{"id":29617,"date":"2023-04-01T21:14:30","date_gmt":"2023-04-01T19:14:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29617"},"modified":"2023-08-13T14:22:22","modified_gmt":"2023-08-13T12:22:22","slug":"es-geht-um-selbstbestimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/04\/es-geht-um-selbstbestimmung\/","title":{"rendered":"\u201eEs geht um Selbstbestimmung\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Shouresh, kannst du dich bitte vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: Mein Name ist Shouresh. Ich bin 42 Jahre alt und lebe seit 1987 in M\u00fcnster. Wir sind damals mit meinem Vater und meinen Geschwistern aus dem Iran geflohen. Dann ist meine Mutter mit der J\u00fcngsten nachgezogen. Seitdem sind wir in M\u00fcnster. Dadurch, dass mein Vater, schon seitdem wir in Deutschland sind, hier politisch aktiv ist, waren wir bis jetzt immer mit dabei. Ich versuche immer die Revolutionsbewegungen und die Proteste, die es seit vielen Jahren gibt, zu unterst\u00fctzen. Seit dem 16. September 2022, seitdem Jina Mahsa Amini im Gewahrsam der islamischen Sittenpolizei in Teheran ermordet worden ist, machen wir jede Woche Kundgebungen ((2)). Am Anfang waren es mehrere in der Woche, aber dann haben wir es auf die Samstage reduziert. Wir, eine iranische Community mit Unterst\u00fctzung von Nicht-Iranern, versuchen die Stimme der Menschen im Iran in die Welt zu streuen und Aufmerksamkeit auf die Menschen im Iran zu lenken, damit sie und die Bewegung nicht vergessen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Alexandra, du bist aktiv in der Solidarit\u00e4tsbewegung mit der feministischen Bewegung im Iran.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexandra: Ich bin ehrenamtlich engagiert u. a. in der Persisch-Deutschen Kulturbr\u00fccke Poll und gut vernetzt in der Community. Seit Beginn dieser Kundgebungen aus Anlass der Ermordung von Jina Mahsa Amini, bin ich mit dabei. Bemerkenswert ist, dass diese Revolution von Frauen ausgegangen ist und aus den kurdischen Gebieten. Das hat eine ganz andere Dimension als bislang alle Revolutionsans\u00e4tze hatten. Das n\u00e4mlich zum einen die Frauen aktiv sind und zum anderen damit auch gesagt ist, dass alle Menschen im Iran, egal welcher ethnischen oder politischen Zugeh\u00f6rigkeit, da an der Befreiung gegen das Mullah-Regime mit engagiert sein sollen. Das ist mir das Wichtigste und das ist das Ziel, das wir verfolgen sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Kannst Du etwas zu den Urspr\u00fcngen dieser Massenbewegung sagen, die seit September im Iran auf die Stra\u00dfe geht? Es gab ja einen konkreten Ausl\u00f6ser.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: Der Ausl\u00f6ser war im September 2022, wo die 22-j\u00e4hrige, iranische Kurdin Jina Mahsa Amini mit ihrem Bruder in Teheran Urlaub machen wollte und dann von der Sittenpolizei festgenommen und so geschlagen worden ist, dass sie ein paar Tage sp\u00e4ter im Krankenhaus gestorben ist. Die Islamische Republik ist seit 1979 an der Macht. Immer wieder gibt es Proteste im Iran. Aber immer wieder werden sie gewaltsam unterdr\u00fcckt. Die j\u00fcngsten <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/massenproteste-im-iran\/\">Proteste<\/a> waren 2019. Da wurden alleine innerhalb von einer Woche 1500 Leute umgebracht. Es gibt immer Proteste, aber es gibt immer Festnahmen und das macht Angst. Dann gehen sie wieder alle nach Hause.<br \/>\nDie Revolutionsbewegung diesmal h\u00e4lt schon seit Monaten. Warum? Weil die Frauen so stark waren und vorne dabei. Aber auch, weil unsere Sch\u00fcler*innen, die Student*innen, die Arbeiter*innenbewegung, alle Ethnien von allen sozialen Schichten sich jetzt alle zusammengetan haben. 44 Jahre Unterdr\u00fcckung und Diktatur &#8211; es reicht! Man sieht immer wieder Proteste auf den Stra\u00dfen. In letzter Zeit sind sie ein bisschen zur\u00fcckgegangen, daf\u00fcr gab es viele Streiks. Die Streikenden waren von Anfang aktiv und immer dabei gewesen, was wichtig ist, weil es wirtschaftlich das Regime schw\u00e4cht. Es gibt viele Streiks und Generalstreiks, wo viele mitgemacht haben. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass die Menschen, die auf die Stra\u00dfe gehen, mit ihrem Leben bezahlen. Sie wissen nicht, ob sie wieder nach Hause kommen. Das ist nicht so wie bei uns. Wenn dann Leute hier fragen: \u201eWieso gehen die nicht raus?\u201c Also, Entschuldigung, ich wei\u00df gar nicht, ob ich so mutig w\u00e4re. Wir wissen, dass sie das tun. Allein in den letzten f\u00fcnf Monaten hat das Regime 20.000 politische Gefangene genommen, ganz zu schweigen von denen, die schon vorher inhaftiert wurden. \u00dcber 550 Menschen sind in den letzten Monaten get\u00f6tet worden, davon 71 Kinder. Das sind Zahlen, die wir jetzt hier h\u00f6ren. Wir wissen nicht, ob es mehr sind. Auch die Student*innen waren so aktiv gewesen, die Professoren, die Lehrer*innen. In den Gef\u00e4ngnissen sitzen gerade alle: Rechtsanw\u00e4lte, Umweltaktivist*innen, alle sind in den Gef\u00e4ngnissen. Das ist ein Punkt, der uns sehr wichtig ist: die politischen Gefangenen. Aber es ist nicht abgeschw\u00e4cht. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir hier weiterhin laut sind und die Aufmerksamkeit nicht aufgeben und versuchen sie aufrecht zu erhalten, damit das nicht wieder vergessen wird. Ich denke, das schaffen wir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Das Motto der Bewegung ist \u201eFrau, Leben, Freiheit\u201c. K\u00f6nnt Ihr etwas zur Situation der Frauen im Iran erz\u00e4hlen? Unter welchen Bedingungen leben Frauen in der iranischen Theokratie? Wie erkl\u00e4rt Ihr euch, dass die Frauen Tr\u00e4gerinnen dieser Revolution sind? Im ganzen Iran, vor allem auch in den kurdischen Gebieten, gab es gro\u00dfe Proteste, obwohl die Polizei gnadenlos agiert und auch auf Demonstrant:innen schie\u00dft.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_29734\" aria-describedby=\"caption-attachment-29734\" style=\"width: 420px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-29734\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BerndIran.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BerndIran.jpg 420w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BerndIran-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BerndIran-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BerndIran-113x150.jpg 113w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-29734\" class=\"wp-caption-text\">Shouresh bei der Westf\u00e4lischen Friedenskette M\u00fcnster-Osnabr\u00fcck, an der sich am 24.2.2023 knapp 20.000 Kriegsgegner:innen bteiligt haben &#8211; Foto: Bernd Dr\u00fccke<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexandra: Ich schlie\u00dfe direkt an. Die politischen Gefangenen sind nicht einfach in Haft, sie werden gefoltert, die Frauen und M\u00e4nner werden vergewaltigt. Ich wei\u00df nicht, wer den Film \u201eBorn in Evin\u201c ((3)) von Maryam Zaree gesehen hat, \u00fcber die Lebensbedingungen von Frauen im ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Evin-Gef\u00e4ngnis. Dass da Frauen ohne Schreien zu d\u00fcrfen, geb\u00e4ren mussten, ansonsten wurden sie wieder gefoltert. Das ist in keinster Weise mit der Situation hier zu vergleichen. Wer da raus geht, dem ist klar, das kann unglaublich grausam sein, bis zum Tod.<br \/>\nDie Menschen leben im Iran schon lange ziemlich schlecht. Das hat etwas mit der Wirtschaft und mit dem Mullah-Regime zu tun. Die Inflationsrate ist ungef\u00e4hr so wie in der Weimarer Republik w\u00e4hrend der Weltwirtschaftskrise, so dass das Geld nichts mehr wert ist, dass du damit nichts mehr kaufen kannst. Es gibt eine sehr d\u00fcnne Schicht, Pasdaran, die Revolutionsgarden und das Regime, die davon prosperieren. Die leben gut. Die anderen k\u00f6nnen von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Das hat einen riesigen Groll \u00fcber das ganze Land gezogen. Die Frauen sind extrem erbost dar\u00fcber, weil sie sich darum k\u00fcmmern m\u00fcssen, dass ihre Familien \u00fcber Wasser bleiben. Deswegen waren sie in besonderer Weise sensibilisiert. Au\u00dferdem: ein Zwang, sich zu verh\u00fcllen, um ein Gesellschaftssystem aufrecht zu erhalten, was nicht funktioniert, was mit Religion und Terror zusammengekittet wird, das ist f\u00fcr Frauen immer nachteilig. Der Schah hatte vorher die Kopft\u00fccher abgerissen und gesagt: \u201eIhr d\u00fcrft sie nicht mehr tragen\u201c. Auch das war nicht im Sinne der Gesellschaft und der Frauen. Der Verh\u00fcllungszwang, der dann bei Jina Mahsa Amini so tragisch ihren Tod zur Konsequenz hatte, das war ein Ausl\u00f6ser, wo viele Dinge zusammengekommen sind. Dieser Groll dar\u00fcber, dass es eine unglaubliche Bigotterie des Regimes gibt. Und dann das. Es sind nicht alleine die Kurden, nicht alleine universit\u00e4re Unruhen oder Elite-Unruhen. Alle haben die Schnauze voll. Das ist das, was es so intensiv macht und so lang andauernd. Auch, wenn die Demos nicht jeden Tag so gro\u00df sind, es brodelt nach wie vor. Das Regime kommt nicht auf die F\u00fc\u00dfe und versucht dann auch, mit Macht nach au\u00dfen, mit Unterst\u00fctzung Russlands an der Macht zu bleiben. Das ist im Grunde nur noch eine Verzweiflungstat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: Die Frauen leiden seit vielen Jahren unter gro\u00dfer Unterdr\u00fcckung. Es geht um Selbstbestimmung, nicht nur um das Kopftuch, darum, dass die Frauen das anziehen k\u00f6nnen, was sie anziehen wollen. Es gibt auch noch andere Punkte, zum Beispiel, wenn eine Frau sich von ihrem Mann trennt, kriegt sie nicht das Sorgerecht f\u00fcr ihr Kind, wenn eine Frau einen Ausweis haben m\u00f6chte, geht das nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes oder ihres Vaters. Eine nicht verheiratete Frau darf im Iran nicht alleine verreisen und in Hotels einchecken. Sie darf nicht in ein Fu\u00dfballstadion gehen, darf nicht Fahrrad fahren, darf so vieles nicht. Bei Zeugenaussagen z\u00e4hlt die Stimme eines Mannes soviel wie die von zwei Frauen. Wir haben viele gebildete Frauen im Iran. Das k\u00f6nnen sie nicht ertragen. Es gab immer Proteste. Vor allem die Jugend kann das nicht mehr ertragen und zeigt ihren Unmut. Die Freiheit der Gesellschaft ist ohne die Freiheit der Frau nicht m\u00f6glich. Das ist das, was wichtig ist. In den kurdischen Gebieten, da hat es angefangen mit: \u201eJin, Jihan, Azadi\u201c. Das hat eine Bedeutung, denn das iranische Regime will die Kurden unterdr\u00fccken, auch diese laute Stimme unterdr\u00fccken. In den kurdischen Gebieten wird anders vorgegangen als in Teheran, da sind Panzer, da ist die Revolutionsgarde, da wird mit scharfer Munition geschossen. Da sind fast jeden Tag Hinrichtungen, von denen wir hier im Ausland in der Regel nichts h\u00f6ren. Gestern wurde ein kurdischer junger Mann hingerichtet. Wir h\u00f6ren keine Namen, weil viele Kurd*innen weder Ausweis noch Geburtsurkunde haben. Es gibt so viele Festnahmen in den kurdischen Gebieten. Obwohl im Iran allgemein weniger auf die Stra\u00dfe gegangen wurde, gibt es in den kurdischen Gebieten und in Balutschistan jeden Freitag Massendemonstrationen. Die sind so stark und so mutig. Diesen Mut will das Regime mit aller Gewalt unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Die Herrschaft des Schahs von Persien, die auch eine Diktatur, ein brutales Folter- und Staatsterrorregime war, ist 1979 durch die Revolution hinweggefegt worden. Es gab damals Hoffnungen auch bei vielen Linken weltweit, die gedacht haben, jetzt gibt es eine Demokratisierung im Iran, vielleicht wird sich dort eine freiheitlich-sozialistische Gesellschaft entwickeln. Dann ist relativ schnell mit ihrem religi\u00f6sen F\u00fchrer Ajatollah Khomeini die theokratische Mullah-Diktatur entstanden und an der Macht geblieben. Die emanzipatorischen Kr\u00e4fte landeten wieder in den Folterkellern oder mussten das Land verlassen. Heute wird die neue soziale Revolutionsbewegung gegen das Regime durch eine weltweite Solidarit\u00e4tsbewegung unterst\u00fctzt. In Berlin haben im Oktober 80.000 Menschen gegen die Mullah-Diktatur demonstriert, in vielen St\u00e4dten finden regelm\u00e4\u00dfig Kundgebungen statt. Das Schah-Regime ist 1979 ins Exil gegangen. Nun m\u00f6chte Reza Pahlavi, der \u00e4lteste Sohn des Schah, an die Macht kommen. Bei Iran-Kundgebungen waren im Februar 2023 auch royalistische Fahnen zu sehen, von Menschen, die ihn sich als neuen iranischen Herrscher w\u00fcnschen. M\u00f6chtest Du dazu etwas sagen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexandra: Das gibt es. Da wundert man sich, weil das Schah-Regime ja auch <strong>ein<\/strong> Terrorregime war f\u00fcr die Menschen. Der Schah war sehr westlich orientiert und der Westen hat beste Gesch\u00e4fte mit ihm gemacht. Der Westen fand die Revolution nicht lustig. Khomeini war noch im Exil in Frankreich. Es war eine bunt gemischte Revolutionsbewegung aus b\u00fcrgerlichen, sozialistischen, auch aus religi\u00f6sen Bewegungen, die dann die Revolution zusammen gemacht und den Schah verjagt haben. In kurzer Zeit sind die Religi\u00f6sen dann an die Macht gekommen und haben dann alle anderen bedroht, verfolgt, umgebracht. Viele Menschen mussten ins Exil gehen. Und das Exil tut weh. Nun gibt es tats\u00e4chlich wieder monarchistische Anh\u00e4nger. Reza Pahlavi gibt sich moderat, seine Frau und seine Tochter weniger. Die k\u00fcndigen schon an, was sie machen wollen, wenn sie an der Macht sind. Soweit ich das geh\u00f6rt habe, haben die im Iran aber keine besondere Bedeutung, weil die Leute sagen: \u201eWir haben eine Diktatur vertrieben, haben daf\u00fcr die n\u00e4chste bekommen. Wollen wir wieder eine haben? Wir wollen jetzt Freiheit haben.\u201c Damals wurde das Schah-Regime von den USA und Europa unterst\u00fctzt. Ich erinnere an den Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 von einem Polizisten erschossen wurde, als er gegen den Besuch des Schahs in West-Berlin demonstriert hat. Daraus hatten sich dann noch ganz andere Dinge entwickelt, leider nicht zum Guten. Der Westen war f\u00fcr den Schah und hat der Entwicklung im Iran wenig Chancen gegeben. Das hat auch dazu beigetragen, dass die Religi\u00f6sen eine bessere Chance bekommen haben. Ich hoffe, dass die Menschen im Iran etwas anderes wollen als wieder einen Monarchen an der Spitze. Ich denke, dass sich die Bewegung gegen das Mullah-Regime auch hier in Deutschland nicht auseinanderdividieren sollte, ich habe aber Respekt vor Leuten, die sagen: \u201eWir ertragen das nicht, wenn hier die Monarchisten-Fahnen wehen\u201c. Ich finde es trotzdem bedauerlich, weil wir im Augenblick eine gemeinsame Aufgabe haben, n\u00e4mlich dieses Mullah-Regime zu st\u00fcrzen und daf\u00fcr in Europa, USA und Kanada die Politiker*innen zusammenbekommen, dass sie das vorantreiben. Da sind wir n\u00e4mlich noch nicht. Diese Revolution l\u00e4sst sich nicht mehr plattmachen. Es gab viele Vorl\u00e4ufer und es gibt viele Opfer dieses Regimes, aber diese Revolution ist jetzt am l\u00e4ngsten dran und auch eine Folge von denen, die davor waren. Das hei\u00dft, die anderen sind nicht weg, sondern sozusagen in der Genetik der jetzigen Revolution mit drin. Aber wir m\u00fcssen uns in Europa k\u00fcmmern, dass die Politiker*innen endlich aufwachen und sagen: \u201eWir h\u00f6ren auf, Gesch\u00e4fte mit diesem Regime zu machen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: Unterdr\u00fcckung, Armut und Ungerechtigkeit im Iran. Das Regime hat nur deshalb so handeln k\u00f6nnen, weil es alles versteckt gemacht hat. Aber diesmal ist es anders. Die Welt schaut zu. Daf\u00fcr sorgen wir alle im Ausland und die Menschen im Iran, die die Videos machen und in den sozialen Medien ver\u00f6ffentlichen. Die Journalist*innen, die wir im Ausland haben, machen gute Arbeit, Gilda Sahebi und viele andere. Die Menschen wollen Freiheit, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, universelle Werte, daf\u00fcr k\u00e4mpfen sie. 20 unabh\u00e4ngige Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen aus dem Iran haben eine Charta ((4)) mit Forderungen ver\u00f6ffentlicht, wo sie klar formulieren, was sie wollen: Keine Diktatur, keinen Anf\u00fchrer, Gleichberechtigung, all diese Punkte. Was wir hier wollen, ist nicht so wichtig. Wir k\u00f6nnen hier nur erz\u00e4hlen, was im Iran passiert und Aufmerksamkeit herstellen. Das ist unsere Aufgabe im Ausland. Wir w\u00fcnschen uns Demokratie im Iran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexandra: Bei den Hinrichtungen und Verurteilungen wird deutlich, dass es keine Gewaltenteilung im Iran gibt. Gewaltenteilung ist ein Garant f\u00fcr Demokratie. Wenn die Polizei gleichzeitig entscheidet, wer lebt und wer stirbt, dann kann das keine Demokratie werden. Man kann viel gegen Demokratie sagen und wie sie ausgelebt wird in den unterschiedlichen L\u00e4ndern, aber da habe ich immer noch die meisten Chancen zu \u00fcberleben und meine Meinung und was mir wichtig ist, zum Ausdruck zu bringen. Ob das jetzt Russland oder der Iran ist, da geht das nicht, da ist man schnell weg vom Fenster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Am 21. Februar 2023 wurde der 2020 vom iranischen Geheimdienst entf\u00fchrte und gefolterte Menschenrechtsaktivist und Deutsch-Iraner Jamshid Sharmahd zum Tode verurteilt \u2013 wegen \u201eKorruption auf Erden\u201c. Die Reaktion der Bundesregierung darauf war, dass sie zwei iranische Diplomaten ausgewiesen hat. Ich finde das besch\u00e4mend. Was sind Eure Forderungen an die EU und die Bundesrepublik?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: Deutschland ist der zweitgr\u00f6\u00dfte Handelspartner des Iran. Seit f\u00fcnf Monaten reden wir uns den Mund fusselig und demonstrieren in den St\u00e4dten, in Paris, Br\u00fcssel, Stra\u00dfburg und Berlin, wo wir die Forderungen an die EU und die Bundesregierung stellen, wie z.B. dass die Revolutionsgarde als Terrororganisation auf die Sanktionsliste muss, die Botschaften m\u00fcssen geschlossen werden, die Konten der Revolutionsgarde und des Regimes m\u00fcssen eingefroren werden. Aber es h\u00f6rt keiner auf uns.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Freiheit der Gesellschaft ist ohne die Freiheit der Frau nicht m\u00f6glich.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt sch\u00f6ne Worte, aber so richtig passiert nichts. Es gibt nur kleine Sankti\u00f6nchen. Ich habe das Gef\u00fchl, dass die Bundesregierung hofft, dass sich auch diese Oppositionsbewegung wieder abschw\u00e4cht und verschwindet. Deshalb warten sie, damit sie weiter Handel mit dem Regime treiben k\u00f6nnen. Aber sie sehen auch, dass es diesmal nicht so ist. Wir wissen, dass f\u00fcr sie Menschenrechte nicht so wichtig sind, wie der Handel. Die Politiker*innen m\u00fcssen schnell aktiv werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexandra: Vielleicht l\u00e4uft hinter den Kulissen noch mehr, jetzt wo die Hinrichtung eines Deutsch-Iraners angek\u00fcndigt wird. Die Sanktionen m\u00fcssen jetzt durchgesetzt werden, auch weil der Iran seine F\u00fchler zu Russland und China ausstreckt, um die Abh\u00e4ngigkeit von der EU zu verringern. Wenn sie \u00f6konomisch unabh\u00e4ngig von der EU sind, sagen sie: \u201ePah, macht doch, was ihr wollt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: Wir fordern, anders als die Ukraine, keine Waffen, wir wollen keinen milit\u00e4rischen Einsatz, wir wollen keinen Krieg im Iran. Diese Revolution m\u00fcssen die Menschen im Iran schaffen. Wir m\u00f6chten keine Einmischung von au\u00dfen. Der Westen soll die Menschen im Iran nicht retten, es reicht aus, wenn die M\u00f6rder nicht weiter unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexandra: Der Einfluss des Iran, was Hamas und Hisbollah betrifft, der ganze Mittlere Osten h\u00e4tte eine gr\u00f6\u00dfere Chance sich zu befrieden, wenn da nicht immer der Iran dazwischenfunken w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Shouresh, f\u00fcr dich pers\u00f6nlich ist es eine dramatische Entwicklung. Du warst im Sommer 2022 noch im Iran, um Verwandte zu besuchen. Dadurch, dass du jetzt in der \u00d6ffentlichkeit stehst, dass du dem WDR ein Interview gegeben hast und regelm\u00e4\u00dfig auch als Rednerin bei Demonstrationen in Erscheinung trittst, ist es praktisch unm\u00f6glich f\u00fcr dich geworden den Iran zu besuchen. Wie siehst du die Chancen, dass es zu einem gesellschaftlichen Umbruch, zu einer Graswurzelrevolution im Iran kommt und das autokratische, theokratische Mullah-Regime weggeblasen wird? Und du dann wieder ohne Gefahr in den Iran einreisen kannst?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: Wenn man meinen Namen eingibt, sieht man, dass ich seit vielen Jahren auf der Stra\u00dfe aktiv bin, aber ich bin immer wieder in den Iran geflogen, weil ich gesagt habe: \u201eIch habe keine Angst.\u201c Es ist bis jetzt immer gut gegangen. Aber diesmal werde ich es nicht mehr tun, weil ich mir sicher bin, dass auf jeder Kundgebung die Spione sind und vor allem die Namen der Redner*innen und Veranstalter*innen aufgeschrieben werden. Manchmal denke ich: \u201eWas hast du dir dabei gedacht? Du kannst nie wieder in den Iran.\u201c Dann sage ich: \u201eEs ist egal. Die Menschen im Iran sind so mutig auf den Stra\u00dfen und k\u00e4mpfen f\u00fcr Freiheit und ich kann nur das tun, was wir hier tun.\u201c Es muss sich schnell etwas ver\u00e4ndern, damit wir wieder in den Iran reisen k\u00f6nnen. Manchmal bin ich traurig. Meine Familie sagt: \u201eWas tust du? Bist du verr\u00fcckt?!\u201c Ich sage: \u201eEs wird sich ver\u00e4ndern. Dann werden wir uns alle in Freiheit sehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Was k\u00f6nnen wir tun? Wie k\u00f6nnen wir die Solidarit\u00e4tsbewegung unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: An Kundgebungen und Demos teilnehmen. Je mehr Leute wir sind, desto mehr werden wir gesehen, geh\u00f6rt durch die Medien. Petitionen ((5)) unterschreiben, Abgeordnete anschreiben und ein Ende des Handels mit dem Iran und Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen fordern, Videos, die aus dem Iran rauskommen, teilen, damit die Welt sieht, was im Iran passiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexandra: Schluss mit der Blauen Moschee in Hamburg! Das Regime ist nicht reformierbar. Es ist nur noch abschaffbar. Man braucht keine Gespr\u00e4che mehr mit denen zu f\u00fchren. Die reichern das Uran immer weiter an. Auch deshalb muss das Regime jetzt gestoppt werden, sonst haben sie eine Atombombe. Das kann keiner wollen. Wir tr\u00e4umen davon, dass wir eines Tages in den Iran reisen und unsere Freund*innen in den Arm nehmen und miteinander tanzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shouresh: Menschenrechte gehen uns alle an. Akzeptieren wir Menschenrechtsverletzungen in einem Land, f\u00fchlen sich auch andere Staaten nicht mehr an ihre Verpflichtungen gebunden. Deshalb m\u00fcssen wir alle \u00fcberall laut sein, wenn wir Menchenrechtsverletzungen, egal in welchem Land, sehen. Wir leben hier in Deutschland, wir haben so viele Privilegien. Da k\u00f6nnen wir wenigstens ein bisschen unserer Zeit opfern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/03\/sofort-und-ohne-bedingung\/\">Charta der 20 gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen im Iran<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Shouresh, kannst du dich bitte vorstellen? Shouresh: Mein Name ist Shouresh. Ich bin 42 Jahre alt und lebe seit 1987 in M\u00fcnster. Wir sind damals mit meinem Vater und meinen Geschwistern aus dem Iran geflohen. Dann ist meine Mutter mit der J\u00fcngsten nachgezogen. Seitdem sind wir in M\u00fcnster. 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