{"id":28923,"date":"2022-11-26T15:31:28","date_gmt":"2022-11-26T13:31:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/nachruf-auf-willi-hajek-1946-2022\/"},"modified":"2022-12-01T13:28:03","modified_gmt":"2022-12-01T11:28:03","slug":"nachruf-auf-willi-hajek-1946-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/nachruf-auf-willi-hajek-1946-2022\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Willi Hajek (1946\u20132022)"},"content":{"rendered":"<p>Willi Hajek lebte, agitierte und organisierte sowohl in der bundesdeutschen Gewerkschaftsbewegung als auch in der franz\u00f6sischen. Er pendelte in den letzten Jahrzehnten zwischen Berlin und seinem Lebensschwerpunkt Marseille. Ich hatte das Gl\u00fcck, ihn in beiden St\u00e4dten zu treffen. Wie kaum jemand sonst verstand er es, zwischen den organisierten Basisgewerkschaftstraditionen in Frankreich und verstreuten oppositionellen Gewerkschafter*innen in der BRD zu vermitteln, was er in unz\u00e4hligen Bildungsurlauben umsetzte.<br \/>\nAnfang der 1960er-Jahre studierte er die franz\u00f6sische Sprache an der Universit\u00e4t Heidelberg. Er ging dann nach Frankreich und erlebte wesentliche Kampfestraditionen dortiger sozialer Bewegungen in den 1970er-Jahren direkt mit: den antimilitaristischen Widerstand der B\u00e4uer*innen im Larzac gegen die Erweiterung eines Armee-Truppen\u00fcbungsplatzes (1971\u20131981). Aktivist*innen aus dem Umfeld der gerade gegr\u00fcndeten Graswurzelrevolution fuhren im transnationalen Austausch zur Arbeit und zum Ernteeinsatz dorthin und trugen so zum Erfolg dieses Widerstands bei. ((1))<br \/>\nWilli beteiligte sich auch an den K\u00e4mpfen der Uhrenar-beiter*innen der Firma \u201eLip\u201c ((2)) in Besan\u00e7on (1970\u20131976), die zum Vorbild f\u00fcr sp\u00e4tere Betriebs\u00fcbernahmen durch die Produzent*innen von durch Schlie\u00dfung bedrohten kapitalistischen Betrieben werden sollten. \u201eLip\u201c-Arbeiter*innen und Larzac-B\u00e4uer*innen tauschten sich aus, besuchten und unterst\u00fctzten sich gegenseitig bei Streiks oder direkten Aktionen. Das Konzept der \u201eAutogestion\u201c, der Selbstverwaltung der Betriebe, bereits im Mai 1968 Thema, wurde so erneut in die politischen Diskussionen des oppositionellen Frankreich getragen.<\/p>\n<p>Von Lip und Larzac<br \/>\nzu Opel und Babylon<\/p>\n<p>Als er gerade wieder aus Frankreich in die BRD zur\u00fcckgekehrt war, mischte sich Willi in den Konflikt um die K\u00fcndigung eines Gewerkschafters der Opel-Werke in Bochum ein und nahm Kontakt mit dortigen Kolleg*innen auf. \u201eDaraus entstand eine lebenslange politische und pers\u00f6nliche Freundschaft mit der Gruppe Gegenwehr ohne Grenzen (GoG), in der sich oppositionelle Gewerk-schafter*innen bei Opel Bochum organisiert hatten.\u201c ((3))<br \/>\nSein gesamtes weiteres politisches Leben setzte sich Willi f\u00fcr unz\u00e4hlige gewerkschaftliche Basisk\u00e4mpfe ein. Sein Pendeln zwischen deutschen und franz\u00f6sischen sozialen Brennpunkten f\u00fchrte ihn zu einem syndikalistischen Internationalismus, der sich bis zuletzt etwa in seiner Mitarbeit beim gewerkschaftlichen Netzwerk TIE (Transnationals Information Exchange) ausdr\u00fcckte. ((4))<br \/>\nSo war er auch 2014 zur Stelle, als die Bundesregierung der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter*innen-Union (FAU), die damals den Streik der Angestellten des Berliner Programmkinos \u201eBabylon\u201c ma\u00dfgeblich mitorganisierte, den juristischen Status einer Gewerkschaft aberkennen wollte. Willi unterst\u00fctzte ein \u201eSolidarit\u00e4tskomitee f\u00fcr Koalitionsfreiheit\u201c, das dazu beitrug, diese Absicht zu verhindern.<br \/>\nDer neoliberale Kapitalismus hatte seit den 1980er-Jahren f\u00fcr eine Prekarisierung von Lohnarbeitsverh\u00e4ltnissen und Unterwanderung von Tariferrungenschaften, eine galoppierende Verarmung und eine Neuzusammensetzung dessen, was man noch immer Proletariat nannte, gesorgt. ((5)) Damals konnte die franz\u00f6sische Gewerkschaftsbewegung noch durch spektakul\u00e4re Streiks und Massenbewegungen gegen zahlreiche neoliberale Arbeitsrechts- und Rentenreformen wiederholt Sozialkahlschlag verhindern. Hingegen war die Struktur der deutschen Gewerkschaftsbewegung zu b\u00fcrokratisch und zentralistisch, dabei aber doch sozialpartnerschaftlich-reformistisch, und sie agierte zu wenig branchen\u016bbergreifend, um vergleichbar schlagkr\u00e4ftig zu werden. In Frankreich kann es im Gegensatz zur BRD auch zu politischen Streiks kommen. Bei einem unbefristeten Streik (gr\u00e8ve reconductible) gibt es t\u00e4gliche Streikversammlungen, die \u00fcber die Fortf\u00fchrung entscheiden.<br \/>\nDie franz\u00f6sische Gewerkschaftsbewegung ist heute zwar zersplitterter als die deutsche, aber auch spontaner und st\u00e4rker von Basisgruppen beeinflusst. Dies ist der Grund daf\u00fcr, warum etwa in Frankreich das Renteneinstiegsalter noch immer bei 62 Jahren liegt (Pr\u00e4sident Emmanuel Macron versucht derzeit gerade wieder, das auszuweiten), in der BRD jedoch bei ungeheuerlichen 67 Jahren.<\/p>\n<p>Transnationale Arbeiter*innenbildung<\/p>\n<p>Obwohl der Internationalismus immer mehr in Vergessenheit geriet und marginalisiert wurde, hielt Willi daran fest und versuchte, ihn in neuen Formen zu beleben. Zwei Projekte im Rahmen seiner Arbeiter*innenbildung durfte ich mit Willi zusammen durchf\u00fchren:<br \/>\nErstens hatte ich in meinem Wohnort Marseille schon seit Jahrzehnten historisch-politische Stadtspazierg\u00e4nge f\u00fcr deutsche Antifa-Gruppen durchgef\u00fchrt. So lud mich Willi dazu ein, einen solchen Rundgang auch f\u00fcr Gewerkschafter*innen aus der BRD abzuhalten. Themenschwerpunkte der zwei Spazierg\u00e4nge, die ich mit Willis Gruppen durchf\u00fchrte, waren die dramatische Zeit von 1939 bis 1945 in Marseille, d. h. das Vichy-Regime, die Nazi-Besatzung und Verfolgung, die Fluchthilfe f\u00fcr aus ganz Europa kommende und in Frankreich gestrandete Gefl\u00fcchtete, die in die USA oder nach Mexiko weiterreisen wollten; schlie\u00dflich die Geschichte der R\u00e9sistance in Marseille und der Rettung j\u00fcdischer Menschen in S\u00fcdfrankreich. Damals wohnte Willi im nordwestlichen Stadtteil L\u2019Estaque, und dort brachte er auch die deutschen Gewerkschaftsgruppen unter, die mal aus Aktiven von ver.di, mal der IG Metall zusammengesetzt waren.<br \/>\nSp\u00e4ter, als er in die Kleinstadt La Ciotat an der C\u00f4te d\u2019Azur zog, brachen unser Kontakt und die bildungspolitische Zusammenarbeit leider ab. Diese Formen des Austauschs und der Arbeiter*innenbildungsurlaube organisierte er in Verbindung mit seiner Aktivit\u00e4t bei der Basisgewerkschaft SUD (Solidaires Unitaires D\u00e9mocratiques; dt. \u201eSolidarisch, einig, demokratisch\u201c), deren Name seit 1998 besteht und die auf eine \u201egroupe des dix\u201c (Zehnergruppe) zu Beginn der 1980er-Jahre zur\u00fcckgeht. Hinzu kamen Abspaltungen der sozialdemokratischen CFDT, eine Basisgruppe bei der Post 1989 und die Eisenbahner*innen der SUD-Rail 1995. ((6)) Im informellen Netzwerk Rail Sans Fronti\u00e8res (Eisenbahner*innen ohne Grenzen), das Willi mit gegr\u00fcndet hat, tauschen sich aktive Gewerkschafter*innen aus der Schweiz, Italien und Mali aus. SUD hat ihr Gewerkschaftshaus in Marseille, nur drei Stra\u00dfen von meiner Wohnung entfernt.<br \/>\nZweitens diskutierten Willi und ich Mitte 2021 in unserem anarchistischen Forschungszentrum, dem CIRA (Centre International de Recherches sur l\u2019Anarchisme) Marseille, zusammen mit zwei Redakteuren der Zeitschrift Sozial.Geschichte.online, \u00fcber die aktuellen Aktionskampagnen der franz\u00f6sischen Arbeiter*innenbewegung zu Beginn der Corona-Krise im Unterschied zu Deutschland. In Frankreich fanden gegen Macrons geplante Rentenreform im Winter 2019\/20 unmittelbar umfangreiche Massenstreiks statt. Der Beginn der Pandemie forderte in Frankreich in den ersten Monaten 30.000 Tote, in der BRD nur 8.000. Da stellte sich in Frankreich kaum jemand die Frage, ob es diese Krankheit \u00fcberhaupt gibt. Doch die zentralistisch \u2013 und nicht f\u00f6deral differenzierte \u2013 couvre-feu (Ausgangssperre von 18 Uhr bis 8 Uhr) in Frankreich war viel sch\u00e4rfer als in der BRD und wurde von Willi auch kritisiert. Dabei hatte er vor allem die Zust\u00e4nde in \u00fcberf\u00fcllten Wohnungen in den Banlieues und die dort besonders scharfe Polizeirepression bei \u00dcbertretungen im Blick.<br \/>\nSUD machte den neoliberalen Kapitalismus f\u00fcr die M\u00e4ngel des franz\u00f6sischen Gesundheitssystems verantwortlich und forderte gegen die kapitalistischen Interessen, den eigenen Betrieb ohne Arbeiter*innenschutz als \u201esystemrelevant\u201c darzustellen, \u00fcber Streiks und Gerichtsklagen recht erfolgreich ein \u201edroit de retrait\u201c (Recht auf Daheimbleiben\/Dienstausfall) ein, besonders bei Renault, CSA-Citro\u00ebn, der Gro\u00dfhandelskette Cogepart\/Carrefour, bei der franz\u00f6sischen Post und bei Amazon France. ((7)) Im Marseiller Viertel Saint-Barth\u00e9lemy entstand durch die \u00dcbernahme einer von Schlie\u00dfung bedrohten McDonalds-Filiale durch die organisierte Belegschaft ein selbstverwaltetes Projekt (\u201eL\u02bcApr\u00e8s M\u201c), das zum lokalen Treffpunkt mit Solidarit\u00e4tsladen geworden ist, welches Willi begleitet hat. ((8))<\/p>\n<p>Gelb als neues Rot?<\/p>\n<p>In dieser Zeit publizierte Willi Hajek sein Buch \u201eGelb ist das neue Rot\u201c in der Berliner \u201eBuchmacherei\u201c. ((9)) Darin behandeln zehn Aktive aus der Gewerkschaftsbewegung und aus der 2019 entstandenen Bewegung der \u201eGelbwesten\u201c das zun\u00e4chst spannungsgeladene Verh\u00e4ltnis beider Bewegungen, um danach Perspektiven \u00f6rtlicher Zusammenarbeit auszuleuchten, die schon bei der Rentenreformbewegung 2019\/20 zustande kam. Aber auch an die studentischen Proteste der Nuit-Debout-Platzbesetzungen von 2016 wird in dem Buch erinnert. Der traditionellen Gewerkschaftsbewegung wird hier eine generelle Ritualisierung und Berechenbarkeit bei ihren Demos attestiert, die von vielen Jugendlichen und der Gelbwestenbewegung nicht mehr akzeptiert wurde. Schriften wie \u201eDer kommende Aufstand\u201c oder \u201eEmp\u00f6rt Euch!\u201c von St\u00e9phane Hessel spielten eine wichtige Rolle. Auch die Frage, ob Gewerkschaften noch in der Lage seien, auf marginalisierte Gruppen und Verh\u00e4ltnisse auf dem Land (Ausd\u00fcnnung der Infrastruktur), Frauen* und Carearbeit einzugehen, war ihm wichtig. Peter Nowak w\u00fcrdigte das Buch in einer Rezension:<br \/>\n\u201eDie St\u00e4rke der von Hajek herausgegebenen Texte besteht darin, dass sie keine Sicht von au\u00dferhalb der Bewegung sind. Alle Autor*innen sind an der Basis von Gewerkschaften aktiv und haben sich sehr fr\u00fch an den Protesten der Gelbwesten beteiligt. Sie beschreiben auch sehr gut, warum das Verh\u00e4ltnis zwischen beiden so schwierig war und teilweise immer noch ist.\u201c ((9))<br \/>\nWilli hat sich gegen die medial auff\u00e4llig betriebene pauschale Einordnung der Gelbwestenbewegung als \u201erechtsoffen\u201c bis zuletzt entschieden gewehrt. Als jemand, der in vielen Demos pr\u00e4sent war, habe ich da eine andere Sicht: Hunderte franz\u00f6sische Nationalflaggen auf Gelbwestendemos k\u00f6nnen m. E. schwerlich l\u00fcgen.<br \/>\nBis zuletzt engagierte sich Willi Hajek unerm\u00fcdlich f\u00fcr die Vermittlung sozialer Bewegungen Frankreichs in den deutschsprachigen Raum hinein. Ein guter Freund, der ihn besser kannte als ich, schrieb mir: \u201e(E)r hatte einen sehr sympathischen, bewegungsorientierten, aber zugleich nicht-sektiererischen Ansatz. (\u2026) (A)ls ich im Fr\u00fchjahr (2022) in Marseille war, musste er mir, obwohl schon ziemlich schwach, dennoch alles dort zeigen, was sich zwischen SUD und H\u00e4userkampf entwickeln mochte. (\u2026) Die franz\u00f6sische Situation ist (\u2026) manchmal recht anders als die der sozialen Bewegungen in Deutschland, Willi war da ein Vermittler (\u2026), eine sehr wichtige Rolle \u2013 auch diesbez\u00fcglich wird er nicht so leicht zu ersetzen sein.\u201c ((10))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willi Hajek lebte, agitierte und organisierte sowohl in der bundesdeutschen Gewerkschaftsbewegung als auch in der franz\u00f6sischen. Er pendelte in den letzten Jahrzehnten zwischen Berlin und seinem Lebensschwerpunkt Marseille. Ich hatte das Gl\u00fcck, ihn in beiden St\u00e4dten zu treffen. 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