{"id":28922,"date":"2022-11-26T15:31:26","date_gmt":"2022-11-26T13:31:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/dies-ist-kein-protest-dies-ist-eine-revolution\/"},"modified":"2022-12-18T12:35:40","modified_gmt":"2022-12-18T10:35:40","slug":"dies-ist-kein-protest-dies-ist-eine-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/dies-ist-kein-protest-dies-ist-eine-revolution\/","title":{"rendered":"\u201eDies ist kein Protest. Dies ist eine Revolution!\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das hat es in der Geschichte der iranischen Bewegungen noch nicht gegeben. Als am 22. Oktober 2022 80.000 Menschen aus ganz Europa in Berlin demonstrieren, ist dies nicht nur ein Lebenszeichen der iranischen Diaspora. Es ist ein Signal der Einigkeit zwischen den Menschen hier und denen, die zeitgleich im Iran auf der Stra\u00dfe sind.<br \/>\nDer Samstag ist im Persischen der Beginn der Woche. \u201eEs hie\u00df immer: Kein guter Tag zum Demonstrieren. Das ist jetzt vorbei\u201c, posten die Aktivist*innen in den Sozialen Netzwerken. Seit inzwischen 55 Tagen setzt sich diese Bewegung ununterbrochen fort. 900 Demonstrationen in 138 St\u00e4dten z\u00e4hlte die Menschenrechtsorganisation HRANA. 137 Universit\u00e4ten sind involviert, davon 33 Unis alleine in Teheran.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Jahrelange Proteste gegen das Regime<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Berlin spricht auch Hamed Esmailion, Aktivist aus Kanada. Seine Frau und Kind starben beim Abschuss des Fluges 752 Ukraine Airlines durch Flugabwehrraketen des iranischen Milit\u00e4rs am 8. Januar 2020. Die aktuellen Proteste im Iran haben eine Vorgeschichte. Ausgel\u00f6st durch Benzinpreiserh\u00f6hungen kam es 2019 zu den wohl gr\u00f6\u00dften landesweiten Erhebungen in der Geschichte der Islamischen Republik. Protestierende auch aus \u00e4rmeren Schichten eroberten die Stra\u00dfen. Sie z\u00fcndeten Polizei- und Regierungsgeb\u00e4ude an. Das Regime t\u00f6tete gesch\u00e4tzt 1.500 Menschen. Die Tage sind heute als \u201eBlutiger November\u201c bekannt. Man fand gefolterte und ermordete Menschen in Abwasserkan\u00e4len und Stauseen. Im Januar 2020 sah es nicht danach aus, dass die Lage sich beruhigen w\u00fcrde. Erst mit dem heftigen Einbruch der Corona-Pandemie \u00e4nderte sich die Situation im Land.<br \/>\nDas Missmanagement und die Unwilligkeit des islamischen Regimes f\u00fchren jedoch von einer Krise in die n\u00e4chste. Nach der schlimmsten Phase der Pandemie folgten im Sommer 2021 die Wasserproteste in Chuzestan. Von der mehrheitlich arabischen Bev\u00f6lkerung in Chuzestan breiteten sie sich schnell nach Isfahan und dar\u00fcber hinaus aus.<br \/>\nIm Mai 2022 st\u00fcrzte \u2013 nicht zum ersten Mal \u2013 ein Hochhaus ein, diesmal in Abadan. Was, wenn erst das erwartete \u201egro\u00dfe Beben\u201c kommt? Der Teheraner B\u00fcrgermeister lie\u00df j\u00fcngst verlauten, dass er die Liste der akut einsturzgef\u00e4hrdeten Geb\u00e4ude nicht ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nne, so schlimm sei die Lage.<br \/>\nLehrkr\u00e4fte und Ingenieur*innen werden oft monatelang nicht bezahlt und m\u00fcssen streiken, um Geld zu bekommen. Gleichzeitig erh\u00f6ht das Parlament inmitten der Proteste die Geh\u00e4lter der Sicherheitskr\u00e4fte um 20 Prozent. W\u00e4hrend im Land der Frauenanteil in naturwissenschaftlichen F\u00e4chern \u00fcber 50 Prozent liegt, weit h\u00f6her als in westlichen Industriel\u00e4ndern, predigen alte Mullahs im staatlichen Fernsehen, dass der Platz einer Frau hinter den T\u00fcren ihres Heimes sei und nichts anderes.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Funke im Pulverfass<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fehlte nur ein Funke. Mahsa Jina Amini wurde im Polizeigewahrsam get\u00f6tet. Sie war mit dem Vorwurf festgenommen worden, den f\u00fcr Frauen vorgeschriebenen Hidschab nicht korrekt getragen zu haben. Aus den Protesten an Jina Aminis Grab in der Provinz Kurdistan erwuchsen schnell landesweite Kundgebungen, und mit der Ablegung des Kopftuches bei ihrer Beerdigung wurde der kurdische Ruf \u201eJin, Jiyan, Azad\u00ee\u201c (dt. \u201eFrau, Leben, Freiheit\u201c) ins Persische \u00fcbertragen und zur Parole der Bewegung.<br \/>\n\u00dcber die Bedeutung der iranischen Frauenbewegung und die Unterdr\u00fcckungserfahrungen der Iranerinnen mit der Sittenpolizei \u201eGascht-e Erschad\u201c wurde bereits viel geschrieben. Ich m\u00f6chte den Blick auf einen wichtigen Punkt werfen.<br \/>\nDas Ablegen des Kopftuches als ein Akt der Selbsterm\u00e4chtigung: Nicht nur symbolisch auf Demonstrationen wird das Kopftuch angez\u00fcndet. In diesen Tagen sehen wir immer mehr Frauen, die in Alltagssituationen ohne Kopftuch unterwegs sind. Als im November die gro\u00dfen Demonstrationen zunehmend unter Druck stehen, verst\u00e4rken die Frauen solche Aktionen noch einmal. Sch\u00fclerinnen landesweit legen nicht nur den Hidschab ab, sondern entfernen die Abbildungen des Religionsf\u00fchrers Ali Chamenei von den W\u00e4nden und rei\u00dfen sie aus den Schulb\u00fcchern. Sie richten sich gegen die Diktatur und die ideologischen Lehrinhalte.<br \/>\nDas Lied \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BP0_djnfU-c\">Baraye Azadi<\/a>\u201c (dt. \u201eF\u00fcr die Freiheit\u201c) des iranischen S\u00e4ngers Scherwin Hadschipur wird zu einer Hymne der jungen Bewegung, zu einem Manifest. Darin werden die k\u00fcnstlerischen Freiheiten, die Umweltprobleme, Tierschutz, die Armut und Stra\u00dfenkinder, die Misswirtschaft, die psychischen Probleme, Transsexualit\u00e4t, der religi\u00f6se Fundamentalismus und die politischen Gefangenen angesprochen. Die Iraner*innen spielen den Song auf den Stra\u00dfen und nachts aus den Fenstern ihrer Hochhausappartments.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vollst\u00e4ndiger Wandel statt blo\u00dfer Reformen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rede von Hamed Esmailion spricht von \u201eunseren Tr\u00e4umen\u201c, angelehnt an Martin Luther King: \u201eIn our dreams the wind of freedom goes through women\u02bcs hair\u201c (dt. \u201eIn unseren Tr\u00e4umen streicht der Wind der Freiheit durch Frauenhaar\u201c). Auch ihm geht es um die Aufhebung der Gewalt und Korruption. Er f\u00fcgt einen wichtigen Satz hinzu, der ihm von Iraner*innen in Europa mitgegeben wurde. \u201eNo one is asking you to interfere or wage war. No one is asking you to sanction the people of Iran. What we are asking is: Impose targeted sanctions on the leaders and operators\u201c (dt. \u201eKeine*r fordert euch auf, euch einzumischen oder einen Krieg anzuzetteln. Keine*r fordert euch auf, die iranische Bev\u00f6lkerung zu sanktionieren. Unsere Forderung ist: gezielte Sanktionen gegen die Anf\u00fchrer und ausf\u00fchrenden Organe\u201c). Auch Hamed Esmailion sieht sich nur als Mittler.<br \/>\nDie Losl\u00f6sung von Forderungen an das Regime, nach Reformen oder der Durchsetzung von Kompromissen und Anf\u00fchrern hat der Bewegung eine Weite und Perspektiven gegeben. Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt dazu auch, sich radikal gegen die Manifestationen des Regimes zu wenden und gegen die Staatsgewalt oft mit blo\u00dfer Hand zur Wehr zu setzen. Plakate und Wachh\u00e4uschen brennen. Graffiti \u00fcberall. Wir sehen Bilder von Gefangenenbefreiungen und Sicherheitskr\u00e4fte, die sich vor Angriffen zur\u00fcckziehen m\u00fcssen. Selbst wo geschossen wird, stehen Menschen am Stra\u00dfenrand und rufen \u201eBischaraf\u201c (dt. \u201eEhrlos\u201c). 39 Sicherheitskr\u00e4fte starben bereits durch die Hand der w\u00fctenden Massen. Grunds\u00e4tzlich will die Bewegung aber friedlich bleiben; zu den Waffen greifen sie nicht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">In Stadt und Land, in allen Provinzen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie setzen auf Solidarit\u00e4t untereinander. Was mit Mahsa Amini begann, bedeutet: Niemand bleibt allein. Ihr Ruf: \u201eHabt keine Angst, wir stehen alle zusammen\u201c. Belutsch*innen im Osten des Landes rufen \u201eF\u00fcr Kurdistan\u201c und Kurd*innen im Westen \u201eDie Ehre der Belutschen ist auch unsere Ehre.\u201c Die sunnitische Bev\u00f6lkerung in Zahedan protestiert in Massen nach dem Freitagsgebet.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><em>Das Lied \u201eBaraye Azadi\u201c (dt. \u201eF\u00fcr die Freiheit\u201c) des iranischen S\u00e4ngers Scherwin Hadschipur wird zu einer Hymne der jungen Bewegung, zu einem Manifest. Die Iraner*innen spielen den Song auf den Stra\u00dfen und nachts aus den Fenstern ihrer Hochhausappartments.<\/em><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen gehen alle Bev\u00f6lkerungsgruppen in allen Landesteilen auf die Stra\u00dfe. In D\u00f6rfern wie Biawaran mit 300 Einwohner*innen in der Provinz Zentraliran und kleinen Gemeinden am Kaspischen Meer wie Kiaschahr demonstrieren sie ebenso wie die \u201eJugend der Viertel\u201c in der Hauptstadt, die zu dezentralen Aktionen in den Wohnvierteln aufruft.<br \/>\nDa sind die Arbeiter*innenviertel im S\u00fcden Teherans, die Streiks der Einzelh\u00e4ndler*innen, der Busfahrer*innen und verschiedener Produktionsbetriebe wie Traktorsaz. Als der gro\u00dfe Bazar in Teheran schlie\u00dft, sorgt das f\u00fcr eine Massendemo im Zentrum. Da sind die Mittelschichten im Norden Teherans in Saad Abad und an der Vali-Asr-Stra\u00dfe. Am 40. Tag kommt es an mindestens 30 Pl\u00e4tzen in Teheran gleichzeitig zu Kundgebungen. Im kurdischen Sanandadsch sind es Zehntausende Demonstrant*innen. Auf der Stra\u00dfe rufen die Menschen: \u201eDies ist kein Protest. Dies ist eine Revolution.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eTurbanwerfen\u201c und Tanz gegen die Mullahs<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Iraner*innen unterst\u00fctzen sich gegenseitig, und sie haben dazugelernt. In jedem Video nennen sie Ort und Datum, um Irritationen und Fakenews vorzubeugen. \u201eDie iranische Gesellschaft ist gewachsen, bewusster geworden, \u2026 wendet neue Taktiken an\u201c, umschreibt der Popmusiker Dariusch im Interview die neue Qualit\u00e4t der Bewegung.<br \/>\nEine dieser Taktiken ist das \u201eWerfen der Turbane\u201c. Die Jugend hat ihre Challenge gefunden. Keine \u201eIce Buckets\u201c. Es geht um mehr als einen Streich, auch Prank genannt, doch die Bilder von Jugendlichen, die den Mullahs die Turbane vom Kopf schlagen, machen deutlich: Hier treffen Welten aufeinander. Bei Twitter findet sich bereits die \u201eTurban Throwing Federation\u201c, welche den Volkssport in die Olympischen Disziplinen erheben m\u00f6chte.<br \/>\nDie Kulturrevolution der Mullahs ist endg\u00fcltig gescheitert. Die M\u00e4dchen an den Schulen tanzen, singen und schicken die Redner des Regimes fort. Eine Lehrerin bl\u00e4ut ihnen ein: \u201eTod Amerika!\u201c, und sie wiederholen kichernd: \u201eTod der Diktatur!\u201c Dem Regime f\u00e4llt nichts ein, au\u00dfer \u00fcber Wochen hinweg brutalste Gewalt auszu\u00fcben. Eine Sch\u00fclerin in Ardebil wird vor den Augen ihrer Mitsch\u00fclerinnen ermordet. Mindestens 50 Minderj\u00e4hrige sind bereits Opfer der Gewalt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Universit\u00e4ten als Brennpunkte des Protests<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Studierenden beginnen eine Kampagne mit einer sehr einfachen und konkreten Forderung: Die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Mensen. Zun\u00e4chst verschaffen sie sich gemeinsamen Zugang. Es kommt zu Diskussionen, zum Beispiel an der Medizinuniversit\u00e4t Tabris am 9. Oktober. Die Verantwortlichen verweigern die Essenausgabe und sch\u00fcchtern die Studierenden ein. Diese beharren auf ihren B\u00fcrger*innenrechten und erlangen gemeinsamen Zutritt. Die Kampagne nimmt an Fahrt auf, von Isfahan bis Maschhad, von Rascht bis Teheran. Als die Mensa der Amirkabir-Universit\u00e4t in der Hauptstadt am 24. Oktober abgeriegelt wird, st\u00fcrmen Studierende das Geb\u00e4ude. Im ganzen Land rei\u00dfen sie die Trennw\u00e4nde in den Mensen ein.<br \/>\nAm 2. Oktober greifen erstmals Basidschi-Milizen, die Freiwilligeneinheiten der Revolutionsgarde, die Studierenden an der Scharif-Universit\u00e4t in Teheran an. Sie schie\u00dfen mit Farbpatronen zum Markieren und mit Schrotmunition. Viele Studierende werden verhaftet und in das Evin-Gef\u00e4ngnis verbracht. Die Solidarit\u00e4t ist gro\u00df. Tausende Teheraner*innen machen sich auf den Weg, blockieren die Stra\u00dfen, demonstrieren rund um die Uni.<br \/>\nAm 15. Oktober kommen die Verbrecher*innen des Regimes in Block 7 des Gef\u00e4ngnisses in Teheran. Dort k\u00fcndigen sie an: \u201eHeute t\u00f6ten wir eure Kinder.\u201c Dann gehen sie in Block 8. Die jungen M\u00e4nner werden systematisch gefoltert, bei Gegenwehr erschossen. Gegen Abend z\u00fcnden die Sondereinheiten das Dach des Geb\u00e4udes an, wie Videoaufnahmen belegen, um ihre Taten zu verwischen und einen Aufstand zu simulieren.<br \/>\nEnde Oktober dann organisiert das Regime gewaltt\u00e4tige Gegendemonstrationen von Basidschi-Studierenden an den Unis. Erst greifen diese die friedlichen Studierendenproteste an. Dann beginnen auch Sicherheitskr\u00e4fte im Land auf die Studierenden zu schie\u00dfen.<br \/>\n800 Hochschullehrer*innen unterzeichnen eine Petition und setzen sich f\u00fcr die Freilassung von Studierenden und gegen Exmatrikulationen ein. Im Iran lebende Schauspieler*innen und Sportler*innen zeigen \u00f6ffentlich ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Proteste. Am 8. November bei einer Veranstaltung der Scharif-Universit\u00e4t singen die Studierenden wieder gemeinsam, und zwar die persische Version von \u201eEl Pueblo Unido\u201c, dem Revolutionssong aus Chile. In der bildhaften persischen Sprache hei\u00dft es, die Ideen sind von der Str\u00f6mung erfasst. Es gibt kein Zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das hat es in der Geschichte der iranischen Bewegungen noch nicht gegeben. Als am 22. Oktober 2022 80.000 Menschen aus ganz Europa in Berlin demonstrieren, ist dies nicht nur ein Lebenszeichen der iranischen Diaspora. Es ist ein Signal der Einigkeit zwischen den Menschen hier und denen, die zeitgleich im Iran auf der Stra\u00dfe sind. Der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/dies-ist-kein-protest-dies-ist-eine-revolution\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":28992,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eDies ist kein Protest. 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