{"id":29780,"date":"2023-05-04T17:42:09","date_gmt":"2023-05-04T15:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/05\/gemeinschaften-im-aufbau\/"},"modified":"2023-07-18T09:49:52","modified_gmt":"2023-07-18T07:49:52","slug":"gemeinschaften-im-aufbau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/05\/gemeinschaften-im-aufbau\/","title":{"rendered":"Gemeinschaften im Aufbau"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein warmer Augusttag ganz in der N\u00e4he der Karibikk\u00fcste von Honduras. Miriam Miranda, Koordinatorin der Gar\u00edfuna-Organisation OFRANEH sitzt auf einer Bank unter einem hohen Wellblechdach. Hier ist der Versammlungsort der kleinen Gemeinde Vallecito. Stolz liegt in ihrer Stimme, wenn sie \u00fcber das kleine Dorf spricht. \u201eVallecito hat eine neue Etappe des Kampfes der Gar\u00edfuna eingeleitet.\u201c Hier begannen die Gar\u00edfuna mit dem Prozess der aktiven R\u00fcckgewinnung ihres angestammten Landes. Heute gibt es etwa zehn dieser Projekte, kleine und gr\u00f6\u00dfere, verstreut an der Karibikk\u00fcste von Honduras. Aber das umfassendste und bekannteste dieser Projekte ist Vallecito.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Eine Gemeinde in einem Meer von \u00d6lpalmenplantagen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Dorf ist nur schwer zu erreichen. Aus der Hauptstadt Tegucigalpa dauert die Fahrt in einem der vielen ausgemusterten gelben Schulbusse aus den USA dreizehn Stunden. Drei\u00dfig Kilometer vor dem Ziel endet die asphaltierte Stra\u00dfe und es geht weiter auf einer sandigen Piste mit tiefen Schlagl\u00f6chern. An den verstaubten Fenstern des Busses ziehen unendlich scheinende \u00d6lpalmenplantagen vorbei, gro\u00dfe Laster rasen vor\u00fcber, um im Minutentakt die \u00d6lpalmfr\u00fcchte f\u00fcr den Weltmarkt abzutransportieren. Die Plantagenbesitzer:innen geh\u00f6ren zu den Eliten des Landes. Es ist bekannt, dass sie Verbindungen zum organisierten Verbrechen haben. Ihre Verwicklung in schwere Menschenrechtsverletzungen wird seit Jahren angeprangert. Die letzten Kilometer geht es mit einem Pickup direkt durch eine \u00d6lpalmenplantage. Doch irgendwann lichtet sich das monotone Gr\u00fcn und das weitl\u00e4ufige Gel\u00e4nde von Vallecito kommt in den Blick.<br \/>\nDie Gemeinde erstreckt sich \u00fcber 1500 Hektar. Von drei Seiten ist sie umringt von \u00d6lpalmenplantagen, Richtung Norden \u00f6ffnet sich das Gel\u00e4nder der Gemeinde bis hin zum karibischen Meer. Weit verstreut stehen kleine Holzh\u00e4user, in denen die 52 aktuellen Bewohner:innen leben. Die Ruhe wird nur selten durch ein Motorrad unterbrochen, das auf einem der wenigen Sandwege entlangf\u00e4hrt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der lange Weg der R\u00fcckgewinnung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch so ruhig, wie es auf den ersten Blick scheint, war es hier nicht immer. Die relative Ruhe, die heute herrscht, mussten sich die Gar\u00edfuna erk\u00e4mpfen. \u201eDieses Territorium wurde vom Drogenhandel \u00fcbernommen. Und noch heute ist es ein umk\u00e4mpftes Gebiet,\u201c erkl\u00e4rt Miranda. Die gesamte Gegend ist angestammtes Land der Gar\u00edfuna. Doch war es \u00fcber Jahrzehnte von \u00d6lpalmenmagnaten besetzt, Rinderherden grasten hier und eine illegale Landepiste wurde von einem Drogenkartell genutzt, um Kokain aus S\u00fcdamerika in Richtung USA umzuschlagen. Trotzdem erwirkten die Gar\u00edfuna mit ihrer Organisation OFRANEH 1993 offizielle Landtitel. Damals eine strategische Entscheidung, um die R\u00fcckgewinnung zu beschleunigen. Aber aufgrund der konflikthaften Lage forderten sie ihn lange nicht ein. Erst ab 2012 entschlossen sie sich, das Land wieder in Besitz zu nehmen. Doch die Narcos ((1)) wollten den strategisch wichtigen Ort nicht so einfach aufgeben. \u201eEs gab Zeiten, da kamen sie auf Motorr\u00e4dern an. Zwei schwer bewaffnete M\u00e4nner auf jedem Motorrad,\u201c erinnert sich Miranda. \u201eEinmal kamen sie mit 80 Motorr\u00e4dern. Alle unsere Leute mussten auf diesen Berg hier fliehen.\u201c Auch Karen Garc\u00eda war bei der R\u00fcckgewinnung dabei. Heute ist sie eine der Koordinator:innen des Ortes und erinnert sich noch gut an die gef\u00e4hrliche Zeit. \u201eEs war nicht einfach, hier in Vallecito zu bleiben. Als von einer Seite geschossen wurde, waren wir mit unseren Trommeln auf der anderen Seite.\u201c Die Gar\u00edfuna hatten keine Waffen, aber sie hatten die Unterst\u00fctzung von vielen Menschen aus anderen Gemeinden und ihre Trommeln gaben ihnen den Mut, nicht aufzugeben. Durch solidarische Unterst\u00fctzung und permanente Pr\u00e4senz gelang es, die Narcos und mit ihnen die Gro\u00dfgrundbesitzer:innen nach und nach zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Eine neue Gemeinschaft entsteht<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Vallecito werden nun seit zehn Jahren autonome Strukturen aufgebaut. Auf allen Ebenen des Zusammenlebens soll hier ein Modell einer solidarischen Gemeinschaft erprobt und gelebt werden.<br \/>\n\u201eF\u00fcr mich ist das wichtigste hier, dass dieser Ort die Menschen wieder mit dem Land in Verbindung bringt,\u201c fasst Miranda ihre Vision von der Gemeinde zusammen. Die Kultur der Gar\u00edfuna ist tief verwurzelt mit ihrem angestammten Land. Durch den fortschreitenden Landraub verlieren immer mehr Gar\u00edfuna ihre Lebensgrundlage und damit auch den Bezug zur eigenen Kultur. Aufgrund der fehlenden Perspektiven lebt inzwischen die zweitgr\u00f6\u00dfte Community der Gar\u00edfuna meist illegalisiert in New York.<br \/>\nDeshalb ist es ein zentrales Ziel, auf dem eigenen Land die eigenen traditionellen Lebensmittel anzubauen. \u201e2016 haben wir mit der Pflanzung der ersten Kokosn\u00fcsse begonnen\u201c, erkl\u00e4rt Henri Morales, einer der beiden Agraringenieur:innen des Ortes. Auf 84 Hektar und weit verstreut \u00fcber das Gel\u00e4nde, statt in Reih und Glied der Plantagen, werden verschiedene Sorten angebaut. In einer kleinen Baumschule z\u00fcchtet Morales liebevoll neue Setzlinge von N\u00fcssen aus der Region. Er selber stammt aus einer Gar\u00edfuna-Familie, die vom Anbau von Kokosn\u00fcssen lebt. Er verbindet das traditionelle Wissen mit den Kenntnissen, die er w\u00e4hrend seines Studiums erworben hat. Kokosnuss\u00f6l ist ein wichtiger Bestandteil der Ern\u00e4hrung der Gar\u00edfuna, doch f\u00fcr Miranda hat es eine noch umfassendere Bedeutung: \u201eMit dem Anbau von Kokos bek\u00e4mpfen wir die \u00d6lpalmenplantagen.\u201c Auch in den Regalen honduranischer Superm\u00e4rkte findet sich in unz\u00e4hligen Produkten Palm\u00f6l. Mit dem eigens produzierten Kokos\u00f6l setzen die Gar\u00edfuna von Vallecito der zerst\u00f6rerischen Macht transnationaler Unternehmen etwas entgegen. Und leisten einen Beitrag zur Gesundheit: \u201e\u00d6lpalmen sind toxisch, mit Pestiziden belastet. Unsere Kokosn\u00fcsse hier sind rein \u00f6kologisch.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>F\u00fcr ein selbstbestimmtes Leben nehmen die Gar\u00edfuna es mit dem repressiven Staat, Drogenkartellen, Gro\u00dfgrundbesitzer:innen und patriarchalen Gesellschaftsstrukturen auf.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zentrale Treffpunkt ist die Gemeinschaftsk\u00fcche, in der alle Bewohner:innen regelm\u00e4\u00dfig K\u00fcchendienst haben und die anderen mit Fr\u00fchst\u00fcck, Mittag- und Abendessen versorgen. Eines Tages sollen nur noch Lebensmittel aus dem eigenen Anbau verkocht werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">In der kleinen Dorfschule wird Gar\u00edfuna und Landwirtschaft unterrichtet<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor einigen Jahren hat hier auch eine kleine Grundschule er\u00f6ffnet. \u201eUns geht es darum, die eigene Sprache wieder anzueignen\u201c, erkl\u00e4rt Lilian Suyapa, die einzige Lehrerin der Schule. Neben den g\u00e4ngigen F\u00e4chern steht n\u00e4mlich auch Gar\u00edfuna auf dem Lehrplan. Eine Sprache, die Linguist:innen zufolge karibische und westafrikanische Einfl\u00fcsse aufweist. Viele \u00c4ltere sprechen noch Gar\u00edfuna, J\u00fcngere sprechen zunehmend nur noch Spanisch. Das spiegelt sich auch in der Grundschule von Vallecito. Einzelne Kinder haben wenig Probleme, andere kommen hier das erste Mal mit der eigenen Sprache in Kontakt. Ein weiteres besonderes Fach ist Landwirtschaft. Die Kinder pflanzen gemeinsam mit Suyapa und den Agraringenieur:innen in Beeten Lebensmittel an, helfen bei der Ernte von Kokosn\u00fcssen und Yucca-Wurzeln, und bekommen so nebenbei die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr das Land und die eigenen Ern\u00e4hrungsgewohnheiten vermittelt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Herausforderungen bleiben gro\u00df<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autark ist das Leben in Vallecito aber noch lange nicht. Bis auf weiteres m\u00fcssen Lebensmittel zugekauft werden und ein Gro\u00dfteil des Stroms wird durch einen mit Benzin betriebenen Generator erzeugt. Eine Ton-Wasserfilteranlage war ungeeignet und filterte nicht die giftigen Pestizid-R\u00fcckst\u00e4nde von den umliegenden Plantagen aus. Nun muss Trinkwasser in gro\u00dfen Plastikkanistern au\u00dferhalb gekauft werden.<br \/>\nEs ist ein Kommen und Gehen. Manchmal verlassen Menschen das Dorf, weil ihnen das Leben hier doch nicht zusagt. Neue Menschen kommen, um beim Aufbau zu unterst\u00fctzen oder sich dort l\u00e4ngerfristig niederzulassen. M\u00f6glich ist dieser Modellversuch dank Spenden, die OFRANEH erh\u00e4lt und damit die Gemeinde so lange unterst\u00fctzt, bis sie sich selbst versorgen kann. \u201eDies ist eine Gemeinschaft im Aufbau, aber es ist auch eine Rebellion\u201c, bringt Miranda die Besonderheit dieser Gemeinde auf den Punkt. \u201eEs ist ein Prozess der Selbstbestimmung und Autonomie. Hier zeigen wir, dass wir die Dinge selber in die Hand nehmen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vallecito: Inspiration f\u00fcr andere<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die, trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge, erfolgreiche R\u00fcckgewinnung von Vallecito inspirierte auch andere Gar\u00edfuna-Gemeinden, sich Teile ihres geraubten Landes wieder anzueignen. Eines dieser Projekte ist Wabato. Das gro\u00dfe und langgezogene Grundst\u00fcck liegt drei Stunden entfernt, am Stadtrand von Trujillo. Es liegt fast am Karibikstrand, aber nur fast. Vor das Grundst\u00fcck schiebt sich eine Reihe mit schicken Ferienh\u00e4usern. Ein schmaler Weg zwischen zwei Grundst\u00fccken ist der letzte Zugang, den die Gar\u00edfuna noch zum Strand haben. Die ganze Bucht von Trujillo ist bekannt daf\u00fcr, dass reiche Nordamerikaner:innen dort Ferienressorts f\u00fcr ihresgleichen errichten. Auf dem angestammten Land der Gar\u00edfuna. F\u00fcr das gesamte Gebiet besitzen die Gemeinden seit 1901 einen offiziellen Landtitel, das hinderte die korrupten honduranischen Beh\u00f6rden allerdings nicht daran, das Land an Ausl\u00e4nder:innen zu verkaufen. Auch das Grundst\u00fcck von Wabato war in den H\u00e4nden eines nordamerikanischen Paares, das bis zu seinem Tod hier die Ferien verbrachte. 2019 forderte eine Gruppe Gar\u00edfuna mit Verweis auf den Landtitel das Grundst\u00fcck zur\u00fcck. \u201eWir haben die Erben der Vorbesitzer aufgefordert, zu beweisen, dass ihnen das Grundst\u00fcck geh\u00f6rt\u201c, erz\u00e4hlt Mario Solorzano, der Koordinator von Wabato. \u201eDas konnten sie nicht. Also haben wir das Gebiet friedlich wieder in Besitz genommen.\u201c Auch in Wabato gingen die Gar\u00edfuna mit einer \u00e4hnlichen Strategie wie in Vallecito vor: Aus vielen Gemeinden kam solidarische Unterst\u00fctzung, permanent zeigten sie Pr\u00e4senz und mit ihren Trommeln riefen sie die Kraft ihrer Vorfahr:innen herbei. \u201eAber die Polizei ist gekommen. Wir wurden verfolgt und kriminalisiert.\u201c Auch Solorzano wurde festgenommen und sa\u00df mehrere Tage illegal in Haft. Eine seiner Auflagen ist, dass er sich Wabato nicht n\u00e4hern darf. Das h\u00e4lt ihn aber nicht davon ab, hier den Traum von einem selbstbestimmten und solidarischen Zusammenleben voranzutreiben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">In Wabato gehen Aktivist:innen neue Wege<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vergleich zu Vallecito ist es hier \u00fcberschaubar. In dem ehemaligen Ferienhaus leben etwa sechs Menschen. Andere kommen regelm\u00e4\u00dfig, um zu helfen. Gekocht wird f\u00fcr alle in einer K\u00fcche unter freiem Himmel, weiter hinten liegen kleine Parzellen, wo Lebensmittel angebaut werden. Ganz am Ende des Grundst\u00fccks stehen drei H\u00e4user in traditionellem Baustil, wo bald ein Gesundheitszentrum er\u00f6ffnet wird, basierend auf dem traditionellen Wissen der Gar\u00edfuna. Um die H\u00e4user herum wachsen bereits Pflanzen mit heilender Wirkung. Eine weitere Besonderheit gibt es in Wabato, worauf Mario besonders stolz ist: \u201eIn Zukunft soll hier ein Haus f\u00fcr die LGBTIQ-Community entstehen.\u201c Als Transmann wei\u00df Solorzano wie wichtig es ist, diese besonders diskriminierte Gruppe zu unterst\u00fctzen. Auch in den Gar\u00edfuna-Gemeinden gibt es viele Vorurteile gegen die Community und Solorzano ist klar, dass noch viel zu tun ist.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Autonomie als Prozess der kleinen Schritte<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr ein selbstbestimmtes Leben nehmen die Gar\u00edfuna es mit dem repressiven Staat, Drogenkartellen, Gro\u00dfgrundbesitzer:innen und patriarchalen Gesellschaftsstrukturen auf. In Projekten wie Vallecito und Wabato wird Widerstand ganz allt\u00e4glich gelebt. Mit Erfolgen und R\u00fcckschl\u00e4gen, Optimismus und Beharrlichkeit, werden in kleinen Schritten, widerst\u00e4ndige Orte geschaffen, wo die Autonomie \u00fcber das angestammte Land wieder zur\u00fcckgewonnen wird, die eigenen Traditionen weiterleben und neue Formen des Zusammenlebens erprobt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein warmer Augusttag ganz in der N\u00e4he der Karibikk\u00fcste von Honduras. Miriam Miranda, Koordinatorin der Gar\u00edfuna-Organisation OFRANEH sitzt auf einer Bank unter einem hohen Wellblechdach. Hier ist der Versammlungsort der kleinen Gemeinde Vallecito. 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