{"id":29613,"date":"2023-04-01T19:10:31","date_gmt":"2023-04-01T17:10:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29613"},"modified":"2023-04-10T16:39:23","modified_gmt":"2023-04-10T14:39:23","slug":"hegemonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/04\/hegemonie\/","title":{"rendered":"Hegemonie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ein neuer Insasse betritt den Gef\u00e4ngnishof und trifft auf ein paar Mitgefangene. \u201eNeugierig zu erfahren, was drau\u00dfen vor sich ging, n\u00e4herten wir uns\u201c, berichtet Ercole Piacentini. \u201e\u2018Ich hei\u00dfe Gramsci\u2018 [sagte der Neue]. Er fragte noch, welcher Bewegung man angeh\u00f6rte. Ceresa und ich sagten, wir seien Kommunisten, die anderen waren alle Anarchisten. Ehrlich gesagt wu\u00dfte niemand, wer Gramsci war, er war irgendwer.\u201c((1)) Diese Schilderung findet sich in einer Fu\u00dfnote in der Einleitung zum ersten Band der Gef\u00e4ngnishefte von Antonio Gramsci (1891\u20131937). Es handelt sich um die gesammelten und eben in Haft verfassten Schriften des italienischen Parteistrategen und Kulturtheoretikers, der 1926 unter Mussolini inhaftiert worden war. Von Bardolino am Gardasee bis Cefalu auf Sizilien gibt es heute kaum eine Stadt in Italien, die nicht \u00fcber einen Gramsci-Platz oder eine Gramsci-Stra\u00dfe verf\u00fcgen w\u00fcrde.<br \/>\nF\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/langhaarige-und-frenetische-romantiker\/\">Anarchist*innen<\/a> allerdings k\u00f6nnte die Feststellung Piacentinis auch heute noch gelten. Auch wenn all die nach Gramsci benannten Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze sicherlich mehr den Mitbegr\u00fcnder der Kommunistischen Partei Italiens als den Verfasser einer Kulturtheorie der Herrschaft w\u00fcrdigen, d\u00fcrfte die relative Unbekanntheit von Gramscis Schriften in der anarchistischen Theorie ein echtes Vers\u00e4umnis sein. Denn der von Gramsci gepr\u00e4gte Begriff der Hegemonie liefert Aspekte einer Herrschaftstheorie, die auch Anarchist*innen mindestens zur Kenntnis nehmen, wenn nicht gar in ihre Ans\u00e4tze integrieren sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt sicherlich Ausnahmen, also Anarchist*innen, die Gramsci kennen. ((2)) Der post-anarchistische Autor Richard J.F. Day geh\u00f6rt definitiv dazu. Der hatte vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, dessen Titel dem Anliegen dieser Glosse aber gleich wieder entgegenzustehen scheint. Es hei\u00dft n\u00e4mlich Gramsci is dead. ((3)) Dass der Autor Gramsci 1937 an den Folgen der Haft starb, l\u00e4sst sich schnell herausfinden, worum es Day aber ganz offensichtlich geht, ist ein Abschied von den Inhalten seiner Theorie.<br \/>\nHier w\u00e4re dann aber zu unterscheiden zwischen dem analytischen und dem politischen Gehalt dessen, was Gramsci uns gegebenenfalls zu sagen hat. Gestorben ist f\u00fcr Day vor allem die politische Dimension von Gramscis Ansatz, n\u00e4mlich die strategische Ausrichtung des politischen Kampfes an hegemonialen Verschiebungen und die Unterordnung der organisatorischen und allt\u00e4glichen Ausrichtung unter dieses Ziel der Erlangung von Hegemonie. Das Wort bedeutet Vorherrschaft, taucht auch bei Aristoteles und Lenin schon auf, und wurde von Gramsci theoriestrategisch neu gef\u00fcllt.<br \/>\nAber es hatte zun\u00e4chst auch analytischen Wert: Warum, fragte sich Gramsci Anfang der 1920er Jahre \u2013 \u00fcbrigens ganz \u00e4hnlich wie die Vertreter der fr\u00fchen Kritischen Theorie \u2013, sind die Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg in den \u00f6konomisch am weitesten fortgeschrittenen L\u00e4ndern Europa, anders als in den Annahmen von Marx und Engels hinsichtlich des Verlaufs der Geschichte, gescheitert?<br \/>\nDie Antwort: Es ist den herrschenden Klassen gelungen, ihre eigenen Vorstellungen und Ansichten (\u00fcber das, was gesellschaftlich als gut und richtig gilt) als allgemeine durchzusetzen, sie haben eine kulturelle Hegemonie errungen. ((4)) F\u00fcr Gramsci wurde diese historische Tatsache zu einem Modell f\u00fcr die Analyse von Gesellschaften: Wie wird Hegemonie durch die Herstellung von Einverst\u00e4ndnis und Konsens erzeugt? Das l\u00e4sst sich f\u00fcr jede gesellschaftliche Formation fragen und diese Frage ist herrschaftstheoretisch immens wichtig. Sie weist n\u00e4mlich darauf hin, dass Herrschaft nie allein durch Unterdr\u00fcckung, also angedrohte und ausge\u00fcbte Gewalt gesichert wird, sondern immer auch \u00fcber die Organisation von \u00dcbereinstimmung. Und sie zeigt auf, dass Herrschaft nie allein \u00f6konomisch fundiert, sondern immer kulturell vermittelt ist. Indem \u201eder Hegemoniebegriff entwickelt\u201c ((5)) wird, schrieb Gramsci, kann auch der \u00d6konomismus bek\u00e4mpft und nachgezeichnet werden, wie Einverst\u00e4ndnis und Affirmation durch kulturelle Praktiken hergestellt werden. Gramscis Begriff der Hegemonie, darauf hat zuletzt die Politikwissenschaftlerin Lene Kempe aus neogramscianischer Sicht hingewiesen, \u201everweist also vor allem auf die Vieldimensionalit\u00e4t von Herrschaft\u201c ((6)). Das sollte durchaus auch f\u00fcr anarchistische Theorie eine Feststellung f\u00fcr lohnende Auseinandersetzungen sein \u2013 zumal hier die Frage nach \u201efreiwilliger Knechtschaft\u201c, die \u00c9tienne de la Boetie schon 1550 gestellt hatte, durchaus als Vorl\u00e4uferin gelten kann. ((7))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Politisch wurde die Frage nach der Hegemonie allerdings dann h\u00e4ufig zu einer Legimitationsfigur f\u00fcr die strategischen und taktischen Man\u00f6ver der Kommunistischen Partei(en) nach dem Motto \u201eWir machen jetzt nicht Revolution, es muss erst eine hegemoniale Situation erzeugt werden\u201c, oder \u201eAuch wenn es nicht so aussieht, als seien wir noch revolution\u00e4r, es dient alles der Hegemonie der Arbeiterklasse!\u201c. Diese politische Dimension m\u00f6chte Richard J.F. Day sterben sehen, wenn er Hegemonie als \u201egleichzeitig zwangsweisen und konsensuellen Kampf um Dominanz\u201c ((8)) (\u201esimultaneously coercive and consensual struggle for dominance\u201c) beschreibt, auf den sich Anarchist*innen gar nicht erst einlassen sollten. Schlie\u00dflich k\u00e4mpfen wir nicht um Dominanz und Herrschaft, sondern gegen sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber weil auch Anarchist*innen und Linke \u00fcberhaupt in einer sozialen Welt leben, die sie bewohnen m\u00fcssen, deren herrschaftliche und ausbeuterischen Aspekte sie ablehnen und abschaffen wollen, stellt sich eben die Frage, wie sie sich innerhalb dieser Dominanzverh\u00e4ltnisse verhalten sollen. Ist nicht jede anarchistisch inspirierte Aktion und jeder Text in einer anarchistischen Zeitschrift auch mit der Hoffnung verbunden, gesellschaftliche \u00dcbereink\u00fcnfte, konsensuelle Politiken und Gepflogenheiten zu durchbrechen und zu verschieben?! Gramsci hatte solche Interventionen als den Kampf in \u201eKr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen\u201c ((9)) beschrieben. Herrschaft ist nie endg\u00fcltig und nie einheitlich. Sie muss immer wieder neu hergestellt werden und sie rekonstruiert sich, indem Kr\u00e4fte mobilisiert, in Stellung gebracht und tempor\u00e4r zur Durchsetzung gebracht werden. Wie sich Menschen in diesen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen kollektiv positionieren, hat Auswirkungen auf den Bestand dieser Verh\u00e4ltnisse: Was f\u00fcr die Pr\u00fcgelstrafe gilt, dass sie durch das Gemisch aus K\u00fcchentischdiskussionen, wissenschaftlichen Studien, Protesten Betroffener usw. gesellschaftlich delegitimiert und damit weitgehend abgeschafft wurde, k\u00f6nnte im Prinzip auch dem Privateigentum oder jedem anderen Gegenstand bl\u00fchen. So lie\u00dfe sich also auch aus postanarchistischer Sicht proklamieren: \u201eRein in die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse!\u201c ((10))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gro\u00dfen und Ganzen ist Gramsci in anarchistischen Bewegungen und theoretischen Abs\u00e4tzen bis heute \u201eirgendwer\u201c. Die Frage nach Strategie und Praxis innerhalb von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen sollte aber deutlich machen, dass es sich durchaus auch f\u00fcr Leute mit anarchistischer Gesinnung lohnen w\u00fcrde zu wissen, wer Gramsci war und was er zu sagen hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neuer Insasse betritt den Gef\u00e4ngnishof und trifft auf ein paar Mitgefangene. \u201eNeugierig zu erfahren, was drau\u00dfen vor sich ging, n\u00e4herten wir uns\u201c, berichtet Ercole Piacentini. \u201e\u2018Ich hei\u00dfe Gramsci\u2018 [sagte der Neue]. Er fragte noch, welcher Bewegung man angeh\u00f6rte. Ceresa und ich sagten, wir seien Kommunisten, die anderen waren alle Anarchisten. 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