{"id":29620,"date":"2023-04-01T23:00:30","date_gmt":"2023-04-01T21:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=29620"},"modified":"2023-04-21T12:21:51","modified_gmt":"2023-04-21T10:21:51","slug":"mit-dem-essen-kommt-der-appetit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/04\/mit-dem-essen-kommt-der-appetit\/","title":{"rendered":"\u201eMit dem Essen kommt der Appetit\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wenn in einer repr\u00e4sentativen Demokratie der Populismus siegt, ist es nicht mehr weit bis zur Abschaffung der Demokratie. Gew\u00f6hnlich nehmen Populist*innen zuerst die unabh\u00e4ngige Justiz als eine der tragenden S\u00e4ulen des demokratischen Systems ins Visier, um sie zu entmachten und bis zur Unkenntlichkeit zu demontieren. Das geschieht bereits seit einigen Jahren \u00fcberall auf der Welt und jetzt auch in Israel, dem vormals so gesch\u00e4tzten Vorposten der Demokratie im Nahen Osten, der als Vorbild gehandelt wurde, umgeben von antidemokratischen, autorit\u00e4r regierten und feindlich gesinnten L\u00e4ndern. Die ultrarechte und ultrareligi\u00f6se Regierung unter Benjamin Netanjahu treibt den Teil der israelischen Bev\u00f6lkerung auf die Stra\u00dfe, der eine \u201eTyrannei der Mehrheit\u201c nicht hinnehmen will. Doch war Israel bisher eine lupenreine Demokratie? Was sind die Ursachen f\u00fcr diesen rasanten Verfall der politischen Ordnung 75 Jahre nach Staatsgr\u00fcndung? Der Oberste Gerichtshof Israels ist die letzte Bastion, um sich gegen illegale Landnahme und Aussetzung elementarer Menschenrechte in den besetzten Gebieten zu wehren. Die gilt es zu schleifen, um bei passender Gelegenheit die Annexion der Gebiete, die in einem langen schleichenden Prozess vorbereitet worden ist, endg\u00fcltig durchzuf\u00fchren und pro forma \u201egesetzlich\u201c absichern zu k\u00f6nnen.<br \/>\nVor einem Vierteljahrhundert hatten wir die Gelegenheit, einige Israelis, die vor der Gr\u00fcndung Israels nach Pal\u00e4stina eingewandert waren, zu der Entwicklung ihres Landes zu befragen. Sie sind Protagonist*innen unseres Dokumentarfilms \u201eIch kam nach Pal\u00e4stina &#8230;\u201c, der 1998 uraufgef\u00fchrt wurde. Obwohl sie als Siedler*innen kamen, teilten sie die \u00dcberzeugung, dass alle Menschen egal welcher Hautfarbe, Religion oder ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit gleichwertig zu behandeln seien. Entsprechend verhielten sie sich gegen\u00fcber der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung. Das hatte sie von Anfang an zu Au\u00dfenseiter*innen in der eigenen Gesellschaft gemacht. Ihre Einsichten geben Antworten auf die aktuellen Entwicklungen ihres Landes, das sich von innen heraus zu zerst\u00f6ren droht. Mit einer fortw\u00e4hrenden Besatzungspolitik, die die sonst g\u00fcltigen Gesetze menschlichen Zusammenlebens au\u00dfer Kraft setzt. In den folgenden Einlassungen f\u00e4chern unsere Gespr\u00e4chspartner*innen ein Psychogramm von Menschen auf, die Besatzer*innen geworden sind. In meinen Augen das gr\u00f6\u00dfte Hindernis auf dem Weg zu einer zuk\u00fcnftigen Friedensordnung. Wir haben die Interviews 1996 bis 1997 gef\u00fchrt. Sie haben an Aktualit\u00e4t nicht verloren, sondern im Gegenteil leider noch dazugewonnen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Pal\u00e4stinakrieg 1947\u20131949<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Lebrecht: Ich war verantwortlich f\u00fcr die Wasserversorgung, Sanit\u00e4tsversorgung in einem Milit\u00e4r Konvoi. Da trafen wir auf einen Zug von Fl\u00fcchtlingen, von Leuten, die aus ihrem Dorf von den Israelis vertrieben wurden. Das war ein hei\u00dfer Tag, so mit den W\u00fcstenwinden und nichts zu trinken und ohne Proviant, und dann die \u00e4lteren Leute waren dort, die Kinder waren da schon am Stra\u00dfenrand gelegen, zum Teil sterbend, zum Teil verdurstend. Da hab ich die Wassertanks angehalten und Wasser verteilt. Der ganze Konvoi ist stehengeblieben, und ich wurde angeschnauzt vom Offizier. Da haben wir gesagt: Du guck mal her, das ist unmenschlich, ja.<br \/>\nDer hat mir mit dem Standgericht gedroht, das zum Gl\u00fcck nachher nicht stattgefunden hat, weil ich sp\u00e4ter verwundet worden bin. Aber das Bild von den Fl\u00fcchtlingen, das werde ich nie vergessen. Das hab ich irgendwie in Verbindung gebracht mit dem, was meine Schw\u00e4gerin (*), die aus dem KZ Ravensburg den Todesmarsch nach Mecklenburg-Vorpommern mitgemacht hat, erz\u00e4hlt hat. Das war ganz \u00e4hnlich, hat \u00e4hnlich ausgesehen. In meinem Kopf jedenfalls. (*Esther Bejarano)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uri Avnery: Die Gebiete, die wir erobert haben, da blieben keine Araber zur\u00fcck, und die wenigen Gebiete, die die Araber erobert haben, da bleiben keine Juden zur\u00fcck. Wir hatten sehr wenige wirkliche Massaker, aber Vertreibung war ganz allgemein. Und ich war Augenzeuge. Darum sind das Mythen, die so herumspuken, die Araber haben das Land freiwillig verlassen und so weiter. Ich meine, jemand, der es erlebt hat, und der ehrlich genug ist, sich daran zu erinnern, was wirklich passiert ist, f\u00fcr den sind diese Mythen alle Quatsch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joel Tandler: Wir haben uns aber nicht vorgestellt, dass dieser Staat sich so zu seiner Minderheit benehmen wird. Das konnten wir uns nicht vorstellen. Wir haben immer geglaubt, dass die Erfahrungen des j\u00fcdischen Volkes allgemein und in diesem Jahrhundert es dazu bringen werden, dass ein Staat entstehen wird, der liberal sich zur Minderheit benehmen und sie akzeptieren wird als einen Teil dieses Staates, so dass es ganz logisch war, dass wir f\u00fcr den Staat waren.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Beschlagnahmungen und Milit\u00e4rverwaltung nach der Staatsgr\u00fcndung Israels<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uri Avnery: Wir waren im t\u00e4glichen oder w\u00f6chentlichen Kampf um die Gleichberechtigung der arabischen Staatsb\u00fcrger in Israel. Am Anfang ging es darum, dass die Regierung riesige Bodenfl\u00e4chen beschlagnahmt hat, das hei\u00dft, den Arabern den Boden weggenommen hat, um j\u00fcdische Siedlungen dort zu gr\u00fcnden. Das war ein stetiger Kampf, beinah jede Woche passierten solche Geschichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Lebrecht: Da kamen die Traktoren, die israelischen und die gepanzerten, die haben den Arabern das Land weggenommen. Da haben wir uns vor die Traktoren gelegt. Da waren auch Juden dabei. Die mit den Arabern zusammen gek\u00e4mpft haben. Das war eine j\u00fcdisch-arabische Zusammenarbeit gegen solche Dinge, die rassistisch sind. Die uns, die wir im antifaschistischen Widerstand waren (Hans Lebrecht hat im Untergrund gegen Nazi-Deutschland gek\u00e4mpft, R. K.), besonders mitgenommen haben. Wir haben gesagt, es ist gegen das wahre Interesse von Israel. Das fortschrittliche Israel muss intervenieren, um den Arabern zu beweisen, dass nicht alle Juden so denken wie die Milit\u00e4rgouverneure, die sie unterdr\u00fccken und beherrschen in kolonialistischer Weise. Genauso haben wir das mit den Arabern diskutiert und auch mit linksradikalen Juden, die gesagt haben: Israel ist eine faschistische Diktatur. Was nicht wahr war. Es war kein Faschismus. Es war ein ganz eindeutiger Kolonialismus, das haben die Engl\u00e4nder in S\u00fcdafrika gemacht, und das haben die Belgier im Kongo gemacht und das haben die Holl\u00e4nder wei\u00df ich wo gemacht. Und das ist, was die Israelis gemacht haben und auch heute noch in den besetzten Gebieten machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joel Tandler: Da waren wir noch weit von 1967 entfernt. Da haben wir nur eine arabische Minorit\u00e4t im Land gehabt, die unter dem Milit\u00e4rregime gelebt hat, denen man die L\u00e4ndereien entzogen hat. Also die vertrieben wurden eigentlich. Damals wurde immer gesagt: Sie sind weggelaufen. Wir haben immer gesagt: Sie wurden vertrieben. Und heute kannst du es lesen, es ist wirklich so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uri Avnery: Ben Gurion hat 18 Jahre lang die arabische Bev\u00f6lkerung in Israel selbst unter Milit\u00e4rverwaltung gestellt. Der Kampf zur Abschaffung der Milit\u00e4rverwaltung war einer der wichtigsten K\u00e4mpfe, die wir bestanden haben. Wir waren jahrelang damit besch\u00e4ftigt, bis sie endg\u00fcltig abgeschafft worden ist. Ein Jahr vor dem Sechstagekrieg. Es war ein st\u00e4ndiger Kampf, es war ein Kampf gegen die Ungerechtigkeit, f\u00fcr Demokratie. Aber es war auch ein Kampf um die Grundidee Israels: Was ist eigentlich Israel? Ein Problem, das bis heute noch nicht gel\u00f6st worden ist, die Diskussion geht heute noch weiter.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der Sechs Tage Krieg und die Folgen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joel Tandler: 1967, das war so komisch. Bekannte von uns, links Eingestellte, waren begeistert, was hier erreicht wurde. Jerusalem vereinigt, Hebron geh\u00f6rt zu uns, ganz unglaublich. Wir und Leibowitz (*) waren die einzigen, die anderer Meinung waren. Leibowitz hat es prophezeit, was kommen wird. Wir haben es nicht so prophezeien k\u00f6nnen, aber wir haben gleich gesagt, dieser Krieg war unn\u00f6tig, und jetzt setzt euch und macht Frieden. Aber mit dem Essen kommt der Appetit. Und nachdem man jetzt ein gro\u00dfes St\u00fcck Land besetzt hat, und dessen Bev\u00f6lkerung unter Besatzung gebracht hat, muss ein gewisser Teil unserer Bev\u00f6lkerung \u2013 und genau das hat Leibowitz prophezeit, aktiv Besatzer werden. Ob in der Polizei, oder in den Geheimdiensten, so dass sich 1967 eine neue Psychologie in der Bev\u00f6lkerung entwickelt hat. Auf einmal sind wir ein Herrenvolk geworden und als solches haben wir gehandelt. Es ist nicht nur eine theoretische Feststellung. Sie wurde praktisch im Leben durchgef\u00fchrt. Rabin hat gesagt: Man muss ihnen (den Jugendlichen der ersten Intifada, R.K.) die Knochen brechen. Warum soll er es sagen, und Jajer und Jigal und alle anderen jungen Soldaten sollen es nicht machen. (*Jeschajahu Leibowitz, j\u00fcdischer Philosoph)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uri Avnery: Weil wir die besetzten Gebiete nicht aufgeben wollen, weil wir uns darin verliebt haben, kommen wir zu keinem Frieden. Und werden weitere Kriege haben. Die Leute wollten die Gebiete nicht nur behalten, sie haben angefangen, diese ungl\u00fcckseligen Siedlungen aufzustellen, die heute das Hauptproblem sind, das gel\u00f6st werden muss, um \u00fcberhaupt zu einem Frieden zu kommen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie dieser Mechanismus abl\u00e4uft, wie wir uns langsam immer mehr in diese Gebiete verwurzeln und es immer schwerer wird, die Gebiete aufzugeben. Ich habe mal zu Golda Meir, als sie Ministerpr\u00e4sidentin war, &#8211; ich habe sie immer gehasst und sie mich auch &#8211; gesagt: Jede Siedlung, die Sie jetzt aufstellen, ist eine Landmine, die wir eines Tages wieder herausholen m\u00fcssen, und glauben Sie mir als ehemaligem Soldaten, das ist eine sehr unangenehme Aufgabe, ein Minenfeld zu s\u00e4ubern.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kolonialismus und Macht<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shmuel Amir: Eine Politik der Macht beginnt meiner Meinung nach immer mit einer Kolonisierung. Ohne Macht gibt es keine Kolonisierung. In dieser Hinsicht ist Israel nicht zu unterscheiden von der Kolonialpolitik anderer kolonialistischer L\u00e4nder. Nun, wie konnten sich die Amerikaner, die ersten Siedler in Amerika, durchsetzen oder in S\u00fcdafrika oder sonst irgendwo? Ohne Macht gibt es keine Siedlungspolitik. Das ist immer so. Ohne Macht gibt es keinen Imperialismus.<br \/>\nDie Einwohner hier waren Araber. Ich wei\u00df nicht, ob die sich selber Pal\u00e4stinenser nannten, dar\u00fcber kann man diskutieren. Aber ich bin sicher \u2013 w\u00e4re das alte Pal\u00e4stina besiedelt gewesen, sagen wir von Franzosen oder Deutschen, die h\u00f6chst fanatischsten Zionisten w\u00e4ren nicht auf den Gedanken gekommen herzukommen und sich neben franz\u00f6sische Siedler zu siedeln und zu sagen: das Land wird uns geh\u00f6ren. Das w\u00e4re einfach unm\u00f6glich.<br \/>\nSolange wir die Macht nicht hatten, w\u00e4re keiner auf den Gedanken gekommen, in der Praxis meine ich, dass ganz Jerusalem uns geh\u00f6rt. Bis 1967 hatte keiner diesen Gedanken oder dar\u00fcber gesprochen. Und nicht nur das. Die israelische Bev\u00f6lkerung hatte bis 1967 andere Gedanken, da waren andere Sachen auf der Agenda. Aber dann, ein Tag nach der Eroberung der Westbank, steht pl\u00f6tzlich Jerusalem in der Mitte von dem nationalen Mythos und Gef\u00fchl und so weiter. Wodurch? Es wurde besetzt, es wurde erobert. Die Ideologie war schon vorhanden, aber die Macht war erst 1967 da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Edda Tandler: Wir w\u00e4ren viel weiter gekommen in diesen ganzen Agreements mit den Pal\u00e4stinensern, wenn diese Siedlungen nicht so stehen w\u00fcrden wie ein Schachbrett. Du kannst eigentlich heute sehr schwer irgendwie Ordnung machen, irgendeine Grenze ziehen. Allerdings, wenn wir an der Macht w\u00e4ren, w\u00e4re das ganz leicht. Wir w\u00fcrden sagen: Du bekommst eine Entsch\u00e4digung, fertig. Wer will, soll unter den Pal\u00e4stinensern bleiben, und wer nicht will, wird eine Entsch\u00e4digung bekommen und ab nach Hause, nach Israel. Aber das kann weder die Arbeiterpartei machen und nat\u00fcrlich nicht die Rechte. Wer ist in diese Gebiete gegangen, das waren meistens Leute, die keine Wohnung gehabt haben, und dort war es viel billiger oder \u00fcberhaupt umsonst. Dann sind viele amerikanische Juden gekommen, denen es egal ist, ob sie in Tel Aviv oder irgendwo in dem besetzten Gebieten leben. Gekommen ist das reaktion\u00e4rste Element aus Amerika, noch dazu fanatisch und religi\u00f6s.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das Psychogramm der Besatzer<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joel Tandler: Nach dem &#8217;67er Krieg waren viele Arbeiter aus den besetzten Territorien am Bau. Ich war auf Baustellen aktiv, weil wir viele Fenster und T\u00fcren gemacht haben. Da kam ich eines Tages auf einen Bau und diskutiere mit einem Vorarbeiter orientalischer Herkunft. (gemeint sind J\u00fcdinnen und Juden mit Wurzeln in arabischen L\u00e4ndern, R. K.) Und der sagt mir: Alles das m\u00fcsste &#8211; das hat man ja fr\u00fcher sehr oft geh\u00f6rt &#8211; alles muss man liquidieren. Nach einer Stunde komme ich zum selben Platz, da sitzt er im Kreis mit all den Arbeitern und sie essen Hummus zusammen. Das ist typisch. Das ist die Schizophrenie, die besteht. Einerseits sind sie ihnen sehr nahe, andererseits sind sie ihnen sehr weit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uri Avnery: Es ist, ich nehme an auch in Deutschland, eine allgemeine soziale Erscheinung, dass, wenn ich zwei V\u00f6lker habe, ein herrschendes Volk und ein beherrschtes Volk, sagen wir mal, wie die T\u00fcrken in Deutschland, die unterste Schicht des herrschenden Volkes die aller-radikalste, nationalistischste ist. Das hat nicht nur wirtschaftliche Gr\u00fcnde, sondern auch psychologische. Wenn man sich im eigenen Volk verachtet f\u00fchlt oder minderwertig, dann braucht man eine nationalistische Identifizierung viel st\u00e4rker als andere, das hei\u00dft, zwar tauge ich nicht, zwar verdiene ich nicht, zwar werde ich nicht mit der Verachtung fertig, aber ich geh\u00f6re dem deutschen Volke an, und das deutsche Volk ist das herrischste der Welt! Oder ich geh\u00f6re dem j\u00fcdischen Volke an, das j\u00fcdische Volk ist das herrischste der Welt. Dasselbe in Amerika. Dasselbe \u00fcberall. Das ist eine Erscheinung, die es \u00fcberall gibt. Gerade in diesen Schichten gibt es einen emotionalen Hass gegen die Araber und eine Verachtung f\u00fcr die Araber, die sehr tief geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Edda Tandler: So, wie wir heute aussehen, alles das ist eigentlich der Endeffekt vom 67er Jahr. Und das sage ich euch nicht deswegen, weil ich eine Kommunistin bin, sondern, weil ich auch eine Mutter und eine Gro\u00dfmutter bin. Alles hat sich gesellschaftlich ganz allm\u00e4hlich abgespielt. Wenn ein Besatzer so lange ein Besatzer bleibt, eine ganze Generation mit der Besatzung aufw\u00e4chst und die n\u00e4chste Generation, die nach 1967 zur Welt gekommen ist , dann macht das etwas mit Israel. Diese Generation kennt Israel nur als ein Gro\u00df-Israel, wo du ein Besatzer bist und ein Herrscher \u00fcber ein anderes Volk. Das hat sehr schlecht gewirkt auf unsere Kinder und unsere Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Lebrecht: Die Besatzung und die Unterdr\u00fcckung von einem Volk, das erzeugt nicht nur Widerstandskr\u00e4fte innerhalb des Volkes, das unterdr\u00fcckt wird, sondern das bringt auch Fr\u00fcchte von faschistischen und chauvinistischen Elementen, und das sind die radikalen Elemente in der israelischen Gesellschaft. Das hat sich im Laufe der Zeit erwiesen. Okkupation und Faschismus sind Zwillingsbr\u00fcder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uri Avnery: Was wir heute haben, wird zum ersten Mal ganz klar: 99% der Religi\u00f6sen sind rechts. Und die Rechtsradikalen in Israel sind beinahe alle religi\u00f6s. Rechtsradikale, die man in Europa nur Faschisten nennen w\u00fcrde. Hier im Lande gebraucht man das Wort nicht gerne. Diese Religi\u00f6sen entwickeln die j\u00fcdische Religion hier im Lande in einer Richtung, die man fr\u00fcher gar nicht gekannt hat. Die j\u00fcdische Religion hier in Israel ist eine Mutation, die verschieden ist von dem, was man in Deutschland als j\u00fcdische Religion betrachtet hat, zur Zeit meiner Eltern und Gro\u00dfeltern. Es ist eine messianische, nationalistische Religion, die mit Moral und Moralit\u00e4t \u00fcberhaupt nichts mehr zu tun hat, die sich als die Vorposten der nationalen Erhebung betrachtet, die prinzipiell jeden Frieden mit den Arabern ablehnt. Es gibt ja Teile dieser Bewegung, die den politischen Massenmord beg\u00fcnstigen und sich offen daf\u00fcr aussprechen. Dieser M\u00f6rder in Hebron, der 30 Pal\u00e4stinenser beim Gebet in der Moschee umgebracht hat, Baruch Goldstein, wird verehrt von Teilen dieser religi\u00f6sen Bewegung und sein Grabmal ist heute ein Wallfahrtsort.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Shoah und der Mythos der totalen Sicherheit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shmuel Amir: meine Lehre aus der Shoah, aus der Vernichtung der Juden, war, &#8211; gegen jeglichen Rassismus zu sein. Leider ist das nicht die Lehre der meisten Israelis, auch nicht derer, die aus den Lagern kamen. Sie haben die Shoah immer als eine speziell-anti-j\u00fcdische Sache angesehen. Deswegen muss man die j\u00fcdischen Interessen wahren. Nicht, dass man f\u00fcr Rassismus ist, aber zuallererst m\u00fcssen wir uns als Juden behaupten. Das hatte sich noch \u00fcberschlagen in unserem Kampf hier in Pal\u00e4stina, Israel gegen die Araber. Anstatt gegen Rassismus sein, hat sich hier sozusagen ein eigener Rassismus gegen die Araber entwickelt. Deswegen wird der Holocaust bis heute damit manipuliert. Wir, die wir doch durch diese furchtbaren Verfolgungen und Zerst\u00f6rungen und Vernichtung durchgegangen sind, &#8211; zu uns kann niemand kommen und uns anklagen, dass wir in irgendeiner Art rassistisch sind. Wir sind die Opfer. Es gibt keine andern Opfer. Oder unser Opfer ist doch immer viel gr\u00f6\u00dfer und so weiter. Dagegen haben wir gewettert. Es gibt solche Unterschiede nicht. Ich bin bis heute ein Universalist. Was f\u00fcr den einen g\u00fcltig ist, ist auch f\u00fcr den andern g\u00fcltig.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Der Kampf zur Abschaffung der Milit\u00e4rverwaltung war einer der wichtigsten K\u00e4mpfe, die wir bestanden haben.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uri Avnery: Aber der Holocaust hat, einen ungeheuren Einfluss auf die Psychologie dieser Gesellschaft hier im Lande gehabt und hat ihn immer noch. Es dr\u00fcckt sich auch darin aus, dass Angstgef\u00fchle entstanden sind, die zum Teil irrational sind, ein Bed\u00fcrfnis, ein Drang nach absoluter Sicherheit, die es nirgends in der Welt gibt, im wirklichen Leben gar nicht geben kann. Sicherheit ist jetzt praktisch hier so ein Ideal, ein G\u00f6tzendienst.<br \/>\nUnd was dazu kommt, ist, dass gewisse Einstellungen, die es in der j\u00fcdischen Tradition schon immer gegeben hat, sehr verst\u00e4rkt worden sind: Der Eindruck, dass die ganze Welt gegen uns ist, dass alle V\u00f6lker der Welt Juden vernichten wollen. Das ist heute ein Instrument der israelischen Erziehung, besonders in religi\u00f6sen Schulen, das stark die israelische Psychologie bedingt und es auch so furchtbar schwer macht, Frieden zu machen, denn wenn man glaubt, dass alle uns umbringen wollen, nat\u00fcrlich die Araber auch, wie kann man Frieden machen? Dann m\u00fcssen wir uns auf unser eigenes Land zur\u00fcckziehen, m\u00fcssen unser Land befestigen und bereit sein, unser Leben jeden Augenblick teuer zu verkaufen. Das ist die politische Einstellung, die heute noch einen gro\u00dfen Teil der israelischen Bev\u00f6lkerung beeinflusst. Jede Arbeit f\u00fcr den Frieden hier im Lande st\u00f6\u00dft automatisch auf diese seelischen Komplexe. Wie kann man jemand vertrauen. Glaubst du, dass die Araber ehrlich sind? Glaubst du, dass man mit Arabern Frieden machen kann? Glaubst du, dass \u00fcberhaupt jemand mit uns Frieden machen wird? Kann man sich auf irgendwas verlassen, au\u00dfer auf unser Milit\u00e4r?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Lebrecht: Man hat es im Laufe der Jahrzehnte verstanden, das Wort Sicherheit zu definieren mit milit\u00e4rischer Gewalt und mit milit\u00e4rischer \u00dcberlegenheit. Milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit in jeder Beziehung. In der Ausr\u00fcstung, in der Ausbildung der Soldaten, in der Wehrf\u00e4higkeit. Ein Begriff, den man noch aus der Nazi-Zeit kennt. Schlimm, aber so ist es. Sicherheit ist in Israel ein starkes Milit\u00e4r, dass wir den Arabern zeigen, was wir k\u00f6nnen, dass die im Grunde genommen merken, wir sind die St\u00e4rkeren. Unter den Friedenskr\u00e4ften gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die sagen: Wir sind die St\u00e4rkeren und wir werden die St\u00e4rkeren bleiben, wir werden immer die \u00dcbermacht haben. Deswegen k\u00f6nnen wir uns erlauben, auch was nachzugeben und Frieden zu machen. Das ist eine ganz falsche Einstellung, die im Grunde genommen dem Frieden entgegenwirkt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ohne Anerkennung keine Vers\u00f6hnung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uri Avnery: Wir haben hier ein Problem, das bei weitem tiefer geht als die Politik. Wir haben ein Problem damit, die Pal\u00e4stinenser nicht nur als Volk sondern als Menschen anzuerkennen. Wenn man anerkennt, dass es ein pal\u00e4stinensisches Volk gibt, dann muss man die zionistische Geschichte der letzten 100 Jahre anders betrachten als die offiziellen Mythen es besagen. Da muss man anders betrachten, nicht nur, was 1948 passiert ist, sondern auch, was 1905 und 1882 passiert ist. Das hei\u00dft also, die ganze zionistische Geschichte zu revidieren und neu zu schreiben. Das ist ein schmerzlicher Vorgang. Es ist f\u00fcr die Amerikaner ein schmerzlicher Vorgang, wenn die heute anfangen zu begreifen, dass der wunderbare liberale, demokratische amerikanische Staat auf einem V\u00f6lkermord aufgebaut ist. Und dass sie ganze Nationen umgebracht haben. Bei uns war es nicht so schlimm, aber anzuerkennen, dass dieses Land nicht leer war, dass wir ein anderes Volk, das hier im Lande gelebt hat, verdr\u00e4ngt haben, das ist f\u00fcr Zionisten sehr schwer. Und daher kommt diese ewige Verdr\u00e4ngung und Verleugnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shmuel Amir: Im allgemeinen gesehen ist Israel eigentlich als ein Land entstanden im Rahmen einer riesigen imperialen Welle am Ende des 19. Jahrhunderts, die die wei\u00dfen Siedler \u00fcberall in die Welt schickte. Die haben \u00fcberall Territorien erobert. Niemals ohne ein unerh\u00f6rtes Leiden der Einwohner, \u00fcberall, auch hier. Das muss man anerkennen.<br \/>\nAber wenn wir nicht nur einen pragmatischen Frieden wollen, sondern auch in die Zukunft blicken und wirklich an ein Vers\u00f6hnen mit den Arabern denken, ein wirklich echtes, wahres, tiefes Vers\u00f6hnen mit den Arabern, dann m\u00fcssen wir anerkennen, und das bezieht sich auf den Zionismus, dass wir in dieses Land kamen und einen Teil der Bev\u00f6lkerung vertrieben haben. Man muss das anerkennen. Nur nach einer solchen Anerkennung kann man sich wirklich vers\u00f6hnen. Solange wir darauf bestehen, es war unser Recht, herzukommen und einen gro\u00dfen Teil der arabischen Bev\u00f6lkerung auszutreiben und das ganze Israel geh\u00f6rt uns, solange kann Vers\u00f6hnung nicht sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn in einer repr\u00e4sentativen Demokratie der Populismus siegt, ist es nicht mehr weit bis zur Abschaffung der Demokratie. Gew\u00f6hnlich nehmen Populist*innen zuerst die unabh\u00e4ngige Justiz als eine der tragenden S\u00e4ulen des demokratischen Systems ins Visier, um sie zu entmachten und bis zur Unkenntlichkeit zu demontieren. Das geschieht bereits seit einigen Jahren \u00fcberall auf der Welt &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/04\/mit-dem-essen-kommt-der-appetit\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":29726,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eMit dem Essen kommt der Appetit\u201c - graswurzelrevolution","description":"Wenn in einer repr\u00e4sentativen Demokratie der Populismus siegt, ist es nicht mehr weit bis zur Abschaffung der Demokratie. Gew\u00f6hnlich nehmen Populist*innen zuers"},"footnotes":""},"categories":[1877,1027],"tags":[1246,1646],"class_list":["post-29620","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-478-april-2023","category-wir-sind-nicht-alleine","tag-demokratie","tag-israel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29620"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29620\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29726"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}