{"id":29092,"date":"2022-12-23T13:39:56","date_gmt":"2022-12-23T11:39:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/12\/mujeres-libres-freie-frauen-in-zwei-epochen\/"},"modified":"2023-01-24T10:54:02","modified_gmt":"2023-01-24T08:54:02","slug":"mujeres-libres-freie-frauen-in-zwei-epochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/12\/mujeres-libres-freie-frauen-in-zwei-epochen\/","title":{"rendered":"Mujeres Libres \u2013 Freie Frauen in zwei Epochen"},"content":{"rendered":"<p>Mujeres Libres, Freie Frauen, nannte sich eine Gruppe anarchistischer Aktivistinnen kurz vor und w\u00e4hrend der Spanischen Revolution und des B\u00fcrgerkriegs (1936\u20131939). Nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 gr\u00fcndeten sich in einigen St\u00e4dten \u2013 Barcelona, Madrid, Sevilla, Valencia und Zaragoza \u2013 Mujeres-Libres-Gruppen, von denen sich zumindest die in Barcelona direkt auf die fr\u00fcheren Mujeres Libres berief. Der Kampf um Anerkennung innerhalb der m\u00e4nnlich dominierten anarchistischen Bewegung ging weiter.<\/p>\n<p><strong>Mujeres Libres 1936<\/strong><\/p>\n<p>Als sich die Mujeres Libres im Fr\u00fchjahr 1936, also kurz vor dem Beginn der Spanischen Revolution und des B\u00fcrgerkriegs, in Madrid gr\u00fcndeten, taten sie dies nicht, um die spanische anarchistische Bewegung von au\u00dfen zu unterst\u00fctzen \u2013 sondern um durch eine zeitlich begrenzte Organisation unter Frauen den Machismo und Paternalismus in der gemischtgeschlechtlichen anarchistischen Bewegung zu bek\u00e4mpfen. Die Anarchistinnen, die sich in den Mujeres-Libres-Gruppen engagierten, waren zu einem gro\u00dfen Teil auch weiterhin in den drei gemischtgeschlechtlichen anarchistischen Organisationen aktiv; neben der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT (Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo, Nationale Konf\u00f6deration der Arbeit, gegr\u00fcndet 1910) vor allem bei der Jugendorganisation Juventudes Libertarias (Federaci\u00f3n Ib\u00e9rica de Juventudes Libertarias, FIJL bzw. JJLL, 1932 gegr\u00fcndet), aber auch in der FAI (Federaci\u00f3n Anarquista Ib\u00e9rica, Iberische Anarchistische F\u00f6deration, 1927 gegr\u00fcndet).<br \/>\nZum Ansatz der Mujeres Libres erkl\u00e4rte die Aktivistin Conchita Lia\u00f1o Gil sp\u00e4ter: \u201eWir verstanden die Befreiung der Frau nicht als eine Beziehung des Kampfes oder der Konkurrenz mit dem Mann, sondern eher als eine sich erg\u00e4nzende Beziehung; nicht als ein Wettkampf oder Kr\u00e4ftemessen\u201c. ((1)) Sie sahen sich als einen Teil der anarchistischen Arbeiter*innenbewegung, die f\u00fcr die Abschaffung des Kapitalismus und f\u00fcr eine freie Gesellschaft f\u00fcr alle Menschen k\u00e4mpfte, und im September 1937 legten die Mitglieder in der Satzung fest, dass die Mujeres Libres \u201eals politische Organisation auftreten [werden], die sich mit den allgemeinen Zielen der CNT und der FAI identifiziert\u201c. ((2)) Allerdings wurden einige der aktiven Anarchistinnen in ihrem Engagement durch patriarchales und sexistisches Verhalten anarchistischer Genossen eingeschr\u00e4nkt. Zwei Vorf\u00e4lle von offenem Sexismus waren zum Beispiel der Ausspruch eines Anarchisten, Frauen geh\u00f6rten nicht in die anarchistische Bewegung, sondern an den Herd, sowie die Weigerung anarchistischer Arbeiter, von einer Frau unterrichtet zu werden. ((3))<\/p>\n<p><strong>Mujeres Libres 1976<\/strong><\/p>\n<p>Auch die Anarchistinnen, die nach dem Ende der Franco-Diktatur Mujeres-Libres-Gruppen gr\u00fcndeten, taten dies, weil sie in der CNT Frauen sowie Themen, die vor allem Frauen interessieren, zu wenig respektiert sahen. Den konkreten Namen der Gruppe fanden sie dann durch eine Publikation der Historikerin und Mujeres-Libres-Forscherin Mary Nash:<br \/>\n\u201eVor 1 1\/2 bis 2 Jahren kam das Buch von Mary Nash \u00fcber die Mujeres Libres heraus. Einige Genossinnen der CNT haben sich daf\u00fcr interessiert, haben es gelesen und daraufhin die Mujeres Libres neugr\u00fcnden wollen. Ein wichtiger Punkt f\u00fcr die Entstehung war wohl auch, da\u00df es innerhalb der CNT sehr viel Chauvinismus gibt und die CNT nicht geantwortet hat auf Bed\u00fcrfnisse, die in dieser Richtung liefen. Wir haben also die Mary Nash gelesen und dann die Mujeres Libres gegr\u00fcndet.\u201c ((4))<\/p>\n<p><strong>Diskrepanz zwischen gleichberechtigter Theorie und Praxis<\/strong><\/p>\n<p>Einerseits basiert der Anarchismus auf einer kompletten Gleichberechtigung der Geschlechter als Grundlage f\u00fcr eine herrschaftsfreie Gesellschaft, andererseits sah die Praxis der spanischen Anarchist*innen sowohl in den 1930ern als auch in den 1970ern patriarchal aus. Vorurteile und Stereotype wurden reproduziert, Frauen seien zust\u00e4ndig f\u00fcr die Kindererziehung, den Haushalt und alle Formen der Care-Arbeit, und \u00fcber bestimmte Themen wurde nicht diskutiert, weil es nur Frauen betr\u00e4fe. 1938 weigerten sich CNT, FAI und JJLL, die Mujeres Libres als offiziellen vierten Zweig der spanischen anarchistischen Bewegung anzuerkennen. ((5))<\/p>\n<p><strong>Empowerment und direkte Aktion<\/strong><\/p>\n<p>In den gemischtgeschlechtlichen anarchistischen Organisationen durften Frauen sich zwar zu Wort melden, wurden aber weniger geh\u00f6rt oder ernst genommen. Dies f\u00fchrte dazu, dass viele Interessierte zwar zu einer Versammlung kamen, sich dort aber in der machistischen Atmosph\u00e4re nicht wohlf\u00fchlten und kein zweites Mal hingingen. ((6))<br \/>\nEine Form der direkten Aktion und des Empowerments stellte die Gr\u00fcndung einer autonomen Frauengruppe dar, in der die Frauen unter sich, in einer Art Schutzraum, ihre Ansichten, Bed\u00fcrfnisse und Ideen \u00e4u\u00dfern konnten. Eine weitere Form des Empowerments f\u00fchrten die Aktivistinnen der Barceloneser Mujeres Libres der \u201ezweiten Epoche\u201c durch (so nannten sie sich in Unterscheidung zu den K\u00e4mpferinnen der 1930er-Jahre): Sie bereiteten sich vor gemischtgeschlechtlichen Treffen vor, traten dort zu mehreren auf und unterst\u00fctzten sich gegenseitig, indem jede einen Teil der gemeinsam besprochenen Ideen vortrug. ((7))<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Wir verstanden die Befreiung der Frau nicht als eine Beziehung des Kampfes oder der Konkurrenz mit dem Mann, sondern eher als eine sich erg\u00e4nzende Beziehung; nicht als ein Wettkampf oder Kr\u00e4ftemessen<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Mujeres Libres der 1930er-Jahre propagierten eine doppelte Strategie: Sie setzten einerseits auf die individuelle Initiative der Arbeiterinnen, sich zu befreien, und andererseits auf den R\u00fcckhalt durch das Kollektiv. So wollten sie eine Massenorganisation werden, die die m\u00e4nnliche Hegemonie in der anarchistischen Bewegung herausforderte und kollektiv gegen die Unterordnung von Frauen k\u00e4mpfte, ((8)) \u201eeine vor allem revolution\u00e4re Frauengruppe, die sich in erster Linie damit befasste, der Frau praktische Hilfe, Bildung und Selbstverwirklichung anzubieten\u201c. ((9))<\/p>\n<p><strong>Bildung<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr das anarchistische Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft f\u00fcr alle Menschen sahen die Mujeres Libres Bildung als sehr wichtig an. Spanische Arbeiterinnen gingen oft nur sechs Jahre in die Schule und begannen dann, als Ungelernte zu arbeiten. In Bildungs- und Diskussionskursen konnten sich die Frauen gegenseitig bilden und eine eigene Meinung entwickeln; so konnten sie einerseits in gemischtgeschlechtlichen Treffen der anarchistischen Bewegung mitreden und andererseits ihre \u00f6konomische Lage verbessern, indem sie bessere Lohnarbeit fanden. Die Mujeres Libres beider Epochen publizierten eine Zeitschrift namens Mujeres Libres als eine Form des Austauschs, der Bildung und der Information \u00fcber Aktivit\u00e4ten anderer Gruppen.<\/p>\n<p><strong>Abbau von Hierarchien<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl anarchistische Bewegungen theoretisch f\u00fcr die Gleichberechtigung aller Menschen eintreten, war und ist dies im praktischen Alltag oft nicht der Fall, und es existierten und existieren Hierarchien anhand diverser Diskriminierungsachsen, unter anderem anhand des Geschlechts. Durch Wissensvorsprung, m\u00e4nnliche Netzwerke, Diskussionsformen und andere hierarchief\u00f6rdernde Umst\u00e4nde kam es zu Machtgef\u00e4llen auch in der spanischen anarchistischen Bewegung.<br \/>\nDagegen stellten sich die Mujeres Libres als basisdemokratische Gruppe ohne Hierarchien \u2013 um durch die Gestaltung des eigenen Alltags, der Lebenswirklichkeit auch im politischen Engagement bereits hierarchiefrei leben zu k\u00f6nnen und durch diese Form der direkten Aktion auch andere Menschen anzuregen, ihren Alltag hierarchiefrei zu gestalten. In den Zeitschriften konnten alle Frauen etwas ver\u00f6ffentlichen, sowohl theoretische \u00dcberlegungen als auch Berichte aus dem praktischen Alltag oder Anregungen. Wahrscheinlich wurden auch die Diskussionen bei Treffen der Mujeres Libres hierarchiearm gef\u00fchrt.<br \/>\nEine der Konsequenzen der Basisdemokratie und Hierarchiefreiheit der Mujeres Libres der 1930er nennt Mary Nash: Obwohl sich 20.000 Anarchistinnen darin organisierten, ist diese Gruppe kaum bekannt; vielleicht, weil aus ihr keine Ber\u00fchmtheiten (wie bei den Kommunist*innen Dolores Ib\u00e1rurri, die vielen Menschen als \u201eLa Pasionaria\u201c bekannt ist) hervorgingen \u2013 bedeutende Pers\u00f6nlichkeiten, die als Bezugspunkte f\u00fcr die Geschichtsschreibung genommen werden. ((10))<\/p>\n<p><strong>Autonomie und praktische Hilfe<\/strong><\/p>\n<p>Die Mujeres Libres sowohl der 1930er- als auch der 1970er-Jahre waren autonome Frauengruppen, die zwar der anarchistischen Bewegung, vor allem der CNT, nahestanden, aber nicht deren interne Frauenorganisation waren. Sie k\u00e4mpften einerseits daf\u00fcr, innerhalb der gemischtgeschlechtlichen anarchistischen Bewegung ernst genommen zu werden, andererseits unterst\u00fctzten sie ihre Mitstreiterinnen und interessierte Frauen in der Bew\u00e4ltigung des Alltags und bei konkreten Problemen durch praktische gegenseitige Hilfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mujeres Libres, Freie Frauen, nannte sich eine Gruppe anarchistischer Aktivistinnen kurz vor und w\u00e4hrend der Spanischen Revolution und des B\u00fcrgerkriegs (1936\u20131939). 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