{"id":29784,"date":"2023-05-04T17:42:13","date_gmt":"2023-05-04T15:42:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/05\/schreib-mal-was-zum-thema-arbeit\/"},"modified":"2023-05-11T20:05:20","modified_gmt":"2023-05-11T18:05:20","slug":"schreib-mal-was-zum-thema-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/05\/schreib-mal-was-zum-thema-arbeit\/","title":{"rendered":"\u201eSchreib mal was zum Thema Arbeit.\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht schreibe ich also \u00fcber meine ersten Erfahrungen mit Lohnarbeit. Damals hatte ich die Schule gerade beendet und den Zivildienst noch nicht angefangen. Ich hatte also einerseits Zeit, und andererseits kein Geld. Ideale Bedingungen um seine Haut zu Markte zu tragen. Am Ende arbeitete ich einige Monate f\u00fcr einen Subunternehmer, der im Auftrag eines Unternehmens f\u00fcr andere Unternehmen die Regale in Superm\u00e4rkten mit S\u00fc\u00dfigkeiten auff\u00fcllte. Der Lohn war schlecht, die Arbeit langweilig und ging auf den R\u00fccken. Dort habe ich aber dann zum ersten Mal gesehen, wie viele Produkte einfach so in den M\u00fcll wandern, ohne dass es irgendjemanden gest\u00f6rt h\u00e4tte. Das kam so: die S\u00fc\u00dfigkeiten (so wie viele andere Waren) kamen auf Paletten an und waren mit Folien umwickelt. Beim Auspacken der Paletten kam es vor, dass man in die Verpackungen der Waren schnitt. Jede dieser angeschnittenen Verpackungen musste in den M\u00fcll geworfen werden (mitnehmen oder essen war nicht erlaubt). Ich war froh als ich den Job wieder los war. Seitdem blicke ich ganz anders auf die vollen Supermarktregale.<br \/>\nNach meinem milit\u00e4rischen Zwangsdienst (ohne Waffe) zog ich weg und fing an zu studieren. Da die Berufsausbildung nicht bezahlt wurde, musste ich mir also einen Zweitjob zum Lohnerwerb anschaffen. So wurde ich dann also Kellner. Allerdings habe ich mich jahrelang gar nicht als Kellner begriffen, sondern als Student. Damit war ich in der Kneipe nicht allein. Alle Kolleg*innen, die an der Theke oder im Service gearbeitet haben, waren hauptberuflich in der Berufsausbildung (Studium). Die Kolleg*innen in der K\u00fcche waren die einzigen mit Arbeitsvertrag, konnten oft nur sehr schlecht deutsch und alle zusammen ertrugen wir die Situation lange Zeit einfach so wie sie war. Das bedeutete<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">einen Lohn, der weit unterhalb des Tariflohns lag \u2013 denn niemand von uns wusste, dass die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gastst\u00e4tten (NGG) einen Tarifvertrag hatte, geschweige denn, dass er allgemeinverbindlich war<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">keinen Lohn bei Arbeitsunf\u00e4higkeit oder Urlaub (und darum waren wir wahre Meister*innen im Schichten tauschen)<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">dass wir ebenso schnell gefeuert werden konnten, wie wir angestellt wurden.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann, da war ich dann schon Mitglied in der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter*innen Union D\u00fcsseldorf (FAUD), begann ich mich dann auch f\u00fcr meine eigene Arbeitssituation zu interessieren. Ich machte mich also schlau, redete mit den Kolleg*innen und fing an, mich im Betrieb zu organisieren. Bei all dem war die NGG \u00fcbrigens keine Hilfe. Selbst bei direkten Nachfragen, zum Beispiel in Bezug auf den allgemeinverbindlichen Tarifvertrag, wollten sie nicht antworten. Das Ergebnis war einerseits eine Brosch\u00fcre zum Thema Arbeitsrecht f\u00fcr Jobber*innen und andererseits ein viele Monate lange andauernder Konflikt mit dem Boss. Am Ende konnten wir die gesetzlichen Standards durchsetzen, zumindest f\u00fcr diejenigen Kolleg*innen, die den Mut hatten, sich an die FAUD-Mitglieder im Betrieb zu wenden. Wir haben ihnen dann n\u00e4mlich bei Krankheit\/Urlaub einfach den zustehenden Lohn bar ausgezahlt und eine von uns unterzeichnete Quittung in die Kasse gelegt.<br \/>\nUngef\u00e4hr ein Jahr sp\u00e4ter habe ich nach knapp acht Jahren den Job hingeschmissen und mir etwas anderes gesucht. Noch einige Zeit sp\u00e4ter wendeten sich die Kolleg*innen bei Entlassungen und bei der \u20acuro-Umstellung noch an die FAU D\u00fcsseldorf bzw. an mich und die letzte Kollegin der ehemaligen Betriebsgruppe im Betrieb. Wir konnten dann zusammen mit den Kolleg*innen zumindest die gesetzlichen Standards durchsetzen. Bei der \u20acuro-Umstellung haben die Kolleg*innen endlich eine Lohnerh\u00f6hung durchsetzen k\u00f6nnen \u2013 die erste in zehn Jahren!<br \/>\nAber man soll nicht glauben, dass nur in der Gastronomie der kapitalistische wilde Westen herrscht. Einer meiner n\u00e4chsten Jobs war in einem B\u00fcro, f\u00fcr eine global agierende Bank. Besser gesagt f\u00fcr ein hundertprozentiges Tochterunternehmen einer Bank. Diese Firma handelte mit Schulden, sie kaufte und verkaufte Schulden. Kapitalismus\u00a02.0. Irgendwann wurde das lokale Management ausgetauscht, weil die Profite noch nicht hoch genug waren. Das neue Management wurde eigens aus der Zentrale in Gro\u00dfbritannien geschickt, um in einem ersten Schritt kr\u00e4ftig aufzur\u00e4umen. Als eine der ersten Ma\u00dfnahmen wurden Lohnkosten eingespart \u2013 ich wurde fristlos entlassen.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag tauchte der Manager zusammen mit dem Typen aus der Rechtsabteilung bei mir zu Hause auf, um mir noch eine schriftliche Entlassung inklusive sofortiger Freistellung in den Briefkasten zu werfen. Da hatte ich aber schon l\u00e4ngst Klage beim Arbeitsgericht eingereicht. Was ich nicht bedacht hatte: der Gerichtsstand der Firma war Frankfurt am Main, und ich hatte vergessen, beim Arbeitsgericht eine Verlegung nach D\u00fcsseldorf zu beantragen. So fand also mein erster Termin vor einem Arbeitsgericht in Frankfurt statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute ist es so, dass ich trotz zweier Jobs noch immer von Hartz 4 leben muss. Ich bin noch immer Mitglied in der FAU D\u00fcsseldorf. Als militanter Anarchosyndikalist lege ich Wert darauf, zu vermitteln, dass Arbeit nur Lohnerwerb ist. Das bedeutet f\u00fcr mich, dass die Arbeit selbst nicht im Zentrum steht. Wichtiger sind der Lohn, die Arbeitsbedingungen und das Risiko f\u00fcr die Gesundheit. F\u00fcr uns, die wir unsere Arbeitskraft \u2013 und unsere Lebenszeit \u2013 verkaufen m\u00fcssen, um das n\u00f6tige Geld anzuschaffen, nur um im Rest der Zeit leben zu k\u00f6nnen (und dieser Rest ist sehr klein, denn wir m\u00fcssen uns ja auch f\u00fcr die Lohnarbeit wiederherstellen), ist klar, dass wir im Rahmen unserer M\u00f6glichkeiten, nach Jobs suchen, wo wir uns m\u00f6glichst wenig selbst verbrauchen m\u00fcssen und m\u00f6glichst viel haben, um den kleinen Rest unserer Zeit leben zu k\u00f6nnen.<br \/>\nLohnerwerb wiederum ist nicht alles. Das bedeutet, dass man nicht auf Teufel komm raus arbeiten gehen muss. \u201eHauptsache Arbeit\u201c, das ist der Slogan des Faschismus. Zeit und M\u00f6glichkeiten, zu tun, was wir wollen, ist unser Hauptanliegen. Aktuell bedeutet das entweder seine Anspr\u00fcche gegen Null herunterzufahren oder eben nach m\u00f6glichst gut bezahlten Jobs zu suchen. Aber es gibt Jobs, die wir auf keinen Fall annehmen sollten \u2013 egal wie gut sie bezahlt sind. Neben Jobs bei der Polizei und dem Milit\u00e4r oder den Geheimdiensten, sind dies zum Beispiel auch Jobs bei Parteien. Wichtig ist auch, \u201enicht stehen zu bleiben\u201c. Das hei\u00dft, eine 40- oder 35-Stunden Woche sind ebenso wenig genug wie 25, 30 oder gar 35 Tage bezahlter Urlaub. Der Mindestlohn reicht hinten und vorne nicht.<br \/>\nWir m\u00fcssen es auf uns nehmen, uns selbst am Arbeitsplatz mit den Kolleg*innen zusammen zu organisieren. Wenn wir dies anfangen, dann werden wir oft genug erst einmal die gesetzlichen Standards herstellen m\u00fcssen. Dar\u00fcber hinaus wird es sicher eine Menge ganz aktueller Probleme geben, die wir in einer Auseinandersetzung mit dem Boss l\u00f6sen m\u00fcssen. Zu guter Letzt m\u00fcssen wir uns daf\u00fcr einsetzen, dass wir:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">eine Vier-Tagewoche durchsetzen (die IG Metall will das wohl auch in der n\u00e4chsten Tarifrunde fordern), aber nicht ohne gleichzeitig<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">den Vier-Stunden-Tag durchsetzen<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">dass alle 40 Tage bezahlten Urlaub im Jahr bekommen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Des Weiteren sollten alle:<\/p>\n<ul>\n<li>4000 Euro netto (nicht brutto!) f\u00fcr alle, unabh\u00e4ngig von der Qualifikation und Berufsausbildung verdienen.<\/li>\n<li>die vierfache Verg\u00fctung bei Mehrarbeit, \u00dcberstunden oder bei Wechselschicht erhalten.<\/li>\n<li>ein dreizehntes und vierzehntes Monatsgehalt bekommen, damit wir uns bestimmte Feiertage ebenso leisten k\u00f6nnen wie einen sch\u00f6nen Urlaub.<\/li>\n<li>und nicht zu vergessen: die vier Wochen Sonderurlaub f\u00fcr Hochzeiten, Todesf\u00e4lle, Pflege f\u00fcr Angeh\u00f6rige, bei Menstruationsbeschwerden usw.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und weil wir hoffentlich nicht bis zum Tode arbeiten, sollten wir auch noch etwas f\u00fcr die Rente fordern. Zum Beispiel, dass:<\/p>\n<ul>\n<li>einfach alle in die Rentenkassen einzahlen sollen.<\/li>\n<li>alle eine Mindestrente von 2.500 Euro im Monat bekommen sollen und h\u00f6chsten 4.000 Euro.<\/li>\n<li>es eine dreizehnte und vierzehnte Rentenzahlung geben muss, f\u00fcr Feiertage und Urlaube.<\/li>\n<li>Rente ohne Abz\u00fcge f\u00fcr alle ab 60 Jahren, ohne eine Mindestzahl an Arbeitsjahren ausgezahlt wird.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht schreibe ich also \u00fcber meine ersten Erfahrungen mit Lohnarbeit. Damals hatte ich die Schule gerade beendet und den Zivildienst noch nicht angefangen. Ich hatte also einerseits Zeit, und andererseits kein Geld. Ideale Bedingungen um seine Haut zu Markte zu tragen. 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