{"id":29078,"date":"2022-12-23T13:39:47","date_gmt":"2022-12-23T11:39:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/12\/freie-debatte-fuer-freie-buerger\/"},"modified":"2023-02-06T22:14:04","modified_gmt":"2023-02-06T20:14:04","slug":"freie-debatte-fuer-freie-buerger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/12\/freie-debatte-fuer-freie-buerger\/","title":{"rendered":"Freie Debatte f\u00fcr freie B\u00fcrger?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eCancel Culture [&#8230;] ist ein politisches Schlagwort, das systematische Bestrebungen zum partiellen sozialen Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen beleidigende, diskriminierende, rassistische, antisemitische, verschw\u00f6rungsideologische, bellizistische, frauenfeindliche, frauenverachtende, homophobe Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden\u201c (Wikipedia). Nun sehen viele durch Cancel Culture die Meinungsfreiheit und -vielfalt bedroht. Gern wird sich dazu auf liberale Klassiker wie Voltaire oder John Stuart Mill berufen. Sie verweisen auf die Wichtigkeit, abweichende Stimmen h\u00f6ren (ohne Pluralit\u00e4t der Meinungen g\u00e4be es keinen Fortschritt in der Erkenntnis) und zur Kenntnis nehmen zu k\u00f6nnen, sowie auf die Gefahr von Zensur und zivilgesellschaftlichen \u00c4chtungen (Boykott, Deplatforming).<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eZensur\u201c und \u201eVerletzlichkeitskult\u201c?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der Sammelband \u201eCancel Culture und Meinungsfreiheit \u2013 \u00dcber Zensur und Selbstzensur\u201c darlegt, monieren Kritiker zudem, dass durch Cancel Culture der freie wissenschaftliche Diskurs unterbunden werde. ((1)) Cancel Culture agiere emotional. Sie bewege sich im Modus des argumentum ad hominem. Es gehe gegen \u201eVerfehlungen\u201c einzelner Personen. Nicht die Wahrheit werde angestrebt, sondern die moralische oder berufliche Zerst\u00f6rung \u00f6ffentlicher Personen, die eine \u201efalsche Meinung\u201c ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tten. Der Gegner werde nicht widerlegt, sondern gecancelt, d. h. der Person wird gek\u00fcndigt, sie wird gen\u00f6tigt zur\u00fcckzutreten, wird zur Unperson. Der Diskurs wird abgebrochen.<br \/>\nEin grundlegendes Problem der Cancel Culture liege in ihrer Tendenz, \u201everbale \u00c4u\u00dferungen mit physischer Gewalt gleichzusetzen\u201c (S. 64). Dies beg\u00fcnstige \u201ezensorisches Denken\u201c (ebd.) und f\u00fchre zu einem \u201eKult der Verletzlichkeit\u201c (S. 24). Vergleichsweise harmlose \u00c4u\u00dferungen w\u00fcrden skandalisiert (sog. Mikroaggression). Anhand einzelner \u00c4u\u00dferungen werde auf die \u201eGesinnung\u201c geschlossen, unter die der \u201eAngeklagte\u201c als schuldig rubriziert werde. Entscheidend f\u00fcr die Beurteilung seien Betroffenheit und Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Gruppe und nicht unvoreingenommenes Argumentieren.<br \/>\nEs zeige sich eine aggressive Protestkultur, deren zentrales Argument das Beleidigtsein sei. F\u00fchlten sich bestimmte Leute oder Gruppen beleidigt, so empf\u00e4nden sie sich als Opfer auf der richtigen Seite. Das Beleidigtsein werde als Rechtfertigung und Anlass daf\u00fcr genommen (vor allem in den \u201esozialen Medien\u201c), militant zu agitieren. Dies gehe von der Verhinderung von Veranstaltungen (also der Einschr\u00e4nkung der Rede- und Lehrfreiheit) bis hin zu Morddrohungen (etwa gegen J. K. Rowling, weil sie die Meinung vertrat, Transfrauen seien keine \u201eechten\u201c Frauen). Bislang ist keine Vertreterin des \u201eTERF\u201c (Trans-Exclusionary Radical Feminism) wegen Beleidigung, Transphobie o. \u00e4. enthauptet worden (im Unterschied zu Menschen, die \u201eden Islam\u201c \u201ebeleidigt\u201c h\u00e4tten, etwa dem franz\u00f6sischen Lehrer Samuel Paty 2021). Rowlings B\u00fccher wurden allerdings schon verbrannt ((2)) \u2013 \u00fcbrigens auch von christlichen Fanatikern. ((3))<br \/>\nSolche Ereignisse werden als Argument daf\u00fcr genommen, dass durch \u201eCancel Culture\u201c (oder was man daf\u00fcr h\u00e4lt) eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie bestehe. Die Folgen seien (Selbst-)Zensur und eine Verengung des Diskursraumes. Ein \u201eKlima der Angst\u201c (S. 57) entstehe. Kritisiert werden auch S\u00e4uberungen des klassischen Bildungskanons an Schulen, in der Kunst, in Museen u. a. Man kann diese Kritik der Cancel Culture dahin gehend zusammenfassen, dass Cancel-Culture-Agitatoren durch und durch autorit\u00e4r und selbstgerecht auftreten, sich aber mit dem Heiligenschein des Progressiven und Fortschrittlichen schm\u00fccken.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Absoluter Wahrheitsanspruch<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Stefan Laurin hat die Cancel Culture ihren Ursprung in der Postmoderne, \u201edie wiederum ihre Wurzeln sowohl in der Sprachwissenschaft als auch in der Ablehnung von Demokratie, Aufkl\u00e4rung und Marktwirtschaft\u201c (S. 175) habe. ((4)) Insbesondere in den Vereinigten Staaten kann mit Helen Pluckrose und James Lindsay ((5)) festgestellt werden, dass identit\u00e4tspolitische Agitatoren im Unterschied zu den klassischen postmodernen Theoretikern (wie Michel Foucault) einen absoluten Wahrheitsanspruch vertreten (Queer-Theorie, \u201ekritische Rassentheorie\u201c, Disability Studies, Fat Studies u. a.). ((6)) Es sei, so Pluckrose und Lindsay, kaum m\u00f6glich zu widersprechen, ohne schnell irgendwo \u201eeingeordnet\u201c zu werden. Es gelte: Wer nicht f\u00fcr uns ist, ist gegen uns. Ergebnisoffene Forschung und Diskussion seien so nicht m\u00f6glich.<br \/>\nBeide Autoren betonen zudem die Wirkungslosigkeit solcher moralisierender Absolutheitsanspr\u00fcche und Sprachbereinigungs- und Identit\u00e4tspraxen. Nicht die realen Verh\u00e4ltnisse w\u00fcrden im Fokus der Kritik stehen, sondern die Sprache und die Anerkennung (bzw. identit\u00e4tspolitische Fixierung) zahlreicher \u201eDifferenzen\u201c zum \u201eNormalen\u201c. ((7))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Leben in der Filterblase<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat ist es ein Problem, wenn inhaltliche Differenzen nicht durch \u201en\u00fcchternen Diskurs\u201c ausgetragen werden, sondern jeder aus seiner Filterblase heraus einen Shitstorm startet (sofern diejenigen \u00fcberhaupt noch in der Lage sind, Inhalte jenseits der eigenen Agitationsblase zu rezipieren oder zu verstehen). Die Unf\u00e4higkeit, sich au\u00dferhalb seiner Peer-Group oder Filterblase mit Inhalten oder anderen Positionen auseinanderzusetzen, ist bezeichnend f\u00fcr autorit\u00e4re und narzisstische Subjekte. ((8)) Teilt man nicht die eine oder andere Pr\u00e4misse bestimmter identit\u00e4tspolitischer Praxis oder Theorie, so muss dies keineswegs auf einen reaktion\u00e4ren Standpunkt verweisen (man ist etwa nicht gleich ein westlicher Imperialist oder ein Rassist mit \u201ekolonialistischem Blick\u201c, wenn man bestimmte Aspekte nichtwestlicher Kulturen als autorit\u00e4r oder reaktion\u00e4r verwirft oder wenn man islamistischen Antisemitismus kritisiert). ((9))<br \/>\nObgleich der Postmodernismus sich gegen essentialistisches und bin\u00e4res Denken aussprach, ger\u00e4t er doch genau in dieses Fahrwasser, wo er identit\u00e4r agiert. Terry Eagleton warf daher dem Postmodernismus vor, seine Methoden nicht auf sich selbst angewendet zu haben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Mythos des freien akademischen Diskurses<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hier angedeuteten Kritiken an der Cancel Culture und an den Absolutheitsanspr\u00fcchen postmoderner \u201ezynischer Theorien\u201c (Pluckrose und Lindsay) ((10)) und ihrer Agitatoren haben durchaus ihre wahren und berechtigten Momente. Eine Kritik am postmodernen Denken und seinen identit\u00e4ren Derivaten bleibt jedoch h\u00f6chst unzureichend vor dem Hintergrund aufstrebender rechter oder faschistischer Bewegungen und Agitationen, wenn diese Kritik in einem Liberalismus des \u201efreien\u201c Diskurses und eines Fortschritts in der Erkenntnis durch n\u00fcchternes Argumentieren verbleibt.<br \/>\nDaher ist diese Kritik an der Cancel Culture in mehrfacher Hinsicht problematisch: Die erste betrifft den \u201eIdealismus des herrschaftsfreien wissenschaftlichen Diskurses\u201c. Ein freier Diskurs an Universit\u00e4ten ist auch ohne Cancel Culture oft nicht m\u00f6glich. Schlie\u00dflich gibt es die ganz normale akademische Hackordnung. Hinzu kommt das akademische Filterblasendenken selbst: durch Hyperspezialisierung und prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Letzteres beg\u00fcnstigt konformes Verhalten. Wird nicht gespurt, so wird der Vertrag nicht verl\u00e4ngert (oder der Finanzierungsantrag nicht bewilligt). Nicht ein offener und hierarchiefreier Diskurs, sondern \u2013 Arschlecken \u2013 ist f\u00fcr gew\u00f6hnlich angesagt. Berufsverbote sind in der unternehmerischen Uni ((11)) gar nicht notwendig \u2026<br \/>\nEs ist nicht so, dass jede Idee frei diskutiert wird und widerlegte Theorien verschwinden. Im Gegenteil. Ein Beispiel: Peter Singer, Philosoph und Tierrechtler. W\u00e4hrend er bestimmten Tieren den Personenstatus zuerkennen will, spricht er zugleich bestimmten Menschen den Personenstatus ab. Zur Disposition gestellt ist \u201elebensunwertes Leben\u201c \u2013 wie man es in fr\u00fcheren Zeiten formuliert h\u00e4tte. Heute wird jenen das Lebensrecht abgesprochen, die nur kosten und nach Singer besser nie geboren w\u00e4ren.<br \/>\nMenschenfeindliche Positionen verschwinden nicht, nur weil sie in einem freien wissenschaftlichen Diskurs widerlegt worden sind. Die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse selbst reproduzieren sozialdarwinistische Ideologien, die den Nicht(mehr)verwertungsf\u00e4higen das Existenzrecht absprechen. Schlie\u00dflich bleiben solche Positionen nicht nur \u201egraue Theorie\u201c, sondern werden Programm. ((12)) Und dann sollte es Ausdruck autorit\u00e4ren Charakters und der \u201eDemokratiefeindlichkeit\u201c sein, wenn man durch Demonstration und Agitation Veranstaltungen von\/mit Peter Singer, der seit den 1980er-Jahren bis heute seine Position nicht revidiert hat, zu verhindern gedenkt?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Rechter Kampfbegriff<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweitens kann man beobachten, dass nicht wenige Leute durch Shitstorm und Canceln (oder Cancelversuche) einen Karriereschub und wachsenden Bekanntheitsgrad bekommen haben (man denke hierbei etwa an Thilo Sarrazin), also gerade nicht aus der \u00d6ffentlichkeit verschwanden oder ihren Job verloren. Sich aber dann hinzustellen und zu behaupten, der Meinungskorridor werde verengt o. \u00e4., zeugt von nichts anderem, als dass jene, die rassistische oder antisemitische usw. Positionen kritisieren, aus dem angeblich freien Diskurs herausgehalten werden sollen.<br \/>\nCancel Culture ist also durchaus auch als rechter Kampfbegriff einzustufen, der dazu instrumentalisiert wird, politischen Bewegungen von Marginalisierten und Diskriminierten die Legitimit\u00e4t abzusprechen. Dieser Kampfbegriff soll gegen Kritik immunisieren. Rassist, Antisemit oder Sexist ist nat\u00fcrlich sowieso niemand. ((13)) Imperiale Lumpenintelligenzija auch nicht.<br \/>\nJeder Vorwurf ist von dieser Warte aus pure Denunziation: Kritik an rassistischen Positionen ist keine Kritik, sondern Shitstorm und eine Unterbindung der Meinungsfreiheit (obgleich diese Meinungen von gro\u00dfen Medien zugleich gepusht werden und die \u201eOpfer linken Gutmenschentums\u201c in tausend Talkshows eingeladen werden). Kritik an diskriminierender Sprache ist keine Kritik an der sprachlichen Abwertung bestimmter Menschen oder Menschengruppen (man denke hierbei auch an die endlose Ver\u00e4chtlichmachung und Schikanierung von Arbeitslosen!) ((14)), sondern nichts anderes als eine unzul\u00e4ssige Bevormundung \u201efreier B\u00fcrger\u201c.<br \/>\nPrivilegierte Personen ((15)) f\u00fchlen sich \u201eauf den Schlips getreten\u201c, wenn der offizielle Dienstweg der Kritik nicht eingehalten wird oder sie \u00fcberhaupt Gegenwind bekommen (was waren das doch f\u00fcr Zeiten, in denen man sexistische und homophobe Feindseligkeiten \u00e4u\u00dfern konnte, ohne dass Betroffene die M\u00f6glichkeit hatten, sich zu beschweren!). ((16)) So wird Kritik zur \u201eZensur\u201c. Wenn Friedrich Merz die Cancel Culture als \u201egr\u00f6\u00dfte Bedrohung der Meinungsfreiheit\u201c ansieht, so ist es nicht gerade schwer zu erraten, worauf er sich im n\u00e4chsten Wahlkampf wohl berufen wird, um der Kritik gegen sich und seine reaktion\u00e4ren Positionen auszuweichen. Merz instrumentalisiert also \u201eCancel Culture\u201c, um damit von vornherein den politischen Gegner delegitimieren und denunzieren zu k\u00f6nnen. ((17))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Entpolitisiertes Verst\u00e4ndnis von Meinungsfreiheit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu beobachten ist, dass der \u00f6ffentliche Diskurs sich in den letzten Jahren mehr und mehr nach rechts verschoben hat. Sog. Tabubrecher hatten dabei regen Anteil. ((18)) Ziel der Rechten war es, die \u201eGrenzen des Sagbaren zu verschieben\u201c. Dies war offenbar erfolgreich. Gegen den Extremismus der Mitte anzugehen, ist vollkommen berechtigt und notwendig (wer das anders sieht, ist wom\u00f6glich Teil des Problems). Die immer wieder vorgebrachte Forderung, \u201emit Rechten zu reden\u201c, weil dies ja die Meinungsfreiheit gebiete, kann als unbewusster Wunsch gedeutet werden, die Rechten das aussprechen zu lassen, was man sich insgeheim bisher nicht auszusprechen getraut hat. ((19))<br \/>\nDie liberale Kritik an Cancel Culture krankt also daran, dass Meinungsfreiheit \u2013 die Freiheit der Meinungen \u2013 formal gedacht und in der Regel entpolitisiert wird. Dass es soziale K\u00e4mpfe und Antagonismen gibt, die eben nicht dadurch aufgehoben werden k\u00f6nnen, dass man sich im H\u00f6rsaal wechselseitig Argumente schenkt, will man nicht wahrhaben. Der Zusammenhang bestimmter Positionen mit einer gesellschaftlichen (Krisen-)Dynamik, die menschenfeindliche Standpunkte bef\u00f6rdert, wird ausgeblendet. Stattdessen werden alle Meinungen (au\u00dfer nat\u00fcrlich Meinungen, die gegen das Gesetz versto\u00dfen, d. i. das Leugnen des Holocausts) gleichgemacht. Ein angeblich freier und neutraler wissenschaftlicher und demokratischer Diskurs, d. h. ein freier Austausch von Argumenten, soll die Weichen auf dem Pfad zur Wahrheit stellen.<br \/>\nNat\u00fcrlich geht man hier von einem positivistischen Wissenschaftsverst\u00e4ndnis aus, das keinen Unterschied macht zwischen einer nat\u00fcrlichen Ordnung, die auch ohne Zutun des Menschen das w\u00e4re, was sie ist (z. B. die Planetenbewegung), und einer objektivierten sozialen Ordnung, die aber historisch kontingent ist, also erst durch das menschliche Handeln selbst entstanden ist. Positivistisches Denken kann die Wirklichkeit nur nachzeichnen, sie aber nicht als falsche oder entfremdete Wirklichkeit kritisieren. Es l\u00e4sst \u201edie bestehende Wirklichkeit als einzig m\u00f6gliche und historisch notwendige erscheinen\u201c. ((20))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Bagatellisierung und Leugnung von Unterdr\u00fcckungsmechanismen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz und gar nicht n\u00fcchtern werden die herrschenden Verh\u00e4ltnisse von den Cancel-Culture-Kritikern \u201eanalysiert\u201c. Sie werden vielmehr blind vorausgesetzt, ihre katastrophalen Folgen f\u00fcr Mensch und Natur werden bagatellisiert, verzerrt, naturalisiert oder ganz geleugnet.<br \/>\nDass die Cancel-Culture-Kritik nur eine b\u00fcrgerliche Kritik bleibt, also eine, die keinen Zusammenhang zum kapitalistischen Geh\u00e4use der H\u00f6rigkeit herzustellen vermag, zeigt etwa der Publizist (und Novo-Redakteur) Kolja Zydattis, wenn er folgendes Cancel-Culture-Ereignis von 2017 dokumentiert: \u201eEin geplanter Vortrag des Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt am Main zum Thema \u201aPolizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft\u2018 wird abgesagt. Zuvor hatten linke Gruppierungen gegen die Veranstaltung mobilisiert. Auch ein offener Brief von 60 Wissenschaftlern der Goethe-Universit\u00e4t und anderer deutscher Hochschulen fordert, Wendt nicht sprechen zu lassen. Der Polizeigewerkschaftschef verst\u00e4rke \u201arassistische Denkstrukturen\u2018 und positioniere sich \u201afernab eines aufgekl\u00e4rten Diskurses\u2018. Wendt hatte in Bezug auf die Merkel\u2019sche Grenz\u00f6ffnung f\u00fcr Gefl\u00fcchtete 2015 davon gesprochen, dass Deutschland \u201akein Rechtsstaat\u2018 sei, und behauptet, Polizeibeamte in Deutschland w\u00fcrden kein sogenanntes Racial-Profiling machen\u201c. ((21))<br \/>\nPositionen, die eine Abschottung bef\u00f6rdern, Gefl\u00fcchtete als St\u00f6rfaktoren und Sicherheitsrisiko ansehen und rassistische Polizeigewalt verharmlosen, soll man also noch \u201eergebnisoffen\u201c diskutieren. Eine Forderung nach ergebnisoffenem Diskutieren unterschl\u00e4gt dabei, dass hier l\u00e4ngst \u201eErgebnisse\u201c vorliegen. ((22)) Man muss nicht jeden Schei\u00df diskutieren, vor allem dann, wenn klar ist, dass das zu Diskutierende den Diskurs und die \u00f6ffentliche Meinung weiter nach rechts verschieben soll ((23)) und Kritik sowieso als haltlose linke Intoleranz abgekanzelt wird.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ergebnisoffene Diskussionen \u2013 aber wor\u00fcber?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von linker oder linkerer Seite ist sicherlich anzumerken, dass so eine Agitation unzureichend ist und der R\u00fcckbezug auf \u201eaufgekl\u00e4rte Diskurse\u201c zun\u00e4chst einigerma\u00dfen naiv anklingt. Eine dar\u00fcber hinausweisende, weitergehende Kritik, die die Fluchtursachen thematisiert ((24)) und sie in den Zusammenhang mit der Krise des Kapitalismus stellt, w\u00fcrde den liberalen Kritikern der Cancel Culture allerdings nicht einmal im Traum einfallen. Kein Kritiker der Cancel Culture kam jemals auf die Idee, die Schlie\u00dfung von Krankenh\u00e4usern, Bibliotheken und Schwimmb\u00e4dern aus \u201ebetriebswirtschaftlichen Gr\u00fcnden\u201c als Cancel Culture zu bezeichnen (oder alle Arten von Austerit\u00e4tspolitik und Strukturanpassungsreformen des IWF usw.). K\u00f6nnen die Menschen ihre Arbeitskraft nicht erfolgreich verkaufen, um so am Verwertungsprozess des Kapitals teilzunehmen, sind sie also nur noch \u201esozialer Abfall\u201c und ein \u201eSicherheitsrisiko\u201c f\u00fcr die angeblich \u201eoffene Gesellschaft\u201c, so wird ihre Existenz real gecancelt, sie m\u00f6gen dabei unterschiedliche Meinungen frei und offen diskutieren, soviel sie wollen &#8230;<br \/>\nIm Gegenteil: So weit darf der Raum der freien Meinung und Diskussion dann doch nicht sein, wenn darin gewagt wird, den geheiligten Kapitalismus in Frage zu stellen? Sich die Freiheit zu nehmen, die Schranken und Zw\u00e4nge b\u00fcrgerlicher Freiheit zu kritisieren und anzukreiden, ((25)) w\u00e4re f\u00fcr manche sicher ein \u201eMissbrauch der Freiheit\u201c durch die \u201eFeinde der Freiheit\u201c, vor allem dann, wenn jene Kritik sich tats\u00e4chlich nicht auf Sprache und argumentum ad hominem beschr\u00e4nken, sondern zu ihrer Verwirklichung voranschreiten w\u00fcrde.<br \/>\nDie Verlogenheit der b\u00fcrgerlichen Kritiker der Cancel Culture liegt gerade darin, dass die b\u00fcrgerliche \u00d6ffentlichkeit selbst nicht in der Lage oder willens ist, neutral-n\u00fcchtern und ergebnisoffen zu argumentieren, wenn etwa von Enteignung (zuungunsten und nicht zugunsten des Kapitals) die Rede ist ((26)) oder wenn das \u201eK-Wort\u201c auch nur ausgesprochen wird, d. h. wenn von einigen ansatzweise der Kapitalismus als grunds\u00e4tzliches Problem in Betracht gezogen wird! Hier wird kein Voltaire bem\u00fcht &#8230; Prompt kommt ein aggressiver Shitstorm des liberalen Twitter-Mobs (nat\u00fcrlich wieder nur Zufall, dass es meist M\u00e4nner sind). ((27)) Das b\u00fcrgerliche Ideal eines ergebnisoffenen Debattierens blamiert sich an der Wirklichkeit seiner b\u00fcrgerlichen Borniertheit!<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Zw\u00e4nge und Herrschaftsstrukturen auf die Tagesordnung!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leere und Sinnlosigkeit des monstr\u00f6sen kapitalistischen Selbstzwecks (G-W-G\u2019) findet seinen Ausdruck in der Leere und Haltlosigkeit identit\u00e4r aufgeladener Positionen (\u201efreie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger\u201c o. \u00e4.). Gerade dann, wenn Identit\u00e4ten in die Krise geraten, weil ihre gesellschaftlichen Grundlagen wegbrechen, werden sie umso heftiger verteidigt. Ihr Zerfall oder Obsoletwerden wird einer \u201e\u00e4u\u00dferen Bedrohung\u201c angelastet (von Linken, Politikern, Migranten, Feministinnen, der \u201eHomo-Lobby\u201c usw.). Das Beharren auf formaler Korrektheit eines \u201eherrschaftsfreien\u201c Diskutierens f\u00fchrt schlussendlich dazu, dass jenes, was als \u201eherrschaftsfrei\u201c und \u201edemokratisch\u201c ausgesprochen werden \u201edarf\u201c \u2013 was als \u201enormal\u201c gelten soll \u2013, weiter nach rechts verschoben wird.<br \/>\nDamit wird nicht alle b\u00fcrgerliche Kritik an der Cancel Culture falsch (wie an irgendwelchen unsinnigen S\u00e4uberungen von historischen Artefakten, affektivem Shitstormen anstatt des Diskutierens), jedoch m\u00fcsste sie \u00fcber ihre b\u00fcrgerliche Borniertheit hinauswachsen, wenn sie denn einen Beitrag zur Ideologiekritik gegen die allgemeine Verrohung leisten wollen w\u00fcrde. Die b\u00fcrgerliche Cancel-Culture-Kritik mit ihrem idealisierten Liberalismus und ihrem Festhalten an der kapitalistischen Real-Metaphysik (manchmal als \u201egesunder Menschenverstand\u201c zusammengefasst) macht sie jedoch eher mit rechten Positionen kompatibel oder, wie es im popul\u00e4ren Jargon hei\u00dft, anschlussf\u00e4hig an diese. Nicht zuf\u00e4llig also, dass einige Novo-Autoren auch f\u00fcr Magazine wie Achse des Guten oder Eigent\u00fcmlich frei schreiben.<br \/>\nTats\u00e4chlich liegt der Fokus der b\u00fcrgerlichen Cancel-Culture-Kritik nicht in der Kritik rechter Cancel Culture: Man denke hierbei an die \u201ePolitische M\u00e4nnlichkeit\u201c, ((28)) die aggressiv f\u00fcr das Patriarchat mobilisiert, und an die Hetze gegen Fridays for Future. ((29)) Das Verbot der Gender-Studies in Ungarn z\u00e4hlte den liberal\/konservativen und rechten Kritikern anscheinend nicht als Cancel Culture. ((30)) Im Gegenteil: Gelten doch Gender-Studies vielen als Pseudowissenschaft, welche abgeschafft geh\u00f6rt!<br \/>\nDas Entscheidende in der Kritik ist die Frage nach den Inhalten und nicht die Formalit\u00e4t eines sog. herrschaftsfreien Diskurses. Bewegt man sich im Fahrwasser, aller Welt Meinungen frei und offen diskutieren zu wollen, folgt man der liberalen Kritik an der Cancel Culture, versteift man sich also auf ein formales Kriterium, so bleibt die Frage nach dem historischen und gesellschaftlichen Kontext jener \u201eumstrittenen\u201c Positionen unbeantwortet. Ebenso bleiben jene Zw\u00e4nge und Herrschaftsstrukturen, die eine offene Diskussion verhindern (oder wenigstens sehr schwierig machen) \u2013 etwa \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer nicht-kapitalistischen Produktionsweise \u2013 unthematisiert. Aber genau dies steht unbedingt auf der Tagesordnung! ((31))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eCancel Culture [&#8230;] ist ein politisches Schlagwort, das systematische Bestrebungen zum partiellen sozialen Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen beleidigende, diskriminierende, rassistische, antisemitische, verschw\u00f6rungsideologische, bellizistische, frauenfeindliche, frauenverachtende, homophobe Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden\u201c (Wikipedia). Nun sehen viele durch Cancel Culture die Meinungsfreiheit und -vielfalt bedroht. 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