{"id":2901,"date":"1999-10-01T00:00:05","date_gmt":"1999-09-30T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2901"},"modified":"2012-05-12T18:40:59","modified_gmt":"2012-05-12T16:40:59","slug":"anti-gen-camp-fur-eine-gentechnikfreie-landwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/anti-gen-camp-fur-eine-gentechnikfreie-landwirtschaft\/","title":{"rendered":"Anti-Gen-Camp f\u00fcr eine gentechnikfreie Landwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Der Landkreis Barnim liegt nord\u00f6stlich von Berlin. Kaum hat mensch die Ortschilder der Millionenstadt hinter sich gelassen, er\u00f6ffnet sich das typische Panorama Brandenburgs. Nach den \u00fcblichen Baum\u00e4rkten und Einkaufcenter des Stadtrands geraten neue gleichf\u00f6rmige Eigenheime Marke &#8218;Sch\u00f6ner Wohnen mit organisierter Langweile&#8216; ins Blickfeld. Doch nach ein paar Kilometern ist mensch dann endlich auf dem Land: In der Mitte gr\u00fcndurchflutete Alleen, rechts und links riesige Felder bis an den Horizont. Hier wurden schon zu DDR-Zeiten in hochindustrialisierte Form hohe landwirtschaftliche Ertr\u00e4ge aus dem sandigen Boden herausgeholt. Heute sind die ehemals staatlichen Betriebe weitgehend privatisiert, aber an der Form des Wirtschaftens hat sich wenig ge\u00e4ndert, noch gr\u00f6\u00dfere Felder, noch gr\u00f6\u00dfere Maschinen, noch mehr D\u00fcnger und Chemie. Auch hat sich am Bewu\u00dftsein der arg geschrumpften Zahl der B\u00e4uerInnen wenig ge\u00e4ndert. Zwar ist die Zahl der Biobauernh\u00f6fe in der Umgebung von Berlin erstaunlich schnell gewachsen, aber die Biob\u00e4uerInnen werden von ihren Kolleginnen aus der Hightech Landwirtschaft wie Exoten behandelt. Genauso geht es den GegnerInnen der gr\u00fcnen Gentechnologie.<\/p>\n<p>Im Landkreis Barnim liegen bei den kleinen Ortschaften Sch\u00f6nfeld und Tempelfelde zwei Genversuchsfelder. Im Tempelfelde erprobt der US-Multi &#8218;Monsanto&#8216; genmanipulierten Mais im Freilandversuch, und in Sch\u00f6nfeld pflanzt die gemeinsame Tochterfirma von Hoechst und Schering, die Fa. &#8218;Agrevo&#8216;, ebenfalls Mais, aber auch Raps und Zuckerr\u00fcben mit einer k\u00fcnstlich ver\u00e4nderten Genstruktur an, das die Pflanzen gegen das jeweils konzerneigene Herbizid &#8222;Round-up&#8220; (Monsanto) bzw. &#8222;Basta&#8220; (Agrevo) resistent macht. Den Landwirten wird eine rosige Zukunft versprochen: Steigerung der Ertr\u00e4ge und zugleich R\u00fcckgang des Herbizideinsatzes. So steht es in den Hochglanzbrosch\u00fcren. Doch die Realit\u00e4t spricht eine andere Sprache. Besonders in den USA macht sich unter den Soja- und Maisb\u00e4uerInnen nach einer Anfangseuphorie Ern\u00fcchterung breit. Die Ertr\u00e4ge steigen nicht wie von Monsanto versprochen und auch der Herbizideinsatz geht in der Praxis kaum zur\u00fcck. Zu diesem vorl\u00e4ufigen Ergebnis kommt eine Untersuchung des US-Landwirtschaftsministeriums. Im Gegenteil, die Sch\u00e4dlinge werden schon z.T. resistent gegen das neue Wundermittel &#8222;Round-up&#8220;. Und \u00fcber die hochgradige Abh\u00e4ngigkeit von nur einem einzigen Konzern, eben Monsanto, bei dem sie sowohl das Saatgut wie den D\u00fcnger und das Herbizid einkaufen m\u00fcssen, sind die B\u00e4uerInnen vorher von keinem aufgekl\u00e4rt worden.<\/p>\n<h3>Ein weltweites Problem<\/h3>\n<p>Die Saatgutmultis wie &#8218;Monsanto&#8216;, &#8218;Novartis&#8216; oder &#8218;Agrevo&#8216; wollen aber nicht nur in Nordamerika und Europa die absolute Herrschaft in der Landwirtschaft erreichen, sondern greifen auch nach Lateinamerika oder Indien. Doch dort regt sich von einigen B\u00e4uerInnenorganisationen, die im Netzwerk &#8222;Peoples Global Action&#8220; mitarbeiten, heftigster Widerstand gegen die Pl\u00e4ne von Monsanto oder Agrevo. W\u00e4hrend des K\u00f6lner Weltwirtschaftsgipfel haben dar\u00fcber s\u00fcdindische B\u00e4uerInnen auf einer Rundfahrt durch die BRD berichtet.<\/p>\n<p>Von solchen Protesten der Landbev\u00f6lkerung k\u00f6nnen wir vom Barnimer Aktionsb\u00fcndnis nur tr\u00e4umen. Auf dem diesj\u00e4hrigen Camp vom 13. bis 23.8.am Rande des Sch\u00f6nfelder Versuchsfeldes konnten wir wieder die Erfahrung machen, da\u00df gro\u00dfe Teile der umliegenden Dorfbev\u00f6lkerung uns mit Ignoranz bestrafen. Doch wir waren hartn\u00e4ckig genug und haben nach anf\u00e4nglich gescheiterten Versuchen mit Flugblattverteilen oder Einladung zu Kaffee und Kuchen f\u00fcr uns neue Formen der Aufkl\u00e4rung und Agitation entwickelt. Am erfolgreichsten waren dabei verschiedene kleine Stra\u00dfentheaterst\u00fccke vor Superm\u00e4rkten und Treffpunkten in den umliegenden Gemeinden.<\/p>\n<h3>Subventionen f\u00fcr die Biotechnologie<\/h3>\n<p>Da der Landtagswahlkampf gerade seinem H\u00f6hepunkt zustrebte, verloren sich auch hochrangige Politiker und Minister in den kleinen Wirtshauss\u00e4len. Wir bekamen davon Wind und stellten den brandenburgischen Landwirtschaftsminister zur Rede, wieso die Landesregierung so massiv die Gen- und Biotechnologie f\u00f6rdert (zusammen mit dem Land Berlin soll die Gen- und Biotechnologie in Berlin-Brandenburg in den n\u00e4chsten sieben Jahren 480 Millionen DM an Subventionen erhalten!!) und die Risiken unter den Teppich kehrt. Der Minister kam ganz sch\u00f6n ins Stottern und die anwesenden Landwirte aus der Umgebung h\u00f6rten aufmerksam zu, was wir zu sagen hatten \u00fcber die Macht der Saatgutkonzerne und die Risiken f\u00fcr Mensch und Natur.<\/p>\n<p>In dem nahegelegenen St\u00e4dtchen Bernau waren wir am erfolgreichsten mit einer von Greenpeace abgekupferten Aktionsform. In wei\u00dfen Staubanz\u00fcgen besuchten wir am Samstagmorgen die \u00f6rtlichen Filialen von &#8218;Edeka&#8216; und sammelten die Lebensmittel ein, die laut Greenpeace im Verdacht stehen, genmanipuliert zu sein. Innerhalb von 10 Minuten hatten wir gro\u00dfe Einkaufswagen gef\u00fcllt und begannen die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung zu nerven. Einen Tag zuvor hatte dies Greenpeace in der Edeka-Zentrale in Hamburg getan, weil Edeka sich bis dahin weigerte, \u00e4hnlich wie Tengelmann und Rewe, seine Genfood aus den Regalen zu nehmen. Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung tat ganz betroffen, dass nach dem &#8222;Dioxinskandal nun schon wieder was Falsches&#8220; in den Regalen steht, und die Kundinnen vor den Superm\u00e4rkten schauten sich neugierig das gro\u00dfe Sortiment der genmanipulierten Lebensmitteln auf unseren Infotischen an. Wieder einmal konnten wir feststellen, wenn wir mit unseren Aufkl\u00e4rungsaktionen die Menschen auf der Stra\u00dfe tats\u00e4chlich ansprechen k\u00f6nnen, gro\u00dfe Betroffenheit und ein hohes Informationsbed\u00fcrfnis anzutreffen ist. W\u00e4hrend des zehnt\u00e4gigen Camps wollten wir aber nicht nur die Bev\u00f6lkerung und die Lebensmittelkonzerne agitieren, sondern wir hatten uns von Anfang an vorgenommen, in den Stunden nach Sonnenuntergang Gel\u00e4ndeerkundungsspiele durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Mit gesteigerter Phantasie wurde bei den n\u00e4chtlichen Spazierg\u00e4ngen die Aufmerksamkeit der Wachleute und ihrer uniformierten Besch\u00fctzer an den beiden Genfeldern getestet. Mehr und mehr genervt durch unsere Beharrlichkeit r\u00fcstete besonders die Polizei auf, installierte Flutlicht, errichtete Stra\u00dfensperren und r\u00fcckte am Ende mit 5o Polizisten an. Doch selbst ein paar Festnahmen und ein Warnschu\u00df eines druchgedrehten J\u00e4gers aus seiner Schrotflinte auf eine \u00fcbers Kornfeld fl\u00fcchtende Frau, konnte uns nicht davon abhalten, am Schlu\u00dftag eine Aktionsform erstmals in Deutschland auszuprobieren, die sehr erfolgreich in England gegen Genversuchsfelder angewendet wird, n\u00e4mlich &#8222;Genetic Snowball&#8220;. Das Prinzip ist relativ einfach. Es gehen m\u00f6glichst viele AktivistInnen auf das von der Polizei gesch\u00fctzte Genfeld und rei\u00dfen jeweils nur eine Genpflanze raus, damit der individuelle anzulastenden Sachschaden m\u00f6glichst gering bleibt. Die Presse wird vorher eingeladen und alles soll m\u00f6glichst friedlich ohne gro\u00dfe Rangelei mit den Uniformierten ablaufen. Gesagt, getan. Wir zogen mit \u00fcber 100 AktivistInnen zum Maisfeld und hatten uns auch mit Ernteger\u00e4t ausgestattet, ca. 10 Leute zogen mit ihren Sensen voran und erheischten so die Aufmerksamkeit der Polizei. Am Absperrzaun erwiesen sich die Ordnungsh\u00fcter als schnell \u00fcberfordert, sie st\u00fcrzten sich auf die Sensenleute, w\u00e4hrenddessen ca. 10 andere die Z\u00e4une \u00fcbersprangen und den Mais rausrissen. Nach einer Personalienfeststellung wurden die Erntehelfer wieder freigelassen und inzwischen erhielten sie von Agrevo eine Anzeige wegen &#8220; Sachbesch\u00e4digung und Hausfriedensbruch&#8220;.<\/p>\n<p>Danach war die Stimmung im Camp reichlich ausgelassen. Uns war es nach anf\u00e4nglich Schwierigkeiten und Frust doch gelungen, besonders unter der Bev\u00f6lkerung der gr\u00f6\u00dferen umliegenden Orte und auch in der Berliner Presse eine gute Resonanz auf unsere Forderungen und Kritiken an der Gentechnologie herzustellen. Das Camp hat trotz des miesen und kalten Wetters viel Spa\u00df gemacht. Wir haben viel gelacht und geschwatzt, aber auch ernsthafte Diskussionen und Vortr\u00e4ge geh\u00f6rt \u00fcber den biologischen Landbau wie auch die globalen Zusammenh\u00e4nge und nicht zuletzt \u00fcber den \u00fcberall in Brandenburg anzutreffenden Rassismus. Die Erkenntnisse daraus wiederum in Aktionen und Stra\u00dfentheater umzusetzen, d\u00fcrfte einer der Aufgaben f\u00fcrs n\u00e4chste Camp sein. Zugleich \u00fcberlegen wir zusammen mit dem Berliner Genethischen Netzwerk die Idee eines zentralen bundesweiten Camps und Kongresses im n\u00e4chsten Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Landkreis Barnim liegt nord\u00f6stlich von Berlin. Kaum hat mensch die Ortschilder der Millionenstadt hinter sich gelassen, er\u00f6ffnet sich das typische Panorama Brandenburgs. 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