{"id":28918,"date":"2022-11-26T15:31:23","date_gmt":"2022-11-26T13:31:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/grenzgaenge-am-rande-der-herrschaft\/"},"modified":"2022-12-18T12:03:38","modified_gmt":"2022-12-18T10:03:38","slug":"grenzgaenge-am-rande-der-herrschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/grenzgaenge-am-rande-der-herrschaft\/","title":{"rendered":"Grenzg\u00e4nge am Rande der Herrschaft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Festlichkeiten, Tauschm\u00e4rkte, Spiele: Es gibt Situationen, in denen es alles andere als eindeutig ist, wer das Sagen hat und wer zum Zuh\u00f6ren, Schweigen und Mitmachen verdammt ist. Unklar auch, wie weit diese Verdammung reicht, die etwa von Theater, Karneval und anderen Festen ausnahmsweise inszeniert wird. Bleibt die Ambivalenz auf die Ausnahmesituation beschr\u00e4nkt, oder greift sie in den Alltag ein und ver\u00e4ndert diesen gar? Transformiert sie m\u00f6glicherweise gesellschaftliche Strukturen, oder bleibt sie ihnen \u00e4u\u00dferlich?<br \/>\nMit solchen Fragen besch\u00e4ftigt sich traditionsgem\u00e4\u00df die Ethnologie. Immer wieder hat sie \u00fcber die Analyse hinaus auch Methoden entwickelt, die das Beobachtete zum Ma\u00dfstab einer <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/herrschaftsfreie-institutionen\/\">allgemeinen Herrschaftskritik<\/a> gemacht haben. So gibt es eine Str\u00f6mung anarchistisch inspirierter Ethnologie, deren bekannteste Namen vielleicht Hans-Peter D\u00fcrr, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/ein-soziologe-im-minenfeld\/\">Christian Sigrist<\/a> und zuletzt <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/09\/jenseits-von-staatlichen-strukturen\/\">David Graeber<\/a> sind. In segment\u00e4ren, also nicht-zentralistisch organisierten Gesellschaften suchten Autor*innen wie diese nicht nur das interessante Andere, sondern auch einen Kompass f\u00fcr die Herrschaftskritik.<br \/>\nAuch Florian M\u00fchlfried ist diesen Ans\u00e4tzen zuzurechnen, wenn er konstatiert, dass in vor- oder au\u00dferstaatlichen Kontexten \u201egewohnheitsrechtliche Konfliktregulierung einen Grad an Autonomie [sichert], die egalit\u00e4re Relationen \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich macht\u201c (S. 69). Die Gemeinschaft, der \u00c4ltestenrat, spezielle Kollektive und\/oder Versammlungen stellen Gremien dar, die jenseits b\u00fcrokratischer Rationalit\u00e4t das Leben organisieren und, so die h\u00e4ufig auch empirisch untermauerte Annahme, eine gleichberechtigte Alternative zu staatlicher Vergesellschaftung bilden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Gerontokratie und andere nichtstaatliche Herrschaft<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner aktuellen Studie \u201eUnherrschaft und Gegenherrschaft\u201c grenzt M\u00fchlfried sich von seinen Vorg\u00e4nger*innen aber auch ab, indem er der Gleichsetzung von segment\u00e4r\/indigen und egalit\u00e4r sehr skeptisch gegen\u00fcbersteht. Herrschaft ist f\u00fcr ihn nicht automatisch mit Staat assoziiert, sondern kann auch in anderen ritualisierten Praktiken walten.<br \/>\nM\u00fchlfried spricht sich explizit gegen jene Annahme anarchistischer Ethnologie aus, die dem \u201eMisstrauen gegen Herrschaft\u201c (S. 67) eine eindeutig konstitutive Kraft f\u00fcr emanzipatorische Entwicklungen zuschreibt. Denn nicht selten ist dabei \u00fcbergangen worden, dass statt seit der Aufkl\u00e4rung etablierter, (und oft, aber nicht nur staatlich) geregelter Verfahren h\u00e4ufig eine mystifizierte, patriarchale Gerontokratie die Belange der Menschen regelt. Wenig beachtet wurde selbst noch bei Graeber, dass solche Antistaatlichkeit immer wieder mit einer intransparenten, patriarchalen \u00d6konomie der Ehre und der totalen Versachlichung von Frauen* einhergeht. Bei aller Begeisterung f\u00fcr die Abwesenheit staatlicher Strukturen wurde ausgeblendet, dass statt B\u00fcrokratie eben oft alte M\u00e4nner auf der Grundlage obskurer Glaubensvorstellungen \u00fcber das Schicksal von Menschen entscheiden. M\u00fchlfried benennt diese Auslassungen und will gerade sie korrigieren. Daher sein Interesse f\u00fcr das Uneindeutige und das Nicht-Festgelegte.<br \/>\nDies f\u00fchrt allerdings zuweilen dazu, dass er noch in Festlichkeiten wie dem georgischen Bankett (supra), die er selbst als total reguliert beschreibt, einen \u201eGrenzgang am Rande der Herrschaft\u201c (S. 90) erkennt. \u00dcber die Bedingungen, unter denen es m\u00f6glich und wahrscheinlich ist, herrschaftliche Arrangements zu unterlaufen, und wann das eben nicht klappt, sagt er erstaunlich wenig. Grundlage seiner theoretischen Erw\u00e4gungen zu Fragen der Herrschaft und seines politischen Versuchs, \u201edem Anarchismus frischen Atem einzuhauchen\u201c (S. 28), bilden vor allem seine Feldforschungen im Kaukasus. Die vielen Beispiele, die er anf\u00fchrt, sprechen von jahrelanger Erfahrung und gro\u00dfer Sachkenntnis.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ambivalent und paradox<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fchlfrieds Errungenschaft besteht nun einerseits darin aufzuzeigen, inwiefern Herrschaft auch ihren vermeintlich klaren Gegenmodellen von gewohnheitsrechtlichen, ritualisierten Praxisformen innewohnt. Nicht jeder indigene Rat ist automatisch egalit\u00e4r, auch segment\u00e4re Gesellschaften bilden Hierarchien aus. Dass das kein Grund zur Verzweiflung ist, soll der Fokus auf die Ambivalenzen und eben \u201eGrenzg\u00e4nge\u201c zeigen. Diese Perspektive erzwingt paradoxe Formulierungen, an denen M\u00fchlfried merklich Spa\u00df hat. \u00dcber das Fest sagt er: \u201e(E)s herrscht nicht keine Arbeit und nicht keine Vergeudung\u201c (S. 89).<br \/>\nAndererseits aber, gemessen am Anspruch der Atemkur f\u00fcr den Anarchismus, bleibt der Essay doch hinter den Erwartungen zur\u00fcck. Das liegt vor allem daran, dass aktuelle Debatten etwa aus der anarchokommunistischen, anarchopazifistischen und der anarchafeministischen Theorie und Praxis nicht aufgegriffen werden. Organisatorische und strategische Fragen werden bestenfalls andiskutiert, aber auch in der Theorie bleibt die Idee der Unherrschaft als unreine, ambivalente Kategorie jenseits der Versuche, reine Anti-Haltungen umzusetzen, merkw\u00fcrdig unvermittelt. Die Verkn\u00fcpfung der Diskurse w\u00e4re, vor dem Hintergrund von M\u00fchlfrieds Definition von Unherrschaft als \u201eZunichtemachen von Herrschaft\u201c (S. 114), also als \u201ePraxis der Negation\u201c (S.\u00a0115), durchaus lohnenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Festlichkeiten, Tauschm\u00e4rkte, Spiele: Es gibt Situationen, in denen es alles andere als eindeutig ist, wer das Sagen hat und wer zum Zuh\u00f6ren, Schweigen und Mitmachen verdammt ist. Unklar auch, wie weit diese Verdammung reicht, die etwa von Theater, Karneval und anderen Festen ausnahmsweise inszeniert wird. 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