{"id":29083,"date":"2022-12-23T13:39:50","date_gmt":"2022-12-23T11:39:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/12\/patriarchale-gewalt-als-staendige-erfahrung\/"},"modified":"2023-02-18T19:05:30","modified_gmt":"2023-02-18T17:05:30","slug":"patriarchale-gewalt-als-staendige-erfahrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/12\/patriarchale-gewalt-als-staendige-erfahrung\/","title":{"rendered":"Patriarchale Gewalt als st\u00e4ndige Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Wie ist die wirtschaftliche und soziale Situation der Frauen* in Pakistan?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amna Mawaz Khan: Um die Situation der Frauen* in Pakistan zu verstehen, m\u00fcssen wir uns die komplexen staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen anschauen. Wir haben es in Pakistan mit einer Melange aus Feudalismus und Kapitalismus zu tun, einem kolonialen Staatsapparat sowie einer religi\u00f6sen Indoktrinierung auf fast allen Ebenen der Regierungs-, Bildungs- und Sozialstrukturen. Offiziell gibt es im islamisch gepr\u00e4gten Staat zwar kein Kastensystem, aber die historisch verfolgten Kasten \u2013 bei uns hei\u00dfen sie \u201ezaat\u201c \u2013 werden noch heute in allen Ethnien marginalisiert.<br \/>\nWenn wir Klasse, Ethnie, zaat, Religion und Religionsgemeinschaft als Machtstrukturen betrachten, dann zeichnet sich in all diesen Bereichen die Unterdr\u00fcckung aufgrund des Geschlechts als die massivste Form der Diskriminierung ab.<br \/>\nSelbst wenn eine Frau* der oberen Mittelschicht oder gar der gesellschaftlichen Elite angeh\u00f6rt, also wirtschaftlich gesehen viel besser gestellt ist als die Frauen* der Unterschicht, ist ihre Situation so lange prek\u00e4r, bis sie sich erfolgreich auf einen patriarchalen Deal eingelassen hat, also geheiratet und einen Sohn geboren hat. Mit den Jahren altert sie, wird zu einer Matriarchin und perpetuiert alle Ungerechtigkeiten gegen\u00fcber denjenigen Frauen*, die keinen solchen Status im Scho\u00df des Patriarchats errungen haben. Nur langsam setzt sich die Option einer regul\u00e4ren Berufst\u00e4tigkeit f\u00fcr besser gestellte Frauen* im gro\u00dfst\u00e4dtischen Milieu durch; traditionell gilt es als unschicklich, dass eine Frau* \u201eaus gutem Hause\u201c arbeiten geht und ein eigenes Einkommen erwirtschaftet.<br \/>\nW\u00e4hrend besser gestellte Frauen* in der Regel \u201eDienstm\u00e4dchen\u201c, also Hausangestellte, haben, k\u00f6nnen sich Frauen*, die der unteren Mittelschicht oder der Arbeiter*innenklasse angeh\u00f6ren, keine Haushaltshilfe leisten. So m\u00fcssen sie die Haushaltsarbeit allein bew\u00e4ltigen und obendrein noch Geld hinzuverdienen. Dieser Zuverdienst ist meist sehr mager und prek\u00e4r, da die Frauen* oft schlecht bezahlten, informellen T\u00e4tigkeiten im Dienstleistungssektor nachgehen. Hier kommt das Arbeitsrecht kaum zum Tragen, und gewerkschaftliche Organisationsans\u00e4tze werden systematisch zerschlagen.<br \/>\nSo viel zu den Frauen* im st\u00e4dtischen Raum. Die Lage der Frauen* auf dem Land ist noch mal ganz anders. Die meisten k\u00f6nnen nicht lesen und schreiben, und sie leben wie die Leibeigenen fr\u00fcherer Jahrhunderte. Aber auch hier gibt es, gem\u00e4\u00df den patriarchalen Mustern, Statusunterschiede zwischen den Frauen* \u2013 die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer \u201eh\u00f6heren\u201c zaat sowie Heirat und die darauf folgende Geburt m\u00e4nnlicher Kinder k\u00f6nnen eine Frau* im Ansehen steigen lassen.<br \/>\nDie Position von Transfrauen in der Gesellschaft ist \u00e4u\u00dferst widerspr\u00fcchlich. Zwar ist oft von den historischen Transfrauen die Rede, die insbesondere im Mogulreich Anerkennung genossen und herausgehobene Positionen bekleideten; aber dieses Narrativ ist teilweise irref\u00fchrend. Oftmals handelte es sich um kastrierte Eunuchen, ihre offiziellen Positionen waren untergeordneter Natur und ihr Einfluss begrenzt.<br \/>\nHeutzutage haben Transfrauen der wohlhabenderen Klassen vergleichsweise bessere gesellschaftliche Chancen als diejenigen, deren einzige M\u00f6glichkeit darin besteht, sich als Sch\u00fclerin\/Adoptivtochter (chehla) in die Obhut einer Meisterin\/Adoptivmutter (guru) zu begeben. Das hierarchische Verh\u00e4ltnis zwischen Meisterin und Sch\u00fclerin ist die pr\u00e4gende Struktur in der pakistanischen Transgender-Community. H\u00e4ufig f\u00fchrt es zu Missbrauch, ist aber f\u00fcr viele der einzige Schutz vor der \u201eAu\u00dfenwelt\u201c und deren heteronormativer Bigotterie gegen\u00fcber all jenen, die nicht den frommen Definitionen von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit entsprechen.<br \/>\nNach dieser ausgesprochen knappen Einf\u00fchrung m\u00f6chte ich nun auf die soziale Lage der Frauen* zu sprechen kommen. Alle Frauen* sind Gewalt ausgesetzt \u2013 unabh\u00e4ngig von Klasse, zaat, Biologie, Ethnie oder Religion. Diese Gewalt tritt in vielen Formen auf: als \u00f6konomische Gewalt, emotionaler Missbrauch, Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit und des Zugangs zum \u00f6ffentlichen Raum, mangelnde Vereinigungsfreiheit, mangelnde reproduktive Selbstbestimmung, Vergewaltigung, Verst\u00fcmmelung, Mord. Die Intensit\u00e4t der Gewalt variiert in Abh\u00e4ngigkeit von Ethnie, Klasse, sozialem Geschlecht und Sexualit\u00e4t, aber keine Sekunde lang habe ich die Illusion, dass auch nur eine einzige Frau* nicht mit mindestens einer der genannten Formen der Gewalt konfrontiert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Welche regionalen Unterschiede gibt es? Zum Beispiel zwischen dem l\u00e4ndlichen Raum und der Gro\u00dfstadt?<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_29206\" aria-describedby=\"caption-attachment-29206\" style=\"width: 682px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-29206\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Pakistan2-682x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"682\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Pakistan2-682x1024.jpg 682w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Pakistan2-300x450.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Pakistan2-600x900.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Pakistan2-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Pakistan2-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Pakistan2-100x150.jpg 100w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Pakistan2.jpg 853w\" sizes=\"auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-29206\" class=\"wp-caption-text\">Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gesagt: Da gibt es gro\u00dfe Unterschiede. In den l\u00e4ndlichen Regionen arbeiten Frauen*, sofern sie nicht einer \u201eh\u00f6heren\u201c zaat angeh\u00f6ren oder schon alt sind, praktisch pausenlos von fr\u00fch bis sp\u00e4t. Sie arbeiten auf den Feldern, versorgen das Vieh, k\u00fcmmern sich um Reparatur und Instandhaltung \u2013 und nat\u00fcrlich um die Familie. Sie m\u00fcssen fr\u00fch heiraten, oft einen Mann aus der eigenen Verwandtschaft, und m\u00fcssen eine Handvoll Kinder geb\u00e4ren.<br \/>\nDen Frauen* der st\u00e4dtischen Arbeiter*innenklasse geht es \u00e4hnlich schlecht, aber sie sind mobiler, da sie sich innerhalb der Stadt bewegen m\u00fcssen, um Geld zu verdienen.<br \/>\nMein Blick ist durch meine Beteiligung am Aurat March gepr\u00e4gt, einer seit 2018 j\u00e4hrlich in vielen St\u00e4dten stattfindenden Frauen*demo. Da sehe ich durchaus viele Frauen*, die sich auf neues Terrain wagen und sich den Reaktionen darauf stellen. Zugleich ist mir stets bewusst, dass diese Bewegung von Frauen* bestimmter Klassen getragen wird und wesentlich mit Identit\u00e4tspolitik verkn\u00fcpft ist.<br \/>\nIn anderen Regionen entwickeln sich andere Bewegungen. In Belutschistan beispielsweise hat der pakistanische Staat systematisch Menschen \u201everschwinden lassen\u201c, routinem\u00e4\u00dfig Milit\u00e4reins\u00e4tze durchgef\u00fchrt, Dutzende junger belutschischer M\u00e4nner get\u00f6tet und ihre Leichen weggeworfen wie M\u00fcll. Diese traumatischen Erfahrungen haben die Frauen* in eine neue Rolle katapultiert: Sie sind nun Anf\u00fchrerinnen einer Bewegung und verlangen die Herausgabe ihrer Angeh\u00f6rigen, Nachbarn und Genossen.<br \/>\nIn der Provinz Sindh gibt es sogar einige l\u00e4ndliche Regionen, in denen eine sozialistisch-feministische Mobilisierung stattfindet. Dies ist zum einen der relativ progressiven Tradition und der historischen Frauen*bewegung in Sindh (Sindhiani Tehreek) zu verdanken, zum anderen den Aktivit\u00e4ten der Women Democratic Front. Aber machen wir uns nichts vor: Gegen\u00fcber der Hegemonie des Feudalismus und der herrschenden, dynastisch gepr\u00e4gten politischen Partei ist diese Bewegung schwach. Die \u00dcberschwemmungen, die in vielen Bezirken dieser s\u00fcdlichen Provinz zu einer beispiellosen Katastrophe gef\u00fchrt haben, haben die Situation der Frauen* \u2013 ihre Gesundheit, ihre Sicherheit und ihre ohnehin prek\u00e4re wirtschaftliche Situation \u2013 weiter verschlechtert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie steht es um M\u00e4dchen*? Wie leben sie, welche Bildungschancen haben sie?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst ist festzuhalten, dass Kinder generell aufgrund der sozialen Zerr\u00fcttung, der wirtschaftlichen Instabilit\u00e4t und der Dauerkrise vielen Formen des Missbrauchs ausgesetzt sind. Es gibt Stereotype, die einigen Ethnien Traditionen homosexueller P\u00e4dophilie zuschreiben, aber in Wirklichkeit ist Kindesmissbrauch klassen- und ethnien\u00fcbergreifend sehr verbreitet.<br \/>\nM\u00e4dchen* aus der Arbeiter*innenklasse werden zu einem stillen und zur\u00fcckhaltenden Dasein erzogen. Sie m\u00fcssen bei der Kinderbetreuung, beim Kochen und Putzen helfen. Viele gehen bis zu einem bestimmten Alter in eine \u00f6ffentliche Schule, werden aber von der Schule genommen, wenn sie dort bel\u00e4stigt werden oder wenn ihnen unterstellt wird, sie z\u00f6gen zu viel Aufmerksamkeit auf sich oder h\u00e4tten eine romantische Beziehung. Auf dem Land und in armen Gegenden bekommen die meisten M\u00e4dchen* \u00fcberhaupt keine Schulbildung, ganz einfach deshalb, weil ihre Familien es sich nicht leisten k\u00f6nnen. Ganz oft gehen aus einer gro\u00dfen Familie nur zwei Kinder zur Schule, und das sind dann in aller Regel zwei S\u00f6hne.<br \/>\nDie Familien der st\u00e4dtischen Mittelschicht erlauben ihren T\u00f6chtern zunehmend den Besuch weiterf\u00fchrender Schulen. In kleineren St\u00e4dten gibt es allerdings kaum h\u00f6here Bildungsinstitutionen f\u00fcr M\u00e4dchen*. So bedeutet ein Studium f\u00fcr die betreffenden M\u00e4dchen* eine gewaltige Lebensver\u00e4nderung: Sie ziehen in Gro\u00dfst\u00e4dte wie Karatschi, Lahore, Islamabad, Quetta, Jamshoro oder Peschawar und leben in Wohnheimen oder zur Universit\u00e4t geh\u00f6renden Hostels.<br \/>\nM\u00e4dchen* aus der Oberschicht erhalten ihre Bildung an englischsprachigen Privatschulen und gehen zum Studium oft in westliche L\u00e4nder oder neuerdings auch nach China. Diese relative Bewegungsfreiheit ist nicht frei von Widerspr\u00fcchen. Die Familien der Oberschicht tragen oft eine liberale Haltung zur Schau. Dass diese zumeist rein kosmetischer Natur ist, zeigt sich bei der R\u00fcckkehr der M\u00e4dchen* aus dem Ausland: Vielfach werden sie dann in eine Ehe innerhalb ihrer Klasse und Gro\u00dffamilie gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gewalt gegen Frauen* ist ein riesiges Problem. Welche Formen der Gewalt sind verbreitet, und wie ist die rechtliche Situation?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Genossin sprach einmal von der Atmosph\u00e4re der Gewalt auf Pakistans Stra\u00dfen. Diese Gewalt erstreckt sich auf Menschen, Tiere, Pflanzen, Gew\u00e4sser und die Luft.<br \/>\nFrauen* sind in besonderem Ma\u00dfe von der Tradition der karo-kari betroffen, der so genannten Ehrenmorde: M\u00e4nnliche Angeh\u00f6rige t\u00f6ten eine Frau*, die \u2013 wirklich oder angeblich \u2013 eine au\u00dfereheliche Beziehung zu einem Mann hat. Vielfach wird die falsche, klassistische Vorstellung kolportiert, dass diese Praxis, ebenso wie vom Panchayat, dem Rat der Dorf\u00e4ltesten, sanktionierte Dem\u00fctigungen, Gewalttaten oder andere Formen der Unterwerfung, nur im l\u00e4ndlichen Raum und in Stammesgegenden vork\u00e4me. Das ist nicht wahr. Auch im st\u00e4dtischen Raum ist Gewalt gegen Frauen* Alltag: Sexuelle Bel\u00e4stigung, Vergewaltigungen, S\u00e4ureattentate und Morde sind Teil auch der st\u00e4dtischen Realit\u00e4t. Dank der j\u00e4hrlichen Aurat Marches und ihrer Kommunikation \u00fcber die sozialen Medien wird dieses Thema in der \u00d6ffentlichkeit st\u00e4rker wahrgenommen und diskutiert. Wir berichten \u00fcber Morde und Vergewaltigungen an Frauen* und M\u00e4dchen* auch aus wohlhabenden und\/oder gro\u00dfst\u00e4dtischen Milieus und initiieren Internetkampagnen f\u00fcr Opfer und \u00dcberlebende.<br \/>\nDie von Armeeangeh\u00f6rigen ausgehende Gewalt gegen Frauen* in paschtunischen Regionen gewann durch den \u201eVorfall von Khaisore\u201c an Aufmerksamkeit: Nach der Verhaftung des Vaters und des \u00e4lteren Sohnes einer paschtunischen Familie waren \u201eSicherheitskr\u00e4fte\u201c in deren Haus eingedrungen und hatten die Frauen* der Familie bedroht. Der Vorfall wurde vom j\u00fcngeren Sohn der Familie \u00f6ffentlich gemacht und wurde als Inbegriff der staatlichen Repression gegen ethnische Paschtun*innen gewertet.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>M\u00e4dchen* aus der Arbeiter*innenklasse werden zu einem stillen und zur\u00fcckhaltenden Dasein erzogen. Viele gehen zwar in eine \u00f6ffentliche Schule, werden aber von der Schule genommen, wenn sie dort bel\u00e4stigt werden oder wenn ihnen unterstellt wird, sie z\u00f6gen zu viel Aufmerksamkeit auf sich oder h\u00e4tten eine romantische Beziehung. Auf dem Land bekommen die meisten M\u00e4dchen* \u00fcberhaupt keine Schulbildung, weil ihre Familien es sich nicht leisten k\u00f6nnen. Ganz oft gehen aus einer gro\u00dfen Familie nur zwei Kinder zur Schule, und das sind dann in aller Regel zwei S\u00f6hne.<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine unter der Milit\u00e4rdiktatur Mohammed Zia-ul-Haqs erlassene Hudood-Verordnung schrieb 1979 fest, dass eine Frau*, die eine Vergewaltigung \u00fcberlebt hat, vor Gericht vier m\u00e4nnliche Zeugen beibringen muss, die best\u00e4tigen, dass die Vergewaltigung tats\u00e4chlich gegen ihren Willen geschah; ansonsten kann die betroffene Frau* selbst des Ehebruchs angeklagt werden. Erst vor kurzem hat ein neu erlassenes Gesetz zum Schutz der Frauen* daf\u00fcr gesorgt, dass Vergewaltigungen nach dem regul\u00e4ren pakistanischen Strafrecht und nicht mehr gem\u00e4\u00df der Hudood-Verordnung geahndet werden. Damit wird Vergewaltigung wieder zu einer Straftat, auch ohne dass die l\u00e4cherlichen Bedingungen der Hudood-Verordnung erf\u00fcllt sind.<br \/>\nDer atavistische Charakter des Staates und seiner Justiz, gepr\u00e4gt von kolonialen Begrifflichkeiten und Unnahbarkeit, l\u00e4sst jedoch viele gesetzliche Verbesserungen ins Leere laufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie steht es um Transgender-Personen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Transm\u00e4nner bleiben in Pakistan oft sozial unsichtbar. Was den Status von Transfrauen betrifft, hat sich auf juristischer Ebene viel getan. Beispielsweise hat ein Gericht entschieden, dass f\u00fcr den Eintrag im Personalausweis drei Gender-Kategorien zur Auswahl stehen m\u00fcssen. Aber politisch wird in letzter Zeit von rechten Medien, rechten politischen Parteien und religi\u00f6sen Organisationen stark gegen das progressive Gesetz zum Schutz der Rechte von Transgender-Personen mobilisiert. Sie behaupten, das Gesetz f\u00f6rdere die Homosexualit\u00e4t.<br \/>\nDiese Kampagne der Rechten hat selbst innerhalb der Transgender-Community tiefe Gr\u00e4ben aufgerissen. Die Spaltung verl\u00e4uft zwischen den Klassen: Auf der einen Seite stehen die Transgender-Aktivist*innen, die aufgrund ihres Aktivismus, ihrer sozio\u00f6konomischen Klasse, ihrer Repr\u00e4sentation in den Medien und ihrer Pr\u00e4senz in staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen in der Lage waren, das Bed\u00fcrfnis nach Wahrung ihrer Rechte in eine rechtliche Form zu gie\u00dfen und die Verabschiedung des Gesetzes durchzusetzen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die vom Milieu der Guru-Chehla-Struktur gepr\u00e4gt sind und aufgrund ihrer Klassenzugeh\u00f6rigkeit leichter von rechten Propagandist*innen unter Druck gesetzt werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Zahl der Todesopfer aus der Transgender-Community w\u00e4chst kontinuierlich. Im ganzen Land werden Dutzende Transfrauen von M\u00e4nnern ermordet. Fast alle Transfrauen, insbesondere diejenigen, die auf den Stra\u00dfen betteln oder ihren Lebensunterhalt als T\u00e4nzerinnen auf Veranstaltungen bestreiten m\u00fcssen, sind Bel\u00e4stigung und Missbrauch ausgesetzt. Auch Angeh\u00f6rige der Polizei bel\u00e4stigen und missbrauchen regelm\u00e4\u00dfig Frauen* aus dieser Community bei Razzien gegen angeblich illegale Aktivit\u00e4ten. Zudem erleben viele Chehlas, also j\u00fcngere Transfrauen, Missbrauch durch ihre Gurus, also \u00e4ltere und einflussreichere Transfrauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In Pakistan gibt es mehrere feministische Gruppen und Bewegungen. Was sind ihre wichtigsten Ziele, und worin unterscheiden sie sich?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Pakistan gibt es viele feministische Gruppen. Einige sind auf Gro\u00dfst\u00e4dte beschr\u00e4nkt, zum Beispiel diejenigen, die sich f\u00fcr den Zugang der Frauen* zum \u00f6ffentlichen Raum einsetzen, oder diejenigen, die im Aurat March als Bewegung f\u00fcr die Emanzipation der Frauen* aktiv sind. Diese Gruppen haben jedoch ihre Beschr\u00e4nkungen, sie sind bestimmt durch Klasse, Mobilit\u00e4t und st\u00e4dtisches Milieu. Dennoch sind sie wichtig, um den herrschenden gewaltf\u00f6rmigen Diskurs zu ver\u00e4ndern.<br \/>\nAndere Bewegungen, zum Beispiel die belutschischen Frauen*, die sich bei \u201eVoice of Baloch Missing People\u201c (dt. \u201eStimme der belutschischen Vermissten\u201c) engagieren, haben ganz spezifische Forderungen an das pakistanische Milit\u00e4r und die Geheimdienste, die gemeinsam f\u00fcr zahlreiche F\u00e4lle von Mord, Folter und Entf\u00fchrung verantwortlich sind. Rechte Medien versuchen, die Bewegung unsichtbar zu machen, aber viele Frauen* k\u00e4mpfen weiter unnachgiebig gegen das staatliche Unrecht. Wir sehen: Es gibt viele verschiedene Gruppen, und ihre Ziele sind so verschieden wie ihre Lebenswirklichkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erz\u00e4hlst du uns von deiner Bewegung, der Women Democratic Front? Wie ist sie organisiert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Anschluss an den ersten Aurat Azadi March 2018 haben einige von uns, allesamt Frauen* und Mitglieder der Awami Workers Party (AWP), die Women Democratic Front (WDF) gegr\u00fcndet. Urspr\u00fcnglich war die WDF als eine Teilorganisation der AWP gedacht, da es im herrschenden Patriarchat, das Frauen* in ihrer Bewegungsfreiheit und ihren Organisationsm\u00f6glichkeiten einschr\u00e4nkt, f\u00fcr die Partei als solche sehr schwer war, mit Frauen* zu arbeiten \u2013 besonders mit Frauen* aus der Arbeiter*innenklasse und der unteren Mittelschicht. \u00dcbrigens bestand die WDF bereits Jahre vor ihrer offiziellen Gr\u00fcndung als Regionalorganisation in Sindh.<br \/>\nDie WDF versteht sich als Kaderorganisation marxistisch-leninistischen Zuschnitts, was mich als Anarchistin ebenso frustriert wie die generelle Unf\u00e4higkeit der Linken in Pakistan, sich von horizontalen, weniger cliquenhaften Strukturen inspirieren zu lassen, wie sie in internationalen Bewegungen, aber auch in unserer eigenen Geschichte zu finden sind. Zugleich muss ich aber sagen, dass ich das Privileg genie\u00dfe, zwischen Deutschland und Pakistan zu pendeln; da k\u00e4me es mir recht reaktion\u00e4r vor, meinen Genossinnen*, die ihre m\u00fchsamen K\u00e4mpfe unter widrigsten Bedingungen in Pakistan f\u00fchren, vorzuschreiben, wie sie das anstellen sollen.<br \/>\nWahlen zu allen Gremien der WDF finden alle drei Jahre statt. Die Gremien gibt es auf drei Ebenen: Bezirksgremien aus vier oder mehr Mitgliedern, sechs nationale Gremien und auf \u00fcbergeordneter Ebene das f\u00f6derale Gremium.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vor einigen Wochen habt ihr eine Erkl\u00e4rung mit dem Titel \u201eWe want peace\u201c (dt. \u201eWir wollen Frieden\u201c) ver\u00f6ffentlicht. Wie wirkt sich der Krieg auf die Lage der Frauen* aus?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Erkl\u00e4rung ist vor dem Hintergrund einer breiten Protestbewegung im Swat-Tal zu sehen. Die Menschen dort leiden unter der starken Pr\u00e4senz der Taliban. Am zehnten Jahrestag des Angriffs auf den Schulbus von Malala Yousafzai ver\u00fcbten die Taliban in Swat, im Bezirk Charbagh, einen weiteren Anschlag auf einen Schulbus voller Kinder. Dabei wurden viele Kinder verletzt, der Busfahrer wurde get\u00f6tet.<br \/>\nInmitten der ohnehin himmelschreienden patriarchalen Gewalt l\u00e4hmt der Krieg die Frauen* noch mehr. Dies ist ein neokolonialer Krieg: Auf der einen Seite steht das Milit\u00e4r als Vertreter des formalen, organisierten Gewaltmonopols des Staates, auf der anderen eine brutale, informelle Organisation, deren Handeln eine Mischung aus Guerillataktik und purem Terror gegen die Bev\u00f6lkerung ist. Diese Konstellation l\u00e4sst denjenigen, die als Besitz der M\u00e4nner gelten, nicht viel Raum zum Atmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr das spannende Interview mit so vielen Informationen und Details!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Wie ist die wirtschaftliche und soziale Situation der Frauen* in Pakistan? Amna Mawaz Khan: Um die Situation der Frauen* in Pakistan zu verstehen, m\u00fcssen wir uns die komplexen staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen anschauen. 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