. Nachdem sich die Islamische Republik in den folgenden drei Jahren jedoch fest etabliert hatte, wurde dieses Erbe innenpolitisch fast vollst\u00e4ndig durch eine radikalislamistische Ideologie \u00fcberlagert. Die jeweiligen Regierungen behaupteten, den Benachteiligten und Armen zu dienen, beschnitten aber alle demokratischen Freiheiten. Die Repression reichte vom Hidschabzwang bis zum Verbot jeglicher gewerkschaftlicher Organisierung, von der Zensur und Kontrolle aller Ver\u00f6ffentlichungen im Iran bis zur Fatwa, mit der Salman Rushdie wegen angeblicher Blasphemie in seinem Roman \u201eDie satanischen Verse\u201c zum Tode verurteilt wurde.<br \/>\nIch geh\u00f6re der Generation derer an, die in den fr\u00fchen Achtzigern geboren sind. Wir erinnern uns, wie wir verheimlichen mussten, dass unsere Eltern zu Hause ganz andere \u00dcberzeugungen und Verhaltensweisen an den Tag legten als diejenigen, die uns in der Schule gepredigt wurden. Wir lernten zu verheimlichen, dass Familienangeh\u00f6rige und Freund*innen wegen ihrer politischen \u00dcberzeugungen inhaftiert oder gar hingerichtet wurden, oder dass sie ausgepeitscht wurden, weil sie entgegen der \u201eislamischen Vorschriften\u201c Alkohol getrunken oder auch nur alkoholische Getr\u00e4nke im Haus gehabt hatten.<br \/>\nZugleich jedoch wurden die Kinder, insbesondere junge M\u00e4dchen*, auch im h\u00e4uslichen Umfeld massiv unterdr\u00fcckt. Viele V\u00e4ter bzw. Eltern unterst\u00fctzten die vom Staat propagierten Disziplinarma\u00dfnahmen gegen die K\u00f6rper der Frauen* \u2013 vom Kopftuchzwang bis hin zu \u201eEhrenmorden\u201c, die f\u00fcr die T\u00e4ter, m\u00e4nnliche Verwandte des Opfers, keine ernsthaften juristischen Konsequenzen haben.<br \/>\nSeit dem Iran-Irak-Krieg (1980\u20131988) hat sich die staatliche Politik zunehmend neoliberal entwickelt. Die Privatisierung hat gewaltige Ausma\u00dfe angenommen. Auch Bildungs- und Gesundheitswesen sind betroffen. F\u00fcr Frauen* ist der Arbeitsmarkt gepr\u00e4gt von prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen, aber auch von neuen gesetzlichen Bestimmungen, die ihre Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten und den Zugang zu bestimmten Berufszweigen beschr\u00e4nken.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Akte der Rebellion und Massenproteste<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den vergangenen elf Jahren hat sich die wirtschaftliche Lage, auch aufgrund der internationalen Sanktionen infolge des Atomstreits, beispiellos verschlechtert. Dies f\u00fchrte 2017 zu Massenprotesten in den St\u00e4dten. Am Morgen des Tages, an dem die Proteste begannen, stellte sich Vida Movahed inmitten der Menschenmenge auf einen Verteilerkasten an der Enghelab-Stra\u00dfe (Stra\u00dfe der Revolution) in Teheran, nahm ihren <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/generation-der-frauen-ohne-angst\/\">Hidschab<\/a>, ein wei\u00dfes Kopftuch, ab, band es an einen Stock und schwenkte es wie eine Fahne \u00fcber den K\u00f6pfen der Menschen \u2013 ein Akt der Rebellion, der von zahlreichen Frauen* wiederholt wurde. Die meisten dieser Frauen* wurden angegriffen und inhaftiert.<br \/>\n2019 kam es zu einer erneuten Protestwelle gegen die Inflation und die allt\u00e4gliche Verarmung. Weitere Proteste folgten nach dem Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs, mit dem haupts\u00e4chlich Iraner*innen von Teheran nach Kanada reisen wollten, durch die Revolutionsgarde im Januar 2020.<br \/>\nDie Revolte des Jahres 2019 wurde vor allem von armen Stadtbewohner*innen getragen, Menschen aus marginalisierten Communities. Die Sicherheitskr\u00e4fte t\u00f6teten damals 1.500 Protestierende, zumeist junge M\u00e4nner. Es wurde angenommen, dass die M\u00fctter der Get\u00f6teten sich still und konservativ verhalten w\u00fcrden. Das taten sie jedoch nicht, sondern schlossen sich zusammen, um Gerechtigkeit f\u00fcr ihre Kinder zu fordern, und bildeten die Gruppe \u201eMadaran e Dadkhah\u201c (M\u00fctter fordern Gerechtigkeit). Zu dieser Gruppe stie\u00dfen sp\u00e4ter auch Hinterbliebene der Opfer des Flugzeugabschusses. Es sollte erw\u00e4hnt werden, dass sie dem Weg der Khavaran-M\u00fctter folgten: M\u00fctter, die Gerechtigkeit f\u00fcr ihre Kinder suchen, die als politische Gefangene im Gef\u00e4ngnis sa\u00dfen, aber im blutigen Sommer 1988 ohne neue Anklage hingerichtet wurden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kinder politisierter M\u00fctter<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Generation von M\u00fcttern der 2019 Protestierenden, zumeist Frauen* in den Vierzigern oder F\u00fcnfzigern, erkennt an, dass ihre Kinder ein Recht auf politisches Aufbegehren haben, verteidigt ihre Protest- und Widerstandshandlungen und fordert die Staatsgewalt offen heraus. Ihre Rituale und ihr Auftreten haben die Mutterschaft st\u00e4rker politisiert und zu einem Hort des Widerstands gemacht, als dies jemals zuvor im Iran der Fall war. Die Generation, die jetzt auf die Stra\u00dfe geht, junge Menschen, oft noch Sch\u00fcler*innen, hat all dies in ihrem kollektiven Ged\u00e4chtnis. Diese Jugendlichen galten bis vor kurzem als \u201eentpolitisierte\u201c Generation, die sich mit Videospielen und Instagram zudr\u00f6hnte. Jetzt rufen sie auf der Stra\u00dfe die progressivsten Parolen und geben ihr Leben f\u00fcr \u201eJin, Jiyan, Azad\u00ee\u201c ((1)).<br \/>\nDiese Generation wuchs in einer Zeit auf, in der die staatliche Propaganda zunehmend in Frage gestellt wurde. Der Zugang zu globalen Medien gab konkurrierenden Narrativen Auftrieb und verbreitete andere Weltanschauungen und Lebensgewohnheiten. Viele Angeh\u00f6rige der vorigen Generation, also die Eltern der Generation Z, hatten h\u00f6here Bildungsabschl\u00fcsse, lebten aber trotzdem in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen. Sie waren es leid, sich zu verstecken, und unterst\u00fctzten teilweise ihre Kinder dabei, sich selbst zu entfalten und die hierarchischen Machtstrukturen herauszufordern. Sie standen zu ihren Kindern, wenn diese in der Schule gedem\u00fctigt wurden, weil sie sich die N\u00e4gel lackiert hatten, oder wenn sie wegen ihres Aufbegehrens verhaftet zu werden drohten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Frau* ohne Hidschab als neue Normalit\u00e4t<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die junge Generation brach mit den Versprechungen und Idealen der Vergangenheit und der Zukunft, indem sie das Leben hier und jetzt einforderte und die Frau* als Kristallisationspunkt aller Diskriminierung hervorhob. Sie wollen Freiheit, denn sie wollen nicht mehr als Heuchler*innen leben: Sie wollen sie selbst sein. Durch diesen Kampf handeln sie den Gesellschaftsvertrag neu aus. Sie fordern alle im Gesellschaftsgef\u00fcge dominanten Positionen heraus: V\u00e4ter, Lehrer*innen, Politiker*innen. Sie wollen \u00fcber ihren K\u00f6rper und ihre Individualit\u00e4t selbst bestimmen k\u00f6nnen, sie wollen Autonomie. Und kurzfristig etablieren sie zumindest eine neue Normalit\u00e4t: das Bild einer Frau* ohne Hidschab im \u00f6ffentlichen Raum.<br \/>\nDer Staat diffamiert diese jungen Leute mal als aufgekratzte Teenager ohne politische Orientierung und politisches Bewusstsein, mal als blo\u00dfe Randalierer*innen oder zuf\u00e4llige Mitl\u00e4ufer*innen, mal als psychisch Kranke mit Selbstt\u00f6tungsabsichten. Die online zu findenden Selbstzeugnisse der ermordeten Jugendlichen widerlegen jedoch diese Unterstellungen. In einem Instagram-Video sagte die sechzehnj\u00e4hrige Sarina Esmaeilzadeh, kurz bevor sie von den Sicherheitskr\u00e4ften auf einer Stra\u00dfe in Teheran erschlagen wurde: \u201eWas d\u00fcrfen Menschen von ihrem Land erwarten? Wohlergehen, Wohlergehen, Wohlergehen! Es ist nicht mehr so wie vor zwanzig Jahren \u2013 damals kannten iranische Jugendliche nur ihresgleichen im Iran. Jetzt aber sehen wir, dass die Menschen in \u00c4thiopien hungern und dass sich in L.A. die Kinder der Reichen vergn\u00fcgen. Wir wissen von beiden Welten. Und da Menschen immer nach Vollkommenheit streben, vergleichen sie sich mit denjenigen, denen es besser geht. (\u2026) Wir stecken in einer Zwangslage. Wir sind nur damit besch\u00e4ftigt, den Grundbedarf an Essen, Kleidung und Wohnraum zu sichern. Deshalb fehlt uns die geistige Freiheit, \u00fcber diese Grundbed\u00fcrfnisse hinauszudenken.\u201c In ihrer Instagram-Bio steht nur ein Wort: Freiheit!<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Unfassbare Brutalit\u00e4t<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nika Shakarami, ein siebzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen, verschwand w\u00e4hrend der Proteste am 20. September. Zehn Tage sp\u00e4ter wurde ihre Leiche an die Familie \u00fcbergeben. Es hei\u00dft, sie sei acht Tage lang immer wieder vergewaltigt und gefoltert worden \u2013 Praktiken, die in den Gef\u00e4ngnissen des Regimes an der Tagesordnung sind. Die Sicherheitskr\u00e4fte nahmen der Familie den Leichnam wieder weg. Auf die Trauergemeinde, die sich zum Begr\u00e4bnis versammelt hatte, wurde geschossen. Nikas Tante und Onkel wurden gefoltert, um ihnen das \u201eGest\u00e4ndnis\u201c abzupressen, Nika habe sich umbringen wollen. Nikas Mutter ergriff dennoch die Initiative und berichtete \u00f6ffentlich, wie entstellt der Leichnam ihrer Tochter gewesen war \u2013 die Nase v\u00f6llig zertr\u00fcmmert, der Sch\u00e4del durch Kn\u00fcppelschl\u00e4ge mehrfach gebrochen. Sie machte auch \u00f6ffentlich, wie sie bedroht worden war.<br \/>\nVideos von Nika, in denen sie fr\u00f6hlich mit ihren Freundinnen singt, zirkulieren in den Sozialen Medien; ebenso Videos, in denen zu sehen ist, wie sie inmitten der Protestierenden auf einer M\u00fclltonne steht, Parolen ruft und ihr Kopftuch anz\u00fcndet \u2013 nur wenige Minuten, bevor sie geschlagen und entf\u00fchrt wurde. Wie viel Angst muss die Diktatur vor den zarten K\u00f6rpern verspielter Jugendlicher haben? K\u00f6rpern voller Lebenshunger und Freiheitsdurst, K\u00f6rpern, denen nicht einmal der Tod die Entschlossenheit rauben konnte, die W\u00fcrde und Freiheit zu erk\u00e4mpfen, die ihnen zustehen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das Unvorstellbare denken<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie stehe ich zu diesen K\u00f6rpern? Wie sind wir verbunden? Wo begegnen wir uns? Mein Freund in Teheran sagte neulich: \u201eMit ihrem Blut haben sie uns unsere Ehre zur\u00fcckgegeben. Die Axt (dieses Regimes) hat uns die ganze Zeit geschlagen, aber diese Generation hat sich darum geschlungen!\u201c Denn wir alle haben das Recht auf ein lebenswertes Leben.<br \/>\nDie jungen K\u00e4mpfer*innen in diesem Krieg, auf diesem Schlachtfeld, werden in unserer Erinnerung weiterleben und sie f\u00fcr immer ver\u00e4ndern. Sie haben uns schon jetzt unumkehrbar ver\u00e4ndert. Wir werden nie mehr dieselben Menschen sein, nachdem wir die Blutlachen gesehen haben, egal wie schnell sie weggewischt werden. Iranische Frauen*, auch ich selbst, werden \u00fcberall auf der Welt auf die Stra\u00dfe gehen \u2013 mit einem Selbstbewusstsein und einem Stolz, die bis zum 16. September unvorstellbar waren.<br \/>\nDie K\u00e4mpfe dieser jungen Menschen, dieser jungen Frauen* haben im Angesicht der brutalsten Staatsgewalt der iranischen Gesellschaft den messianischen Augenblick beschert, den historischen Bruch, der es uns \u00fcber alle Staatsgrenzen hinweg erm\u00f6glicht hat, das Unvorstellbare zu denken: den Umsturz der Hierarchien und eine radikale, egalit\u00e4re Politik, die ein Leben in W\u00fcrde und Freiheit garantiert. Durch diesen Bruch in der Zeit und mit ihrem reinen Licht rufen sie uns auf, die Seite des Lebens zu w\u00e4hlen. Die Entscheidung liegt nun bei uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16. September 2022 starb die junge iranische Kurdin Jina (Mahsa) Amini \u2013 ermordet durch die \u201eSittenpolizei\u201c, weil sie ihren Hidschab angeblich nicht korrekt getragen hatte. 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