{"id":29232,"date":"2023-02-07T11:40:31","date_gmt":"2023-02-07T09:40:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29232"},"modified":"2023-02-10T15:13:31","modified_gmt":"2023-02-10T13:13:31","slug":"emma-goldman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/02\/emma-goldman\/","title":{"rendered":"Emma Goldman \u2013"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Frank Jacob, bereits Autor mehrerer Einzelver\u00f6ffentlichungen \u00fcber Emma Goldman, legt hiermit ein Werk vor, das die vielen Aspekte der Pers\u00f6nlichkeit Emmas aufgrund ihres faszinierenden, erfahrungsreichen Lebens zu einer einzigartigen Gesamtstudie zusammenf\u00fcgt. Bevor ich zu ihren m. E. sehr aktuellen Facetten komme und hierbei Jacobs Buch w\u00fcrdige, m\u00f6chte ich eingangs bemerken, dass ich den vom Autor gew\u00e4hlten Untertitel und seine Konzeptionalisierung \u201eIdentit\u00e4ten einer Anarchistin\u201c f\u00fcr ungl\u00fccklich halte.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wieso \u201eIdentit\u00e4ten\u201c?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kategorie der \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/12\/der-neue-geist-des-kapitalismus-und-die-identitaetspolitik\/\">Identit\u00e4tspolitik<\/a>\u201c \u00fcberschwemmt derzeit jeden politischen Diskurs und die politische Gedankenwelt. Der Prototyp aller Identit\u00e4tspolitik ist aber \u2013 und war immer schon \u2013 die \u201enationale Identit\u00e4t\u201c. Nach dieser Begrifflichkeit definiert sich auch jede weitere Form der Identit\u00e4t. Eine Identit\u00e4t bestimmt ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl oder einen solchen Anspruch, der ein Individuum einordnet und dabei fast immer und \u00fcberall auch gleichzeitig nivelliert und unterordnet, und zwar unter die identit\u00e4re Gemeinschaft. Sehr schnell entwickeln sich dadurch \u2013 wie die Geschichte der nationalen Identit\u00e4ten hin zur Nationalstaatsbildung zur Gen\u00fcge zeigt, zuletzt im Ex-Jugoslawienkrieg der Neunzigerjahre \u2013 vor allem Abgrenzungen, Spaltungs- und Ausschlusstendenzen, sp\u00e4ter Verfolgungs- und Repressionsformen, weil zuallererst definierbare Gegens\u00e4tze zu anderen Bev\u00f6lkerungsgruppen, Nationen, Identit\u00e4ten oder Gemeinschaften etabliert und verst\u00e4rkt werden. Als kollektiver Nivellierungs- und Unterordnungsbegriff im Innern einer Gemeinschaft oder Bev\u00f6lkerungsgruppe ist die \u201eIdentit\u00e4t\u201c damit schon per definitionem gegen die im Anarchismus entscheidende Kategorie der Individualit\u00e4t und der Einzigartigkeit jeder selbstbestimmten Pers\u00f6nlichkeit gerichtet. Deswegen sind auch in der Geschichte aus unterdr\u00fcckten Minderheiten-Identit\u00e4ten oder religi\u00f6sen Minderheitenidentit\u00e4ten im Befreiungsprozess (Beispiel Schiismus im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/10\/eine-neue-dimension\/\">Iran<\/a>) oft genug Proto- und auch wirkliche Nationalstaaten geworden. Als Anarchist w\u00fcrde ich zum Beispiel selbst nie von meiner anarchistischen Identit\u00e4t sprechen, wie es Jacob im Buch f\u00fcr Goldman macht. Daf\u00fcr gibt es leider im Anarchismus keine einheitliche und selbstverst\u00e4ndliche Kritik des bewaffneten Kampfes als Herrschaftsmittel, weshalb ich mich im inner-anarchistischen Diskurs immer als spezifisch gewaltfreier Anarchist selbstbestimmen will. \u00c4hnlich der Begrifflichkeit der Identit\u00e4t w\u00fcrde ich auch beim Anarchismus nie von anarchistischer Ideologie sprechen, denn nur Herrschafts- und Gewaltstrukturen ben\u00f6tigen eine Ideologie, um ihre Herrschaft zu bem\u00e4nteln, zu rechtfertigen und zu verewigen. Der Anarchismus ist f\u00fcr mich die \u00fcberhaupt einzig m\u00f6gliche Ideologiekritik, weil spezifisch an ihm ist, dass er jede Form von Ideologie als Form der Herrschaftsrechtfertigung ablehnt. Dasselbe l\u00e4sst sich auch \u00fcber die Identit\u00e4t sagen, in dem Sinne, dass f\u00fcr mich der Anarchismus die \u00fcberhaupt einzig denkbare Form der Identit\u00e4tskritik ist.<br \/>\nEs spricht f\u00fcr den Autor Jacob, dass er am Ende des Buches im zusammenfassenden Epilog selbst den Begriff \u201eFacetten\u201c gleichberechtigt neben die \u201eIdentit\u00e4ten\u201c von Emma Goldman als sowohl J\u00fcdin, Anarcha-Feministin, Pazifistin, Antiimperialistin, Revolution\u00e4rin, Antibolschewistin, Amerika-Kritikerin, Publizistin und Antifaschistin stellt, die sich in ihrer Pers\u00f6nlichkeit \u00fcberlappen: \u201eGoldman offeriert viele unterschiedliche Facetten und erlaubt es dem Betrachtenden deshalb, durch ihr Leben verschiedene R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Zeit, in der dasselbe stattgefunden hat, zu ziehen\u201c ((1)), schreibt Jacob richtig und stellt damit seine eigene Kategorie der Identit\u00e4ten zumindest \u00f6rtlich selbst in Frage.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Anarchistischer Antibolschewismus als Folge der eigenen Sowjetunion-Erfahrung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses einzigartige Leben der 1869 geborenen und 1940 gestorbenen Goldman war zun\u00e4chst gepr\u00e4gt von den Schl\u00e4gen des Vaters in Litauen und dann, nach dem Umzug der j\u00fcdischen Familie nach St. Petersburg, von der pogromartigen, anti-j\u00fcdischen Stimmung im zaristischen Russland. Dies f\u00fchrte die 20j\u00e4hrige Emma Goldmann zu ihrer Ausreise in die USA, wo sie 1889 in New York eintraf, mit einem Besitz \u201eaus f\u00fcnf Dollar und einer kleinen Handtasche\u201c\u00a0((2)) sowie ihrer nachgesandten N\u00e4hmaschine. Sie verdingte sich in der harten US-Textilindustrie und kam langsam in Kontakt mit dem anarchistischen Milieu, vor allem um Johann Most, der damals vehement die gewaltsame \u201ePropaganda der Tag\u201c vertrat. In diesem Umfeld lernte sie ihren lebenslangen Gef\u00e4hrten Alexander Berkman kennen, der 1892 das Attentat auf den Kapitalisten Frick ver\u00fcbte. Goldman unterst\u00fctzte zun\u00e4chst das Attentat, entwickelte aber schnell eine Kritik an der anarchistischen Attentatspolitik und trat \u00f6ffentlich Mosts Propaganda entgegen. Noch vor der Jahrhundertwende nahm sie auch feministische Inhalte in ihr Anarchismusverst\u00e4ndnis auf und gr\u00fcndete 1906 die anarchistisch-feministische Zeitschrift \u201eMother Earth\u201c. Als versierte Vortragsrednerin war sie bereits zur Zielscheibe der US-amerikanischen Repressionsorgane geworden, hatte ein Jahr Gef\u00e4ngnis verb\u00fc\u00dft, war dabei aber zu einer \u00e4u\u00dferst bekannten Person geworden. Als solche sprach sie sich im Ersten Weltkrieg im Rahmen der \u201eEnd-Conscription-League\u201c (Liga gegen Kriegsdienstpflicht) \u00f6ffentlich gegen die Kriegsbeteiligung der USA am kontinentaleurop\u00e4ischen Schlachten aus. So wurde sie erneut verhaftet und zusammen mit Berkman und vielen anderen 1919 in die neue Sowjetunion abgeschoben. Anfangs war das f\u00fcr Goldman nicht das Schlimmste, hatte sie als \u00fcberzeugte Revolution\u00e4rin doch das damals auf Grund von Unkenntnis kursierende, euphorische Bild von der Russischen Revolution unter Lenin \u00fcbernommen. Die brutalen, realen Erfahrungen vor Ort nach ihrer Einreise, bis hin zur Gr\u00fcndung der Tscheka (Geheimpolizei) kehrten diesen Mythos jedoch schnell in Kritik, ja Feindschaft gegen Lenin und die Bolschewiki um. Dabei unterschied sie immer zwischen den engagierten, mutigen Massen an der Basis und der herrschaftsorientierten, schnell diktatorisch werdenden F\u00fchrung. Berkman sa\u00df der angeblichen Notwendigkeit, die bolschewistische Partei gegen die imperialen Interventionsm\u00e4chte zu verteidigen, noch lange auf und zerstritt sich in der Frage mit Goldman. Die blutige Repression des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/wie-kam-es-zum-aufstand-von-kronstadt-1921\/\">Kronst\u00e4dter Aufstands<\/a> 1921 durch Lenin und Trotzki \u00fcberzeugte Berkman jedoch davon, dass Goldman recht hatte. Goldman konnte noch in der Sowjetunion bei Lebensgefahr ihre Kritik nicht \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfern, deswegen ging sie 1922 ins Exil, nach Schweden, Gro\u00dfbritannien, schlie\u00dflich nach Berlin. Mit der Hilfe Rudolf Rockers konnte sie dort ihre antibolschewistischen Schriften ver\u00f6ffentlichen ((3)). Das Kapitel \u00fcber die Antibolschewistin, die sie als Schlussfolgerung ihrer ureigenen Erfahrung in der Sowjetunion wurde, ist im Buch Jacobs nicht nur das umfangreichste, sondern auch das gewinnbringendste. Goldman findet durch ihre Aufarbeitung dieser Erfahrung zur wichtigen Bedeutung der Ziel-Mittel-Relation f\u00fcr eine Revolution, die auch die Grundlage f\u00fcr eine gewaltfrei-anarchistische Bewertung jeder Revolution sein muss. Jacob f\u00fchrt dazu aus: \u201eDie Bolschewiki, die Goldman als den \u201aJesuitenorden der Marx\u2019schen Kirche\u2018\u201c bezeichnet, haben \u201ealles, wof\u00fcr die russischen Massen gelitten h\u00e4tten, \u201adurch ihr jesuitisches Motto, dass das Ende die Mittel rechtfertige, diskreditiert und besudelt.\u201c ((4)) Und diese erfahrungsges\u00e4ttigte Einsicht ist noch heute aktuell, wenn die peinliche, wagenknechtsche Linke in der BRD noch immer verzweifelt versucht, mit der Verteidigung Putins einem l\u00e4ngst vergangenen, und immer schon falschen Mythos der bolschewistischen Revolution und ihrer Nachfolgediktatoren nachzurennen und die autorit\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse von Putins Diktatur anders zu bewerten als den zweifellos vorhandenen US-amerikanischen, britischen oder deutschen Imperialismus, der sich \u00fcber die NATO ausdr\u00fcckt. So haben auch Goldmans Analysen der 1920er- und 1930-er Jahren nach wie vor inhaltlichen Bestand, aber ihre Rezeption wurde auf die anarchistische Bewegung zur\u00fcckgeworfen, da die US- und auch Teile der europ\u00e4ischen Linken ihren Antibolschewismus als kleinb\u00fcrgerlichen Verrat diffamierten.<br \/>\nNach zwei weiteren Kapiteln \u00fcber Goldman als Kritikerin der USA und \u00fcber ihre Arbeit als Publizistin, die ihren Lebensunterhalt sicherte, schlie\u00dft Jacob seine Analyse der Facetten Goldmans ab mit einem \u00fcberaus interessanten Kapitel zur Antifaschistin Goldman. Diese \u00e4hnele n\u00e4mlich \u00fcberraschender Weise stark der Totalitarismusanalyse von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/hannah-arendt-als-comic\/\">Hannah Arendt<\/a>. Die b\u00fcrgerliche, kapitalistische Demokratie deformierte und transformierte sich n\u00e4mlich in prokapitalistische oder probolschewistische Diktaturen nach dem Muster Mussolini oder Lenin\/Stalin und diese geschichtliche Erfahrung dient noch heute als Blaupause f\u00fcr jede versuchte (und teils auch verwirklichte) autorit\u00e4re Transformation der Demokratie \u00e0 la Erdogan, Orb\u00e1n, Trump, Bolsonaro, aber auch Chavez-Maduro\/Venezuela oder Ortega\/Nicaragua usw. Ein Kampf f\u00fcr die R\u00fcckkehr zur Demokratie ist nach Goldman deshalb sinnlos, weil die Demokratie sozusagen \u201ediktaturoffen\u201c ist; der Kampf auch des Antifaschismus muss f\u00fcr eine basisdemokratische, wirklich f\u00f6deralistische und r\u00e4tedemokratische Alternative zur Demokratie gef\u00fchrt werden. Wichtig ist der anarchistische Kampf gegen jede Herrschaft, wichtiger sogar noch als der Kampf um soziale Gleichheit, so Goldman. Deswegen sei der Kampf um Freiheit und Gleichheit unteilbar und anarchistisch ist er nur, wenn er immer frei gef\u00fchrt wird. Jacob f\u00fchrt dazu mit Zitaten Goldmans aus einem Londoner Vortrag von 1926 aus: Beide, Bolschewismus und Faschismus, h\u00e4tten \u201esich in Form \u201apopul\u00e4rer Bewegungen\u2018 manifestiert und, \u201aobwohl \u201afundamental unterschiedlich im sozialen Ursprung (\u2026), glauben beide, dass Gewalt Wunder bewirken kann, dass sie soziales Leid in ein soziales Paradies verwandeln kann.\u2018\u201c ((5))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Jacob, bereits Autor mehrerer Einzelver\u00f6ffentlichungen \u00fcber Emma Goldman, legt hiermit ein Werk vor, das die vielen Aspekte der Pers\u00f6nlichkeit Emmas aufgrund ihres faszinierenden, erfahrungsreichen Lebens zu einer einzigartigen Gesamtstudie zusammenf\u00fcgt. Bevor ich zu ihren m. 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