{"id":29248,"date":"2023-02-07T11:40:31","date_gmt":"2023-02-07T09:40:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29248"},"modified":"2023-03-06T10:11:03","modified_gmt":"2023-03-06T08:11:03","slug":"gesundheit-ist-ein-menschenrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/02\/gesundheit-ist-ein-menschenrecht\/","title":{"rendered":"Gesundheit ist ein Menschenrecht!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Graswurzelrevolution: Vielleicht wollt ihr erst was zu euch selbst sagen: Was ist euer Ziel als Medinetz Halle?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Medinetz Halle\/Saale: \u201eWir schaffen uns selber ab!\u201c, das ist der nun schon jahrelang genutzte Slogan vieler Gruppen der Medinetz-und Medib\u00fcrobewegung in der BRD. Das ist idealistisch gesehen auch das Ziel des Medinetz Halle\/Saale.<br \/>\nDieser Satz formuliert Utopie und Kritik an der aktuellen Gesundheitsversorgung f\u00fcr Menschen ohne Krankenversicherung in einem. Das bedeutet, dass wir als selbstorganisierte Gruppe nicht die gesundheitliche Versorgung von Personen, die aus zahlreichen Gr\u00fcnden durch die Regelversorgung durchfallen, gew\u00e4hrleisten wollen. Wir sind der Meinung, dass in dem System in dem wir aktuell Leben, der Staat daf\u00fcr Sorge tragen muss, dass allen Menschen ein Recht auf Gesundheit bzw. medizinische Versorgung zukommt. Mit unserer Arbeit machen wir sichtbar, dass viele Menschen durch Versorgungsstrukturen durchfallen oder gar nicht erst dort ankommen und Menschen mit verschiedensten Hintergr\u00fcnden keinen Zugang zum Gesundheitssystem in Deutschland haben. Und der utopische Part in dem Ausspruch: \u201eWir schaffen uns selber ab\u201c besteht darin, dass uns leider auch sehr bewusst ist, dass das erst mal nicht passieren wird. Aktuell geht der Trend eher dahin, dass sich unsere Strukturen mit den geschaffenen Unterst\u00fctzungsangeboten verfestigen und professionalisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wann habt ihr euch gegr\u00fcndet, und gab es einen konkreten Anlass? Wie ist eure interne Struktur?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben uns Ende 2013 gegr\u00fcndet und seit 2014 ist das Medinetz Halle\/Saale durchgehend aktiv. Wir verstehen uns als selbstorganisierte Gruppe und treten als Verein in der \u00d6ffentlichkeit auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was beinhaltet eure Arbeit? Wie sieht eure konkrete allt\u00e4gliche Arbeit aus? Welche Unterst\u00fctzungsangebote habt ihr?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Basisarbeit bezieht sich darauf, Menschen, die keinen Zugang zum regul\u00e4ren Gesundheitssystem haben, dabei zu unterst\u00fctzen so viel Behandlung wie m\u00f6glich zu erhalten. Wenn Menschen an das Gesundheitssystem angeschlossen sind, haben sie einen Versichertennachweis (Krankenkassenkarte), mit dem sie sich an Gesundheitseinrichtungen wenden k\u00f6nnen.<br \/>\nWenn wir davon sprechen, dass Menschen nicht angegliedert sind, bedeutet das, dass sie keine Krankenversicherung haben. Das kann verschiedene Hintergr\u00fcnde haben, h\u00e4ufig spielt der Aufenthaltsstatus eine Rolle &#8211; Menschen die in die aufenthaltsrechtliche Illegalit\u00e4t gedr\u00e4ngt werden, weil z.B. ihr Asylantrag abgelehnt wurde. EU-B\u00fcrger:innen haben dahingehend ein Aufenthaltsrecht, k\u00f6nnen sich aber ohne eine Arbeit nicht einfach versichern, auch wenn sie die kompletten Beitr\u00e4ge der Krankenversicherung selber bezahlen w\u00fcrden. Wiederum andere Menschen waren privat krankenversichert und konnten sich diese nicht mehr leisten und kommen nun nicht mehr in die normalen Krankenkassen, oder aber Familienmitglieder sind verstorben und die Familienversicherung kann nicht mehr aufrecht erhalten werden.<br \/>\nDie Gr\u00fcnde sind also sehr divers und eigentlich immer mit einer komplexen Situation verbunden. Da die benannten Personen ohne Versicherungsnachweis meistens bei Krankenh\u00e4usern und Praxen abgelehnt werden, sofern es sich nicht um einen kritischen Notfall handelt, versuchen wir einen Anlaufpunkt zu bieten. Wir haben eine w\u00f6chentliche Sprechstunde und sind per Telefon und Mail zu erreichen. Wenn Personen zu uns Kontakt aufnehmen, versuchen wir zuerst herauszufinden, was am dringendsten ist, ob es eine Chance auf Kosten\u00fcbernahme z.B. durch das Sozialamt oder eine Krankenkasse gibt. Wir vermitteln aber parallel zu solidarischen \u00c4rzt:innen, die bereit sind, \u00fcberwiegend kostenfrei und vor allem auch anonyme Behandlungen durchzuf\u00fchren. Ohne dieses Netzwerk w\u00e4re es nicht m\u00f6glich, schnelle und unb\u00fcrokratische L\u00f6sungen zu finden.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Wir arbeiten auch kontinuierlich daran, die Situation von Menschen ohne Krankenversicherung in das Bewusstsein der Gesellschaft zu holen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier liegt unsere Kritik: erkrankte Menschen d\u00fcrfen nicht darauf angewiesen sein, dass es Parallelstrukturen gibt, die sie auffangen. Hier ist auch zu sagen, dass alle Kosten, die f\u00fcr Behandlungen und Medikamente anfallen, auf Geld- und Sachspenden basieren. Die Kernarbeit ist somit davon gepr\u00e4gt, eine Sprechstunde zu stellen, die wir wohlgemerkt nun fast seit neun Jahren ununterbrochen anbieten, Behandlungen zu organisieren, Sprachmittlungen zu finden, Netzwerke von Unterst\u00fctzenden aufzubauen, Spenden aufzutreiben und den Verein zu verwalten. An dieser Stelle, ist es auch wichtig zu erw\u00e4hnen, dass keine Person aus unserer Gruppe daf\u00fcr Geld erh\u00e4lt &#8211; wo wir bei einem unserer n\u00e4chsten Slogans angekommen sind.<br \/>\nVor einigen Jahren hat uns die Kampagne \u201eEs ist uns keine Ehre!\u201c begleitet, denn diese Beratungs- und F\u00fcrsorgearbeit darf nicht auf \u201eEhrenamt\u201c oder Menschen abgeladen werden, die daf\u00fcr nicht bezahlt werden. Doch aktuell ist das die Tatsache. In Sachsen-Anhalt gibt es keine bezahlte Beratungsstelle, die diese Arbeit leistet. Ein weiterer Teil ist es auch politisch aktiv zu sein, da wir diese Umst\u00e4nde nicht unkommentiert hinnehmen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie stellt sich die rechtliche Situation von Illegalisierten dar, wenn sie medizinische Hilfe ben\u00f6tigen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen, die in die aufenthaltsrechtliche Illegalit\u00e4t gedr\u00e4ngt werden, haben nach dem Asylbewerberleistungsgesetz ein Anrecht auf eine Notfallbehandlung. Theoretisch kann eine Person, die illegalisiert lebt, also zu \u00c4rzt:innen oder ins Krankenhaus f\u00fcr eine Behandlung gehen, allerdings ist der Knackpunkt, dass die Versorgenden sich die Behandlungskosten \u00fcber das Sozialamt erstatten lassen wollen. Das Krankenhaus meldet dann die Identit\u00e4t der hilfesuchenden Person an das Sozialamt, welches zum Datenabgleich (\u00a787 \u201e\u00dcbermittlungspflicht\u201c im Aufenthaltsgesetz) im direkten Kontakt mit den Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden steht. Bekommt die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde mit, in welchem Krankenhaus die Person behandelt wird, steigt das Risiko f\u00fcr eine Abschiebung extrem. Kurzum: Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalit\u00e4t vermeiden lange \u00c4rzt:innenbesuche und die Inanspruchnahme der Regelversorgungsleistung aus Angst. Menschen, die krank sind oder kranke Angeh\u00f6rige haben, m\u00fcssen sich dazwischen entscheiden, unentdeckt zu bleiben oder eine Behandlung zu erhalten. Dazu muss auch gesagt werden, dass eine Behandlung nach Asylbewerberleistungsgesetz (auch f\u00fcr Menschen im laufenden Asylverfahren oder Duldung) selten bis nie einer ad\u00e4quaten medizinischen Versorgung gleich kommt. Das ist jedoch damit verbunden, dass sie sich an die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde oder Sozialamt wenden und ihre Identit\u00e4t preisgeben m\u00fcssen, was das Risiko einer drohenden Abschiebung steigert und somit nat\u00fcrlich Menschen davon abh\u00e4lt von diesem Recht Gebrauch zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie erreicht ihr illegalisierte Menschen, die medizinische Hilfe brauchen, also wie erfahren sie von euch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Kontaktdaten sind im Internet \u00fcber unsere Homepage, Facebook und Instagram zu finden. Oft erfahren aber Menschen auch \u00fcber Bekannte oder andere Beratungsstellen von uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie ist das Verh\u00e4ltnis zwischen ehrenamtlichen Aktivist:innen und den \u00c4rzt:innen, mit denen ihr zusammenarbeitet?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu vielen \u00c4rzt:innen besteht mittlerweile ein sehr vertrautes Verh\u00e4ltnis, da wir bereits einige Jahre zusammenarbeiten und wir oft auf gro\u00dfe Bem\u00fchungen und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Situationen der Patient:innen sto\u00dfen. Vor allem sind wir froh, dass wir mittlerweile auf ein stabiles Netzwerk zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, um m\u00f6glichst schnelle L\u00f6sungen f\u00fcr die Anliegen der Menschen zu finden, die zu uns kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Daneben macht ihr auch \u2028viel politische \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Wollt ihr daf\u00fcr ein paar Beispiele nennen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einen verfolgen wir kommunale Missst\u00e4nde und beobachten die Arbeit von der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde und dem Sozialamt kritisch. Wir arbeiten auch kontinuierlich daran, die Situation von Menschen ohne Krankenversicherung in das Bewusstsein der Gesellschaft zu holen. In den letzten zwei Jahren verfolgen wir auch die Umsetzung eines gr\u00f6\u00dferen Projekts, das in anderen Bundesl\u00e4ndern bereits vertreten ist und funktioniert: Wir haben ein Konzept f\u00fcr einen Anonymen Behandlungsschein f\u00fcr Sachsen-Anhalt mit dem Medinetz in Magdeburg erarbeitet. Dieses Konzept erm\u00f6glicht Menschen ohne Versicherung, einen anonymisierten Behandlungsschein zu erhalten, der einen uneingeschr\u00e4nkten Zugang zu Versorgungsleistungen und freie \u00c4rzt:innenwahl erm\u00f6glicht. Das Konzept spart Kosten f\u00fcr Sozial\u00e4mter, die sonst die Notfallkosten an die Krankenh\u00e4user zur\u00fcckerstatten, und erlaubt Menschen, ihr Recht auf Gesundheit wahrzunehmen. Mit langem Atem haben wir es geschafft, dass die m\u00f6gliche Umsetzung 2021 in den Koalitionsvertrag der Landesregierung von Sachsen-Anhalt aufgenommen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auch in vielen anderen St\u00e4dten gibt es Medinetz-Gruppen. Steht ihr untereinander in Kontakt und unterst\u00fctzt ihr euch gegenseitig?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt in der BRD mittlerweile ca. 40 Medinetze und Medib\u00fcros, die \u00e4hnlich arbeiten. Jedoch organisiert sich jede Gruppe selber und hat dadurch auch verschiedene Anspr\u00fcche an die Umsetzung ihrer Arbeit in Bezug auf Art und Weise sowie Wahl der Inhalte. Wir sind aber alle untereinander vernetzt und k\u00f6nnen auf gegenseitige Erfahrungen sowie Wissen jederzeit zur\u00fcckgreifen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Vielleicht wollt ihr erst was zu euch selbst sagen: Was ist euer Ziel als Medinetz Halle? Medinetz Halle\/Saale: \u201eWir schaffen uns selber ab!\u201c, das ist der nun schon jahrelang genutzte Slogan vieler Gruppen der Medinetz-und Medib\u00fcrobewegung in der BRD. Das ist idealistisch gesehen auch das Ziel des Medinetz Halle\/Saale. 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