{"id":2891,"date":"1999-10-01T00:00:37","date_gmt":"1999-09-30T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2891"},"modified":"2022-07-26T14:17:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:00","slug":"arbeit-am-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/arbeit-am-ende\/","title":{"rendered":"Arbeit am Ende?"},"content":{"rendered":"<p>Die Arbeitsgesellschaft befindet sich in der Krise. Das wahre Ausma\u00df der ohnehin best\u00e4ndig hohen Arbeitslosenzahlen wird sichtbar in fast t\u00e4glich zu lesenden Meldungen \u00fcber weitere Rationalisierungen. Der Staat m\u00fcht sich &#8222;verzweifelt&#8220;, wie das hei\u00dft, mit dem B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit und kostspieligen Steuergeschenken, Lohnsubventionen und Besch\u00e4ftigungsprogrammen die Lage zu verbessern. W\u00e4hrend alle anderen noch davon tr\u00e4umen, wie einst eine florierende Wirtschaft endlich auch den Arbeitsmarkt stimulieren wird, besch\u00e4ftigt sich die N\u00fcrnberger Gruppe Krisis um ihren Theoretiker Robert Kurz mit einem Tabuthema: die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Das vorliegende Manifest ist eine schonungslose und bisweilen provokative theoretische Kritik der g\u00e4ngigen Vorstellungen \u00fcber Arbeit. Es &#8222;soll die herrschenden Denkverbote frontal angreifen und ebenso offen wie klar aussprechen, was sich niemand zu wissen traut und viele doch sp\u00fcren: die Arbeitsgesellschaft ist definitiv am Ende.&#8220; (S. 41)<\/p>\n<p>In siebzehn kurzen Kapiteln skizzieren die Verfasser eine Gesellschaft, die sich ideologie\u00fcbergreifend einem Relikt verschrieben hat und nun von einem Leichnam beherrscht wird: dem G\u00f6tzen Arbeit. Der wird nur noch k\u00fcnstlich und mit gro\u00dfem Aufwand weiter beatmet, denn die Erwerbsgesellschaft st\u00f6\u00dft nach Meinung der Autoren hier an ihre absolute Grenze: &#8222;Erstmals wird mehr Arbeit wegrationalisiert als durch Ausdehnung der M\u00e4rkte (und die Schaffung neuer Produkte und Branchen) reabsorbiert werden kann.&#8220; (S. 28) Die fr\u00fcheren Kompensationsmechanismen greifen nicht mehr, der systemimmanente Widerspruch von Kaufkraft und Konsum einerseits und betriebswirtschaftlicher Konkurrenz, d.h. Rationalisierungszwang andererseits, wird zum von der Gruppe bereits des \u00f6fteren vorhergesagten Kollaps f\u00fchren. Die dritte &#8211; mikroelektronische &#8211; Revolution hat den arbeitenden Menschen \u00fcberfl\u00fcssig gemacht und &#8222;der Verkauf der Ware Arbeitskraft wird im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein wie im 20. Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen.&#8220; (S. 5)<\/p>\n<p>Solche Szenarien \u00fcber den nahenden Zusammenbruch des (fast) weltweit herrschenden warenproduzierenden Systems fl\u00f6\u00dfen Angst ein. Da verwundert es nicht, wenn um so vehementer an der Arbeit als gesellschaftlichem Zwangsprinzip festgehalten wird. &#8222;Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!&#8220;, t\u00f6nt es aus allen ideologischen Lagern, und: &#8222;Jede Arbeit ist besser als gar keine!&#8220; &#8211; und sei sie noch so sinnlos. Kann das Dogma von der Arbeit als nat\u00fcrlicher Bestimmung des Menschen gelten, wenn &#8222;drei Viertel der Menschheit nur deshalb in Not und Elend versinken, weil das System ihre Arbeit gar nicht mehr brauchen kann?&#8220; (S. 13)<\/p>\n<p>Die ehedem noch stolz &#8222;sozial&#8220; genannte Marktgesellschaft ist zu einer neoliberalen und sozialstaatlichen Apartheidsgesellschaft verkommen, die von r\u00fccksichtslosem Konkurrenzkampf, Entsolidarisierung, Naturzerst\u00f6rung und Rechtsnationalismus gepr\u00e4gt ist. &#8222;Die ideologische Verwandlung der knappen Arbeit ins erste B\u00fcrgerrecht schlie\u00dft konsequent alle Nicht-Staatsb\u00fcrger aus.&#8220; (S. 9) Und sie produziert eine Masse von wohlfahrtsabh\u00e4ngigen \u00dcberfl\u00fcssigen, die als &#8222;l\u00e4stiger Humanm\u00fcll&#8220; angesehen werden.<\/p>\n<p>Robert Kurz und den anderen Autoren des Manifestes ist ein interessanter und mutiger Aufri\u00df des komplexen Themas &#8222;Zukunft der Erwerbsarbeit&#8220; gelungen. Da\u00df vieles nur angerissen und stellenweise mehr polemisiert als argumentiert wird, tut dem Manifest keinen Abbruch. Gerade dadurch eignet es sich als Diskussionsgrundlage f\u00fcr all diejenigen, die sich trauen, der Wahrheit \u00fcber eine unsichere Zukunft ins Gesicht zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arbeitsgesellschaft befindet sich in der Krise. Das wahre Ausma\u00df der ohnehin best\u00e4ndig hohen Arbeitslosenzahlen wird sichtbar in fast t\u00e4glich zu lesenden Meldungen \u00fcber weitere Rationalisierungen. Der Staat m\u00fcht sich &#8222;verzweifelt&#8220;, wie das hei\u00dft, mit dem B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit und kostspieligen Steuergeschenken, Lohnsubventionen und Besch\u00e4ftigungsprogrammen die Lage zu verbessern. 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