{"id":29618,"date":"2023-04-01T22:00:30","date_gmt":"2023-04-01T20:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29618"},"modified":"2023-05-10T23:37:02","modified_gmt":"2023-05-10T21:37:02","slug":"kann-es-kriegshelden-ueberhaupt-geben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/04\/kann-es-kriegshelden-ueberhaupt-geben\/","title":{"rendered":"Kann es Kriegshelden \u00fcberhaupt geben?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Literaturwissenschaft scheint auf den ersten Blick wenig geeignet, diese Frage zu beantworten. Tats\u00e4chlich jedoch geh\u00f6rt der Umgang mit dem Konzept des Helden zu unserem t\u00e4glichen Handwerk. Und auch wenn es um seine Kriterien \u2013 wie in allen Wissenschaften \u2013 Streit und Diskussion im Detail gibt, haben sich doch im Laufe der Jahrzehnte einige Grundeigenschaften herausgesch\u00e4lt, sogenannte Minimalkriterien, die als kanonisiert betrachtet werden k\u00f6nnen. Ohne sie zu erf\u00fcllen darf, methodisch gesprochen, kein Held als Held bezeichnet werden. Es wird im Folgenden also nicht um politische oder moralische Bewertungen menschlicher Handlungen gehen, sondern allein um die Frage, ob das (literatur)wissenschaftliche Konzept des Helden sinnvollerweise auf Soldaten in einem Krieg angewendet werden kann. Moralisch (im Sinne gesellschaftlich anerkannter Werte) zu handeln ist n\u00e4mlich, nebenbei bemerkt, etwas, das Helden in der fiktionalen Welt oft gerade nicht tun. Das Charisma, das der Gestalt des Helden eigen ist, kann ein durchaus negatives sein. Moralit\u00e4t scheidet deshalb als definierendes Kriterium von vorne herein aus. Und da Heldentum vor allem anderen ein narratives Ph\u00e4nomen ist \u2013 es gibt Helden, weil von ihren Taten erz\u00e4hlt wird \u2013, macht die Literaturwissenschaft bei diesem Thema einen gro\u00dfen Schritt heraus aus ihren Studierstuben und Bibliotheken und hinein in die non-fiktionale Wirklichkeit.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Was charakterisiert nun, literaturwissenschaftlich gesprochen, einen Helden?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst einmal, dass er handelt. Ein Held, der nur am Schreibtisch sitzt, ist keiner. H\u00f6chstens ein Pantoffelheld. Typisch f\u00fcr das Handeln des Helden ist, dass es ohne R\u00fccksicht auf Gesundheit, Leib und Leben der eigenen Person geschieht. Der Held ist bereit, sein Leben einzusetzen. W\u00fcrde man nur diese Kriterien zugrunde legen, m\u00fcsste man Soldaten s\u00e4mtlicher kriegf\u00fchrenden Nationen in der Tat als Helden bezeichnen. Dies tun aber h\u00f6chstens ihre Regierungschefs und Kommandeure, und das mit gutem Grund. Denn zum Konzept des Helden geh\u00f6rt au\u00dferdem die sogenannte Transgressivit\u00e4t, das hei\u00dft: das \u00dcberschreiten von Grenzen und willentliche Brechen von Regeln. Und schlie\u00dflich handelt ein Held immer aus eigenem Antrieb. Es gibt kein Heldentum auf Befehl. Der Gestalt des Helden haftet deshalb in der Weltliteratur immer etwas Subversives, die bestehende Ordnung Gef\u00e4hrdendes an. Im mittelhochdeutschen Nibelungenlied ist der Held Siegfried eine Gefahr f\u00fcr K\u00f6nig Gunther, selbst, als er ihm noch den Steigb\u00fcgel h\u00e4lt. Es ist kein Wunder, dass er durch den Mord Hagens schlie\u00dflich aus der sozialen Ordnung ausgetilgt wird \u2013 wenn auch mit verheerenden Folgen. Ein ukrainischer Soldat, der nicht f\u00fcnf, sondern f\u00fcnfzig Russen get\u00f6tet hat, hat aber trotzdem nur Befehle ausgef\u00fchrt, meinethalben \u00fcber-ausgef\u00fchrt. Er verletzt keine Regeln, sondern f\u00fcgt sich in das hierarchische Gef\u00fcge milit\u00e4rischer Organisation. Der Sinn dieser Organisation ist n\u00e4mlich einzig und allein, Menschen auszusenden, damit sie auf Befehl andere Menschen t\u00f6ten und den Sieg \u00fcber einen erkl\u00e4rten Feind davontragen. Selbst f\u00fcrchterliche Gewaltexzesse brechen diese Logik nicht \u2013 im Gegenteil. Rechtsgebilde wie die Haager Landkriegsordnung wurden kriegerischer Gewalt von au\u00dfen hinzugef\u00fcgt, in der Hoffnung, sie einzuhegen, und ich wage zu bezweifeln, dass es auch nur einen Krieg gegeben hat, in dem sie nicht gebrochen wurden. Auch aus eigenem Antrieb handelt ein Soldat nur \u00e4u\u00dferst selten, selbst, wenn mit Blick auf die Ukraine dieser Eindruck zuweilen erweckt wird. Die ukrainische Regierung erlie\u00df 2014, nach der Annektion der Krim durch Russland, eine Wehrpflicht f\u00fcr alle M\u00e4nner \u2013 ausschlie\u00dflich M\u00e4nner \u2013 im Alter von 18 bis 60 Jahren. Seit Beginn des Angriffskriegs durch Russland d\u00fcrfen sie das Land nicht mehr verlassen. Im September 2022 wurde das in der Ukraine zuvor schon eingeschr\u00e4nkte Recht auf <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/statement-von-connection-e-v-zum-angriff-auf-die-ukraine\/\">Kriegsdienstverweigerung<\/a> ausgesetzt. Wer den Milit\u00e4rdienst aktiv verweigert, dem drohen laut dem ukrainischen Kriegsrecht drei bis f\u00fcnf Jahre Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Es gibt kein Heldentum auf Befehl. Der Gestalt des Helden haftet deshalb in der Weltliteratur immer etwas Subversives, die bestehende Ordnung Gef\u00e4hrdendes an.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Soldat, der tats\u00e4chlich nur eigenen Impulsen gehorchen w\u00fcrde und sich an Regeln nicht gebunden f\u00fchlte, w\u00e4re f\u00fcr keine Armee der Welt tragbar. F\u00fcnfzig Prozent der notwendigen Minimalkriterien, um von einem Helden sprechen zu k\u00f6nnen, sind somit bei k\u00e4mpfenden Soldaten nicht erf\u00fcllt. Schaut man sich um, wer diese Kriterien besser erf\u00fcllen k\u00f6nnte, wird man paradoxerweise am ehesten bei den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/03\/ein-jahr-ukraine-krieg\/\">Deserteuren<\/a> f\u00fcndig \u2013 bei jenen Menschen also, die bis heute \u00f6ffentlich als \u201eFeiglinge\u201c und \u201eVerr\u00e4ter\u201c geschm\u00e4ht werden, egal, um welchen Krieg es geht, und in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung meist als Gegenbild des Helden angesehen werden. Dies allerdings liegt wohl eher an der jahrhundertelangen Gegenwart milit\u00e4rischer Prinzipien in unserer Kultur. Der Heldenbegriff sollte (und soll) exklusiv f\u00fcr die k\u00e4mpfende Truppe reklamiert werden, um ihr Tun schon im Vorhinein zu legitimieren. Dabei sind die Analyse-Ergebnisse eindeutig: Deserteure handeln, indem sie sich, oft unter gro\u00dfen Risiken, dem Krieg entziehen. Ihr Handeln ist lebensgef\u00e4hrlich, selbst wenn sowohl Russland als auch die Ukraine vor der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/03\/todesstrafe-fuer-desertion-in-belarus\/\">Maximalstrafe f\u00fcr Deserteure<\/a> (noch) zur\u00fcckschrecken. Vor allem aber bricht es geltende Regeln, ist also transgressiv, und geschieht ganz aus eigenem Antrieb. Denn man kann einem Menschen schwerlich befehlen, zu desertieren und sich damit jeder milit\u00e4rischen Logik zu verweigern. Damit w\u00e4ren alle vier Minimalkriterien des Helden erf\u00fcllt. Es erscheint mir wesentlich, in der gegenw\u00e4rtigen Situation auf diesen Umstand hinzuweisen. Es gibt keine Kriegshelden. Es gibt nur Helden gegen den Krieg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Literaturwissenschaft scheint auf den ersten Blick wenig geeignet, diese Frage zu beantworten. Tats\u00e4chlich jedoch geh\u00f6rt der Umgang mit dem Konzept des Helden zu unserem t\u00e4glichen Handwerk. 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