{"id":29785,"date":"2023-05-04T17:42:14","date_gmt":"2023-05-04T15:42:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/05\/papua-neuguinea\/"},"modified":"2023-06-21T10:02:36","modified_gmt":"2023-06-21T08:02:36","slug":"papua-neuguinea","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/05\/papua-neuguinea\/","title":{"rendered":"Papua-Neuguinea"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Arbeitsamt ist f\u00fcr mich zust\u00e4ndig. Das Arbeitsamt ist aber wenig hilfreich. Studiert habe ich in Salzburg, viele Jahre lang war ich Sozialarbeiterin. Heute wei\u00df am Arbeitsmarkt niemand so recht etwas mit mir anzufangen. Ich schreibe nieder, wie sehr ich mich von einer staatlichen Institution, die von der \u00f6ffentlichen Hand gespeist den Auftrag hat, arbeitssuchende Menschen zu unterst\u00fctzen, gequ\u00e4lt und gedem\u00fctigt f\u00fchle.<br \/>\nIch f\u00fchle mich einem System und seinen willf\u00e4hrigen Helferinnen und Helfern in einer Art und Weise ausgeliefert, die auch meinen K\u00f6rper in Mitleidenschaft zieht, mittlerweile leide ich regelm\u00e4\u00dfig an Magenkr\u00e4mpfen, obwohl ich die Wechseljahre schon l\u00e4ngst hinter mir habe. Menschen in einem System der Unmenschlichkeit, die mir nicht helfen k\u00f6nnen oder nicht helfen wollen, versuchen mit aller Gewalt mein Selbstvertrauen dauerhaft zu besch\u00e4digen, mein Selbstwertgef\u00fchl zu ersch\u00fcttern. Sollte ich deren Vorschl\u00e4gen nicht nachkommen, drohen sie mir damit, das bisschen Geld, das die \u00f6ffentliche Hand mir zubilligt, nicht mehr auszubezahlen. Diese Vorgangsweise wird Sperre der Bez\u00fcge genannt. Mit dieser Strategie werden Menschen, die sich auf Arbeitssuche befinden, gef\u00fcgig gemacht. Ich will mich aber nicht f\u00fcgen, ich weigere mich, jeden Unsinn mitzumachen. Diese Haltung wird bestraft. Anhand einiger Beispiele m\u00f6chte ich darlegen, welche seltsamen Ideen des Arbeitsamtes ich nicht aufzugreifen vermochte. Ich wurde etwa an eine Religionsgemeinschaft vermittelt, die f\u00fcr Papua-Neuguinea eine Entwicklungshelferin suchte. Ein pers\u00f6nliches Vorstellungsgespr\u00e4ch wurde verlangt, die Flugkosten h\u00e4tte ich selber zu tragen, man wolle sich vor Ort ein Bild von mir machen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Nach l\u00e4ngeren Diskussionen akzeptierte das Arbeitsamt schlie\u00dflich, dass ich weder Entwicklungshelferin bin noch das n\u00f6tige Geld f\u00fcr einen derma\u00dfen teuren Flug besitze. Diese erfolgreiche Abwehrhaltung meinerseits r\u00e4chte sich alsbald. Ich wurde an die Volkshilfe vermittelt, die im Auftrag verschiedener Reinigungsfirmen Geb\u00e4udereinigungskr\u00e4fte suchte. Die Volkshilfe ist eine gemeinn\u00fctzige, \u00fcberkonfessionelle Wohlfahrtsorganisation, die in \u00d6sterreich und international soziale Projekte betreibt und unterst\u00fctzt. Inmitten eines trostlosen Hinterhofes hatte die Volkshilfe ein sch\u00e4big zu nennendes B\u00fcro eingerichtet, um die vom Arbeitsamt geschickten Personen weiterzuvermitteln. Ein trauriger Anblick bot sich mir dort. Mit mir warteten zehn oder elf M\u00e4nner darauf, aufgerufen zu werden. Sie waren alle \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre alt, stammten aus Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens und waren vom Leben gezeichnet. Keiner dieser M\u00e4nner war wirklich gesund und keinem dieser M\u00e4nner h\u00e4tte ich Schwerarbeit zugemutet. Dass das Arbeitsamt zynisch vorgeht, wundert mich nicht. Dass eine angesehene Organisation wie die Volkshilfe dieses grausame Spiel mitspielt ohne mit der Wimper zu zucken, hat mich verbl\u00fcfft. Ohne Anteilnahme wurde den M\u00e4nnern die Adresse einer Geb\u00e4udereinigungsfirma in die Hand gereicht, bei der sie sich zu melden h\u00e4tten. Endlich wurde ich aufgerufen. Ich war w\u00fctend genug, mich zu wehren. Ich sagte einer der Mitarbeiterinnen ins Gesicht, dass ich nicht studiert habe, um mit \u00fcber f\u00fcnfzig Jahren Stiegen zu putzen und dass ich auch den M\u00e4nnern, die vor mir abgefertigt worden waren, diese schwere Arbeit nicht mehr aufb\u00fcrden w\u00fcrde. Die Volkshilfe sah in meinem Fall von einer Weitervermittlung ab. Seither gelte ich beim Arbeitsamt als uneinsichtig.<br \/>\nIch wurde zu einem dreimonatigen Kurs verpflichtet, bei einer Nebenfirma des Arbeitsmarktservice (AMS) ((1)), deren einzige Kunden und Kundinnen vom AMS dorthin verpflichtet werden, die Nebenfirma tr\u00e4gt den Titel trendwerk. Ich machte die Bekanntschaft mit einer 59-j\u00e4hrigen Frau, die aus Bosnien als Gastarbeiterin nach Wien gekommen war, sich in Bosnien mit ihrem Mann ein kleines Haus aufbauen konnte und in naher Zukunft zur\u00fcck nach Hause fahren wollte. In etwa einem halben Jahr w\u00e4re sie schlie\u00dflich pensionsberechtigt.<br \/>\nDer Auftrag der Firma trendwerk besteht darin, Menschen dauerhaft in Arbeit zu bringen. Alle Frauen aus meinem Kurs waren \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre alt, die meisten waren Reinigungskr\u00e4fte, die aus Alters- und Gesundheitsgr\u00fcnden von ihren Firmen gek\u00fcndigt und abgefertigt worden waren. Die Kurstrainer waren jung und dynamisch, rund 25 bis h\u00f6chstens 30 Jahre alt. Sie erz\u00e4hlten uns Teilnehmerinnen, dass wir mit ihrer Hilfe Karriere machen w\u00fcrden. Das w\u00e4re ihr Ziel, uns zu Erfolg in der Arbeitswelt zu verhelfen. Auf meine Frage hin, ob ihnen das schon einmal gelungen w\u00e4re, bekam ich keine Antwort, nur ein verlegenes L\u00e4cheln.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Es bleibt mir nur zu hoffen, dass m\u00f6glichst viele Menschen dieses Spiel durchschauen, und wir alle uns nicht zum Spielball der Reichen und M\u00e4chtigen und ihrer Handlanger, ihrer Systemerhalter, machen lassen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Arbeitsamt speist mit Geldern eine Nebenfirma und zahlt Kurstrainern ein Gehalt, die ohne Gesp\u00fcr f\u00fcr Realit\u00e4ten zum Gro\u00dfteil Gastarbeiterinnen fortgeschrittenen Alters von tollen Karrierechancen vorschw\u00e4rmen.<br \/>\nMir hat der Kurs eines aufgezeigt: Firmen wie trendwerk bieten dem AMS den Vorteil einer gesch\u00f6nten Arbeitslosenstatistik. Wer sich in einem Kurs befindet, taucht in der Statistik nicht mehr als arbeitslos gemeldet auf, und der Arbeitsminister kann in seinen Pressekonferenzen stolz verk\u00fcnden, wie gut er arbeitet, wie erfolgreich \u201esein\u201c AMS Arbeitslosigkeit bek\u00e4mpft. Wer so wie ich die sogenannte Notstandshilfe bezieht, ist nicht berechtigt, eine wie auch immer geartete Arbeit abzulehnen. Das einzige Gl\u00fcck, das ich habe, ist, dass sich bisher noch kein potentieller Arbeitgeber auf mich einlassen wollte, dabei vergesse ich auch nicht, die Firmenchefs darauf aufmerksam zu machen, dass ich Betriebsr\u00e4tin war und mich im Arbeitsrecht einigerma\u00dfen zurecht zu finden vermag. Hinweise wie diese k\u00f6nnen hilfreich sein, wenn man sich f\u00fcr eine bestimmte T\u00e4tigkeit nicht geeignet f\u00fchlt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das Spiel durchschauen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wollte anhand weniger Beispiele (es g\u00e4be noch einige mehr) beschreiben, wie in Wien mit arbeitssuchenden Menschen umgegangen wird, um auf eine Gefahr hinzuweisen. Vor dem Eingang des AMS h\u00f6re ich immer mehr Stimmen, die den \u201eAusl\u00e4ndern\u201c und den \u201eAsylbewerbern\u201c die Schuld an ihrer Situation geben. Diese Stimmen von arbeitssuchenden Menschen wurden in letzter Zeit lauter und radikaler. Die erfahrenen Dem\u00fctigungen, die nicht nur mich betreffen, werden den \u201eAusl\u00e4ndern\u201c zugeschrieben, die Sozialdemokratie nimmt sich dieses Themas gar nicht oder nur halbherzig an, um so mehr daf\u00fcr die extrem rechte Freiheitliche Partei \u00d6sterreichs (FP\u00d6), die in Nieder\u00f6sterreich so lautstark ihre Position, dass ohnehin \u201eAusl\u00e4nder\u201c und \u201eFl\u00fcchtlinge\u201c an allem schuld seien, vertreten konnte, dass sie nunmehr mit der \u00d6VP gemeinsam regiert. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Bundespolitik. Bundeskanzler Nehammer will Asylwerberinnen und Asylwerbern ihr \u2013 ich w\u00fcrde sagen \u2013 Taschengeld k\u00fcrzen, erspielt dabei in seiner Argumentation Zuwendungen an \u00f6sterreichische Staatb\u00fcrger_innen, die auf Gelder aus der \u00f6ffentlichen Hand angewiesen sind gegen die Asylwerber_innen aus. Es bleibt mir nur zu hoffen, dass m\u00f6glichst viele Menschen dieses Spiel durchschauen, und wir alle uns nicht zum Spielball der Reichen und M\u00e4chtigen und ihrer Handlanger, ihrer Systemerhalter, machen lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Arbeitsamt ist f\u00fcr mich zust\u00e4ndig. Das Arbeitsamt ist aber wenig hilfreich. Studiert habe ich in Salzburg, viele Jahre lang war ich Sozialarbeiterin. Heute wei\u00df am Arbeitsmarkt niemand so recht etwas mit mir anzufangen. 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