{"id":2881,"date":"1999-10-01T00:00:00","date_gmt":"1999-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2881"},"modified":"2022-07-26T13:45:10","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:10","slug":"die-wirklichkeit-zerreisen-wie-einen-mislungenen-schnappschus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/die-wirklichkeit-zerreisen-wie-einen-mislungenen-schnappschus\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Wirklichkeit zerrei\u00dfen wie einen mi\u00dflungenen Schnappschu\u00df&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"text\">\n<p>Als spezifisch &#8218;anarchistische&#8216; Literatur hat sie den Anspruch, Texte zu produzieren, die dem libert\u00e4ren Kontext und seiner Gesellschaftskritik entsprechen. Als Teil der anarchistischen Bewegung versucht sie, erg\u00e4nzend zu sein, Systemkritik nicht allein als rationalen Diskurs oder als praktischen Widerstand auf der Stra\u00dfe zu verstehen, sondern auch auf die k\u00fcnstlerische Sprachebene zu projizieren. Unter anarchistischem Vorzeichen wird so klargestellt, da\u00df beides &#8211; Politik und Literatur &#8211; zwei sich notwendig erg\u00e4nzende Leidenschaften eines wachen Bewu\u00dftsein sind.<\/p>\n<p>Seit 1998 haben sich libert\u00e4re AutorInnen, die vormals jedeR f\u00fcr sich innerhalb der anarchistischen Bewegung aktiv waren, zusammengetan. Dabei entstand ein Netzwerk mit \u00fcberregionalem Zusammenhang. Die AutorInnen, aus denen sich das Netzwerk derzeit zusammensetzt, kommen aus Kiel, Berlin, Freiburg, Hamburg, M\u00fcnster, Osnabr\u00fcck und Bielefeld. Sie gaben sich und dem Netzwerk den Namen &#8222;Fraktal&#8220;. Der Grund f\u00fcr diese Namensgebung ist vielf\u00e4ltig. So gibt es z.B. in der Organisationstheorie eine fraktale Denkrichtung, die sich von der Vorherrschaft einer deterministisch-linearen Weltanschauung und extrem arbeitsteiligen Organisationsformen l\u00f6sen will. Basis fraktaler Organisationsformen sind demnach Prozesse, Teams und Netzwerke. In der Chaostheorie bezeichnet man andererseits Erscheinungen als &#8222;Fraktale&#8220;, die oft nicht durch Vergleiche erfa\u00dfbar, sondern nur sich selbst \u00e4hnlich sind. Der Name des Netzwerks steht jedoch nicht nur f\u00fcr Selbstorganisation bzw. &#8222;Selbst\u00e4hnlichkeit&#8220; oder Dynamik, sondern deutet zudem einen &#8222;Bruch&#8220; an (vergleiche den Begriff &#8222;Fraktur&#8220;). Und damit verweist er auf dasjenige, was der Literatur der AutorInnen wohl gemeinsam ist: der angestrebte oder sprachlich vollzogene Bruch mit den Strukturen der Gegenwart.<\/p>\n<p>Ein Stilmittel anarchistischer Literatur ist die Dekonstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit, ihre Aufl\u00f6sung und permanente sprachliche Neukonstruktion: hier gehen das poetische Element und das Politische eine wechselvolle Beziehung ein, die ganz typisch f\u00fcr anarchistisches Denken ist. Was die Anarcho-Poesie praktiziert, ist anarchistische Gesellschaftsutopie. Derzufolge n\u00e4mlich kann die anarchistische Gesellschaft nur eine Gesellschaft ohne starre Ordnungen sein, sie wird sich st\u00e4ndig aufl\u00f6sen und neu konstituieren, sie wird sich permanent ver\u00e4ndern, ganz nach dem Willen der beteiligten Menschen. Diesen Aspekt einer permanenten \u00c4nderung spiegelt bereits die anarchistische Poesie. Sie existiert halt doch: die spezifisch libert\u00e4re \u00c4sthetik:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><tt> <strong>\"euphorisierte augenblicksgestaltung nur<\/strong><br \/>\nlosgel\u00f6st vom konstruierten<br \/>\nkontextwald und eingebunden<br \/>\nunumwunden<br \/>\nich wie<br \/>\nin reeskalierte Weltbildpflege<br \/>\nverstrickt bin abri\u00dfbirne<br \/>\nmeiner eigenen ger\u00fcste<br \/>\nwie ich r\u00fcste bleib ich r\u00fcstig<br \/>\nmit sartre der verHERRlichung der<br \/>\nLIEBE was entgegensetzen:<br \/>\nder mensch ist eine gemeine marmelade<br \/>\nnicht mehr und nicht<br \/>\n<strong>wesentlicher\"<\/strong><\/tt><\/p>\n<p>(aus: Jens Petz Kastner, &#8222;Pille Palle Poems&#8220;)<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\"><strong>Jens Petz Kastner,<\/strong>r\u00fchriger Autor und Artikelverfasser im libert\u00e4ren Bl\u00e4tterwald, ist manchem oder mancher vielleicht noch vom &#8222;Anarchistischen Herbst&#8220; in K\u00f6ln 1997 in Erinnerung, wo er mit zwei anderen Fraktalen eine abendf\u00fcllende Lesung hielt. Auf diesem K\u00f6lner Kongre\u00df wurde die Idee zur AutorInnenvereinigung &#8222;Fraktal&#8220; geboren. Zun\u00e4chst aus einer Grundsatzdebatte heraus, denn nicht nur in einer Diskussionsgruppe, die sich dort zum Thema &#8222;Kunst und Revolution&#8220; zusammenfand, war die Meinung unterbreitet worden, Kunst und Revolution h\u00e4tten nichts miteinander zu tun. Da sind die AutorInnen von Fraktal allerdings vom Gegenteil \u00fcberzeugt. Mit anarchistischer Kunst und Literatur ist sicherlich keine Revolution zu machen, aber ohne diese w\u00fcrde der Anarchismus einen nicht unwichtigen Bereich ausschlie\u00dflich anderen Gruppierungen \u00fcberlassen, und das w\u00e4re ein schlechtes Zeichen f\u00fcr die Bewegung.Notwendig ist, da\u00df Gesellschaftskritik mit anarchistischem Vorzeichen in s\u00e4mtlichen gesellschaftlichen Bereichen vertieft wird, eine Kritik, die auf einen anderen Gesellschaftsentwurf hinausl\u00e4uft und nicht &#8211; wie in Zeiten der TV- Show- Animation \u00fcblich &#8211; zum systemerhaltenden Allgemeingepl\u00e4nkel verkommt. In diesem Sinne schrieb der Hamburger Autor und langj\u00e4hrige Lesungsaktivist <strong>Raimund Samson<\/strong> unter der \u00dcberschrift &#8222;TV- Anarchie&#8220;:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><tt> <strong>\"Habichelacht neulich<\/strong><br \/>\nRita S\u00fcssmuth mit Gie\u00dfkannenstimme<br \/>\nSamstagnacht aufm 'Privaten'<br \/>\nbrabbelt vom Rednerpult des Bundestages<br \/>\nzu irgendwelchen Hinterb\u00e4nklern,<br \/>\ndie sich r\u00e4keln fett und faul,<br \/>\nF\u00fchren d\u00e4mliche Dialoge und Selbstgespr\u00e4che<br \/>\nUnd nuscheln, jaul jaul...<br \/>\nganz sch\u00f6n plem plem die Damen und Herren, wa!<br \/>\nSAT 1 f\u00fchrt Kohl, Schr\u00f6der, Scharping<br \/>\nals harmlose Trottel vor, irre!<br \/>\nUnd wat sonst det Herz begehrt,<br \/>\nHabichelacht, aber so richtich<br \/>\npechschwarz, nich!<br \/>\nDie regierenden als doofe Deppen blamiert<br \/>\nund setzen weder Polizei noch Justiz in Marsch<br \/>\nTratri tra la la<br \/>\nIs allet Klamauk, wa? JA!<br \/>\nIk hab ne Ader f\u00fcr Politiker-Verarsche, aber<br \/>\nGestern hab ik mir an' Kopf gepackt<br \/>\nWessen Gesch\u00e4ft betreiben diese Witzbolde eigentlich?<br \/>\nHeute kannste mit ANARCHISMUS Million\u00e4r werden<br \/>\n<strong>Wie sich die Zeiten \u00e4ndern...\"<\/strong><\/tt><\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">Raimund Samson unterh\u00e4lt in Hamburg das &#8222;Kunstb\u00fcro Wilhelmsburg&#8220;, organisiert seit 1991 eine regionale Radiosendung (Radio Brisanz) und gibt die Literaturzeitschrift &#8222;HerzGalopp&#8220; heraus. Derzeit stellt er eine Anthologie mit Anti- Kriegstexten zum Krieg in Jugoslawien zusammen, die Anfang des n\u00e4chsten Jahres erscheinen soll. Ihr Titel: &#8222;Feldpost 2000; Deutschland im Krieg&#8220;.1996 erschien beim Karin Kramer-Verlag der Gedichtband &#8222;Hommages&#8220; des heutigen Freiburgers <strong>Thorsten Hinz<\/strong>; nach langer Durststrecke war seine Lyrik ein deutliches Zeichen einer neuen anarchistischen Poesie. Wolfgang Eckard bezeichnete die Lyrik von Hinz in der Direkten Aktion als &#8222;vision\u00e4r&#8220;. Was seine Lyrik besonders auszeichne, sei &#8222;ihre Ethik, ihre s\u00e4gende, r\u00fcttelnde Perspektive&#8220;. Einen vision\u00e4ren (neukonstruktiven) Eindruck vermitteln auch neuere Texte von Thorsten Hinz, hier sein Gedicht: &#8222;Eine blaue Blume&#8220;:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><tt> <strong>\"Es wird eine blaue Blume in meinem Kopf bl\u00fchen.<\/strong><br \/>\nIch tr\u00e4ume in deinem Scho\u00df von der bunten<br \/>\nSprachentwirrung<br \/>\nMenschen werden einander Menschen sein.<br \/>\nAn deinen Lippen entlasten sich Zitronenfalter.<br \/>\nAuf Europa, deren kurdischer und kosovarischer Atemnot,<br \/>\nwird ein Garten bl\u00fchen -<br \/>\nmit Zeder, Kirsche, Baobab, Gingko.<br \/>\nAm Grab des gelben Reiters,<br \/>\nhinter der Weltstadt,<br \/>\nwird das kleine Leben als kleines Leben<br \/>\ngro\u00df werden.<br \/>\nDeine H\u00e4nde liebkosen das Weinen meiner Worte.<br \/>\nEs wird eine Blume in meinem Kopf bl\u00fchen.<br \/>\n<strong>Eine blaue Blume.\"<\/strong><\/tt><\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">Die inhaltlich libert\u00e4re Ausrichtung des Schreibens ist der gemeinsame Nenner von Fraktal. Von der Form und vom Ausdruck der Schreibarten her w\u00e4re es allerdings verfehlt, alle unter einen Nenner bringen zu wollen, dazu sind sie zu verschieden. Und gerade das k\u00f6nnte bei einer Fraktal-Lesung den besonderen Reiz ausmachen, das jeweils ganz unterschiedliche Experiment mit der Sprache. Ein Beispiel daf\u00fcr ist das Spiel mit Wortfolgen im Hinblick auf Klangfarbe und Rhythmus, oder das Experimentieren mit sprachlichen Versatzst\u00fccken. Dann setzt ein Bruch mit Wahrnehmungsgewohnheiten ein, der allerdings kein Selbstzweck ist, sondern eine gezielte Aggression mit sprachlichen Mitteln gegen &#8218;das Korrekte&#8216;, Normen, Denkordnungen. Im Bruch mit Denkgewohnheiten k\u00f6nnte ein erster Ansatz zu einer freiheitlichen Perspektive liegen, er wird deshalb gesucht, er entspricht der libert\u00e4ren \u00c4sthetik.Hier der Fraktal-Lyriker <strong>Till<\/strong> aus Kiel mit seinem Text \u00fcber Einbauk\u00fcchen.<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><tt> <strong>\"einbauk\u00fcchen haben keine geheimnisse<\/strong><br \/>\nstra\u00dfe-stadt.<br \/>\n<strong>ein fenster auf augenh\u00f6he steht auf. ich schaue hinein. ein mann steht an der arbeitsfl\u00e4che einer wei\u00dfen einbauk\u00fcche. seine rechte hand steckt in einer moulinette. eine digitaluhr, schwarz, liegt daneben. unsere augen ber\u00fchren sich. er l\u00e4chelt. sein linker zeigefinger dr\u00fcckt den schalter der k\u00fcchenmaschine. Langsam, dann schneller wird sein arm bis zum ellenbogen in die maschine gezogen. eine linie blut rinnt an der wei\u00dfen einbauk\u00fcchenschrankt\u00fcr, hinter ihm, herunter, tropft in einem d\u00fcnnen faden auf den gr\u00fcnen linoliumfu\u00dfboden. tropf-tropf-klick. sein finger ber\u00fchrt den schalter erneut. er zieht den arm aus dem mixer. der arm ist ganz. nachdem er seine armbanduhr angelegt hat, schlie\u00dft er das fenster. das letzte, was ich sehe, ist ein tropfen blut auf dem glas der uhr an seinem handgelenk. am n\u00e4xten morgen sind meine haare rot.\"<\/strong><\/tt><\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">Till dadaiert Sprache und experimentiert bei seinen Auftritten mit M\u00f6glichkeiten der musikalischen Vertonung. Seit einiger Zeit tritt er mit seiner Poesie in einer Musikgruppe auf, liest Texte zu Gitarre und Bongos, so unter anderem zu h\u00f6ren auf dem diesj\u00e4hrigen anarchistischen Sommercamp in Lehrte.Ebenso wie der Fraktal-Autor <strong>Ralf G. Landmesser<\/strong> aus Berlin, der vielen auch bekannt ist als Herausgeber des Schwarzrotbuch- Verlags und des allj\u00e4hrlichen anarchistischen Taschen-KALENDAs. Ralf Landmesser, r\u00fchriger Aktivist in allen libert\u00e4ren Belangen, ist seit langem auch Anarcho-Lyriker, seine Vielseitigkeit kann da schon beeindrucken. Unter anderem hat er eine Reihe von Berliner Mundartgedichten verfa\u00dft, die sich kritisch mit der Situation in Berlin befassen, besonders nachdem Berlin ja jetzt zum Schulungshauptsitz f\u00fcr BerufspolitikerInnen mutiert ist. Dar\u00fcberhinaus schreibt er \u00fcber viele andere Ereignisse, wie hier z.B. zum &#8222;Tag X&#8220; das folgende Gedicht:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><tt> <strong>\"MACHT: NIX<\/strong><br \/>\n1 Tach X<br \/>\ndas is' noch nix!<br \/>\nTach X 2<br \/>\nmacht auch<br \/>\nnich' frei<br \/>\nTach X 3<br \/>\nWer h\u00e4tt's gedacht?<br \/>\nEin Serienanfang<br \/>\nis' gemacht.<br \/>\nJeder Tach<br \/>\nein neues X<br \/>\ndurch die miesen<br \/>\nBonzentrix !!!<br \/>\nX x X =<br \/>\nAlles geht:<br \/>\nin Bewegung kommt<br \/>\nwas steht\"<\/tt><\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">Ralf G. Landmesser war \u00fcbrigens im Juli diesen Jahres Mitorganisator einer zweit\u00e4gigen Dauerlesung am Grabe von Erich und Zenzl M\u00fchsam, w\u00e4hrend der dann auch Gedichte von ihm und den Mitfraktalen Till und Ralf Burnicki zu h\u00f6ren waren.Bei Fraktal entstehen jedoch nicht nur Gedichte, sondern auch Kurzgeschichten, kritische Prosa. Hier ist ein Autor hervorzuheben, dessen Geschichten auszugsweise wiederzugeben den Rahmen sprengen w\u00fcrde. Gemeint ist der Osnabr\u00fccker Autor <strong>Jokkl<\/strong>, der lange Zeit als Stra\u00dfens\u00e4nger in diversen St\u00e4dten unterwegs war und 1998 seinen Prosa-Band &#8222;Am Rande dieser Stadt&#8220; ver\u00f6ffentlichte. Jokkl schreibt \u00fcber die Widerborstigkeiten des politischen Er-Lebens, \u00fcber Gorleben, \u00fcber den Umgang mit Polizei und B\u00fcrgermeistern, \u00fcber die geheimnisvolle Bekehrung eines Kaufhausdetektivs, \u00fcber all jene Kleinigkeiten eben, die das Leben eines politischen Aktivisten erschweren k\u00f6nnen, wie \u00fcbrigens auch die Suche nach geeigneten Unterhosen in einem durchschnittlichen Supermarkt, wie folgendes Beispiel aus &#8222;Am Rande dieser Stadt&#8220; eindeutig belegt:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><tt> <strong>Ein junger Mann im Supermarkt auf der Suche nach Unterhosen: \"40 DM wollten die daf\u00fcr haben. Ich konnte es nicht fassen: 40 DM f\u00fcr eine einzige Unterhose, die dazu noch stockh\u00e4\u00dflich ist. F\u00fcr 40 Mark kann ich mich komplett einkleiden. Von wegen, der Kunde ist K\u00f6nig. Es m\u00fc\u00dfte hei\u00dfen: Um hier einkaufen zu k\u00f6nnen, mu\u00df der Kunde schon K\u00f6nig sein\".<\/strong><\/tt><\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">In seinen Stories sp\u00fcrt Jokkl den Widerw\u00e4rtigkeiten dieser Welt mit sarkastischem Humor nach, da kann einem\/einer allerdings schon mal das Lachen im Halse stecken bleiben.Womit wir &#8211; last but not least &#8211; bei zwei weiteren Fraktal-Autoren w\u00e4ren, die sich bereits 1994 als Lyriker innerhalb eines libert\u00e4ren Literaturprojekts zusammengeschlossen haben: die Bielefelder Autoren <strong>Michael Halfbrodt<\/strong> und <strong>Ralf Burnicki<\/strong>. Beide Autoren gr\u00fcndeten das Literaturprojekt &#8222;Blackbox&#8220;. Etliche Lesungen waren die Folge, daneben waren Halfbrodt und Burnicki Mitveranstalter des Bielefelder anarchistischen Kulturfestivals &#8222;Schwarze Tage&#8220;. Aus Blackbox ist mittlerweile ein kleines aber stabiles Verlagsprojekt geworden (&#8222;Edition Blackbox&#8220;), in dem anarchistische Prosa und Lyrik diverser AutorInnen in Mini-Auflagen publiziert wird. Deren Vertrieb erfolgt vor allem bei Lesungen. Halfbrodt, der auch als \u00dcbersetzer aktiv ist (u.a. von Mercier Vega, Reisende ohne Namen, 1998), besch\u00e4ftigt sich intensiv mit den Kriterien libert\u00e4rer \u00c4sthetik und verfa\u00dft experimentelle Lyrik. So beginnt sein 20-seitiges Poem &#8222;Nieder&#8220; (1994) mit den Worten:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><tt> <strong>\"NIEDER steht an einer Hauswand<\/strong><br \/>\nNicht Nieder mit dem Sonnenuntergang den Zahn\u00e4rzten den Z\u00e4hnen<br \/>\n<strong>sondern schlicht NIEDER denn es geht darum das Wirkliche zu zerrei\u00dfen wie einen mi\u00dflungenen Schnappschu\u00df\"<\/strong><\/tt><\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">Ralf Burnicki besch\u00e4ftigt sich vorrangig mit dem Thema der &#8222;Stadt&#8220;, einem sozialen Raum, in dem Unterwegssein und Geschwindigkeit zur Priorit\u00e4t erhoben und Innehalten und Begegnungen eher st\u00f6rend zu wirken scheinen:<\/div>\n<blockquote><p><tt> <strong>\"Allerorts wachsen Zentren und Peripherien, vollkommene Schaltkreise zwischen Kontoauszug und Telefonzelle, Blutdruck und Innenstadt. Die St\u00e4dte werden gr\u00f6\u00dfer und man lernt, die Schnittstellen mit wachsender Bildgeschwindigkeit zu nehmen, im Schnellauf Rei\u00dfverschl\u00fcsse zu \u00f6ffnen oder Baustellen zu passieren...\" <\/strong>(aus: StadtSchluchten, Gedichte).<\/tt><\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">Bei aller Unterschiedlichkeit im Ausdruck und der Vielseitigkeit ihrer Themen z\u00e4hlt f\u00fcr die AutorInnen von Fraktal jedoch eines (aus: M. Halfbrodt, Schnee von Gestern):<\/div>\n<blockquote><p><tt> \"Weder Befehlen noch Gehorchen<br \/>\nWeder Opfer noch Henker<br \/>\nWeder Gott noch Herr<br \/>\nSondern:<br \/>\nDer Mensch, der vor der Sonne steht...\" <\/tt><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als spezifisch &#8218;anarchistische&#8216; Literatur hat sie den Anspruch, Texte zu produzieren, die dem libert\u00e4ren Kontext und seiner Gesellschaftskritik entsprechen. 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