{"id":28926,"date":"2022-11-26T15:31:30","date_gmt":"2022-11-26T13:31:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin\/"},"modified":"2022-12-17T15:50:05","modified_gmt":"2022-12-17T13:50:05","slug":"stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin\/","title":{"rendered":"\u201eStell dir vor, es ist Krieg, und keine*r geht hin\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Weder der deutschen Panzerpartei (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, jetzt: Die Olivgr\u00fcnen) noch einer anderen deutschen Partei f\u00e4llt es angesichts des Krieges in der Ukraine ein, eine Alternative zur m\u00f6rderischen Spirale der Kriegsgewalt und zu immer weiteren Waffenlieferungen zu formulieren. Dabei w\u00e4re es ganz einfach: <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/arbeitsniederlegung-technische-kriegsbekaempfung-und-pazifistische-volksverteidigung\/\">Soziale Verteidigung<\/a> ist ein nicht-aggressives Verteidigungskonzept, das in der bundesdeutschen Friedensbewegung der 1980er-Jahre durchaus einige Aufmerksamkeit erfuhr. Zur sozialen Verteidigung geh\u00f6rt auch das Durchbrechen der milit\u00e4rischen Gewalt, indem zu Desertion aufgerufen wird und Deser-\u2028teur*innen unterst\u00fctzt werden. \u201eStell dir vor, es ist Krieg, und keine*r geht hin\u201c \u2013 dieses Bonmot aus Hoch-Zeiten der Friedensbewegung hat insofern seine Berechtigung (wobei man dazu im Kriegsfall das Land h\u00e4tte verlassen m\u00fcssen, da Kriegsdienstverweigerer in der BRD \u00fcber das Konzept der Gesamtverteidigung in die Kriegsmaschine eingeplant waren).<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eWehrkraftzersetzer\u201c und \u201eVerr\u00e4ter\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum also wird das staatlich in Auftrag gegebene Morden akzeptiert, warum werden irrsinnige Summen f\u00fcr R\u00fcstung ausgegeben, statt einfach \u201eStopp!\u201c zu rufen?<br \/>\nEin Blick in die Geschichte gibt Aufschluss: Deserteure wurden als \u201eWehrkraftzersetzer\u201c eingestuft und galten noch bis weit in die 1990er-Jahre schlicht als \u201eVerr\u00e4ter\u201c. Erst 2008 wurden beispielsweise die im Ersten Weltkrieg wegen Gehorsamsverweigerung zum Tode verurteilten und exekutierten franz\u00f6sischen Soldaten vom damaligen Pr\u00e4sidenten Nicolas Sarkozy rehabilitiert \u2013 exakt, als es keinen einzigen \u00dcberlebenden mehr gab, an dem man wom\u00f6glich Wiedergutmachung h\u00e4tte leisten m\u00fcssen.<br \/>\nEs war ein jahrzehntelanger Kampf um Anerkennung, den Wehrmachtsdeserteure wie Ludwig Baumann in der BRD und anderen L\u00e4ndern f\u00fchren mussten. In Bremen etwa bezeichnete 1986 der CDU-Fraktionsvorsitzende Bernd Neumann die Aufstellung eines Deserteursdenkmals schlicht als \u201eskandal\u00f6s\u201c. Deserteure wurden als \u201easozial\u201c gebrandmarkt, weil sie sich der milit\u00e4rischen \u201eKameradschaft\u201c entzogen. Besonders perfide ist das Etikett der \u201eFeigheit\u201c, mit dem Deserteure bedacht wurden \u2013 immerhin wurden in Europa w\u00e4hrend des Ersten und des Zweiten Weltkrieges viele Zehntausend Deserteure umgebracht. 30.000 Todesurteile sprach alleine der NS-Staat aus; davon wurden rund 20.000 vollstreckt.<br \/>\nZwar wurden seit den 1990er-Jahren vermehrt Deserteursdenkm\u00e4ler in Deutschland aufgestellt, was inzwischen zumeist keine gr\u00f6\u00dferen Proteste mehr hervorruft. Der deutsche Staat hat jedoch nach wie vor seine Probleme mit Desertion, selbst dort, wo man es aus politischen Motiven doch anders vermuten w\u00fcrde. So bem\u00fchen sich Soldaten, die in der DDR wegen Desertion aus der Nationalen Volksarmee (NVA) verurteilt wurden, seit dem Anschluss der DDR um eine Rehabilitation, die immerhin seit 2002 f\u00fcr Wehrmachtsdeserteure und seit 2009 f\u00fcr \u201eKriegsverr\u00e4ter\u201c (eine spitzfindige juristische Unterscheidung) in Deutschland gilt.<br \/>\nAuch in \u00d6sterreich wurden Wehrmachtsdeserteure erst 2009 rehabilitiert. Die Debatte um Denkm\u00e4ler verlief lange \u00e4hnlich erhitzt wie in Deutschland ((1)).<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Deserteure in der DDR: zwischen Ehrung und Repression<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zumindest mit Wehrmachtsdeserteuren tat sich der \u201eantifaschistische\u201c DDR-Staat leichter: Von den rund 30 Deserteursdenkm\u00e4lern, die es derzeit auf deutschem Boden gibt, stand die H\u00e4lfte schon zu DDR-Zeiten; das erste wurde bereits 1945 in L\u00f6bau errichtet. Auch Stra\u00dfen waren in der DDR nach Deserteuren wie dem 1944 von der Wehrmacht hingerichteten Fritz Schmenkel benannt \u2013 diese Namensgebungen \u00fcberlebten allerdings zumeist nicht die reaktion\u00e4re Umbenennungswelle seit Beginn der 1990er-Jahre. Die Fritz-Schmenkel-Stra\u00dfe in Berlin-Lichtenberg hei\u00dft nun \u201eRheinsteinstra\u00dfe\u201c, jene in Chemnitz \u201eZeisigwaldstra\u00dfe\u201c.<br \/>\nDesertion findet statt, solange es Armeen gibt, und sie ist, siehe oben, gar nicht so selten. Immerhin 180 Soldaten der Ende 1955 gegr\u00fcndeten Bundeswehr desertierten bis 1960 in die damals in antikommunistischer Diktion oft noch als \u201eSBZ\u201c bezeichnete DDR ((2)). Auch \u00fcber 200 Angeh\u00f6rige der NATO-Armeen fl\u00fcchteten bis 1961 in die DDR, von denen allerdings rund die H\u00e4lfte Jahre sp\u00e4ter wieder in den \u201eWesten\u201c zur\u00fcckkehrte \u2013 denn wer einmal \u201eVerrat\u201c begeht, dem glaubt man nicht: Man machte es diesen Deserteuren in der DDR nicht leicht, standen sie doch schnell unter Spionageverdacht und wurden h\u00e4ufig nicht mit offenen Armen empfangen, sondern kritisch be\u00e4ugt.<br \/>\nRund 400 bis 500 in der DDR stationierte Sowjetsoldaten wiederum fl\u00fcchteten j\u00e4hrlich aus der Roten Armee, da die Behandlung dieser Soldaten schon damals \u00e4u\u00dferst schikan\u00f6s war. Allerdings zeigen diese Fluchtversuche auch das Ausma\u00df der Verzweiflung, war es doch so gut wie unm\u00f6glich, zur\u00fcck in die Sowjetunion oder in andere \u201eBruderstaaten\u201c zu kommen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Massenph\u00e4nomen Desertion im Ukrainekrieg<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obige Zahlen wirken allerdings noch bescheiden gegen das massenhafte Ph\u00e4nomen der Desertion, wie es im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/eine-friedensagenda-fuer-die-ukraine-und-die-welt\/\">Ukrainekrieg<\/a> zu erleben ist. Die Zahlen zeigen, wie viel Unlust vorhanden ist, sich f\u00fcr einen Staat verheizen zu lassen \u2013 und vielleicht ist genau dies ja in trostlosen Zeiten ein kleiner Hoffnungsschimmer.<br \/>\nSeit die Ukraine das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgr\u00fcnden ausgesetzt und die Grenze f\u00fcr M\u00e4nner zwischen 18 und 60 Jahren geschlossen hat, sind nach Sch\u00e4tzungen von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/statement-von-connection-e-v-zum-angriff-auf-die-ukraine\/\">Connection e. V<\/a>. \u00fcber 140.000 M\u00e4nner vor der Kriegsbeteiligung ins Ausland geflohen. Es ist also keinesfalls so, dass die Menschen in der Ukraine alle bereit sind, ihr Leben f\u00fcr ihre \u201eHeimat\u201c herzugeben, f\u00fcr die \u201eruhmreiche\u201c (Wolodymir Selenskyj) Ukraine, wie es die Propaganda in den NATO-Staaten den Menschen weismachen will. Umgekehrt haben sich bisher rund 150.000 russische Wehrpflichtige und Deserteur*innen dem Krieg verweigert. ((3)) Weder in Russland noch in der Ukraine gibt es derzeit die Todesstrafe f\u00fcr Desertion, mehrj\u00e4hrige Haftstrafen bl\u00fchen jedoch.<br \/>\nRussische Deserteur*innen bekommen allerdings in etlichen L\u00e4ndern derzeit kein Asyl, so in Polen und den baltischen Staaten, da Kriegsdienstverweigerung daf\u00fcr kein \u201ehinreichender Grund\u201c sei. Auch in Deutschland ist die Aufnahme russischer De-serteur*innen umstritten; ukrainische Deserteur*innen bekommen ebenfalls kein Asyl, zumindest aber erst einmal schneller ein Aufenthaltsrecht.<br \/>\n\u201eRussen mit demokratischer Gesinnung h\u00e4tten das Land meist schon l\u00e4ngst verlassen\u201c, meinte der \u201eDeutschlandfunk\u201c am 23. September 2022 ((4)). Man will also jene dem russischen Staat ausliefern, die angeblich zu lange \u201eapathisch\u201c (ebd.) und z\u00f6gerlich gewesen seien: Schlie\u00dflich sollten diese in Russland gegen den Krieg k\u00e4mpfen statt \u201efeige\u201c zu fl\u00fcchten. Deutsche d\u00fcrfen solche Ratschl\u00e4ge geben \u2013 sie haben schlie\u00dflich viel Erfahrung in massenhaftem Protest gegen kriegf\u00fchrende Despoten im eigenen Land, k\u00f6nnte man dazu zynisch bemerken.<br \/>\nEs sind Staaten, die Menschen gegeneinander aufhetzen und in den Krieg \u2013 vielfach in den sicheren Tod \u2013 schicken. Eine Ungeheuerlichkeit, vor deren Hintergrund das immer noch enorme Staatsvertrauen in den Bev\u00f6lkerungen wirklich verst\u00f6rend ist. Der Staat muss raus aus den K\u00f6pfen, doch das scheint ein langer Weg \u2013 seit 2020 zudem im Eiltempo r\u00fcckw\u00e4rts verlaufend \u2013, der den Einberufenen derzeit wenig n\u00fctzt. Daher braucht es auch eine akute, konkrete Perspektive. \u201eStell dir vor, es ist Krieg, und keine*r geht hin\u201c \u2013 damit dies kein Wunschtraum bleibt und die Spirale der Gewalt endlich durchbrochen wird, sind der Aufruf zur Desertion und die Unterst\u00fctzung von Deserteur*innen ein Gebot der Stunde f\u00fcr alle antimilitaristisch gesinnten Menschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weder der deutschen Panzerpartei (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, jetzt: Die Olivgr\u00fcnen) noch einer anderen deutschen Partei f\u00e4llt es angesichts des Krieges in der Ukraine ein, eine Alternative zur m\u00f6rderischen Spirale der Kriegsgewalt und zu immer weiteren Waffenlieferungen zu formulieren. 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