{"id":2972,"date":"1999-11-01T00:00:04","date_gmt":"1999-10-31T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2972"},"modified":"2022-07-26T12:59:12","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:12","slug":"von-jungfrauen-und-schlampen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/11\/von-jungfrauen-und-schlampen\/","title":{"rendered":"Von Jungfrauen und Schlampen"},"content":{"rendered":"<p>Ich glaube, da\u00df alle feministische Theorie und Praxis letztlich zu der Ansicht f\u00fchrt, da\u00df einer der zentralen konstituierenden Faktoren und Schl\u00fcsselmechanismen des weltumspannenden Ph\u00e4nomens m\u00e4nnlicher Dominanz und der Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung von Frauen die nahezu universelle weibliche Heterosexualit\u00e4t ist. [&#8230;] Ohne (hetero-)sexuelle Gewalt, ohne (hetero-)sexuelle Bel\u00e4stigung und ohne die Heterosexualisierung s\u00e4mtlicher Aspekte des weiblichen K\u00f6rpers und Verhaltens g\u00e4be es kein Patriarchat, und jede andere Form oder Manifestation von Unterdr\u00fcckung, die sonst noch existiert, w\u00fcrde nicht die Form, das Ausma\u00df und die Dynamik haben wie der Rassismus, Nationalismus usw., die wir heute kennen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Weibliche Heterosexualit\u00e4t ist keine biologische Bestimmung und auch nicht nur die erotische Anziehung, die eine einzelne Frau zu einem anderen menschlichen Lebewesen versp\u00fcrt, das zuf\u00e4lligerweise m\u00e4nnlich ist. Heterasexualit\u00e4t ist ein System sozialer Institutionen und Praktiken, die vom patriarchalen Verwandtschaftssystem definiert und \u00fcberwacht werden, vom b\u00fcrgerlichen Gesetz und von religi\u00f6sen Regeln, von einem nachdr\u00fccklich durchgesetzten Sittenkodex, sowie von gr\u00fcndlich eingetrichterten Werten und Tabus. Diese Definitionen, Regeln, Werte und Tabus drehen sich um M\u00e4nnerb\u00fcndelei und um die Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung von Frauen. Sie dienen nicht der Liebe, menschlicher W\u00e4rme, Trost, Spa\u00df, Genu\u00df oder tiefem Wissen voneinander. Wenn irgendeiner dieser Werte innerhalb der Grenzen patriarchaler Institutionen und Praktiken auftaucht, dann deshalb, weil Freude, Zuwendung, Genu\u00df und Anerkennung wachsen wie L\u00f6wenzahn und schwer auszurotten sind, und nicht weil Heterasexualit\u00e4t nat\u00fcrlich w\u00e4re, oder gar das nat\u00fcrliche Zuhause solcher Werte. [&#8230;]<\/p>\n<p>Das Wort &#8218;Jungfrau&#8216; bezeichnete urspr\u00fcnglich nicht eine Frau, deren Vagina noch unber\u00fchrt war von einem Penis, sondern eine freie Frau: nicht verlobt, verheiratet, gebunden, nicht im Besitz eines Mannes. Es bezeichnete eine Frau, die sexuell und daher auch sozial autonom war. Im patriarchalen Universum gibt es keine Jungfrauen in diesem Sinne. Sogar kleine M\u00e4dchen werden als Besitz ihrer m\u00e4nnlichen Verwandten und als potentielle Ehefrauen betrachtet. Daher m\u00fcssen Jungfrauen (im urspr\u00fcnglichen Sinne) undenkbar sein, unaussprechlich, unm\u00f6glich. Radikalfeministische Lesben beanspruchen eine solche, positiv bewertete Jungfr\u00e4ulichkeit und haben Wege gefunden, sie zu leben, indem sie den patriarchalen Anspruch, Realit\u00e4t und Bedeutsamkeiten zu definieren, kreativ mi\u00dfachteten.<\/p>\n<p>Die Frage, die auf der Hand liegt, lautet: Gibt es eine m\u00f6gliche Perspektive f\u00fcr alle Frauen, patriarchal- fremdbestimmte Definitionen ihrer Wirklichkeit auf gleiche Weise kreativ zu mi\u00dfachten und stattdessen vielf\u00e4ltige Formen von positiv gelebter Jungfr\u00e4ulichkeit zu erfinden und zu verk\u00f6rpern, die auch dauerhafte, erotische, \u00f6konomische und partnerschaftliche Verbindungen und ein Zusammenwohnen mit M\u00e4nnern beinhalten k\u00f6nnen? Solche Jungfrauen sind innerhalb des Patriarchats genausowenig denkbar wie Lesben. Wenn sie trotz dieser Unm\u00f6glichkeit anfangen zu existieren, werden sie ein Leben f\u00fchren, das sexuell, sozial und politisch genauso befremdlich und unnat\u00fcrlich wirken wird wie das Leben radikalfeministischer Lesben. Was wir uns an dieser Stelle vorstellen m\u00fcssen sind Frauen, die bereit sind, ausgew\u00e4hlte Verbindungen mit M\u00e4nnern einzugehen, die aber wilde, ungez\u00e4hmte Frauen sind, die sich selbst hier und jetzt erschaffen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Diese Jungfrauen kleiden und schm\u00fccken sich nicht mit dem Krimskrams, der in ihrer Kultur weibliche Unterwerfung unter einen von M\u00e4nnern definierten Begriff von Weiblichkeit bedeutet und der ihren K\u00f6rper zum Sinnbild dieser Unterwerfung macht: sie machen sich nicht &#8218;attraktiv&#8216; im Sinne der Weiblichkeitskonventionen und Mode ihrer jeweiligen Kultur; und darum sagen Leute, die f\u00fcr ihre nat\u00fcrliche Sch\u00f6nheit blind sind, sie seien h\u00e4\u00dflich. Sie erhalten sich so viel finanzielle Flexibilit\u00e4t wie sie nur k\u00f6nnen, um sicherzustellen, da\u00df sie notfalls jederzeit zur Unabh\u00e4ngigkeit zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, wenn \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeiten drohen, sie an eine Beziehung zu ketten, die sie nicht mehr wollen. Sie k\u00e4men genausowenig auf die Idee, Sex zu haben, der keinen Spa\u00df mache, wie nackt im Regen herumzulaufen, wenn nicht aus Spa\u00df. Ihre sexuellen Begegnungen sind keine Kriegsschaupl\u00e4tze, auf denen sich Leute mit Schw\u00e4nzen zu M\u00e4nnern stilisieren, w\u00e4hrend Leute mit M\u00f6sen zu Frauen gemacht werden.<\/p>\n<p>Diese Jungfrauen, die sich aus freien St\u00fccken mit M\u00e4nnern verbinden, versuchen nicht, die Fiktion aufrechtzuerhalten, da\u00df ihre Lieblinge die besseren M\u00e4nner seien. Wenn sie von Leuten bedroht werden, die sich von ihnen bedroht f\u00fchlen, berufen sie sich nicht auf ihre Verbindungen zu M\u00e4nnern, um dadurch zu beschwichtigen und zu beweisen, da\u00df sie keine M\u00e4nnerhasserinnen sind. Sie begeben sich nicht in m\u00e4nnlichen Schutz. Sie \u00fcben keinen Druck aus auf ihre T\u00f6chter, M\u00fctter, Schwestern, Freundinnen oder Sch\u00fclerinnen, sich in gleicher Weise wie sie selbst auf M\u00e4nner zu beziehen, um dadurch in ihrer eigenen Wahl best\u00e4tigt zu werden. Sie k\u00e4men nie auf die Idee, einen Mann zu einer feministischen Veranstaltung mitzuschleppen, die nur f\u00fcr Frauen ausgeschrieben ist, sondern sie genie\u00dfen, schaffen und verteidigen Frauenfreir\u00e4ume.<\/p>\n<p>Diese Jungfrauen, die sich mit M\u00e4nnern verbinden, lassen sich weder von m\u00e4nnlicher Zustimmung oder Mi\u00dfbilligung manipulieren, noch von \u00fcbergro\u00dfem Tamtam um &#8211; vermeintliche oder echte &#8211; Bed\u00fcrfnisse von M\u00e4nnern und Kindern. Sie sind immun gegen Homophobie und k\u00f6nnen mit der Drohung, in den Ruch des Lesbischen zu geraten, weder eingesch\u00fcchtert noch zur Anpassung gezwungen werden. Sie haben es nicht n\u00f6tig, respektabel zu sein.<\/p>\n<p>Diese Jungfrauen verweigern sich der Institution Ehe, und sie weigern sich, die Hochzeiten anderer zu unterst\u00fctzen oder daran teilzunehmen &#8211; auch nicht an der ihres Lieblingsbruders. Sie sind hartgesottene Ehegegnerinnen. Sie kommen unter enormen Heiratsdruck, aber sie geben nicht nach. Sie betrachten die Ehe nicht als Privileg. Sie lassen sich nicht einmal durch Steuer- und Versicherungsvorteile bestechen oder zur Ehe verlocken. Auch nicht, wenn sie und ihre Partner \u00e4lter werden und besorgter um ihre Gesundheit und ihre finanzielle Situation.<\/p>\n<p>Diese Jungfrauen pflegen starke, verl\u00e4\u00dfliche, kreative, tragf\u00e4hige, unterst\u00fctzende und intensive Freundinschaften. Statt von der Verpflichtung, M\u00e4nner zu beschwichtigen, zu p\u00e4ppeln und zu erziehen, werden ihre Visionen und ihr Engagement von dem grundlegenden Bed\u00fcrfnis getragen, Frauen zu erm\u00e4chtigen, sowie Freundinschaften und Solidarit\u00e4t unter Frauen zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Diese Jungfrauen, die sich mit M\u00e4nnern verbinden, wissen, da\u00df sie nicht sie selbst sein k\u00f6nnen, wenn sie dabei im Schrank sitzen: sie leben offen als lose Weibsbilder und kompromi\u00dflose Schlampen &#8211; eine un\u00fcbersehbare Erscheinung auf der sozialen und politischen B\u00fchne. Sie machen sich selbst sichtbar, un\u00fcberh\u00f6rbar und f\u00fcr andere greifbar. Sie schaffen eine Gemeinschaft von Schlampenschwestern und lesbischen Jungfrauen, und sie unterst\u00fctzen sich gegenseitig in ihrer Wildheit. Zusammen machen sie Gaudi und Rabatz. Sie schaffen sich M\u00f6glichkeiten, W\u00e4rme, ein Zuhause, Gesellschaft und Intensit\u00e4t zu erleben &#8211; mit oder ohne M\u00e4nner. Sie schaffen Wert und Bedeutung, so da\u00df sie &#8211; wenn der Druck, sich an die patriarchale Heterasexualit\u00e4t anzupassen, extrem wird &#8211; einen R\u00fcckhalt und eine Widerstandsgemeinschaft haben, die ihnen den R\u00fccken st\u00e4rkt und mit ihnen zusammen nach neuen und besseren L\u00f6sungen sucht als denjenigen, die eine Anpassung verspricht.<\/p>\n<p>Sie sind sch\u00f6pferisch t\u00e4tig: sie schreiben, dichten, musizieren, malen, geben Zeitungen heraus, sammeln Wissen, F\u00e4higkeiten, Mittel und Methoden, und sie sind politisch aktiv. In ihren Zeitungen artikulieren sie ihre Visionen, ihre kulturellen und politischen Unterschiede, ihre vielf\u00e4ltigen Werte; sie beschimpfen sich, sie unterst\u00fctzen sich, sie nehmen Anteil aneinander. [&#8230;]<\/p>\n<p>Einige Frauen haben gehofft, da\u00df frau <em>schon<\/em>Lesbe sein mu\u00df, um eine wahre, extreme, radikale, aufr\u00fchrerische Feministin sein zu k\u00f6nnen, weil sie dann &#8211; da sie selbst keine Lesben sind und auch um nichts in der Welt Lesben werden w\u00fcrden &#8211; eine Entschuldigung h\u00e4tten daf\u00fcr, nicht radikalfeministisch zu denken oder zu handeln oder gar M\u00e4nner zu verschrecken. Vieles, was gemeinhin als weibliche Angst vor Lesbianismus durchgeht, ist in Wirklichkeit Angst vor M\u00e4nnern &#8211; Angst davor, was M\u00e4nner aufm\u00fcpfigen Frauen antun k\u00f6nnten. Aber eine solche Entschuldigung f\u00fcr gem\u00e4\u00dfigten und sicheren Feminismus will ich nicht liefern.<\/p>\n<p>&#8218;Mu\u00df frau Lesbe sein um Feministin zu sein?&#8216; ist nicht ganz richtig formuliert. Die Frage m\u00fc\u00dfte hei\u00dfen: &#8218;Kann eine Frau heterasexuell sein und gleichzeitig radikale Feministin?&#8216; Ich sehe das so: du mu\u00dft keine Lesbe sein, um einen radikalen Feminismus zu verk\u00f6rpern und zu leben; aber du kannst auch keine Hetera sein in der \u00fcblichen patriarchalen Bedeutung dieses Wortes &#8211; du kannst nicht irgendeine Variante einer patriachalen Gattin sein. Lesbe hin oder her &#8211; um einen konsequenten und umfassenden Feminismus zu leben, mu\u00dft du eine Ketzerin sein, eine Abweichlerin, eine ungez\u00e4hmte Frau, ein unm\u00f6gliches Wesen. Du mu\u00dft Jungfrau sein.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich glaube, da\u00df alle feministische Theorie und Praxis letztlich zu der Ansicht f\u00fchrt, da\u00df einer der zentralen konstituierenden Faktoren und Schl\u00fcsselmechanismen des weltumspannenden Ph\u00e4nomens m\u00e4nnlicher Dominanz und der Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung von Frauen die nahezu universelle weibliche Heterosexualit\u00e4t ist. 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