{"id":29247,"date":"2023-02-07T11:40:30","date_gmt":"2023-02-07T09:40:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29247"},"modified":"2023-02-26T17:12:31","modified_gmt":"2023-02-26T15:12:31","slug":"das-polikliniksyndikat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/02\/das-polikliniksyndikat\/","title":{"rendered":"Das Polikliniksyndikat"},"content":{"rendered":"<h5>Die aktuelle Lage im Gesundheitssystem<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neoliberale Ideen sind in den letzten Jahrzehnten \u00fcber wirtschaftliche Grenzen hinweg in verschiedenste gesellschaftliche Bereiche eingedrungen. Auch im Gesundheitssystem verbreitete sich die Idee, dass Menschen Eigenverantwortung f\u00fcr ihre Gesundheit oder Krankheit tragen. Individuelle Entscheidungen (Wie viele Kippen rauche ich am Tag? Mache ich diese Woche Yoga?) gelten als ausschlaggebend f\u00fcr den Zustand unseres k\u00f6rperlichen Wohlbefindens.<br \/>\nGesellschaftliche Lebensumst\u00e4nde hingegen werden derzeit weder in der Lehre angehender Mediziner*innen noch in der medizinischen Praxis als Ursachen f\u00fcr Krankheit in die Behandlung von Individuen mit einbezogen. Dabei ist die Erkenntnis, dass Lebensumst\u00e4nde Menschen krank machen, keine neue. Gesellschaftliche Bedingungen von Gesundheit, also politische und soziale Faktoren, wie <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/neue-soziale-bewegung-gegen-mietenwahn\/\">Mietsteigerungen<\/a>, geringes Einkommen, prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/die-rassismus-uhr-steht-niemals-still\/\">Rassismus<\/a> oder Altersarmut, beeinflussen die Gesundheit von Menschen nachweislich st\u00e4rker als die Qualit\u00e4t der medizinischen Versorgung allein.<br \/>\nEin Beispiel: Menschen mit geringem sozio\u00f6konomischem Status haben nicht nur eine geringere Lebenserwartung, sondern sch\u00e4tzen ihre eigene Gesundheit auch schlechter ein als Vergleichsgruppen und f\u00fchlen sich h\u00e4ufiger gesundheitlich eingeschr\u00e4nkt in der Alltagsgestaltung.<br \/>\nUm den Einfluss gesellschaftlicher Lebensumst\u00e4nde im Gesundheitssystem mitzudenken, fordert die WHO (World Health Organization) bereits seit der Konferenz von Alma-Ata im Jahr 1978, Gesundheitsversorgung am Konzept der \u201ePrimary Health Care\u201c (PHC) zu orientieren. Dieses Konzept zielt auf eine Versorgung ab, die auf Pr\u00e4vention basiert und leicht zug\u00e4nglich ist, wie auch auf die Verbesserung der konkreten Lebensumst\u00e4nde. Um dieses Ziel zu verwirklichen, entwickelte die WHO den Ansatz \u201eHealth in all Policies\u201c: Jede politische Entscheidung soll in ihren Auswirkungen gesundheitsf\u00f6rdernd, mindestens aber nicht gesundheitssch\u00e4digend sein. So wird sowohl die bedeutende Rolle von Politikprogrammen f\u00fcr die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung bekr\u00e4ftigt, ebenso wie die Relevanz der Zusammenarbeit vieler Akteur*innen in allen Politikbereichen.<br \/>\nIn Gegensatz zu diesem allumfassenden gesundheitsf\u00f6rdernden Ansatz der WHO steht die derzeitige medizinische Versorgung im Gesundheitssystem. An der werden nicht erst seit der Coronapandemie deutliche M\u00e4ngel sichtbar: Die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/glanz-und-elend-der-provinzkrankenhaeuser\/\">\u00d6konomisierung des Gesundheitswesens<\/a> f\u00fchrt zu massiven Frustration und \u00dcberarbeitung des Personals und zu Fehl-, Unterversorgung von Patient*innen, w\u00e4hrend die Gewinne der Krankenhauskonzerne steigen. So generierte beispielsweise der gr\u00f6\u00dfte private Krankenhauskonzern in Deutschland seit den 2000er Jahren riesige Gewinne parallel zum Anstieg der Patient*innenanzahl pro Pflegekraft.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Unsere Utopie: Solidarische Stadtteilgesundheitszentren<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solidarische Gesundheitszentren sind der Versuch, unser Verst\u00e4ndnis von Gesundheit praktisch umzusetzen. Der Grundgedanke ist klar: Wir wollen an den Lebensverh\u00e4ltnissen der Menschen ansetzen und soziale wie gesundheitliche Ungleichheiten bek\u00e4mpfen. Gleichzeitig soll eine solidarische Alternative f\u00fcr das Gesundheitssystem mit dessen Missst\u00e4nde entwickelt werden.<br \/>\nWir glauben, dass gute Gesundheitsversorgung nicht profitorientiert, sondern nur interdisziplin\u00e4r, gemeinn\u00fctzig und demokratisch stattfinden kann. Deshalb wollen wir Teil eines solidarischen Gesundheitssystems sein, eine neue Form der ambulanten Versorgung etablieren und mit unserer Arbeit unseren Teil zur Verminderung sozialer Ungleichheit beitragen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Entscheidungen \u00fcber die inhaltliche und organisatorische Arbeit des Syndikats treffen wir basisdemokratisch und konsensuell.<\/strong> <\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solidarische Stadtteilgesundheitszentren setzen dieses Ziel durch verschiedene Arbeitsweisen um. Zum einen werden die krankmachenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in den Fokus genommen. Es werden Beziehungen im Stadtteil aufgebaut und in Form von Gemeinwesenarbeit wird im direktem Lebensumfeld von Patient*innen verh\u00e4ltnispr\u00e4ventiv, also an der Verbesserung der Lebensumst\u00e4nde, gearbeitet. Gleichzeitig findet medizinische Versorgung in niedrigschwellig erreichbaren Stadtteilgesundheitszentren statt, in welchen multiprofessionell zusammengearbeitet wird. Das f\u00fchrt dazu, dass Patient*innen je nach Bedarf psychologische, juristische, medizinische (\u00e4rztliche und Pflegeberatung) oder soziale Beratung in Anspruch nehmen k\u00f6nnen und so problemorientiert und ganzheitlich betreut werden. Das bedeutet auch, dass \u00e4rztliches und nicht-\u00e4rztliches medizinisches Personal, Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Hebammen, Stadtteilarbeiter*innen, Physiotherapeut*innen und viele weitere Professionen gemeinsam an einem Fall arbeiten k\u00f6nnen. In die Arbeit werden au\u00dferdem Menschen aus den Stadtteilen einbezogen, um von deren Expertise zum Stadtteil und den Lebensbedingungen lernen zu k\u00f6nnen. Gemeinsam werden partizipativ und regelm\u00e4\u00dfig unsere Methoden evaluiert und weiterentwickelt.<br \/>\nDie Stadtteilgesundheitszentren sind allerdings nicht nur ein Ort, an dem Menschen aus unseren Kollektiven arbeiten, sie sind ebenfalls eine Struktur, in der Nachbar*innen und Patient*innen sich zu gemeinsamen Problemlagen selbst organisieren k\u00f6nnen, um kollektive L\u00f6sungen zu finden. Selbstorganisation ist f\u00fcr uns ein Schritt in Richtung Transformation und Aufl\u00f6sen von Hierarchien.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der Dachverband \u2013 Das Polikliniksyndikat<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um in den einzelnen St\u00e4dten gute Gesundheitsarbeit im Stadtteil leisten zu k\u00f6nnen und eine konkrete Praxis zu entwickeln, ist es notwendig, dass die gegebenen finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen von au\u00dfen unserer Arbeit nicht im Weg stehen. Dies ist jedoch derzeit leider in einigen Bereichen der Fall. So k\u00f6nnen beispielsweise interdisziplin\u00e4re Fallbesprechungen von \u00c4rzt*innen nicht mit Krankenkassen abgerechnet werden und auch zur Zusammenarbeit verschiedener Professionen gibt es einschr\u00e4nkende Regelungen.<br \/>\nDa sich diese Rahmenbedingungen nicht allein auf lokaler Ebene gestalten lassen, sind die verschiedenen Gesundheitskollektive Deutschlands im Polikliniksyndikat organisiert. Derzeit sind Gruppen aus den St\u00e4dten Berlin, Hamburg, Dresden, K\u00f6ln, Freiburg, Jena und Leipzig aktiver Teil dieser \u00fcberregionalen Struktur. Ziel des Polikliniksyndikats ist es, unsere Ideen in die Politik und zu den politischen Entscheidungstr\u00e4ger*innen sowie in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen. Durch Veranstaltungen, Vortr\u00e4ge, Konferenzen und das Unterst\u00fctzen und (Mit-)Organisieren von Demonstrationen oder Streiks wollen wir die von uns entwickelten alternativen Konzepte zum aktuellen Gesundheitssystem an gesellschaftliche und politische Akteur*innen herantragen und so politische Forderungen zur Verbesserung des Gesundheitssystems durchsetzen. Ebenfalls wollen wir auf unser Verst\u00e4ndnis von Gesundheit und die Relevanz von Lebensumst\u00e4nden f\u00fcr die Gesundheit einzelner aufmerksam machen.<br \/>\nNicht in allen genannten St\u00e4dten gibt es bereits versorgende Gesundheitszentren, einige Gruppen befinden sich noch im Aufbau dieser. Eine weitere wichtige Aufgabe des Syndikats besteht deshalb darin Erfahrungs- und Wissensaustausch zwischen den einzelnen St\u00e4dten zu erm\u00f6glichen. In einem zweimal j\u00e4hrlich stattfindenden Gesamttreffen werden Workshops zu praktischem Wissen der verschiedenen Handlungsbereiche der Stadtteilgesundheitszentren angeboten und dadurch Erfahrungen geteilt.<br \/>\nDie Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten und leben, wollen wir sowohl im Alltag der Zentren ver\u00e4ndern wie auch in unserer gemeinsamen Arbeit im Syndikat. Entscheidungen \u00fcber die inhaltliche und organisatorische Arbeit des Syndikats treffen wir basisdemokratisch und konsensuell. Daf\u00fcr gibt es ein regelm\u00e4\u00dfiges Syndikatsplenum, in welches jede Mitgliedsgruppe Delegierte entsendet. Weitere Arbeit des Syndikats wird in \u00fcberregionalen Arbeitsgruppen geleistet, welche sich mit verschiedenen Themen wie bspw. Lobbyarbeit oder der Einbindung neuer Gruppen besch\u00e4ftigen.<br \/>\nEntstehende Gruppen werden dadurch vom Syndikat begleitet, indem z. B. Wissen, Erfahrung und Informationen zusammengetragen und Austausch \u00fcber die Arbeit erm\u00f6glicht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Arbeit des Syndikats an verschiedenen, jedoch zusammenh\u00e4ngenden Problemen der Gesundheitsversorgung, sowie durch eine weitreichende Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und Organisationen aus emanzipatorischen und sozialen Bewegungen wollen wir das schaffen, was im Alltag oft unm\u00f6glich scheint: Gemeinsam eine bessere Welt aufbauen, in der ein gutes und gesundes Leben f\u00fcr alle m\u00f6glich ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die aktuelle Lage im Gesundheitssystem Neoliberale Ideen sind in den letzten Jahrzehnten \u00fcber wirtschaftliche Grenzen hinweg in verschiedenste gesellschaftliche Bereiche eingedrungen. Auch im Gesundheitssystem verbreitete sich die Idee, dass Menschen Eigenverantwortung f\u00fcr ihre Gesundheit oder Krankheit tragen. 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