{"id":29603,"date":"2023-03-30T10:13:02","date_gmt":"2023-03-30T08:13:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29603"},"modified":"2023-04-07T12:34:24","modified_gmt":"2023-04-07T10:34:24","slug":"wissenschaftskritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/03\/wissenschaftskritik\/","title":{"rendered":"Wissenschaftskritik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sammelb\u00e4nde zu besprechen ist immer so eine Sache. Schon der Herausgeber vermerkt die Brutalit\u00e4t, die darin besteht, die komplexe Thematik einzelner Beitr\u00e4ge auf zwei oder drei S\u00e4tze einzudampfen (S.16). Dieser undankbaren Aufgabe m\u00f6chte ich hier ausweichen, indem ich nur auf ein paar Texte kurz eingehe. Wohl aber ist es mir ein Anliegen, die Essenz des Buches herauszustellen. Was ist Wissenschaftskritik, und warum ist sie gerade heute so bedeutsam?<br \/>\nWissenschaftskritik, kritisch sein, kritisch bleiben. Der Impuls dazu: eine unbefangene, ja kindliche \u2013 in sp\u00e4terer Verschulungszeit in der Regel weitgehend ausgetriebene \u2013 Neugier, ein immerw\u00e4hrendes Fragestellen (\u201efrag nicht so dumm\u201c \u2013 in der Formulierung lauert bereits die Gleichsetzung von Fragen = Nichtakzeptanz von Herrschaftswissen = Dummheit), eben auch: ein Erkenntnisinteresse.<br \/>\nDie Automatisierung der Alltagswelt, inklusive intelligenter K\u00fchlschr\u00e4nke, smart cities, und die totale \u00dcberwachung sind Ausw\u00fcchse einer Wissenschaft, die eine in den Dienst von Staat und Kapital genommene Wissenschaft ist: Herrschafts-Wissenschaft, die im Verh\u00e4ltnis zu den Beleidigten und Unterdr\u00fcckten der Erde nicht minder kolonial agiert wie zu Hoch-Zeiten des Kolonialismus. Nicht mehr utopisch, wohl aber dystopisch erscheint der Transhumanismus, die Verschmelzung des Menschen mit der Maschine. Warum ist das Ende der Welt \u2013 samt Klima-GAU \u2013 denkbarer als eine Welt, in der Menschen in Freiheit und Selbstbestimmung leben k\u00f6nnen?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Selten war so wenig Widerstand wie heute.<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo also bleibt die Wissenschaftskritik, die mehr ist als eine \u201ekritische Wissenschaft\u201c, die einzelne Wissenschaftsdisziplinen blo\u00df kritisch begleitet? Denn Wissenschaftskritik unterzieht die Ideologien um Wissenschaft, die Wissensproduktion und ihre Folgen selbst einer Bestandsaufnahme, setzt also im Kern an: es geht ums Ganze. Emanzipatorische Wissenschaftskritik ist Institutionen- wie Ideologiekritik und nicht nur Begleitakkord zu einigen Ausw\u00fcchsen von Wissensmacht und riskantem Forschungseifer.<br \/>\nDer Blick in die Gegenwart erweist die Bedeutung einer solchen grunds\u00e4tzlichen Kritik von Wissenschaft, die alles ist \u2013 nur nicht unwissenschaftlich. Denn sowohl ist das Fragestellen aus der Mode gekommen wie auch der umfassende bio-technologische Angriff auf die Menschheit nie zuvor gekannte, zerst\u00f6rerische Ausma\u00dfe angenommen hat. Eine Wissenschaftskritik, die den Namen verdient, w\u00fcrde mehr gebraucht denn je.<br \/>\nBereits der erste Artikel des Buches, von Franz Schandl, ist ein Extrakt bester kritischer Theorie. Er entzaubert den Glauben an die reinen Zahlen, das Blendwerk von \u201eFaktenchecks\u201c, die doch nur das Bestreben haben, kritische Positionen wahlweise l\u00e4cherlich zu machen und so abzuspalten aus der Gemeinschaft oder in den hegemonialen Konsens wieder einzuhegen. Schandl tut dies nicht auf die oberfl\u00e4chliche Weise eher esoterischen \u201eWissens\u201c, sondern mit Bezug auf Marx, Adorno &amp; Co. Dieser Essay, in wenigen S\u00e4tzen heruntergebrochen, ist ein Aufruf zur Wiederaneignung substantieller Kritik, formuliert in Zeiten, da Kritik als gef\u00e4hrliche \u201eAbweichung\u201c diffamiert wird.<br \/>\nNach diesem beeindruckenden Auftakt haben die folgenden Beitr\u00e4ge einen schweren Stand. Mona Singer versucht sich an einer technikphilosophischen Kritik von Technologieentwicklung, wobei der Text fundiert, doch auch voraussetzungsvoll ist. Die Autorin kann die gro\u00dfe Thematik nur anrei\u00dfen, es ist tats\u00e4chlich eher der Stoff f\u00fcr ein ganzes Buch \u2013 bzw. h\u00e4tte eine st\u00e4rkere Pointierung auf einen beispielhaften Aspekt dem Text eine gr\u00f6\u00dfere\u2006 \u2006 Verst\u00e4ndlichkeit gegeben.<br \/>\nMaria W\u00f6lflingseder hat sich zwar nicht auf ein Themenfeld konzentriert, sondern auf die zwei Themen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/12\/der-covid-komplex\/\">Impfungen<\/a> (und hier speziell Totimpfstoffe) und 5G, kann aber recht \u00fcberzeugend nachweisen, dass gesundheitliche Gef\u00e4hrdungen, gar eine sozusagen ganzheitliche Technologiefolgenabsch\u00e4tzung nicht im Fokus stehen bei der Durchsetzung dieser Technologien. Im Gegenteil: Es geht ums Gesch\u00e4ft, und wer dieses st\u00f6ren will, wird \u2013 prim\u00e4r verbal \u2013 kaltgestellt. \u201eDie Erkenntnisse einst vielbeachteter kritischer Wissenschaftler wie G\u00fcnther Anders, Erwin Chargaff, Robert Jungk, Ivan Illich oder Paulo Freire w\u00fcrden heute wohl als Fake News in Abrede gestellt\u201c (S. 106), mutma\u00dft sie. Unter diesen Vorzeichen sind selbst vordergr\u00fcndig zum Wohl der Menschen eingerichtete Disziplinen wie die Arbeitsmedizin lediglich Herrschaftstechniken zur optimierten Verwertung der Menschen, d.h. der Profitmaximierung.<br \/>\n\u201eWo bleibt der heilige Zorn?\u201c, fragte Maria W\u00f6lflingseder einmal in einem Zeitungsartikel angesichts dieser Entwicklung in Bezug auf den Wissenschaftskritiker Erwin Chargaff. Die Faktenlage ihres Buchbeitrages \u2013 und der anderen Beitr\u00e4ge \u2013 verm\u00f6gen den Zorn aus einem unsortierten, oft verquasten \u201ealternativen Denken\u201c in Ansatzpunkte radikaler Kritik zu \u00fcberf\u00fchren. Wenigstens f\u00fcr jene, die sich dieser Lekt\u00fcre annehmen.<br \/>\nEin solches Buch kann nur ein Anfang sein auf dem Weg der Reaktivierung von Wissenschaftskritik. Vieles fehlt, etwa ein Update der besonders in den 1980er Jahren f\u00fcr einige Zeit engagiert vorgebrachten Kritik an den Gen- und Reproduktionstechnologien sowie der Bev\u00f6lkerungspolitik. Auch die \u00d6konomisierung von Sozialer Arbeit sowie Kranken- und Altenpflege verdiente einen Beitrag. Aufgrund der Zahlenfixierung und dem Druck, \u201eErfolge\u201c vorzeigen zu k\u00f6nnen, um sich zu legitimieren, wird die wissenschaftliche Qualifizierung vernachl\u00e4ssigt \u2013 von der fehlenden Orientierung an den Bed\u00fcrfnissen der diesen Disziplinen ausgesetzten Menschen einmal ganz abgesehen. Der Fokus dieses Buches liegt auf marxistischen Theorien, weshalb anarchistische Positionen \u2013 wie von Paul Feyerabend \u2013 fehlen. Dennoch: Dieses Buch ist ein illustrativer Kommentar zum Klimawandel, und zugleich ein Impulsgeber, in dem Diskurse, die die Essenz der Herausbildung von Wissenschaft bilden sollten, tabuisiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sammelb\u00e4nde zu besprechen ist immer so eine Sache. Schon der Herausgeber vermerkt die Brutalit\u00e4t, die darin besteht, die komplexe Thematik einzelner Beitr\u00e4ge auf zwei oder drei S\u00e4tze einzudampfen (S.16). 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