{"id":29605,"date":"2023-03-30T10:13:02","date_gmt":"2023-03-30T08:13:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29605"},"modified":"2023-04-07T13:36:03","modified_gmt":"2023-04-07T11:36:03","slug":"alles-arbeit-oder-was","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/03\/alles-arbeit-oder-was\/","title":{"rendered":"Alles Arbeit, oder was?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAlles ist Arbeit\u201c ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und Streitschrift. Mit dem Blick auf Missbesch\u00e4ftigung (malemployment) und Entsch\u00e4ftigung (disemployment) untersuchen Mareile Pfannebecker und James A. Smith hier, wie sich im Neoliberalismus Arbeit und Arbeitslosigkeit immer \u00e4hnlicher wurden: \u201eIn den prek\u00e4rsten F\u00e4llen kann es passieren, dass Besch\u00e4ftigte und Arbeitslose genau dieselbe T\u00e4tigkeit nebeneinander in denselben Unternehmen verrichten, von denselben Essensausgaben ern\u00e4hrt werden und nachts in dieselben Obdachlosenheime zur\u00fcckkehren.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Missbesch\u00e4ftigung und Entsch\u00e4ftigung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Missbesch\u00e4ftigung werden dabei T\u00e4tigkeiten bezeichnet, die keine ausreichende Lebensgrundlage bieten, gesundheitlich sch\u00e4digend sind, gro\u00dfe unbezahlte Anteile haben oder \u00fcberm\u00e4\u00dfig \u00fcberwacht werden. Dass Arbeit an sich im gesellschaftlichen Diskurs als bedeutender gilt, als die Frage, ob Menschen \u00fcberhaupt von dieser leben k\u00f6nnen, ist den Autor*innen zufolge symptomatisch f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen. W\u00e4hrend dieser Diskurs staatliche Hilfe als ineffizient ablehnt, wird die Missbesch\u00e4ftigung zugleich durch Sozialleistungen, Aufstockungen und Kosten im Gesundheitssystem subventioniert.<br \/>\nEntsch\u00e4ftigung meint hingegen statistische oder faktische Ausschl\u00fcsse von Personengruppen, die somit weder Arbeit haben, noch Recht auf Sozialleistungen. Das Ph\u00e4nomen reicht von statistischen Bereinigungen bis hin zu faktischen Abschiebungen.<br \/>\nDes weiteren wird mit dem Begriff der \u201eLebensarbeit\u201c illustriert, wie heute alle Lebensbereiche zu Arbeit werden k\u00f6nnen und dadurch Raum f\u00fcr anderes verschwindet, w\u00e4hrend zugleich klassische Arbeitsstrukturen und Berufe in Aufl\u00f6sung begriffen sind. Das Buch beschreibt, dass Angestellte zunehmend Aufgaben au\u00dferhalb des eigentlichen Berufsbilds \u00fcbernehmen. Zusammenstellungen von Kompetenzen ersetzen konkrete Berufe.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">New Labour und Workfare<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Konzepte werden weitgehend am Beispiel Gro\u00dfbritanniens diskutiert. Dort verdreifachten sich in den 1980er und 90er Jahren die Arbeitslosenzahlen aufgrund der Schlie\u00dfung von Bergwerken. Zugleich wurden die Bedingungen der Arbeitslosigkeit massiv versch\u00e4rft. Im neoliberalen Diskurs erfolgte eine Gleichsetzung wirtschaftlicher Abh\u00e4ngigkeit und k\u00f6rperlicher Sucht, der in den 2010er Jahren den Begriff der Sozialleistungsabh\u00e4ngigkeit hervorbrachte.<br \/>\nDie New Labour Partei unter Tony Blair schuf Programme f\u00fcr Weiterbildung, Arbeitseins\u00e4tze und Sanktionen. Ab sofort ging es nicht mehr um die Absicherung Arbeitsloser, sondern um die F\u00f6rderung Arbeitssuchender. Dieses neue Vokabular ging einher mit einer Gleichsetzung von Arbeit und Gesellschaftszugeh\u00f6rigkeit. Ivor Southwood zufolge wurde auch die Arbeitslosigkeit \u201ein einen Scheinjob verwandelt, komplett mit vorget\u00e4uschtem Arbeitsplatz, Stechuhrzeiten und Vorgesetzten\u201c.<br \/>\n2012 trat unter dem Arbeitsminister Duncan Smith das Workfare-Programm in Kraft, mit dem Sozialleistungen f\u00fcr Arbeit ausbezahlt wurden. Arbeitslose wurden beispielsweise f\u00fcr T\u00e4tigkeiten in Superm\u00e4rkten angeworben, bei denen das Gehalt aus Arbeitslosengeld und Spesen bestand. Zugleich gab es Entlassungen bisheriger Angestellter. In diesem neuen System entschieden ausgelagerte Unternehmen \u00fcber Arbeitsf\u00e4higkeit, was h\u00e4ufig zur Sanktionierung von chronisch Kranken und Menschen mit Behinderung f\u00fchrte. Der Bezug von Sozialleistungen wurde gezielt verkompliziert und Zahlungsverz\u00f6gerungen f\u00fchren h\u00e4ufig zu weiteren Problemen, wie etwa Wohnungsverlust. Dieses neue Sozialregime gibt Geld aus, um Disziplinierungsinstrumente zu schaffen. Pfannebecker und Smith kritisieren hier zusammenfassend: \u201eSozialleistungen k\u00f6nnen nicht den Grundlebensstandard garantieren und gleichzeitig, in Form ihres Entzuges, eine legitime Disziplinierungsma\u00dfnahme darstellen.\u201c<br \/>\nDie ver\u00e4nderten sozialen Bedingen zeigen sich heute in gesunkener Lebenserwartung. Einem Bericht des UN-Sonderberichterstatters Philip Alston zufolge lebte 2018 ein F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung Gro\u00dfbritanniens in Armut. Zugleich lie\u00df die Regierung verlauten, die Besch\u00e4ftigungszahlen seien auf einem Rekordhoch. Doch viele Angestellte haben zu wenig Stunden bei schlechter Bezahlung oder sind durch zu viele Jobs \u00fcberlastet. W\u00e4hrend die Arbeitslosigkeit der Arbeit zunehmend \u00e4hnelt wird zugleich die Arbeit immer prek\u00e4rer. So sind in Gro\u00dfbritannien 55% aller Obdachlosen offiziell erwerbst\u00e4tig.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Vermarktung des eigenen Selbst<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem weiteren Kapitel des Buches geht es um die Theorie des jungen M\u00e4dchens nach dem franz\u00f6sischen Anarcho-Kollektiv Tiqqun. In R\u00fcckgriff auf das Bild junger Frauen aus der Oberschicht des 18. und 19. Jahrhunderts, deren Hauptaufgabe ihre Selbstoptimierung war, wird hier der gesellschaftliche Zwang zur Selbstverwertung diskutiert. Obwohl diese Theorie vor dem Aufkommen sozialer Netzwerke wie Instagram entstand, werden die beschriebenen Mechanismen hier besonders deutlich. Denn das Problem der digitalen Welt \u201eist nicht nur, dass es schwierig ist zu wissen, ob das, was man in einem bestimmten Moment online tut, Freundschaft, Vergn\u00fcgen oder Arbeit ist\u201c, sondern auch, dass das eigene Selbst immer warenf\u00f6rmiger wird. Dabei findet eine Verbindung von Pers\u00f6nlichkeit und Marktwert statt. Der Begriff des \u201ejungen M\u00e4dchens\u201c spiegelt einerseits, dass Frauen und junge Menschen besonders stark von diesen Ph\u00e4nomenen betroffen sind, und meint andererseits alle Menschen \u201ebis hin zum Papst\u201c.<br \/>\nDie Autor*innen stellen die These auf, dass die zunehmende affektive und immaterielle Arbeit, die in den 1980ern als \u201eHausfrauisierung\u201c der Arbeit bezeichnet wurde, \u201ezum Modell f\u00fcr die heutige digitale Wirtschaft geworden\u201c sei. Die \u201eDemokratisierung\u201c durch das Internet bringe ein \u201e\u00dcberma\u00df an Popularit\u00e4tsarbeit und ein \u201e\u00dcberma\u00df an freiwilligen, unbezahlten Inhalten, in struktureller Isolation produziert\u201c mit sich. Dabei sei die Produktion von Inhalten f\u00fcr Youtube und anderen Plattformen \u00e4hnlich prek\u00e4r und unabgesichert wie die Arbeit f\u00fcr Uber und andere Unternehmen der Gig-Economy.<br \/>\nSmith und Pfannebecker argumentieren, dass auch klassische Arbeit immer mehr mit einer Inszenierung des privaten Selbst verbunden ist. Dem Zwang zur Selbstdarstellung im Internet k\u00f6nnen die wenigsten ausweichen. Beispielsweise anhand von Crowd-Funding f\u00fcr Krankenhausrechnungen zeigt sich die \u201eSympathie-\u00d6konomie\u201c, in der Geld aufgrund von Popularit\u00e4t und Darstellung flie\u00dft. Zugleich l\u00e4sst sich bei vielen T\u00e4tigkeiten nicht mehr unterscheiden, ob es um den Wunsch nach Best\u00e4tigung oder das Pflegen der eigenen Marke geht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Post-Arbeits-Diskurse<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits im 19. Jahrhundert gab es skurrile Jobs, die oft dennoch nicht abgelehnt werden konnten. Wie die Autor*innen hier darlegen, war Barlebys \u201eIch m\u00f6chte lieber nicht\u201c bereits damals eine Ausnahme. Heute ist die Ablehnung einer Stelle noch schwieriger geworden, da T\u00e4tigkeiten und Arbeitskr\u00e4fte zunehmend austauschbarer sind. Dies geht mit einem hohen Grad an Schutzlosigkeit einher und wird in der Platzform\u00f6konomie besonders deutlich.<br \/>\nDas Buch setzt sich mit politischen Ans\u00e4tzen auseinander, die \u201eeine vollautomatische Post-Arbeits-Gesellschaft\u201c fordern. Die Autor*innen kritisieren an der Anti-Arbeits-Literatur, dass diese oft konkrete Nutzungen der freiwerdenden Zeit idealisiert und mitunter die unbezahlte Arbeit (Selbermachen, Care-Arbeit) \u00fcber die bezahlte stellt. Sie schreiben, der Post-Arbeits-Diskurs ziele entweder auf Befriedigung heutiger W\u00fcnsche ab oder versuche diese moralisch zu \u00fcberwinden. Hier sehen sie ein Dilemma, da Ver\u00e4nderung nur von den jetzigen Bed\u00fcrfnissen getrieben werden kann und zugleich zuk\u00fcnftige Bed\u00fcrfnisse nicht vorhersehbar sind.<br \/>\nDie Autor*innen fordern einen Vertrauensvorschuss in die zuk\u00fcnftigen Entscheidungen der von Lohnarbeit befreiten Menschen in Bezug auf die Nutzung ihrer Zeit und die Gestaltung der Gesellschaft. Es brauche einen ehrlichen und selbstbewussten Umgang mit dem Risiko des Unbekannten und wahrscheinlich noch unvorstellbaren. Anstatt heutige Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen oder zu \u00fcberwinden, basiere diese \u201edritte Form des Wollens\u201c auf Autonomie und Solidarit\u00e4t. Dem d\u00fcsteren Bild des \u201eAnthropoz\u00e4n\u201c wird hier das \u201eKapitaloz\u00e4n\u201c entgegengesetzt, und so die Hoffnung auf ein postkapitalistisches Wirtschaftsmodell m\u00f6glich, in dem wir nicht nur mehr freie Zeit haben, sondern auch Raum zum Experimentieren. Durch Infragestellung von Eigentum und Kontrolle der kapitalistischen Technologien k\u00f6nnten diese begrenzt und umgestaltet werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Fazit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAlles ist Arbeit\u201c ist einerseits eine lesenswerte Analyse, die vieles zusammenbringt und Ans\u00e4tze neu verbindet. Andererseits ist das Buch stellenweise sehr akademisch. Es nimmt auf viele vorausgehende Konzepte Bezug. Etwa das auf Foucault und Blanchot zur\u00fcckgehende Konzept der Entwerkung (d\u00e9soeuvrement), das einen positiven Blick auf Nicht-Arbeit erm\u00f6glicht. Auf den \u201eliterarischen Kommunismus\u201c nach Jean-Luc Nancy, der eine Vision der Arbeit als \u201eeine auf kreativ geteilten Grenzen basierende Form der Produktion\u201c erm\u00f6glicht. Die Idee des auf das Kollektiv \u201eLaboria Cuboniks\u201c zur\u00fcckgehenden \u201eXenofeminismus\u201c, der durch Aneignung technischer Mittel \u201ehundert Geschlechter erbl\u00fchen [&#8230;] lassen\u201c will.\u2006 \u2006 Aaron Bastianis Utopie eines \u201eFully Automated Luxury Communism\u201c (FALC) wird mit Bezugnahme auf das Silicon Valley weiter diskutiert. Des weiteren ist das Buch gespickt mit Beispielen aus der popkulturellen Welt, w\u00e4hrend der Alltag der Missbesch\u00e4ftigten leider nur auf Metaebene zur Sprache kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAlles ist Arbeit\u201c ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und Streitschrift. Mit dem Blick auf Missbesch\u00e4ftigung (malemployment) und Entsch\u00e4ftigung (disemployment) untersuchen Mareile Pfannebecker und James A. 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