{"id":29387,"date":"2023-03-01T08:30:46","date_gmt":"2023-03-01T06:30:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29387"},"modified":"2023-03-09T15:54:29","modified_gmt":"2023-03-09T13:54:29","slug":"die-erfindung-eines-anderen-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/03\/die-erfindung-eines-anderen-lebens\/","title":{"rendered":"Die Erfindung eines anderen Lebens"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie ist die Tat, die neue Wirklichkeiten hervorbringt<br \/>\nRaoul Vaneigem, Handbuch der Lebenskunst, 1967<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">[Seite 19]<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren also Anfang der siebziger Jahre nicht nur dabei, eine Zeitschrift zu publizieren und einen Verlag aufzubauen. Da war auch noch die Sache mit der Revolution, und die Organisation von Kontakten und Gruppierungen \u2026<br \/>\n\u201eWir schweben hier in hamburg zwischen den beiden himmeln des aktivismus, einmal die b\u00fccher, ein andermal die personen und ihre umsturzvorbereitungen\u201c, schrieb Lutz [Schulenburg] im November 1974 an J\u00f6rg Asseyer, der damals etliche politische Flugschriften f\u00fcr uns aus dem Englischen \u00fcbersetzte, alle aus dem r\u00e4tekommunistischen Spektrum.<br \/>\nAnarchistische Genossen in aller Welt wurden angeschrieben, es wurde \u00fcber Austausch von Informationen, von Druckwerken, m\u00f6gliche Zusammenarbeit etc. debattiert. Anarchisten waren in Deutschland eine marginale Gruppierung am Rand der Linken, der linke Diskurs wurde von anderen bestimmt. Es gab unter uns kaum \u201eIntellektuelle\u201c, keine Uni-Anbindung. Proletarische, subproletarische, subkulturelle und andere randst\u00e4ndige Elemente waren wir, aber mit internationalen Verbindungen, denn anderswo in der Welt waren die Karten anders verteilt. In Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Lateinamerika, den USA gab es st\u00e4rkere anarchistische Bewegungen, andere Traditionslinien, andere ma\u00dfgebliche historische Erfahrungen: <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/frauen-in-der-spanischen-revolution-2\/\">die spanische Revolution<\/a> von 1936, nicht der B\u00fcrgerkrieg, sondern die soziale Revolution; die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/zwischen-anarachie-und-gewalt\/\">Machnowtschina<\/a> in der Ukraine 1918 gegen die Hegemonie und die S\u00e4uberungen der Bolschewiki bei der Etablierung ihrer Macht; die freiheitlichen b\u00e4uerlich-proletarischen Bewegungen in Lateinamerika; die subkulturelle Protestbewegung und die indigenen Bewegungen in den USA und Kanada; die R\u00e4tebewegungen, der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/anarchosyndikalismus-als-alternative\/\">Anarchosyndikalismus<\/a> als Gegenbewegung zu den institutionalisierten Parteien und Gewerkschaften \u2026 An diese historischen und zeitgen\u00f6ssischen Erfahrungen wollten wir ankn\u00fcpfen.<br \/>\nPierre hatte viele Adressen in seinem kleinen Notizbuch, nach weiteren suchten wir gemeinsam. \u00dcberall gab es Versprengte, die \u00e4hnlich wie wir nach etwas Neuem suchten. Wir korrespondierten per Brief oder besuchten uns. Jahrzehntelang hatten wir keinen Urlaub, sondern fuhren zu Genossen. Oder die Genossen kamen zu uns.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">[Seite 20]<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">das gl\u00fcck war da das risiko \/ der \u00fcberfluss der traum<br \/>\nund seine wirklichkeiten schwarze bluten von neuem<br \/>\nPierre Gallissaires, Die Stra\u00dfen, die Mauern, die Commune, MaD Flugschrift Nr. 10, 1975<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pierre, Lutz und ich hatten uns im Versammlungslokal der Hamburger Anarchisten 1972 kennengelernt, ein schwarz gestrichener Kellerraum unterhalb eines griechischen Lokals in der Karolinenstra\u00dfe Ecke Marktstra\u00dfe. Die zumeist jungen Menschen, auch hier viele junge M\u00e4nner, wenige junge Frauen, waren Verweigerer, Suchende \u2026 Es herrschte eine diffuse Stimmung zwischen Rausch und Verzweiflung, enthusiastischer politischer Diskussion, es gab Posen der Bewaffnung, Posen der Schei\u00dfegal-Haltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier wurde nach dem Gl\u00fcck gesucht, auch nach der Wahrheit, nach Solidarit\u00e4t und Freiheit. Ein indischer Anarchist kochte hin und wieder in seiner bescheidenen Sozialwohnung gro\u00dfe Mengen Reis mit Gem\u00fcse f\u00fcr die Genossinnen und Genossen und erz\u00e4hlte von anarchistischen Traditionen in Indien. Leider ging der Kontakt zu ihm bald verloren, vielleicht war ihm die militante Radikalisierung der zumeist m\u00e4nnlichen Genossen aus dem Anarchokeller zu fremd. Aber in seiner K\u00fcche traf ich erstmals Lutz. Er war mir wie ein Mythos angek\u00fcndigt worden: Heute kommt ein echter Proletarier \u2026 Da sa\u00df er dann auf dem K\u00fchlschrank, in schwarzer Kordhose und rotem Rollkragenpullover aus Wolle, d\u00fcnn, lang, energiegeladen, gestenreich und provokativ diskutierend, die schwarzen glatten und kr\u00e4ftigen Haare schulterlang mit Pony neben dem Seitenscheitel (seine lebenslange Frisur), eine feine Goldrandbrille (die er ebenfalls so gut wie lebenslang beibehielt): So begann dieses starke Energiefeld zwischen uns beiden, eine spontane und heftige Anziehung, die viele Ersch\u00fctterungen \u00fcberstand.<br \/>\nMit Pierre zusammen bildeten wir in diesem schon relativ kleinen anarchistischen Kreis eine besondere Zelle, die Theoretiker, k\u00f6nnte man sagen, diejenigen, die die Geschichte genauer kennenlernen wollten, bevor sie Aktionen starteten oder es lieber lie\u00dfen.In den fr\u00fchen Ausgaben der MaD-Zeitschrift finden sich unsere Untersuchungen zur Theorie und Praxis der anti-autorit\u00e4ren Bewegung und eine zweiteilige Kritik des Bolschewismus.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">[Seite 23]<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon bald verlegten wir aber unseren Schwerpunkt aus den anarchistischen Kreisen, starteten etwa 1974 unser eigenes kollektives Experiment und nannten uns \u201eSubrealisten\u201c. Das Konzept der anarchistischen Zeitschrift MaD\u2013Materialien, Analysen, Dokumente verwandelten wir 1976 in ein Diskussions- und Reflexionsblatt mit dem Titel Revolte, Organ der Subrealisten.<br \/>\nEin sp\u00e4ter auch in der Subrealisten-Bewegung aktiver ganz junger Suchender war J\u00fcrgen Otte. Er beschreibt seine Situation in der Aktion 220 (2013): \u201eAnfang der siebziger Jahre waren die Ausl\u00e4ufer der Wellen des weltweiten 1968 auch in der nieders\u00e4chsischen Provinz angekommen.<br \/>\nIn Sch\u00fcler- und Lehrlingsgruppen, in Initiativen f\u00fcr autonome selbstorganisierte Jugendzentren, in denen wir uns bewegten, fanden sich einige Slogans der Rebellion wieder. An den Gymnasien gab es die ersten \u201alinken Lehrer\u2018, im Philosophie- und Geschichtsunterricht wurden Ausz\u00fcge der Fr\u00fchschriften von Marx gelesen. Seine Thesen \u00fcber die Entfremdung hinterlie\u00dfen tiefe Spuren im eigenen Denken. Ein Gro\u00dfvater war Antifaschist, Gewerkschafter und Kommunist gewesen. Er gab mir einiges mit auf den Weg, starb, als ich sechzehn war. Im selben Jahr die erste eigene Tramptour nach Holland, Amsterdam. [\u2026]<br \/>\nHier in Amsterdam fanden sich selbst gedruckte Zeitschriften, Brosch\u00fcren, Pamphlete, die ich so nicht kannte. Fast das Kleinste, was es dort \u00fcberhaupt gab, fiel mir in die H\u00e4nde. Zwei Faltbl\u00e4tter mit Parolen des Mai 68 und Thesen zur Selbstorganisation, wenn ich mich recht erinnere. Beides publiziert von Lutz, Hanna und Pierre. Zwei der allerersten Ver\u00f6ffentlichungen dieser drei.<br \/>\nUnd wie das damals war: Die ganze Welt sollte wissen, hier, das sind wir, das sind unsere Publikationen, das ist unser Beitrag zur sozialen Revolution. Deshalb fanden sich diese winzigen Faltbl\u00e4tter auch in Amsterdam wieder. Nicht viel Text, aber der hatte es in sich. Der brachte zum Ausdruck, wof\u00fcr die eigenen Worte noch nicht weit genug waren. Die Thesen zur Selbstorganisation fundierten unseren Kampf f\u00fcr ein Jugendhaus. Der Mai 68, die soziale Revolution sollte fortan auch der Bezugspunkt f\u00fcr das werden, was jugendliche Obersch\u00fcler in der Provinz ertr\u00e4umten.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">[Seite 24]<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Politisch engagiert?! Das waren die Jusos! Wir waren Revolution\u00e4re!<br \/>\nLutz im Interview mit Jan Bandel, 2007, s.o.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Lutz und ich 1974 nach drei anderen Stationen nach Hamburg-Bergedorf zogen und dort mehr als drei\u00dfig Jahre bis Weihnachten 2008 blieben (\u201eDieses Gerede vom Metropolenleben muss man ja nicht mitmachen\u201c, Lutz 1999), bildeten wir umgehend mit etlichen Genossen einen radikalen Aktions- und Diskussionskern<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">[Seite 106-108]<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf eine Art geschwisterlich sa\u00df ich 2017, also vierzig Jahre nach den bleiernen Jahren der RAF-Verfolgungen, neben drei Ex-RAFlern, Karl-Heinz Dellwo, Knut Folkerts und Lutz Taufer.<br \/>\nWir waren in gr\u00f6\u00dferer Runde in ein Lokal gegangen, das 1969 im damals noch \u00e4rmlichen und stark proletarisch-migrantisch gepr\u00e4gten Hamburger Schanzenviertel von griechischen Exilanten gegr\u00fcndet worden war, die vor den Verfolgungen der Milit\u00e4rdiktatur geflohen waren. Wir sa\u00dfen da nach der Lesung Lutz Taufers aus seiner gerade erschienenen Autobiographie. In seinen Erinnerungen hatte er die Entstehung der RAF, die H\u00e4userk\u00e4mpfe, die Situation unangepasster Jugendlicher im Heim, die Militarisierung des Staatsapparates, die Einengung der politischen Spielr\u00e4ume, den st\u00e4ndigen Zwang, sich gegen oder f\u00fcr etwas zu positionieren (f\u00fcr oder gegen die RAF, die Gewalt, den Staat \u2026) etc. heraufbeschworen. Diese Fixierung wurde auch von den Aktionen der RAF immer wieder erneuert, der Staat schlug zur\u00fcck, verteidigte sein Gewaltmonopol brachial.<br \/>\nLutz und ich hatten in den siebziger Jahren gemeinsam mit unseren n\u00e4chsten Genossen die RAF kritisiert, ihre Erkl\u00e4rungen und Aktionen, ihren Anspruch auf \u201eBefehlsgewalt\u201c und \u201ebedingungslose Solidarit\u00e4t\u201c. F\u00fcr uns waren sie \u201eLeninisten mit Knarre\u201c, wie es in der Berliner linksradikal-anarchistischen Zeitschrift 883 hie\u00df.<br \/>\nDie aus ihren Aktionen erwachsende Opferlogik, die Kehrseite des Heroismus, konnten wir mithilfe der situationistischen Begrifflichkeit kritisieren, ohne uns gemein zu machen mit der Gewalt der herrschenden Ordnung, die die Distanzierung von der Gewalt der Guerilla als Vorbedingung f\u00fcr jede Diskussion einforderte. Nachrichtensperren, Falschmeldungen, L\u00fcgen und Verdrehungen, alles wurde damals von den \u201eMeinungsschaffenden\u201c, den Einfl\u00fcsterern und Verteidigern der bestehenden Machtverh\u00e4ltnisse benutzt und zog weite Kreise in die liberalen, linken, kulturellen Kreise. Die urspr\u00fcngliche recht breite Solidarit\u00e4t mit den Anliegen und Aktionen der RAF wurde medial torpediert, sie wurde aber auch durch die Aktionen der RAF selbst torpediert, die in einer f\u00fcr alle Beteiligten sch\u00e4dlichen Spirale der Gewaltsteigerung steckten. Die Klarheit der situationistischen Ausrichtung erm\u00f6glichte uns die Formulierung anderer Vorstellungen. Wir waren f\u00fcr einen Kampf, der in seiner Form schon die k\u00fcnftige Freiheit in sich trug, der vielf\u00e4ltige Lebensweisen au\u00dferhalb jeder Form der Verdinglichung erm\u00f6glichte, der Kritik und Analyse, Spiel und Lust nicht in die Zw\u00e4nge der Illegalit\u00e4t und des Guerillakampfes presste.<br \/>\nWie stark der \u201eKrieg\u201c in die K\u00f6pfe und in den Alltag vorgedrungen war, war bei der Lesung Lutz Taufers noch einmal greifbar, unter den anwesenden Zeitgenossen, die wahrscheinlich so ziemlich alle damals in die Auseinandersetzungen involviert waren: als Knastbesucher*innen und Unterst\u00fctzer*innen der Gefangenen, als politische Aktivisten. Die Haftbedingungen waren brutal, manchmal t\u00f6dlich, voller Schikanen, alte Nazischergen waren ja noch am Ruder. Auch Freunde von Lutz und mir waren im Knast, auch an Hungerstreikaktionen beteiligt, wir wollten sie unterst\u00fctzen. Das ging mit vielen Briefen und B\u00fccherspenden. Und jetzt, vierzig Jahre sp\u00e4ter, hatte ich, neben diesen Ex-RAFlern sitzend, doch ein starkes Gef\u00fchl der Verbundenheit. Immerhin hatten wir, jeder auf eine andere Art, eine wichtige Zeit geteilt, eine Zeit, die heute weit weg zu sein scheint.<br \/>\n\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Poesie ist die Tat, die neue Wirklichkeiten hervorbringt Raoul Vaneigem, Handbuch der Lebenskunst, 1967 [Seite 19] Wir waren also Anfang der siebziger Jahre nicht nur dabei, eine Zeitschrift zu publizieren und einen Verlag aufzubauen. 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