{"id":2927,"date":"1999-10-01T00:00:37","date_gmt":"1999-09-30T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2927"},"modified":"2022-07-26T14:17:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:00","slug":"frauenbilder-gestern-heute-morgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/frauenbilder-gestern-heute-morgen\/","title":{"rendered":"Frauenbilder: gestern, heute, morgen"},"content":{"rendered":"<p>Die Referentin Uta Keppler stellte heraus, wie die Propaganda das Frauenideal im Dritten Reich den jeweiligen gesellschaftlichen Erfordernissen anpa\u00dfte: von der treusorgenden Hausfrau und Mutter &#8211; Quell einer neuen germanischen \u00dcberrasse &#8211; wurde sie zur Soldatengeb\u00e4rmaschine, schlie\u00dflich zur Waffenschmiedin und, in Vertretung der M\u00e4nner, ganz allgemein zur Berufst\u00e4tigen. Die Br\u00fcche und Widerspr\u00fcche in diesem Frauenbild bereiteten anscheinend weder den Frauen noch der Propaganda Probleme.<\/p>\n<p>Die Diskriminierung von Lesben, so erfuhren wir, fand im Gegensatz zur Schwulenverfolgen (\u00a7175!) viel indirekter statt. Die offizielle Begr\u00fcndung, warum ein Strafgesetzparagraph f\u00fcr Lesben unn\u00f6tig sei, war: erstens sei lesbische Bet\u00e4tigung nicht eindeutig feststellbar, da Frauen mehr K\u00f6rperkontakt pflegten; und zweitens seien Lesben gesamtgesellschaftlich nicht so sch\u00e4dlich wie Schwule, da ihre Fortpflanzungsf\u00e4higkeit weiterhin zu Verf\u00fcgung stehe (will hei\u00dfen: sie k\u00f6nnen vergewaltigt werden) und sie nicht \u00f6ffentlich sichtbar sind. Folglich k\u00f6nnten sie kein verderbliches Beispiel geben. Eine zweifelhafte Ehre, mit solchen Begr\u00fcndungen noch einmal davongekommen zu sein! Zumal die indirekte Diskriminierung durch strukturelle Gewalt (Zwang zur Eheschlie\u00dfung, bzw. Vorenthalten von Privilegien) Lesben damals genauso traf wie auch heute noch. Au\u00dferdem wissen wir inzwischen, da\u00df Lesben ebenso aktiv verfolgt wurden wie Schwule, nur da\u00df dies h\u00e4ufig unter dem Deckmantel der Asozialenverfolgung geschah (siehe hierzu z.B. die Forschungen von Claudia Schoppmann).<\/p>\n<p>Im Anschlu\u00df an den Vortrag war ein Diskussionsteil vorgesehen, in dem es um die Frage gehen sollte, inwieweit nationalsozialistische Ideologie in das Frauenbild heutiger Zeit fortwirkt. Mit einer Art kollektivem brain storming (Metaplantechnik) schaffte es die Referentin, alle anwesenden Zuh\u00f6rerinnen zur Mitarbeit zu motivieren. &#8222;Wie sieht das traditionelle Frauenbild heute aus?&#8220; und &#8222;Wie sieht das moderne Frauenbild heute aus?&#8220; waren die beiden Ausgangspunkte, zu denen wir Stichworte sammeln sollten. Spontan f\u00fcgten wir noch eine dritte Gruppe hinzu: &#8222;Wie ist mein pers\u00f6nliches Frauenbild, bzw. -ideal?&#8220; Und genau diese Frage f\u00fchrte zum bereits erw\u00e4hnten Erkenntnisschock. Dabei w\u00e4ren die ersten beiden Fragestellungen schon schlimm genug gewesen.<\/p>\n<h3>Wie sieht das traditionelle Frauenbild heute aus?<\/h3>\n<p>Unsere Stichw\u00f6rter zum Thema &#8222;traditionelles Frauenbild&#8220; zeigten gro\u00dfe Einigkeit und lassen sich am besten unter das bekannte &#8222;Kinder, K\u00fcche, Kirche&#8220; zusammenfassen. Die Hausfrau und Mutter zeichnet sich unseren (Vor?-)Urteilen nach durch aufopfernde, selbstlose Liebe, ehrenamtliches soziales Engagement, Ausbeutbarkeit und willige Unterwerfung aus. Oder, wie eine der Teilnehmerinnen die Sache auf den Punkt brachte: &#8222;tr\u00e4gt Trachtenrock&#8220;.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Nennungen zur &#8222;traditionelle&#8220; Frau:<\/p>\n<p>Zwei Kinder \/ Mutter und Ehefrau \/ Ehefrau und Mutter \/ treue Ehefrau \/ sorgt sich um Kinder, Mann und Haushalt \/ k\u00fcmmert sich rund um die Uhr um Mann, Kinder und Heim \/ sp\u00e4testens wenn Kind kommt: heim an den Herd \/ Haushalt \/ Frau geh\u00f6rt in die Familie (Kinder, Haushalt, Ehefrau) \/ Kinder, K\u00fcche, Kirche \/ treffen sich im katholischen Frauenbund \/ In Unterordnung &#8222;willig&#8220; aufgehend \/ emotional gebend, eher zur\u00fcckhaltend \/ emotional, sensibel \/ m\u00fctterlich, versorgend, liebend, etc. \/ asexuell (aber hetero) \/ sanft, anpassungsf\u00e4hig, hingebungsvoll, anlehnungsbed\u00fcrftig =&gt; schwach \/ selbstlos \/ hysterisch \/ untergeordnet, dienend, St\u00fctze der Gesellschaft \/ St\u00fctze der M\u00e4nner (Gewaltopfer) \/ als ehrenamtliche Helferinnen gern gesehen (v.a. Kirche!) \/Dienerin, Ehrenamt \/pflegt Gro\u00dfeltern \/es gibt bestimmte Frauenberufe \/ von Natur aus anders \/ Faltenrock, Trachtenkost\u00fcm<\/p>\n<h3>Wie sieht das fortschrittliche Frauenbild heute aus?<\/h3>\n<p>Beim modernen Frauenbild gingen die Meinungen weiter auseinander, lie\u00dfen sich aber ebenfalls wieder grob in drei Gruppen einsortieren: doppelbelastet (Karriere, Heim, Kind und Mann), schein-emanzipiert (pseudo-gleichberechtigt ohne echte Macht) und dem K\u00f6rperkult-Diktat unterworfen (&#8222;fit for fun&#8220;). Wir &#8211; ein Haufen gem\u00e4\u00dfigt feministischer bis linksradikaler wei\u00dfer Frauen und Lesben zwischen 20 und 50 aus verschiedenen sozialen Schichten &#8211; wir waren einstimmig der Meinung, da\u00df angesichts dieser erschlagenden Anforderungen an &#8222;die moderne Frau&#8220; das traditionelle Frauenbild um einiges erstrebenswerter erscheint. Die Frau im Trachtenkost\u00fcm darf wenigstens dick sein und mu\u00df sich nicht rund um die Uhr zu Tode schuften.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Nennungen zur &#8222;moderne&#8220; Frau:<\/p>\n<p>Kann alles, macht alles \/ Karrierefrau (stark, Durchsetzungsverm\u00f6gen) \/ erfolgreich im Beruf \/ d.i.n.k. (double income, no kid) \/ es gibt die sog. Quotenfrauen \/ hebt das Betriebsklima durch &#8222;weibliche&#8220; F\u00e4higkeiten (soziale Kompetenz) \/ &#8222;irgendwie&#8220; Ehefrau &amp; Mutter &amp; beruflich erfolgreich &amp; viele interessante Hobbies &amp; selbstverwirklicht &amp; voll kreativ &amp; ausgeglichen, mit Herz und Verstand, &#8222;irgendwie&#8220; anders \/ trotz Karriere den M\u00e4nnern zur Verf\u00fcgung stehen \/ arbeitet und sorgt sich um Kinder, Mann und Haushalt \/ bringt alles unter einen Hut: Beruf, Familie etc. \/ moderne Hausfrau und Mutter \/ &#8222;Mittelschichtsmutter&#8220; &#8211; erzieht Kinder nach neuer Ideologie (diesmal links, feministisch) \/ Frauen von heute verbinden Kind und Karriere problemlos \/ Spagat der Unvereinbarkeiten \/ doppelbelastet \/ Wehe, Mutter gibt Kind zum Vater =&gt; Rabenmutter \/ mu\u00df f\u00fcr gesellschaftliche Anerkennung immer noch doppelt so gut sein \/ emanzipiert \/ emanzipiert, aber keine Emanze \/ Scheinemanzipation \/ Frauen sind gleichberechtigt! \/ wenn unzufrieden: an allem selbst schuld, weil sie h\u00e4tte ja alle Rechte und M\u00f6glichkeiten \/ ohne Macht \/ jung, dynamisch, sch\u00f6n, schlank \/ fit for fun \/ nicht behindert \/ sch\u00f6n, schlank, begehrenswert \/ jung und attraktiv \/ gutaussehend, selbstbewu\u00dft \/ selbstbewu\u00dft und selbst\u00e4ndig \/ selbstbestimmt bis zur Euthanasie und eugenischen Abtreibung \/ super Draht zur Natur =&gt; wird die Welt retten k\u00f6nnen<\/p>\n<h3>Die feministische Idealfrau<\/h3>\n<p>Aber es sollte noch dicker kommen! Wie sah es denn mit unserem eigenen Frauenbild oder -ideal aus? Hier rangierte fast einm\u00fctig die Selbstbestimmung an oberster Stelle. Selbstbestimmt, selbst\u00e4ndig, eigentverantwortlich und unabh\u00e4ngig lebt diese Frau keine Rolle mehr, sondern ihre eigene, individuelle Pers\u00f6nlichkeit. Sie ist lebendig, m\u00e4chtig, auch gef\u00e4hrlich. Solidarit\u00e4t, Achtung, Ehrlichkeit, Verantwortung und Humor wurden nur als Utopien genannt. Weitere W\u00fcnsche: faul sein zu d\u00fcrfen (nicht mehr 2\/3 der Weltarbeit machen m\u00fcssen); fett, h\u00e4\u00dflich und gemein sein d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Auffallend war, da\u00df unsere Idealfrau weder irgendwelche sozialen Beziehungen hat &#8211; seien es Kinder, Eltern, Freundin- oder PartnerInnenschaften &#8211; noch sich in irgendeiner Weise um ihre materielle Existenz k\u00fcmmert. Hier zeigt sich deutlich, wie sich der Wandel des Frauenbildes aus der Ablehnung des Bestehenden entwickelt: die Doppelbelastung der modernen Frau ist eine Reaktion auf das Eingesperrtsein und die materielle Abh\u00e4ngigkeit in der traditionellen Frauenrolle. Ebenso ist die freischwebende Selbstbestimmung unseres autonom-feministischen Idealbildes eine Reaktion auf die Ablehnung von Doppelbelastung und Fremdbestimmung, der die machtlose Pseudo-Emanzipierte nach wie vor unterliegt.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Nennungen zu &#8222;Mein Frauenbild \/ Wunschbild&#8220;:<\/p>\n<p>Verantwortung \/ Anerkennung als Mensch \/ Respekt vor dem Weiblichen \/ Utopie Solidarit\u00e4t \/ Ehrlichkeit \/ keine &#8222;Rolle&#8220;, sondern Pers\u00f6nlichkeit \/ Leben nach eigenm\u00e4chtigen &#8222;Natur&#8220;-Gesetzen, nicht nach fremdbestimmten patriarchalen Regeln \/ stark und selbstbestimmt \/ unabh\u00e4ngig und selbstbestimmt \/ (selbst-bewu\u00dftes) selbstbestimmtes Leben \/ selbstbestimmt \/ selbst\u00e4ndig \/ eigenverantwortlich \/ starke M\u00e4dchen \/ jede soll &#8222;das ihre&#8220; tun und leben, solange es noch was zu leben gibt! \/ ganztags lebend statt halbtags arbeitend \/ Frau ist auch T\u00e4terin! \/ m\u00e4chtig \/ gef\u00e4hrlich \/ verletzt \/ bunt \/ lebendig \/ lustiger als heute \/ \u00f6ko \/ kompetent, weise \/ interessant \/ fett, h\u00e4\u00dflich und gemein \/ ich darf sooo faul sein, mache nicht mehr 2\/3 der Weltarbeit<\/p>\n<p>Angesichts dieser ma\u00df- und bezugslosen Selbstbestimmung, Selbst\u00e4ndigkeit und Unabh\u00e4ngigkeit sprang uns das Fehlen sozialer Beziehungen und ethischer Werte schmerzhaft ins Auge. Sicher ist dies ein verst\u00e4ndliches Symptom des allgemeinen Zeitgeistes: Individualisierung, Ellbogengesellschaft und das Zerbr\u00f6ckeln des sozialen Grundkonsens sind nat\u00fcrlich auch an uns Vortragsbesucherinnen nicht spurlos vor\u00fcbergegangen. Aber frau mu\u00df sich doch ernsthaft fragen, ob wir mit dem Entwurf solcher Utopien nicht das Kind mit dem Bade aussch\u00fctten? Letzten Endes fanden wir \u00fcbereinstimmend unsere Idealfrau noch weniger erstrebenswert als die moderne Doppelbelastete. Die hat wenigstens noch menschliche Beziehungen und eine eigenst\u00e4ndige Existenzsicherung.<\/p>\n<p>Wieder einmal zeigt sich, da\u00df die reine Ablehnung des Alten noch lange kein sinnvolles oder gar erstrebenswertes Neues hervorbringt!<\/p>\n<h3>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr neue alte Werte<\/h3>\n<p>Ein Szenario: ich versetze mich in eine beliebige linkspolitische, lesbische oder feministische Arbeitsgruppe und stelle mir vor, wie ich mitten in die Diskussion eine Bemerkung \u00fcber die Liebesf\u00e4higkeit von Frauen einwerfe. Oder noch gewagter: Ich fordere, da\u00df ein gesellschaftlicher Rahmen geschaffen werden mu\u00df, in dem Frauen m\u00fctterlich, versorgend, aufopfernd und liebevoll sein k\u00f6nnen, ohne dadurch benachteiligt zu werden. Geradezu undenkbar! Schallendes Gel\u00e4chter und faule Tomaten w\u00e4ren wahrscheinlich noch die glimpflichsten Reaktionen.<\/p>\n<p>Nein. Eine moderne Feministin ist unabh\u00e4ngig, selbstbestimmt, stark, k\u00e4mpferisch, selbstsicher &#8211; alles, nur nicht liebevoll, r\u00fccksichtsvoll, sozial bewu\u00dft oder gar n\u00e4hrend! Dabei ist es doch eigentlich v\u00f6llig absurd und nicht begr\u00fcndbar, diese wunderbaren menschlichen Eigenschaften abzulehnen. Vor allem, wenn ich mir meine Freundinnen oder die Frauen, die mit mir diesen Vortrag besuchten, in ihrem Alltag betrachte. Denn was tun sie? Sie k\u00fcmmern sich umeinander, helfen, versorgen, n\u00e4hren, pflegen, h\u00f6ren sich zu, sind voneinander abh\u00e4ngig, aufeinander angewiesen, haben Beziehungen zueinander und versuchen tats\u00e4chlich zu lieben! Was sollte daran auch falsch sein? Warum dieses Tabu, zu benennen, was doch offensichtlich ist? Und zwar heute genauso wie fr\u00fcher, egal ob mit dem Diskutierbad feministischer Ideologie ausgesch\u00fcttet oder nicht.<\/p>\n<p>Ich habe an diesem Vortragsabend viele Scheuklappen verloren. Die traditionelle Frau ist mir n\u00e4her gekommen. Ich finde manche ihrer Eigenschaften pl\u00f6tzlich kostbar und bewahrenswert, auch in der politischen Diskussion. Vielleicht wird es Zeit, ein neues-altes Feminismusverst\u00e4ndnis auszurufen, das der uferlosen Selbstbestimmung (bis hin zur Euthanasie und eugenischen Abtreibung&#8220;) die Grenzen der Menschlichkeit wiedergibt. Es lebe der in diesem Sinne der wertekonservative AnarchaFeminismus!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Referentin Uta Keppler stellte heraus, wie die Propaganda das Frauenideal im Dritten Reich den jeweiligen gesellschaftlichen Erfordernissen anpa\u00dfte: von der treusorgenden Hausfrau und Mutter &#8211; Quell einer neuen germanischen \u00dcberrasse &#8211; wurde sie zur Soldatengeb\u00e4rmaschine, schlie\u00dflich zur Waffenschmiedin und, in Vertretung der M\u00e4nner, ganz allgemein zur Berufst\u00e4tigen. 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