{"id":2895,"date":"1999-10-01T00:00:45","date_gmt":"1999-09-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2895"},"modified":"2022-07-26T14:26:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:26","slug":"ein-indischer-existentialist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/ein-indischer-existentialist\/","title":{"rendered":"Ein indischer Existentialist"},"content":{"rendered":"<p>Deutschsprachige Biographien \u00fcber Gandhi sind in den letzten Jahrzehnten mehrere erschienen: George Woodcock beschrieb sein Leben aus libert\u00e4rer, Dietmar Rothermund aus b\u00fcrgerlicher, S. Grabner aus realsozialistisch beeinflu\u00dfter Blickrichtung. Zur Jahrhundertwende nun also eine weitere Biographie \u00fcber einen der wenigen Lichtblicke dieses dunklen Jahrhunderts, diesmal aus der Sicht eines literatur- und philosophiegelehrten Inders.<\/p>\n<p>Das Erscheinen dieser Biographie in der esoterisch angehauchten &#8222;Gelben Reihe&#8220; von Diederichs weckt zun\u00e4chst Mi\u00dftrauen, doch das ist gr\u00f6\u00dftenteils unbegr\u00fcndet: Gunturu stellt Gandhi eher als Rationalisten und Wissenschaftler denn als Mystiker dar, obwohl er auch dieser Dimension im Denken Gandhis ein kurzes Kapitel widmet. Ungewohnt und nicht uninteressant ist auch das Kapitel \u00fcber Gandhis Ansichten zu Krankheit, Nahrung und Heilmethoden.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt konzentriert sich der Autor auf eine Erkl\u00e4rung von Gandhis Denken und Taten aus der indischen Philosophie heraus, ohne, wie sonst \u00fcblich, die europ\u00e4ischen Einfl\u00fcsse zu betonen (Thoreau, Ruskin, Tolstoi). Zitiert wird fast ausschlie\u00dflich aus den &#8222;Gesammelten Werken&#8220; (immerhin 93 B\u00e4nde im Englischen!) oder aus der achtb\u00e4ndigen englischen Tendulkar-Monumentalbiographie. Auf diese Weise kommt Gunturu zu einer sehr authentischen Darstellung und zieht von dieser Sicht dann \u00fcberraschende R\u00fcckschl\u00fcsse auf die europ\u00e4ische Philosophie.<\/p>\n<p>Das Buch beschreibt im ersten Teil Gandhis Lebensweg, die Satyagraha-Kampagnen in S\u00fcdafrika, dann in Indien und die dabei stattfindende langsame Emanzipation Gandhis vom B\u00fcrger des British Empire, der um Gleichberechtigung k\u00e4mpft, zum gewaltlos-revolution\u00e4ren Gegner des Empire. Wohltuend etwa im Gegensatz zu Rothermund, der sich ab 1942 nur auf den diplomatischen Proze\u00df der Entkolonialisierung konzentriert, ist Gunturus ausf\u00fchrliche W\u00fcrdigung der Quit-India- Kampagne von 1942 und der direkt nachfolgenden Revolten.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil finden sich die eigentlichen \u00dcberraschungen des Buches. Nacheinander beschreibt Gunturu die f\u00fcr Gandhi zentralen Kategorien der Wahrheit, der Gewaltlosigkeit und der gewaltfreien Aktion (Satyagraha). Auch die sozialistischen und staatskritischen Seiten Gandhis kommen nicht zu kurz. Dabei wird deutlich, da\u00df die Suche nach Wahrheit bei Gandhi auch im tats\u00e4chlichen Sammeln von Fakten, in Untersuchungen der Lage unter Ma\u00dfgabe aller Gesichtspunkte besteht. Manchen Aktionskampagnen gingen nahezu wissenschaftliche Informationsbeschaffungen voraus. Gunturu kommt daher zu dem Schlu\u00df:<\/p>\n<p>&#8222;Bedauerlicherweise findet sich die Ansicht weit verbreitet, da\u00df Gandhi ein Antirationalist oder Irrationalist war. Gandhi war ein gro\u00dfer Rationalist.&#8220; (S. 181)<\/p>\n<p>Trotz intensiver Wahrheitssuche bleibt die Einsch\u00e4tzung, die sich daraus ergibt, zun\u00e4chst eine subjektive. Gandhi behauptet als objektive Wahrheit das, was er unter &#8222;Gott&#8220; versteht. Doch diese objektive Wahrheit kann er gleichzeitig nie ganz fassen, weil sie aus vielen subjektiven Wahrheiten besteht. In seinen Aktionen war Gandhi daher auf seine subjektiv gewonnene Wahrheit zur\u00fcckgeworfen, woraus sich zwingend und logisch die Gewaltlosigkeit in den Aktionen ergibt, denn Gewaltanwendung schlie\u00dft die M\u00f6glichkeit des Irrtums aus, die Gandhis subjektiver Wahrheit inh\u00e4rent bleibt. Nach Gunturu ist Gandhi bei dieser Wahrheitssuche kompromi\u00dfloser Idealist: &#8222;Wahrheit mu\u00df um der Wahrheit willen praktiziert werden&#8220; (S. 181) nicht um der N\u00fctzlichkeit willen. Auf diese Weise relativierte sich der Nationalismus Gandhis in seiner Rolle als pr\u00e4gender Figur der indischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung und er konnte gegen\u00fcber Romain Rolland erkl\u00e4ren: &#8222;Ich bin ein Diener der Wahrheit, kein Diener Indiens.&#8220; (zit. nach S. 182) Welcher sonstige nationale Befreiungsrevolution\u00e4r war zu solchen Statements schon f\u00e4hig?<\/p>\n<p>Gunturu erkl\u00e4rt, warum Gandhi zwar Religion und Politik verbinden wollte, warum aber gleichzeitig daraus der S\u00e4kularismus und die gleichberechtigte Aufnahme von AtheistInnen in seinen Kommunen (Ashrams) folgte. Gandhi war auch Vegetarier und gegen Tierversuche, setzte aber Tiere keineswegs mit Menschen gleich: der Mensch ist nach Gandhi im Gegensatz zum Tier zur bewu\u00dften gewaltlosen Handlung f\u00e4hig, das macht das Menschsein \u00fcberhaupt aus. Gunturus \u00fcberraschende philosophische Einordnung lautet: &#8222;Die Handlungen des Menschen gehen seinem Wesen voran und bestimmen es. In diesem Punkt scheint ein Moment der Existenz-Philosophie bei Gandhi auf (vgl. J.P. Sartre).&#8220; (S. 223)<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlich und sehr plastisch beschreibt Gunturu das Leben in Gandhis Ashrams, die im Grunde Kampfausbildungszentren f\u00fcr gewaltfreie Aktion waren. Oft sind sie von Kritikern als diktatorische Gebilde kritisiert worden. Gandhi hatte nat\u00fcrlich eine herausragende Stellung, blieb aber von Kritik nicht verschont und ihr zug\u00e4nglich. Es gab Vollversammlungen und auch Kritik, wenn Gandhi deren Beschl\u00fcsse nicht wie gewollt umsetzte. Revolution\u00e4r war an diesen Kommunen die Integration von Unber\u00fchrbaren und die gleichberechtigte Teilnahme von Frauen. Daf\u00fcr mu\u00dfte der Preis sexueller Enthaltsamkeit gezahlt werden: jeder Satygrahi mu\u00dfte dazu ein Gel\u00fcbde ablegen. Diese Bedingung kennen wir zum Beispiel auch von den PKK-Ausbildungscamps \u00d6calans &#8211; und wurde dort jahrelang als vollendete weibliche Emanzipation gefeiert, was sie mit Sicherheit nicht ist. Trotzdem erm\u00f6glichte die permanente \u00dcbung der Zur\u00fcckhaltung sexueller und egozentrischer Bed\u00fcrfnisse der M\u00e4nner in Gandhis Ashrams eine relative Bewegungsfreiheit f\u00fcr Frauen. In der Praxis mu\u00df man\/frau sich das eher lustig vorstellen: so lie\u00df Gandhi unter Aufsicht junge M\u00e4nner und Frauen nackt baden, damit sie sich in der Kunst der Enthaltsamkeit \u00fcbten &#8211; praktisch eine Form der Freik\u00f6rperkultur, im indischen Umfeld ansonsten undenkbar! Doch es war wohl nix: es kam zu sexuellen Verbindungen, das Experiment wurde eingestellt. Es bleibt zu hoffen, da\u00df dieses Gel\u00fcbde insgeheim auch sonst \u00f6fter gebrochen wurde.<\/p>\n<p>Insgesamt ging es in den Ashrams jedoch um das altruistische Indienststellen der eigenen Person f\u00fcr die Belange der Menschheit. Familie war da nur hinderlich. So kommt Gunturu zu nahezu anti-heterosexistischen Beschreibungen von Gandhis Ethik: &#8222;Ein Mensch der Gewaltlosigkeit behandelt alle Menschen und Lebewesen gleich. Ein durch Ehe oder Familie gebundener Mensch wird aber seine eigene Familie von anderen Menschen oder Familien unterscheiden und damit subtile Gewalt aus\u00fcben. (&#8230;) &#8218;Die Welt ist eine Familie.'&#8220; (S. 218)<\/p>\n<p>Gandhi hat reaktion\u00e4re Seiten, zweifellos. Aber er war nicht dogmatisch: Gewaltlosigkeit konnte auch au\u00dferhalb der Ashrams erlernt werden, und den Ashrams selbst fehlte ein drakonischer Sanktionsmechanismus. Gunturu h\u00e4lt f\u00fcr gewaltfreie AktivistInnen viele weitere \u00dcberraschungen bei seiner Darstellung bereit, etwa folgende: eine gewaltfreie Strategie zu schmieden, sei nach Gandhi Kennzeichen eines Politikers und nicht eine\/r Satyagrahi. Gandhi selbst habe gesagt: &#8222;Ein Satyagrahi reagiert spontan.&#8220; (Gandhi zit. nach S. 245)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschsprachige Biographien \u00fcber Gandhi sind in den letzten Jahrzehnten mehrere erschienen: George Woodcock beschrieb sein Leben aus libert\u00e4rer, Dietmar Rothermund aus b\u00fcrgerlicher, S. Grabner aus realsozialistisch beeinflu\u00dfter Blickrichtung. Zur Jahrhundertwende nun also eine weitere Biographie \u00fcber einen der wenigen Lichtblicke dieses dunklen Jahrhunderts, diesmal aus der Sicht eines literatur- und philosophiegelehrten Inders. 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