{"id":29609,"date":"2023-03-30T10:13:01","date_gmt":"2023-03-30T08:13:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29609"},"modified":"2023-04-07T14:07:53","modified_gmt":"2023-04-07T12:07:53","slug":"spanischer-anarchismus-und-anarchistische-geographie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/03\/spanischer-anarchismus-und-anarchistische-geographie\/","title":{"rendered":"Spanischer Anarchismus und anarchistische Geographie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild der damals 17j\u00e4hrigen Milizion\u00e4rin Maria Ginest\u00e0 (1919-2014), die eine sowjetische Delegation in Spanien als Dolmetscherin begleitete, ist eine ikonographische Aufnahme aus der Zeit des B\u00fcrgerkrieges und der Sozialen Revolution in Spanien. Gut 40 Jahre nachdem dieses Foto entstand, d.h. zur Zeit des Todes von General Franco und dem Beginn der Transition in Spanien, ver\u00f6ffentlichte die im Exil lebende Anarchistin Ginest\u00e0 den Roman, der u.a. mit dem anarchistischen Salvador-Segui-Preis ausgezeichnet wurde und jetzt erstmalig in deutscher Sprache vorliegt. Die Geschichte, die sie erz\u00e4hlt, ist die zweier Familien in Barcelona der 1920er Jahre, einer durch Streiks, Aufst\u00e4nde und gewaltsame Unterdr\u00fcckung revolution\u00e4rer Str\u00f6mungen gepr\u00e4gten Zeit. Stilistisch ist der Roman leider etwas schwach, aber als Zeitdokument um so interessanter. Hier schreibt eine Frau, die Ahnung davon hat und die Zeit fast selbst noch erlebt hat. Als Vorwort gibt es eine Einleitung von Bernard Maris, einem bereits verstorbenen Redakteur von Charlie Hebdo, der den Roman zeitgeschichtlich einordnet. Abschlie\u00dfend gibt es noch eine historische Einordnung durch den Sohn der Autorin, Manuel Peri\u00e1nas-Ginest\u00e0. Eine Chronologie des spanischen Anarchismus und ein Personenverzeichnis runden den Band ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Band ist von David Graeber. Das Vorwort hierf\u00fcr verfasste die Autorin und Associate Professor for Human Rights an der LSE London Ayca Cubukcu, einer Hochschule, an der Graeber selber lehrte. Sie kontextualisiert die zwei abgedruckten Texte von ihm und schlie\u00dft ihre Einordnung des Anarchisten mit den programmatischen Worten: \u201eWir sollten ihn daher nicht durch Verg\u00f6tterung oder Kanonisierung versteinern, sondern stattdessen seine Beitr\u00e4ge zu Anthropologie und Anarchismus gleicherma\u00dfen als Einladungen zum Denken sehen.\u201c (S. 16). Dieser Ansatz entspricht dem fragmentarischen Charakter der beiden Texte.<br \/>\nDie beiden Beitr\u00e4ge des US-amerikanischen Kulturanthropologen und politischen Aktivisten David Graeber (1961-2020) \u2013 \u201eEinen Westen hat es nie gegeben\u201c (2007) und \u201eFragmente einer anarchistischen Anthropologie\u201c (2004) \u2013 wurden bereits beim Peter Hammer Verlag ver\u00f6ffentlicht. F\u00fcr diese vorliegende Publikation wurden die \u00dcbersetzungen beider Beitr\u00e4ge noch einmal \u00fcberarbeitet und aktualisiert. Der fragmentarisch wirkende Text \u00fcber anarchistische Anthropologie ist einer der einflussreichsten Texte Graebers in der zeitgen\u00f6ssischen Rezeption, weist aber immer noch eine hohe Aktualit\u00e4t auf. Eingangs merkt er an: \u201eWas folgt, ist eine Reihe von Gedanken und Skizzen zu m\u00f6glichen Theorien und Kleinmanifesten.\u201c (S. 17). Dabei thematisiert er u.a. auch die Gr\u00fcnde, warum es kaum eine Auseinandersetzung mit Anarchismus im universit\u00e4ren Raum gibt. Gleichzeitig zeigt er am Beispiel der Kulturanthropologie auf, dass es \u00dcberscheidungen und \u00c4hnlichkeiten zwischen klassischen kulturanthropologischen Ans\u00e4tzen und anarchistischer Theorie gibt \u2013 z. B. am Beispiel Marcel Mauss, was eine Auseinandersetzung mit dem Themenfeld fruchtbar machen w\u00fcrde. Dabei schwingt bei ihm sympathischer Weise auch stets eine klare Abgrenzung des Anarchismus gegen\u00fcber dem Marxismus mit. Weitere Themen sind: Gegenmacht, Konzept der Revolution, Anti-Utopismus, Globalisierung, Kampf gegen Arbeit usw.. Es handelt sich um eine Art Steinbruch von Ideen f\u00fcr einen aktuellen Anarchismus. Graeber beendet jene Fragmente mit der Aussage: \u201eIch bin der Ansicht, die Anthropolg_innen sollten mit Ihnen [den Anarchist_innen] gemeinsame Sache machen. Wir wissen um Mittel und M\u00f6glichkeiten, die von enormer Bedeutung f\u00fcr die menschliche Freiheit sind. Fangen wir damit an, einige Verantwortung daf\u00fcr zu \u00fcbernehmen.\u201c (S. 123).<br \/>\nDer zweite Beitrag von Graeber mit dem Untertitel \u201eDie Demokratie erw\u00e4chst aus den Zwischenr\u00e4umen\u201c entstand laut eigener Angaben aus Graebers \u201eErfahrungen mit der alternativen Globalisierungsbewegung\u201c (S. 125). In diesem Beitrag diskutiert er das Konzept der Demokratie \u2013 unter der Perspektive, dieses Konzept als rein westlich zu hinterfragen. Er zeigt sich dabei als reflektierter und kompetenter politischer Theoretiker.<br \/>\nAlles in allem zwei empfehlenswerte Titel aus dem Hause Unrast!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bild der damals 17j\u00e4hrigen Milizion\u00e4rin Maria Ginest\u00e0 (1919-2014), die eine sowjetische Delegation in Spanien als Dolmetscherin begleitete, ist eine ikonographische Aufnahme aus der Zeit des B\u00fcrgerkrieges und der Sozialen Revolution in Spanien. 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