{"id":28924,"date":"2022-11-26T15:31:29","date_gmt":"2022-11-26T13:31:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/spuren-und-wunden\/"},"modified":"2023-01-13T14:50:09","modified_gmt":"2023-01-13T12:50:09","slug":"spuren-und-wunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/spuren-und-wunden\/","title":{"rendered":"Spuren und Wunden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Eine kleine Terrakotta-Figur. Eine ausgediente Gefechtsbeleuchtung, die ihre Strahlkraft verloren hat. Bruchst\u00fccke von Porzellanfiguren. Ein Teil einer Patronenh\u00fclse. Porzellanhunde, die ihre Herrchen und ihre Pfoten verloren haben. Hunde, die ihre Pl\u00e4tze nicht mehr finden werden: Wenn die Kommoden nicht niedergebrannt sind, dann sind sie wahrscheinlich unter der Erde verrottet.<br \/>\nGlas- und Keramikscherben. Ein Mauser-Ladestreifen. Ein durchgerosteter Schl\u00fcssel zum Einschrauben der Stollen in die Hufeisen. Puppenstuben-Kr\u00fcge. Braune, gelbe und rote Ziegelstein-, Klinker- und Hohlziegelsplitter. B\u00fcgelverschluss-Porzellank\u00f6pfe, die ihre Brauereien \u00fcberdauerten. Ein Reichsadler mit abgebrochenem Fl\u00fcgel auf einem schmutzigen Geschirrfragment. Wei\u00dfe, gr\u00fcne und blaue Fliesenreste. Lose Henkel. Ein Gl\u00e4sertuch-Porzellanschild. Gl\u00e4nzende Fragmente der gemusterten Kacheln. Ein Brocken eines Schleifsteines.<br \/>\nBlumenranken und Ornamente auf den Tassen- und Tellerscherben, die auf der Erde schimmern. Puzzlest\u00fccke, die niemand zusammenklebt, um von dem reparierten Geschirr zu essen: Ob die Besitzer*innen den Krieg lebend \u00fcberstanden haben? Gelegentlich erkennt man die Ziegelstempel und die Porzellanmarken: Glindow, Rathenow, Hasak, Friedrich Hempel, Alt Sch\u00f6nwald, Carl Tielsch, Wallis. Hie und da liegen geschmolzene Glasflaschen. Mit all diesen Artefakten erz\u00e4hlen die Kriegstr\u00fcmmerberge vom Krieg und seinen Folgen. Allm\u00e4hlich geben sie ganze Objekte und viele \u00dcberreste frei. Zertr\u00fcmmerter Hausrat \u2013 Bruchst\u00fccke des Lebens.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Der Krieg verschont nichts. Mit seinen Bomben und Minen vernichtet er blind Gottesh\u00e4user, Friedh\u00f6fe, Fabriken, Wohnh\u00e4user und menschliche Schicksale \u2013 das Leben.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Entstehungsgeschichte der Tr\u00fcmmerberge verweisen Plastiken und Denkm\u00e4ler, die die Aufbauhelfer und heutzutage oft umstrittenen Tr\u00fcmmerfrauen w\u00fcrdigen. Tausende Leute waren an der Beseitigung der Kriegstr\u00fcmmer und an der Entstehung der H\u00fcgelsch\u00fcttung beteiligt. Unwillk\u00fcrlich denkt man an die ersch\u00f6pften Arbeiter, die beim Bau der \u00e4gyptischen Pyramiden eingesetzt waren: \u201eDie Hunderttausende brachen Steine \u2013 Steine \u2013 Steine &#8230; t\u00fcrmten sie empor, h\u00f6her und h\u00f6her und h\u00f6her.\u201c Und heute flattert in Dresden die ukrainische Fahne \u00fcber das Tr\u00fcmmerfrauen-Standbild.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Steinernes Echo<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor 77 Jahren ging der NS-Staat ruhmlos unter. Der Krieg war zu Ende. Die Stimmen der Augenzeug*innen dieser schrecklichen Knochenm\u00fchle werden bald verstummen. F\u00fcr sie werden Tr\u00fcmmerberge und sichtbare Kriegssch\u00e4den sprechen. Sie m\u00fcssen, wie Sturml\u00e4uten, vor dem Krieg warnen. Sie m\u00fcssen die Mahnung des Krieges weiter pr\u00e4gen. Wie in Stein gemei\u00dfeltes Echo. Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, der h\u00f6re.<br \/>\nNoch gibt es in Deutschland viele Kriegsspuren: Narben und Risse an den Vorkriegsbauten und den Tr\u00e4gern der Eisenbahnbr\u00fccken.<\/p>\n<figure id=\"attachment_29065\" aria-describedby=\"caption-attachment-29065\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-29065\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre2.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre2.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre2-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre2-150x100.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-29065\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Alexandres<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Frau betritt die steinerne T\u00fcrschwelle, die Einschussl\u00f6cher aufweist. \u201eIch wohne zwar hier, aber sie fielen mir bis jetzt nicht auf\u201c, staunt sie. Man nimmt tats\u00e4chlich solche Wunden \u00f6fter nicht wahr oder erkennt sie nicht. Sollte man jedoch hie und da stehen bleiben und sich genauer umschauen, wird man pl\u00f6tzlich Fassaden, Mausoleen und S\u00e4ulen gewahr, die so aussehen, als w\u00e4re der Krieg erst vor Kurzem vorbei. Manche sehen dabei so aus, als w\u00e4ren sie damals zur Todesstrafe durch Erschie\u00dfen verurteilt worden. Wer Augen hat zu sehen, der sehe.<br \/>\nDie durchl\u00f6cherten Fassaden, die einem Schweizer K\u00e4se \u00e4hneln. Die Beschussspuren, die von Granat- und Bombensplittern zeugen. Tr\u00fcmmergrundst\u00fccke, \u201eBombenl\u00fccken\u201c, besch\u00e4digte Grabsteine und entstellte Skulpturen reihen sich ein. Auch Vierungen und Restaurierm\u00f6rtel sind reichlich vorhanden. Neben den belassenen Wunden wirken sie wie Wundschnellverband. Man stellt sich f\u00f6rmlich die Wucht und Grausamkeit der Kampfhandlungen vor. Die Gewehr- und Kanonenkugeln, Glas- und Steinsplitter, die erbarmungslos und chaotisch herumwirbelten. Die grollenden Kanonaden, Tr\u00fcmmer und Steinstaub, Qualm und Feuer, Blut und Schmutz, Verwundete und Tote. Und dann h\u00f6rt man etwas anderes, Lachen und Stimmen, Deutsch, Englisch, Ukrainisch, Russisch, Franz\u00f6sisch, Japanisch, und die schreienden Steine verhallen wieder. Doch ist ihr Leid nicht mehr zu \u00fcbersehen.<br \/>\nAuf der Museumsinsel in Berlin sind solche Kriegsspuren besonders auff\u00e4llig. Auf sie herab schauen die \u00dcberschriften von den Dreiecksgiebeln der Museen: \u201eDer deutschen Kunst\u201c und \u201eArtem non odit nisi ignarus\u201c, was \u201eNur der Unwissende verachtet die Kunst\u201c bedeutet. Wer einmal dieses Kriegsecho wahrgenommen hat, dem f\u00e4llt es sp\u00e4ter immer wieder auf.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus warnen verschiedene Ortschaften, so wie beispielsweise Berlin, Letschin, Reitwein oder Oderaue, mit ihren Kriegsruinen. Oft sind das schwer besch\u00e4digte Kirchen. Denn der Krieg verschont nichts. Mit seinen Bomben und Minen vernichtet er blind Gottesh\u00e4user, Friedh\u00f6fe, Fabriken, Wohnh\u00e4user und menschliche Schicksale \u2013 das Leben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Verblassende Markierungen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutschland beherbergt jedoch nicht nur steinerne Wunden und Kriegstr\u00fcmmerberge, sondern auch echte NS-\u00dcberbleibsel: Bunker, Flakt\u00fcrme und deren Ruinen, Bauwerke, Hitler-Eichen, Reliefs und Plastiken. Allein Berlin hat dutzende Reichsadler zu bieten. Man trifft auch auf L\u00fcftungssch\u00e4chte und Notausg\u00e4nge der unterirdischen Schutzr\u00e4ume, die durch Stahlgitter abgedeckt sind. Sie tragen die Beschriftung \u201eMannesmann-Luftschutz\u201c.<br \/>\nManche Fassaden besitzen noch die Kennzeichnungen des Luftschutzes. Luftschutzpfeile wiesen auf Luftschutzr\u00e4ume hin. Ein wei\u00dfes \u201eH\u201c kennzeichnete den Standort eines Hydranten. Auch andere Abk\u00fcrzungen f\u00fcr den Luftschutz kann man hie und da noch erkennen. Diese Markierungen verblassen nach und nach, l\u00f6sen sich im Graffiti und den Schmierereien auf, werden \u00fcberstrichen. Jedoch manche Wandbeschriftungen wirken fast frisch.<br \/>\nEin Berliner Wohnblock besitzt mindestens 35 Luftschutzpfeile, die fast ausschlie\u00dflich gut erhalten sind. Viele Pfeile sind mit Zahlen erg\u00e4nzt, deren Bedeutung unklar bleibt. Doch die Bewohner*innen, gleichwohl, ob sie diese Kennzeichnung wahrnehmen oder nicht, k\u00f6nnen nichts mit ihnen anfangen. Eine Frau im Fenster wei\u00df nicht, was diese Pfeile bedeuten. Sie schaut neugierig nach unten, um ihre eigene Umgebung bewusster zu studieren. Ein Mann schlie\u00dft sein Fahrrad vor dem Hauseingang an. Direkt vor seinen Augen befindet sich ein Pfeil mit einer Zahl an der Wand. \u201eWeist er auf die n\u00e4chste Hausnummer?\u201c, vermutet er. Seine Nachbarin und ihr Mann bringen ihre Sachen aus dem Auto heim. \u201eDiese Pfeile fielen mir schon auf\u201c, meint die Frau, \u201esie kommen doch aus den alten Zeiten. Aber was sie bedeuten, das wei\u00df ich nicht. Vielleicht war die Hausnummerierung damals anders?\u201c Ihr Begleiter hat nichts dazu zu sagen. Eine weitere Einwohnerin schaut die Fassaden genauer an und wundert sich: \u201eIch habe diese Pfeile noch nie bemerkt.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_29066\" aria-describedby=\"caption-attachment-29066\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-29066\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre3.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre3.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre3-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre3-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre3-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Alexandre3-150x100.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-29066\" class=\"wp-caption-text\">Rotunde des ehemaligen Krankenhauses Woronesch (Russland) &#8211; Foto: Alexandres<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus blieben an mindestens drei Stellen in Berlin drei Worte auf Russisch erhalten: \u201eGepr\u00fcft, keine Minen\u201c. Mit solcher Aufschrift markierten die Rotarmisten die Geb\u00e4ude, die gepr\u00fcft bzw. in denen Minen entsch\u00e4rft wurden. Die verwitterten kyrillischen Buchstaben in Dresden sind noch ausf\u00fchrlicher als die in Berlin: \u201eSchloss\/Museum gepr\u00fcft. Keine Minen. Es pr\u00fcfte Chanutin\u201c.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ruinen als Mahnmale<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kriegsspuren findet man auch in Russland. Einschussl\u00f6cher und Besch\u00e4digungen, gelegentlich begleitet von Gedenktafeln in Sankt Petersburg: an der Kathedrale des Heiligen Isaak von Dalmatien oder an der Anitschkow-Br\u00fccke. Die Ruinen einer Rotunde des ehemaligen Krankenhauses in Woronesch und einer M\u00fchle in Wolgograd. Diese Stadt beherbergt noch die Ruine eines Hauses, wo sich ein Gefechtsstand befand. All diese steinernen Zeugen des Krieges wurden als Mahnmale stehen gelassen. Auch in Polen existiert ein solches \u201eMahnmal\u201c: die zerst\u00f6rte Festungsstadt Kostrzyn nad Odr\u0105. Umso erschreckender ist die Tatsache, dass Wladimir Putin gerade jetzt solche \u201eMahnmale\u201c in der Ukraine errichtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Terrakotta-Figur. Eine ausgediente Gefechtsbeleuchtung, die ihre Strahlkraft verloren hat. Bruchst\u00fccke von Porzellanfiguren. Ein Teil einer Patronenh\u00fclse. Porzellanhunde, die ihre Herrchen und ihre Pfoten verloren haben. Hunde, die ihre Pl\u00e4tze nicht mehr finden werden: Wenn die Kommoden nicht niedergebrannt sind, dann sind sie wahrscheinlich unter der Erde verrottet. Glas- und Keramikscherben. Ein Mauser-Ladestreifen. 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