{"id":2966,"date":"1999-11-01T00:00:03","date_gmt":"1999-10-31T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2966"},"modified":"2022-07-26T13:56:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:58","slug":"paul-wulf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/11\/paul-wulf\/","title":{"rendered":"Paul Wulf"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;War&#8217;s ein Traum? Ist&#8217;s wahr? &#8211; Was macht&#8217;s!<br \/>\nBilder ziehn und fliegen.<br \/>\nEinen Toten sah ich nachts<br \/>\nAuf der Bahre liegen.<br \/>\nSchlug die Augen nicht mehr auf,<br \/>\nhielt den Mund geschlossen<br \/>\nund lie\u00df doch den Worten Lauf,<br \/>\ndie im Kreis zerflossen:<br \/>\nSchreiner, f\u00fcge mir den Sarg<br \/>\nAus sechs starken Brettern.<br \/>\nWer das Herz in Schlummer barg,<br \/>\ntrotzt nicht mehr den Wettern.<br \/>\nWer am Wege niederfiel,<br \/>\nm\u00fcde und verlitten,<br \/>\nbraucht, da\u00df er ihn leit zum Ziel,<br \/>\nkeinen Gott zu bitten.<br \/>\nWem die Sonne nicht mehr scheint,<br \/>\nkann die Liebe missen.<br \/>\nWieviel Trauer um ihn weint,<br \/>\nbraucht er nicht zu wissen.<br \/>\nHimmel &#8211; H\u00f6lle, Dunkel &#8211; Licht,<br \/>\nheitrer oder tr\u00fcber &#8211;<br \/>\nTote unterscheiden nicht.<br \/>\nLust und Leid: vor\u00fcber!<br \/>\nSchreiner, richte mir die Truh<br \/>\nAus sechs starken Brettern.<br \/>\nIn den Grabblock mei\u00dfle du,<br \/>\nSteinmetz, diese Lettern:<br \/>\nMenschen, la\u00dft die Toten ruhn,<br \/>\neuer ist das Leben.<br \/>\nJeder hat genug zu tun,<br \/>\nArm und Blick zu heben.<br \/>\nLa\u00dft die Toten! Sie sind frei<br \/>\nim durchn\u00e4\u00dften Sande.<br \/>\n<em>Euch<\/em> entringt der Sklaverei!<br \/>\n<em>Euch<\/em> der Not und Schande!<br \/>\nWar ein Kampf des Lorbeers wert,<br \/>\nspart dem Tod die Spende &#8211;<br \/>\naber nehmt des Toten Schwert!<br \/>\nF\u00fchrt den Kampf zu Ende!<br \/>\nK\u00e4mpft, o k\u00e4mpft, und n\u00fctzt die Zeit<br \/>\nZu der Menschheit Gl\u00fccke!<br \/>\nF\u00e4llt ein Mann, so steht bereit:<br \/>\nVorw\u00e4rts! Schlie\u00dft die L\u00fccke!<br \/>\nWollt ihr denen Gutes tun,<br \/>\ndie der Tod getroffen,<br \/>\nMenschen, la\u00dft die Toten ruhn<br \/>\nUnd erf\u00fcllt ihr Hoffen!&#8220;<\/p>\n<p>Erich M\u00fchsam: &#8222;Der Tote&#8220;<\/p>\n<p>Die Trauerfeier begann um 11.30 Uhr in der Kapelle des M\u00fcnsteraner Zentralfriedhofes. Viele alte und junge Freunde, Freundinnen, die Angeh\u00f6rigen, Genossinnen und Genossen waren hier, um Abschied zu nehmen von Paul Wulf. Kein Pfarrer, sondern Daniel von Recklinghausen, ein Freidenker und Freund von Paul, hielt die erste Grabrede. Es war eine sch\u00f6ne Erinnerung an Paul, die mir und vielen anderen die Tr\u00e4nen in die Augen trieb. Erst jetzt wurde mir richtig klar, da\u00df Paul, mein alter Freund und Genosse, nicht mehr lebt.<\/p>\n<p>Nach Daniel von Recklinghausen las Norbert Eilinghoff &#8222;der Tote&#8220; von Erich M\u00fchsam. Ein Text, den Paul &#8211; der alle Schriften von M\u00fchsam kannte &#8211; liebte. Nun begann die Kirchenorgel zu spielen. Kirchenlieder f\u00fcr einen Antiklerikalen? Bitte nicht!<\/p>\n<p>Nein, nicht was ich bef\u00fcrchtet hatte, war eingetreten. Nach einigen T\u00f6nen erkannte ich die Melodie von Bertold Brechts &#8222;Arbeitereinheitsfront-Lied&#8220;: &#8222;Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern, er will unter sich keine Sklaven sehen und \u00fcber sich keine Herrn.&#8220;<\/p>\n<p>Nun schritten wir mit dieser Melodie im Ohr zu Pauls Grab und erwiesen ihm die letzte Ehre. Nach der Beerdigung sa\u00dfen wir noch lange zusammen und \u00fcberlegten, wie wir seinen Nachla\u00df f\u00fcr die Nachwelt erhalten k\u00f6nnen. Seitdem treffen wir uns regelm\u00e4\u00dfig als Freundeskreis Paul Wulf.<\/p>\n<p>Paul war am 3. Juli 1999 im Alter von 78 Jahren gestorben. Er war eingeschlafen ohne wieder aufzuwachen. Ein &#8222;sch\u00f6ner Tod&#8220; f\u00fcr einen herzkranken Menschen, der nicht ohne Grund Angst davor hatte, irgendwann im Altenheim zu landen und dort die alten Nazis zu treffen, die er sein Leben lang bek\u00e4mpft hat.<\/p>\n<h3>Wer war Paul Wulf?<\/h3>\n<p>Paul war ein Freidenker und Antimilitarist. Er verstand sich sowohl als Anarchist als auch als Kommunist und war eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit des deutschen Nachkriegsanarchismus und Antifaschismus. Er war ein extrem humorvoller Mensch, ein Spa\u00dfguerillero und leidenschaftlicher Blasphemiker, der das revolution\u00e4re Pathos liebte und sich \u00fcber herrschaftsfeindliche und antiklerikale Sp\u00e4\u00dfe wie ein Kind freuen konnte.<\/p>\n<p>Sein &#8222;Schwert&#8220; war das Wort. Sein Kampf orientierte sich am Ziel: ein menschengerechter, libert\u00e4rer Sozialismus, eine herrschaftsfreie Gesellschaft.<\/p>\n<p>Geboren am 2. Mai 1921 wuchs er mit seinen drei Geschwistern in proletarischen Verh\u00e4ltnissen auf: &#8222;Schon als Kind lernte ich ein Leben kennen, das aus den Fugen geraten war. Meine Eltern lernten schon fr\u00fchzeitig die kapitalistischen Ausw\u00fcchse kennen. Mein Vater war in den Jahren 1921 bis 1928 im Ruhrbergbau in der Zeche Ernestine in der Kokerei besch\u00e4ftigt, wo seine Gesundheit angegriffen wurde. In jener &#8218;gesegneten&#8216; Zeit, in der die Sozialdemokraten das Ruder in den H\u00e4nden hatten. Die Regierung Severing, die so tat, als ob sie die Interessen der Arbeiter vertreten w\u00fcrde, war schon damals &#8211; so m\u00f6chte ich sagen &#8211; der Folterknecht der arbeitenden Bev\u00f6lkerung.&#8220;<\/p>\n<p>Angesichts ihrer materiellen Not gaben seine Eltern ihn 1928 schweren Herzens in die Obhut des katholischen St. Vincent-Heims in Cloppenburg. 1932 wurde er in die jugendpsychiatrische Anstalt nach Marsberg verlegt. Hier lebten aufgrund fehlender Heimpl\u00e4tze gesunde und &#8222;kranke&#8220; Kinder unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen zusammen. Hier waren sie den Anstalts-&#8222;\u00c4rzten&#8220;, den &#8222;Menschen-Metzgern&#8220; (so Paul) und ihren &#8222;rassen-hygienischen Ma\u00dfnahmen&#8220; ausgesetzt.<\/p>\n<p>1937 stellten Pauls Eltern einen Entlassungsantrag. Der Anstaltsleiter teilte ihnen mit, da\u00df dem Antrag aufgrund von Pauls &#8222;angeborenen Schwachsinn ersten Grades&#8220; nur in Verbindung mit der Sterilisation zugestimmt werden k\u00f6nne. Um Paul vor der Vergasung zu retten, stimmten seine Eltern der Zwangssterilisation zu. Der 12. M\u00e4rz 1938, der Tag an dem die Wehrmacht \u00d6sterreich annektierte, war der traumatischste Tag seines Lebens. W\u00e4hrend selbst aus den im Operationssaal aufgestellten Volksempf\u00e4ngern das &#8222;Sieg heil!&#8220;-Gegr\u00f6le zu h\u00f6ren war, wurde Paul im Paderborner Landeskrankenhaus zwangssterilisiert. Noch keine 17 Jahre alt wurde er Opfer des 1932 von der SPD im Reichstag eingebrachten und 1934 von den Nazis verabschiedeten &#8222;Erbgesundheitsgesetzes zur Verh\u00fctung erbkranken Nachwuchses&#8220;. Dieser brutale Eingriff ver\u00e4nderte sein Leben und machte ihn zu einem unerm\u00fcdlichen Antifaschisten.<\/p>\n<p>Nach seiner Entlassung aus der Anstalt in Niedermarsberg arbeitete Paul w\u00e4hrend des Krieges subversiv gegen das NS-Regime. Er konspirierte mit franz\u00f6sischen Kriegsgefangenen, gab Informationen an sie weiter und ver\u00fcbte kleinere Sabotageaktionen. Den Einmarsch der Alliierten erlebte er als Befreiung. Doch er mu\u00dfte schon bald sehen, da\u00df viele der alten NS-Schreibtischt\u00e4ter auch im &#8222;neuen Deutschland&#8220; Schl\u00fcsselpositionen besetzten und gesellschaftliches Ansehen genossen, w\u00e4hrend er aufgrund seiner offen ausgesprochenen sozialrevolution\u00e4ren Gedanken selbst in Zeiten der Vollbesch\u00e4ftigung oft arbeitslos und arm war. &#8222;Rote&#8220; wie er wurden nicht eingestellt.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg begann Paul juristisch und politisch f\u00fcr Gerechtigkeit und f\u00fcr eine &#8222;Wiedergutmachung&#8220; zu k\u00e4mpfen. 1950 verk\u00fcndete das Amtsgericht Hagen aufgrund der Ergebnisse eines Intelligenztestes: &#8222;Der Antragsteller hat sich offenbar sp\u00e4t entwickelt und die Entwicklung ist f\u00fcr ihn g\u00fcnstig verlaufen, so da\u00df die Diagnose &#8218;angeborener Schwachsinn&#8216; nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.&#8220;<\/p>\n<p>Das gleiche Gericht lehnte Pauls Schadensersatzanspruch zynisch ab: &#8222;Erfahrungsgem\u00e4\u00df behaupten die Betroffenen, durch die Unfruchtbarmachung k\u00f6rperliche Sch\u00e4den, die zur Arbeitsunf\u00e4higkeit oder Arbeitsbehinderung gef\u00fchrt haben sollen, erlitten zu haben. Die Erfahrung des Wiederaufnahmegerichts lehrt, da\u00df diese k\u00f6rperlichen Sch\u00e4den durchweg simuliert werden.&#8220;<\/p>\n<p>Es folgte eine fast drei\u00dfigj\u00e4hrige Ochsentour durch die juristischen M\u00fchlen. Die RichtHerren beriefen sich immer wieder darauf, da\u00df das Erbgesundheitsgericht Arnsberg 1938 nach den geltenden Gesetzen gehandelt habe. Erst 1979 gab ihm das Sozialgericht M\u00fcnster recht und verurteilte die Landesversicherungsanstalt zur Zahlung einer bescheidenen Erwerbsunf\u00e4higkeitsrente. Durch seine juristische und politische Hartn\u00e4ckigkeit wurde Paul zur Stimme der ca. 400.000 im Dritten Reich zwangssterilisierten Menschen. Ohne sein \u00f6ffentliches Engagement w\u00e4re wohl auch die 1981 vom Bund bewilligte einmalige Entsch\u00e4digungszahlung in H\u00f6he von 5.000 DM an die noch lebenden Zwangssterilisierten nicht zustande gekommen.<\/p>\n<p>Wie kein anderer hat er faschistische Strukturen aufgedeckt und die Biographien von Menschen verfolgt, die im 3. Reich als NSDAP-Schreibtischt\u00e4ter aktiv waren und dann nach dem Krieg eine reibungslose Karriere in der CDU oder in anderen Parteien gemacht haben. Er recherchierte t\u00e4glich in Staatsbibliotheken und diversen Archiven. Immer auf der Suche nach Material, das er f\u00fcr seine zahlreichen antifaschistischen Ausstellungen nutzen konnte. Bei der Zusammenstellung seiner Ausstellungen verstand er es &#8211; inspiriert durch die Arbeiten von John Heartfield und Ernst Friedrich &#8211; in Collagenform Zusammenh\u00e4nge zu verdeutlichen. Kaum ein Mensch hat sich so intensiv mit den Themen Euthanasie und Zwangssterilisation besch\u00e4ftigt. Da er den Mut hatte, die Nazi-Vergangenheit von &#8222;angesehenen&#8220; bundesdeutschen Karrieristen offenzulegen, machte er sich viele Feinde. Auf eine seiner Ausstellungen wurde ein Anschlag ver\u00fcbt. &#8222;Das war bestimmt die Junge Union. Aber es hat ihnen nichts gen\u00fctzt. Ich hatte alles kopiert und konnte die besch\u00e4digten Sachen ersetzen.&#8220;<\/p>\n<p>Seit den f\u00fcnfziger Jahren hatte er als bekannter Agitator und Mitbegr\u00fcnder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) de facto Berufsverbot. Er engagierte sich zeitweise in der KPD und sp\u00e4ter in ML-Gruppen. Doch die Kaderkommunisten waren ihm, dem lebensfrohen Freidenker und Anarchisten bald zu hierarchisch, zu &#8222;revisionistisch&#8220;, zu autorit\u00e4r. Er blieb ein undogmatischer, linker Einzelk\u00e4mpfer und hatte immer auch viele junge politische Freunde. Kaum eine Hausbesetzung, kaum ein alternatives Stra\u00dfenfest, kaum eine Anti-AKW-, Anti-Kriegs- oder Antifademo, an der er nicht teilnahm. Zuletzt traf ich ihn &#8211; zwei Wochen vor seinem Tod &#8211; bei einer Demo gegen den NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien.<\/p>\n<h3>Pauls Tod hat mich wie ein Schlag getroffen.<\/h3>\n<p>Wir hatten uns noch soviel vorgenommen. Wir wollten gemeinsam ein Buch \u00fcber sein Leben schreiben. Aber immer kam etwas dazwischen: Arbeit, andere Projekte, meine Doktorarbeit \u00fcber libert\u00e4re Presse, bei der er mich unterst\u00fctzt hat &#8230;<\/p>\n<p>Ich habe Paul 1989 kennengelernt. Zu der Zeit habe ich im Umweltzentrum M\u00fcnster gearbeitet. Er kam regelm\u00e4\u00dfig ins UWZ, um zu reden und alternative Zeitungen zu kaufen.<\/p>\n<p>Als ich meine Dissertation schrieb, bekam ich viele anarchistische Zeitungen doppelt von befreundeten Szene-Archiven und Zeitungsredaktionen zugeschickt. Ich hatte immer auch f\u00fcr Paul Bl\u00e4tter zur\u00fcckgelegt. Nie werde ich vergessen, wie er sich \u00fcber verbotene, subversive Schriften gefreut hat. Anfang der Neunziger erschien in einer <em>radikal<\/em>-Ausgabe eine Anleitung zum Bau einer mit doppeltem Boden und Alu ausgelegten &#8222;Klautasche&#8220;. Paul war begeistert: &#8222;Die Klautasche &#8211; das iss&#8217;n Dingen!&#8220; &#8211; ebenso von der <em>radikal<\/em>-Geschichtsserie &#8222;Gegen das Vergessen&#8220;. Gefreut hat er sich auch \u00fcber die wie eine Bildzeitung aufgemachte linksradikale Stadtzeitung <em>von unge<\/em> aus K\u00f6ln, \u00fcber die als &#8222;Kardinal Josef Moser&#8220;-Buch getarnte anarchistische Knastzeitung <em>Haberfeld<\/em> und den &#8222;Die Lady Die&#8220;-Nachruf in der anarchosyndikalistischen <em>direkten aktion<\/em>. Der anarchistische <em>Schwarze Faden<\/em>, die <em>Unfassba<\/em>, die <em>Graswurzelrevolution<\/em>, der kommunistische <em>Rote Morgen<\/em>, aber auch b\u00fcrgerliche Zeitungen wie die Bremer <em>taz<\/em>, das waren f\u00fcr ihn \u00dcberlebensmittel. Mit Freude erinnere ich mich daran, wie Paul mich alle zwei, drei Wochen immer spontan und \u00fcberraschend besucht hat und eine seiner ersten Fragen war oft &#8222;Hasse nich&#8216; was f\u00fcr mich?&#8220;<\/p>\n<p>Klar, hatte ich. Und Paul hatte auch meist etwas f\u00fcr mich. Er zauberte dann aus seiner legend\u00e4ren Aktentasche seine neuesten Funde, spannende B\u00fccher und Kopien, die er bei seinen t\u00e4glichen Touren durch die Archive und Buchl\u00e4den gefunden bzw. gemacht hatte. Oft machte er mich auf Funde aufmerksam, die bisher in den Archiven verstaubten. Zum Beispiel auf die einhundert Jahre alte Polizeiakte der &#8222;unerw\u00fcnschten Person&#8220; Emma Goldman, die damals als anarchistische Agitatorin auch durch das Deutsche Reich reiste.<\/p>\n<p>Paul blieb meist einige Stunden. Die Geschichten sprudelten nur so aus ihm heraus und oft mu\u00dfte ich nachfragen um die Zusammenh\u00e4nge zu verstehen. Paul war ein &#8222;lebendes Geschichtsbuch&#8220;. Er erz\u00e4hlte \u00fcber seine Freundschaft mit Ulrike Meinhof, die 1959 in M\u00fcnster studiert hatte und damals in der Anti-Atomtodbewegung aktiv war. Er ging davon aus, da\u00df sie 1976 in der Isolationshaft ermordet worden war. Er erz\u00e4hlte von ihrer gruseligen Beerdigung, an der er teilgenommen hatte.<\/p>\n<p>Paul war auch regelm\u00e4\u00dfig in M\u00fcnsters anarchistischem Zentrum Themroc (1988-&#8217;92). Und er hat damals sein umfangreiches Archiv dem Themroc angeboten.<\/p>\n<p>Anfang der Neunziger setzten sich der damalige Pfarrer Werner Lindemann und andere DemokratInnen, die Paul nahestanden, daf\u00fcr ein, da\u00df er das Bundesverdienstkreuz bekommen solle. 1991 war es soweit: Paul hat &#8211; vermutlich als einziger Sozialrevolution\u00e4r und Staatsfeind &#8211; f\u00fcr seine antifaschistische Bildungsarbeit das Bundesverdienstkreuz bekommen. Verliehen wurde es ihm vom damaligen CDU-Oberb\u00fcrgermeister Twenh\u00f6ven, einem politischen Gegner.<\/p>\n<p>Paul hat mir mal erz\u00e4hlt, er habe im M\u00fcnsteraner Stadtarchiv ein Foto gefunden, auf dem Goebbels zu sehen war, wie er aus dem goldenen M\u00fcnsteraner Stadtkrug trinkt. Paul sagte, er habe das Foto hochkopiert und sich w\u00e4hrend einer 1. Mai-Feier genau in dem Moment vor das Podium gestellt und das Bild der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert, als Twenh\u00f6ven aus diesem Krug trank. Und ausgerechnet Twenh\u00f6ven mu\u00dfte ihm sp\u00e4ter das Verdienstkreuz \u00fcberreichen. Paul hat mir erz\u00e4hlt, er h\u00e4tte zu Twenh\u00f6ven bei der feierlichen Verleihungsveranstaltung gesagt: &#8222;Gib mal her den Karnevalsorden.&#8220; Andererseits war er tief bewegt. Die Verleihung war f\u00fcr ihn eine zwiesp\u00e4ltige Sache. Er hatte \u00fcberlegt den Orden abzulehnen, weil er meinte, da\u00df &#8222;soviele schlechte Menschen, soviele Nazis diese Auszeichnung gekriegt&#8220; haben. &#8222;Da\u00df ich das angenommen habe, das haben mir einige \u00fcbel genommen.&#8220; Ich nicht.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu vielen anderen hat Paul seine Ideale nie verraten.<\/p>\n<p>Seine Schwester Agathe hat ihn jahrelang gepflegt und liebevoll umsorgt. &#8222;Ohne seine Schwester Agathe, die ihm immer hilfreich zur Seite stand, h\u00e4tte Paul Wulf diese gewaltige Aufkl\u00e4rungsarbeit wahrscheinlich nicht so verwirklichen k\u00f6nnen. Man mu\u00df Respekt haben vor den Frauen, die mit solch einem politischen Menschen zusammenleben. Mensch kennt die &#8218;gro\u00dfen K\u00e4mpfer&#8216;, aber ihre Gef\u00e4hrtinnen kennt mensch nicht, dabei tragen sie entscheidend dazu bei, da\u00df diese Taten erst verwirklicht werden k\u00f6nnen.&#8220; (Volker Pade)<\/p>\n<p>Paul war ein Menschenfreund, ein liebenswerter Hand- und Kopfarbeiter mit Herz, ein schwieriger, bisweilen chaotischer, aber wunderbarer Mensch. Wenn er mit Menschen geredet hat, nahm er sie oft an die Hand und guckte ihnen tief in die Augen. Und seine Augen waren auch im Alter die Augen eines Siebzehnj\u00e4hrigen. Seine Seele war jung geblieben, bis zu seinem Tod war er sehr lebendig und k\u00e4mpferisch.<\/p>\n<p>Paul, geliebter Freund, wir werden Dich nie vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;War&#8217;s ein Traum? Ist&#8217;s wahr? &#8211; Was macht&#8217;s! Bilder ziehn und fliegen. 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