{"id":2897,"date":"1999-10-01T00:00:06","date_gmt":"1999-09-30T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2897"},"modified":"2012-01-29T13:51:04","modified_gmt":"2012-01-29T11:51:04","slug":"eine-neue-grundlagenstudie-zur-libertaren-padagogik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/eine-neue-grundlagenstudie-zur-libertaren-padagogik\/","title":{"rendered":"Eine neue Grundlagenstudie zur libert\u00e4ren P\u00e4dagogik"},"content":{"rendered":"<p>Obgleich die systematische Diskussion des Verh\u00e4ltnisses von Anarchismus und P\u00e4dagogik seit den 80er Jahren eine Kontinuit\u00e4t aufweist, ist sie nach wie vor eher d\u00fcrftig. Wissenschaftliche Monographien sind die Ausnahme und konnten bislang nur wenige Aspekte dieser P\u00e4dagogiktradition aufarbeiten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Dissertation von Heribert Baumann (1982) \u00fcber die deutsche Tradition 1919 bis 1933, die beiden Arbeiten von Ulrich Klemm \u00fcber die libert\u00e4re Reformp\u00e4dagogik Tolstois (1984) und den Freiheitsbegriff in der libert\u00e4ren P\u00e4dagogik (1994), die institutionen- und personengeschichtliche Arbeit des schweizer Erziehungswissenschaftlers Hans-Ulrich Grunder \u00fcber Paul Robin, S\u00e9bastian Faure und Jean Wintsch (1986, 2. Aufl. 1993), die Dissertation von Stefan Blankertz \u00fcber Paul Goodman (1983, 2. Aufl. 1988) sowie seine Habilitationsschrift \u00fcber die angels\u00e4chsiche (libert\u00e4re) Schulkritik (1989). Erg\u00e4nzend bzw. vorbereitend zu diesen Studien erschienen von diesen Autoren in den 80er und 90er Jahren eine Reihe von Artikeln in p\u00e4dagogischen und erziehungswissenschaftlichen Fachzeitschriften, Sammelb\u00e4nden und anarchistischen Zeitschriften wie der Graswurzelrevolution, der Direkten Aktion und dem Schwarzen Faden.<\/p>\n<p>In diesem Diskussionskontext erschien 1998 als Dissertation von Markus Heinlein eine neue und bemerkenswerte Studie. Der Autor bietet mit seiner Zielrichtung und seinem Forschungsinteresse einen Erkenntnisgewinn f\u00fcr den aktuellen Diskurs um libert\u00e4re P\u00e4dagogik. Es geht ihm um den Ertrag des klassischen Anarchismus f\u00fcr die Entwicklung und Herausbildung einer libert\u00e4ren P\u00e4dagogik. Heinlein konzentriert sich dabei auf Godwin, Bakunin und Kropotkin, die er als drei unterschiedliche Vertreter des klassischen Anarchismus versteht und die mit ihren Positionen sowohl f\u00fcr die allgemeine Theoriebildung des Anarchismus als auch f\u00fcr seine p\u00e4dagogischen Implikationen idealtypisch zu differenzieren sind.<\/p>\n<p>Anarchismus wird dabei von Heinlein als ein Ergebnis der b\u00fcrgerlichen Aufkl\u00e4rung definiert, gleichsam als ihre Radikalisierung und Negation. Er stellt damit einen klaren definitorischen Bezugrahmen f\u00fcr seine Arbeit her, den er sozial- und philosophiegeschichtlich nach einer libert\u00e4ren P\u00e4dagogik befragt. Heinlein nimmt f\u00fcr den klassischen Anarchismus des 18. und 19. Jahrhunderts eine Dreiteilung vor, die sich gut f\u00fcr seine p\u00e4dagogische Systematisierung eignet: Godwin als Vertreter eines individuellen, Bakunin als Vertreter eines revolution\u00e4ren und Kropotkin als einer eines reformerischen Anarchismus. Mit dieser konzeptionellen Dreiteilung kann Heinlein \u00fcberzeugend auch drei p\u00e4dagogische Ans\u00e4tze darstellen, die die klassische anarchistische P\u00e4dagogik pr\u00e4gen. Godwins P\u00e4dagogik ist bestimmt durch eine &#8222;Autonomie der Vernunft&#8220; (S. 159), die das Kind als Subjekt in den Mittelpunkt stellt und Erziehung als ein Instrument der Unterdr\u00fcckung sieht. Nach Heinlein entpuppt sich Godwin hier als &#8222;H\u00f6hepunkt und Ende einer Aufkl\u00e4rungsphilosophie&#8220; (S. 159) und ist in seiner P\u00e4dagogik gepr\u00e4gt durch einen &#8222;aufkl\u00e4rungsphilosophischen Optimismus&#8220; (S. 321).<\/p>\n<p>Bakunin ist weniger als Godwin von einem origin\u00e4r p\u00e4dagogischen Interesse geleitet. Sein p\u00e4dagogisches Konzept ist eine radikale Bildungskritik, die sich aus seiner Gesellschaftskritik ableitet und auch eine Kritik an autorit\u00e4ren Elementen der Aufkl\u00e4rungsphilosophie und -p\u00e4dagogik enth\u00e4lt. In seinem postrevolution\u00e4ren Entwurf finden klassische Elemente einer libert\u00e4ren P\u00e4dagogik Eingang wie die der Koedukation, der ganzheitlichen Bildung von Kopf, Herz und Hand und der Rationalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Im Kontext von Kropotkins anthropologischen Ansatz der &#8222;gegenseitigen Hilfe&#8220; entwickelt er eine &#8222;\u00e9ducation int\u00e9grale&#8220;, eine ganzheitliche Erziehung, die in einen polytechnischen Bildungsansatz m\u00fcndet. Kropotkins &#8222;konstruktiver Anarchismus&#8220; (S. 323) wird zu einem pragmatischen Ansatz f\u00fcr libert\u00e4re Politik und P\u00e4dagogik, der libert\u00e4re Ver\u00e4nderungen nicht erst als das Ergebnis revolution\u00e4rer Ereignisse sieht, sondern auch in real existierenden autorit\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Heinlein bietet eine \u00fcberzeugende Rekonstruktion der ideengeschichtlichen Urspr\u00fcnge libert\u00e4rp\u00e4dagogischer Theorie. Da\u00df er nicht zu einer Reflexion p\u00e4dagogischer Praxis kommt, h\u00e4ngt mit der Anlage seiner Arbeit zusammen und mit der relativen Praxisferne der diskutierten Anarchisten. Eine solche Praxisanalyse k\u00f6nnte jedoch sehr gut auf Heinlein aufbauen bzw. anschlie\u00dfen. Ein zweiter erg\u00e4nzender Hinweis zu Heinleins Studie gilt dem P\u00e4dagogikansatz von Max Stirner, der mit seinem radikalen Individualismus \u00fcber Godwin hinausgeht und gleichsam ein viertes Konzept im Kontext des klassischen Anarchismus bietet. Vor allem wenn Heinlein den Anarchismus auf der Folie der b\u00fcrgerlichen Aufkl\u00e4rung diskutiert, w\u00e4re es naheliegend gewesen, auch Stirner zu ber\u00fccksichtigen &#8211; zumindest h\u00e4tte er etwas ausf\u00fchrlicher erw\u00e4hnt werden m\u00fcssen. Wir finden bei Stirner eine radikalisierte anarchistische Theorieofferte, die noch mehr als bei Godwin, Bakunin und Kropotkin Implikationen f\u00fcr eine p\u00e4dagogische Diskussion bietet. &#8222;Wille statt Wissen&#8220; wird bei Stirner zum Axiom einer libert\u00e4ren P\u00e4dagogik, die zu einer Art Anti-P\u00e4dagogik wird. Zu Stirners Erziehungs- und Bildungsdenken gibt es, im Gegensatz zu Godwin, Bakunin und Kropotkin, in den letzten Jahren auch eine erziehungswissenschaftliche und libert\u00e4re Diskussion &#8211; j\u00fcngst vgl. Das Themenheft &#8222;Max Stirner und die P\u00e4dagogik&#8220; im Rahmen der Vierteljahresschrift des Max- Stirner-Archivs Leipzig &#8222;Der Einzige&#8220; (Nr. 2\/6 1999) &#8211; die an dieser Stelle h\u00e4tte eingebunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Fazit: Die Studie von Heinlein ist in der Anlage ebenso spannend wie neu und die Ergebnisse originell. Sie stellt einen wichtigen Eckpunkt in der historischen und systematischen Diskussion um eine libert\u00e4re P\u00e4dagogik dar und bietet Anschlu\u00dfm\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine weiterf\u00fchrende Auseinandersetzung. Dar\u00fcberhinaus kann mit dieser Arbeit die p\u00e4dagogische Sensibilit\u00e4t in der klassischen anarchistischen Ideengeschichte nachgewiesen werden. Damit stellt Heinleins Arbeit auch den gelungen Versuch dar, eine libert\u00e4rp\u00e4dagogische Position im Kontext der allgemeinen P\u00e4dagogikgeschichte zu verorten und resonanzf\u00e4hig an den erziehungswissenschaftlichen Diskurs zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obgleich die systematische Diskussion des Verh\u00e4ltnisses von Anarchismus und P\u00e4dagogik seit den 80er Jahren eine Kontinuit\u00e4t aufweist, ist sie nach wie vor eher d\u00fcrftig. 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