{"id":29076,"date":"2022-12-23T13:39:45","date_gmt":"2022-12-23T11:39:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/12\/von-baeumen-und-menschen\/"},"modified":"2023-02-10T01:56:15","modified_gmt":"2023-02-09T23:56:15","slug":"von-baeumen-und-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/12\/von-baeumen-und-menschen\/","title":{"rendered":"Von B\u00e4umen und Menschen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Kein Baum ist egal \u2013 so l\u00e4sst sich ein \u201eden Deutschen\u201c zugesprochener Nationalcharakter auf den Punkt bringen, nach dem die B\u00e4ume geradezu mystifiziert werden und der Wald zur Sehnsuchtslandschaft idealisiert wird. Unz\u00e4hlige Lieder und Gedichte zumal der Romantik zeugen von dieser Verkl\u00e4rung. Diese Sehnsucht ist nicht unproblematisch, ist die Baum- und Waldliebe doch eine rechtsoffene Veranstaltung.<br \/>\nInsbesondere die Eichen, von hoher kulturgeschichtlicher Bedeutung f\u00fcr Hausbau, Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft, wurden zum deutschen Symbolbaum. Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock inszenierte bereits vor 250 Jahren in seinem B\u00fchnenst\u00fcck \u201eHermanns Schlacht\u201c die \u201eh\u00f6chste, \u00e4lteste, heiligste Eiche\u201c als Analogie des deutschen \u201eVaterlandes\u201c.<br \/>\nDer Eichenkranz wurde zum Hoheitszeichen des nationalsozialistischen Regimes, das die Waldliebe politisch instrumentalisierte und eine regelrechte Waldideologie erschuf (und die B\u00e4ume doch nicht zuletzt kriegswirtschaftlich nutzte). Im Niedersachsenlied hei\u00dft es: \u201eFest wie unsere Eichen halten alle Zeit wir stand, wenn St\u00fcrme brausen \u00fcbers Deutsche Vaterland\u201c, die Bundeswehr tr\u00e4gt noch heute Eichenlaub in den Dienstgradabzeichen, und auch unz\u00e4hlige Sch\u00fctzenvereine bedienen sich dieser Symbolik. Noch v\u00f6lkische Siedlungsgemeinschaften der Gegenwart \u00fcbersetzen Umweltschutz mit Heimatschutz, wobei auch die \u201egermanische\u201c Mythologie wieder aufgegriffen und der Wald identit\u00e4tspolitisch in eine Projektionsfl\u00e4che rassistischer und biologistischer Versatzst\u00fccke umgem\u00fcnzt wird.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Linke Waldbesetzung statt rechter Eichenmystik<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem insbesondere in linken Milieus die Waldliebe f\u00fcr rund zwei Jahrzehnte aufgrund solcher Traditionslinien deutlich abk\u00fchlte, hat sp\u00e4testens das Waldsterben Anfang der 1980er-Jahre im Kontext neuerer, aus der Alternativbewegung entstandener Umweltschutz-Gruppen eine abermalige Gegenbewegung in Gang gesetzt. Darin zeigte sich, dass B\u00e4ume \u2013 jeder einzelne von ihnen \u2013 nach wie vor eine hochgradig emotional besetzte Angelegenheit sind.<br \/>\nIn Deutschland fand eine erste Waldbesetzung bereits 1975 im Zuge der Proteste gegen das geplante <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/von-wyhl-bis-zu-den-castor-blockaden\/\">Atomkraftwerk Wyh<\/a>l im \u00e4u\u00dfersten S\u00fcdwesten des Landes statt; es folgten Anfang der 1980er-Jahre Besetzungen u.\u00a0a. gegen das Atomm\u00fcll-Lager im wendl\u00e4ndischen Gorleben sowie im Fl\u00f6rsheimer Wald bei Frankfurt gegen die Erweiterung des Flughafens. Die weiteren 1980er, die 1990er sowie das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends waren diesbez\u00fcglich relativ ereignislos, bevor ab 2012 sehr \u00f6ffentlichkeitswirksam Besetzungen im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/der-hambacher-forst-und-die-anarchie\/\">Hambacher Forst<\/a>, der \u201eHambi\u201c, im Rahmen der Proteste gegen den Abbau der Braunkohle stattfanden \u2013 offenbar ein Fanal, denn seither vergeht kaum ein Jahr ohne Waldbesetzungen. 2019 gab es dann die ersten Besetzungen im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/wald-statt-asphalt\/\">Dannenr\u00f6der Wald<\/a>.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Generation Waldbesetzung gegen Generation Auto<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vogelsbergkreis, in dem das Waldst\u00fcck liegt, ist eine l\u00e4ndliche, recht d\u00fcnn besiedelte Region, deren Bev\u00f6lkerung seit Jahrzehnten stagniert, bestenfalls. Es ist vermutlich ironiefrei gemeint, wenn der Kreis auf seiner Homepage verk\u00fcndet: \u201eDer Vogelsberg ist eine offene Einladung. Ziel ist das Erreichen des Sehnsuchtsorts\u201c. Von Landlust, attraktiver Idylle und nachhaltiger Natur ist auf der Startseite die Rede. Tats\u00e4chlich liegt der Waldanteil noch bei ansehnlichen rund 40 %, dominierend sind hier \u00fcbrigens die Laubw\u00e4lder, und hier wiederum insbesondere die Buchen, denen gegen\u00fcber Eichen erst an zweiter Stelle stehen. Nun muss ein St\u00fcck Wald dem Autobahnprojekt der A 49 weichen, das auf Planungsprognosen der individualverkehrsfixierten 1970er-Jahre zur\u00fcckgeht \u2013 wo doch inzwischen jeder Mensch wei\u00df, dass mehr Stra\u00dfen vor allem eines bedeuten: mehr Verkehr; denn das Angebot schafft die Nachfrage.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die intensivsten Bilder sind jene von den Baumh\u00e4usern, von den kreativen Protesten, vom gemeinsamen Blockadenbau, der \u201eRed Rebel-Performance\u201c, vom Alltag im Wald, dem kollektiven Musizieren dort, wo demn\u00e4chst l\u00e4rmender Verkehr branden soll.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der verkehrspolitische Anachronismus d\u00fcrfte den Besetzer*innen auch eine Menge Sympathien beschert haben aus Kreisen, die solchen Aktionsformen sonst eher distanziert gegen\u00fcberstehen. Das, was Klimastress inklusive D\u00fcrreperioden nicht schaffen an Waldvernichtung, das soll also ein unsinniges, \u00fcberholtes Stra\u00dfenbauvorhaben nun dahinraffen. Es war zus\u00e4tzliches Wasser auf die M\u00fchlen viele Demonstrierender, dass dieses Projekt vom hessischen \u201egr\u00fcnen\u201c Verkehrsminister Tarek al-Wazir forciert wurde. Generation Waldbesetzung gegen Generation Auto.<br \/>\nKlimapolitisch jedenfalls gilt angesichts dahinschmelzender Klimaschutzziele: Kein Baum ist egal. Dass gerade auch der Individualverkehr zunehmend in den Fokus von Klima-Aktivist*innen ger\u00e4t, ist insofern folgerichtig.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Parteiergreifende Fotos<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hochaktuell ist das in Bj\u00f6rn Kietzmanns Bildband \u201eKein Baum ist egal\u201c dokumentierte Engagement der Aktivist*innen im Dannenr\u00f6der Wald im \u00dcbrigen auch vor dem Hintergrund des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/12\/der-covid-komplex\/\">Coronavirus<\/a>. Immerhin d\u00fcrfte sich herumgesprochen haben, dass die seit etwa zwanzig Jahren zunehmende H\u00e4ufung von Zoonosen \u2013 wie auch Covid-19 eine ist \u2013 urs\u00e4chlich das Resultat von \u00f6kologischem Raubbau, Waldvernichtung und Klimawandel ist.<br \/>\n\u201eKlimaschutz ist kein Verbrechen\u201c ist auf dem Transparent eines Demonstrierenden zu lesen, und doch ist dies ein hilfloses Statement: Schlie\u00dflich pr\u00e4gen nicht in erster Linie ethische Grunds\u00e4tze die Rechtsprechung, sondern \u00f6konomische Interessen \u2013 nicht zuletzt der Autolobby \u2013 und politische Machtkalk\u00fcle. Einige Fotografien zeigen denn auch, wie die Demonstrierenden dem staatlichen Gewaltapparat ausgeliefert sind, der Baumsch\u00fctzer*innen kriminalisiert und auch vor Verletzten nicht zur\u00fcckschreckt. Es sind parteiergreifende Fotografien, wie sie in einen solchen Band geh\u00f6ren, doch die intensivsten Bilder sind jene von den Baumh\u00e4usern, von den kreativen Protesten, vom gemeinsamen Blockadenbau, der \u201eRed Rebel-Performance\u201c, vom Alltag im Wald, dem kollektiven Musizieren dort, wo demn\u00e4chst l\u00e4rmender Verkehr branden soll. Die Druckqualit\u00e4t der durchgehend farbigen Fotos ist dabei hervorragend.<br \/>\nEs ist das Schicksal von Fotograf*innen, im Allgemeinen deutlich unbekannter zu sein als die Motive, die von ihnen in diversen Medien publiziert wurden. Das gilt auch f\u00fcr Bj\u00f6rn Kietzmann, der in Rojava, Afghanistan, Mexiko und auf dem <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/08\/die-repression-nach-g20-stellt-eine-ausdauerprobe-fuer-die-solidaritaetsarbeit-dar\/\">G20-Gipfel<\/a> in Hamburg bereits einige Aufnahmen von durchaus ikonographischer Eindringlichkeit schuf, so etwa die wei\u00dfen Tauben vor der Moschee im afghanischen Masar-e Scharif.<br \/>\nVielleicht ist der vorliegende Bildband Kietzmanns pers\u00f6nlichste Ver\u00f6ffentlichung. Sie verdankt sich wohl auch dem Coronavirus, das Recherchereisen in andere Regionen verunm\u00f6glichte und Fotoauftr\u00e4ge von Magazinen zur\u00fcckgehen lie\u00df. Man sp\u00fcrt die Sympathien, die der Fotograf hier seinem Gegenstand entgegenbringt. Bj\u00f6rn Kietzmann ist durch diesen Band als Fotograf sichtbar geworden \u2013 und er ist zweifellos ein Fotograf, der das Zeug hat zum Klassiker unter den sozial engagierten Dokumentarfotograf*innen. Auch wenn das dokumentierte Anliegen in diesem Genre wichtiger ist als die Person dahinter, so lohnt es, sich diesen Namen zu merken.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Auftakt zu Bewegungsdokumentation<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur aufgrund der deutschen Waldverkl\u00e4rung, sondern wohl vor allem auch aufgrund der umwelt- wie gesundheitspolitischen Brisanz der Waldvernichtung zur Umsetzung \u00fcberkommener technologischer Gro\u00df- und wirtschaftlicher Prestigeprojekte (von Atomkraft \u00fcber Flugh\u00e4fen- und Autobahnbau bis zu Hafenerweiterungen, Hotelkomplexen und dem Bau von Luxuswohnanlagen, denen Stadtwaldfl\u00e4chen zum Opfer fallen) erfreut sich diese Aktionsform bis ins b\u00fcrgerliche Spektrum hinein weit gr\u00f6\u00dferer Sympathien, als dies etwa die Hausbesetzungen vor ein paar Jahrzehnten taten. Die Bewegungsforschung hat das Thema bisher kaum entdeckt. So gesehen liegt mit diesem Bildband ein eindrucksvolles Dokument teilnehmender Beobachtung vor uns.<br \/>\nMittlerweile wurden die Besetzungen im Dannenr\u00f6der Wald \u2013 im \u201eDanni\u201c, wie die Protagonist*innen dieses Waldst\u00fcck liebevoll nannten \u2013 ger\u00e4umt. \u201eAber die Bewegung dahinter ist unr\u00e4umbar. Ihr werdet noch von uns h\u00f6ren\u201c (S. 9), hei\u00dft es im Vorwort dieses Buches von einem Menschen aus der Besetzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Baum ist egal \u2013 so l\u00e4sst sich ein \u201eden Deutschen\u201c zugesprochener Nationalcharakter auf den Punkt bringen, nach dem die B\u00e4ume geradezu mystifiziert werden und der Wald zur Sehnsuchtslandschaft idealisiert wird. Unz\u00e4hlige Lieder und Gedichte zumal der Romantik zeugen von dieser Verkl\u00e4rung. 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