{"id":29789,"date":"2023-05-04T17:42:18","date_gmt":"2023-05-04T15:42:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/05\/anarchismus-als-gelebte-utopie\/"},"modified":"2023-06-15T23:14:51","modified_gmt":"2023-06-15T21:14:51","slug":"anarchismus-als-gelebte-utopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/05\/anarchismus-als-gelebte-utopie\/","title":{"rendered":"Anarchismus als gelebte Utopie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff \u201eAnarchie\u201c kommt aus der griechischen Antike und bedeutet \u201eohne Herrschaft\u201c. Es war urspr\u00fcnglich ein weitgehend neutraler Begriff, mit dem prim\u00e4r die Zeit zwischen den Wahlen gemeint war. Der Begriff wurde augenscheinlich neutral verwendet. Er hat dann in den mehr als zweitausend Jahren danach eine starke Wendung erfahren, oft als negativ besetzter, manchmal aber auch als durchaus positiv besetzter Begriff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gewaltfreie Anarchist und Antimilitarist <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/die-praktische-utopie-gustav-landauers\/\">Gustav Landauer<\/a> hat sein Verst\u00e4ndnis von Anarchie in der anarchistischen Zeitschrift \u201eDer Sozialist\u201c vom 15. Juli 1911 so auf den Punkt gebracht: \u201eDie Anarchie ist der Ausdruck f\u00fcr die Befreiung des Menschen vom Staatsg\u00f6tzen, vom Kircheng\u00f6tzen, vom Kapitalg\u00f6tzen; Sozialismus ist der Ausdruck f\u00fcr die wahre echte Verbindung zwischen den Menschen, die echt ist, weil sie aus dem individuellen Geist erw\u00e4chst, weil sie als das ewig Gleiche und Eine im Geist des einzelnen, als lebendige Idee bl\u00fcht, weil sie zwischen den Menschen als freier Bund ersteht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begriffe \u201eAnarchist\u201c und \u201eAnarchistin\u201c sind l\u00e4ngst nicht so alt wie das Wort \u201eAnarchie\u201c. Diese Begriffe stammen aus der franz\u00f6sischen Revolutionszeit. In dieser Zeit war es oft so, dass Rechte Linke als Anarchisten beschimpft haben und Linke Rechte, was damit zusammenh\u00e4ngt, dass \u201eAnarchie\u201c immer auch als Schm\u00e4hbegriff verwendet wurde, als Synonym f\u00fcr Chaos und Terror. Diese Vorstellung ist eng mit der bis heute dominanten Vorstellung verbunden, dass wir eine Gesellschaft brauchen, die von oben nach unten strukturiert ist, also auf Herrschaft, auf Befehl und Gehorsam aufbaut. Das Gegenmodell w\u00e4re eine Gesellschaft von Gleichen unter Gleichen, die egalit\u00e4r organisiert ist und nach den Prinzipien der Gegenseitigen Hilfe und Freien Assoziation funktioniert, wie es in vielen Gesellschaften nicht nur vor der neolithischen Revolution der Fall war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab schon fr\u00fch anarchistische Gesellschaften, die nicht auf Herrschaft aufgebaut waren, die ein gleichberechtigtes emanzipatorisches Leben f\u00fcr alle versucht und die im Einklang mit der Natur gelebt haben. Davon sind wir heute leider weit entfernt. Dabei ist die Idee einer herrschaftsfreien Gesellschaft unglaublich wichtig, auch um die kommenden Krisen zu bew\u00e4ltigen. Wir stehen kurz vor dem Abgrund. Die Menschheit geht schnurstracks auf den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/erscheinungen-des-weltweiten-zusammenbruchs\/\">Untergang<\/a> zu, wenn der Kapitalismus triumphiert und die Profitmaximierung m\u00e4chtiger Konzerne weiterhin wichtiger zu sein scheint als das \u00dcberleben der Arten, das Klima und eine lebenswerte Zukunft f\u00fcr alle. Die Auswirkungen der Klimaver\u00e4nderung und des Artensterbens sind Katastrophen, die f\u00fcr viele im globalen Norden heutzutage vielleicht noch nicht so bedrohlich wirken, die aber jetzt schon vor allem f\u00fcr viele Menschen im globalen S\u00fcden verheerend sind. Wenn die industrialisierten L\u00e4nder so weitermachen, wie momentan, dann ist das nicht nur eine die Umwelt und Natur zerst\u00f6rende Entwicklung, sondern auch eine die Menschheit selbst bedrohende Entwicklung. Eine L\u00f6sung dieser Probleme sehe ich nicht in einem gr\u00fcnen Kapitalismus, sondern in der Abschaffung des kapitalistischen Systems, einer Abschaffung von Ausbeutung und Profitstreben, einer solidarischen, herrschaftslosen, gewaltfreien Gesellschaft, jenseits von Kapitalismus, Nationalismus und Staat.<br \/>\nWas macht Anarchisten und Anarchistinnen aus? Ich will, dass niemand \u00fcber mich herrscht, aber ich will auch keinen beherrschen! Ich m\u00f6chte eine Gesellschaft, die nicht auf Ausbeutung, Zwang und Kapitalismus aufgebaut ist, sondern auf gegenseitiger Hilfe, auf freier Assoziation, auf sozialem Handeln.<br \/>\nEs gibt anarchistische Erfolgsgeschichten. Sogar in Deutschland gab es gro\u00dfe anarchistische Bewegungen, auch wenn das den meisten heute nicht bekannt ist. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es ungef\u00e4hr 10.000 organisierte Lokalist:innen. Das war eine basisdemokratische, libert\u00e4r-sozialistische Gewerkschaftsbewegung, die keine autorit\u00e4re Struktur haben wollte. Dadurch unterschieden sich die Lokalisten von den anderen, oft straff von oben nach unten organisierten Gewerkschaften. Die Lokalist:innen haben versucht, unter anderem durch die Propagierung des Generalstreiks und anderer direkter Aktionen, die Anarchie, die klassenlose, herrschaftsfreie Gesellschaft herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Gelebte Utopien<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der \u201eBurgfrieden\u201c verk\u00fcndet, das hei\u00dft, antimilitaristische und anarchistische Publikationen konnten nicht mehr erscheinen, nur noch als Untergrundbl\u00e4tter. So erschien \u201eDer Ziegelbrenner\u201c von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/von-muenchen-nach-mexiko\/\">Ret Marut<\/a> w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs als anarchistische Tarnschrift. Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und Anarchopazifisten wurden w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt oder inhaftiert, weil sie sich geweigert haben, in den Krieg zu ziehen und auf Befehl andere Menschen zu erschie\u00dfen. Andere wurden bewusst als \u201eKanonenfutter\u201c in die ersten Reihen geschickt. Nichtsdestotrotz haben Anarchist:innen im Ersten Weltkrieg konsequent antimilitaristische Agitation betrieben und waren eine der wenigen sozialen Kr\u00e4fte, die vehement und konsequent gegen den Krieg agitiert haben. Das unterscheidet sie von den meisten anderen Gruppierungen. Das f\u00fchrt auch letztlich dazu, dass die Anarchosyndikalist:innen nach dem Ersten Weltkrieg f\u00fcr einige Jahre eine gesellschaftlich bedeutende Kraft auch in Deutschland wurden. Sie hatten gro\u00dfe Anteile an der Novemberrevolution 1918. Es gab nach dem Ersten Weltkrieg erstmals in der Geschichte eine anarchosyndikalistische Massenbewegung auch in Deutschland, die Freie Arbeiter Union Deutschlands. Die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/die-faud-zwischen-klassenkampf-und-pazifismus\/\">FAUD<\/a> hatte zeitweise bis zu 150.000 Mitglieder und die anarchistische Wochenzeitung \u201eder Syndikalist\u201c eine Auflage von bis zu 120.000 w\u00f6chentlich, heute unvorstellbar. Es gibt heute in Deutschland \u00fcberhaupt keine linke Zeitung mehr, die eine solch hohe Auflage hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Macht\u00fcbergabe des Staates an die Nazis 1933 wurde die anarchosyndikalistische Bewegung in Deutschland zerschlagen. Der bekannte Anarchist Erich M\u00fchsam wurde 1933, kurz nach der Machtergreifung durch die Nazis, verhaftet und 1934 auf bestialische Weise im KZ Oranienburg von NS-Schergen ermordet. So wie ihm erging es vielen. Die anarchistische Bewegung, die in den Zwanziger Jahren in Deutschland eine Bl\u00fcte erlebt hat, wurde durch zw\u00f6lf Jahre Nazidiktatur ausgel\u00f6scht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Spanische Revolution<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der spanische B\u00fcrgerkrieg ist bis heute ein wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr die anarchistische Bewegung weltweit. 1936 gab es in Barcelona und in vielen anderen Regionen Spaniens, vor allem in Katalonien, eine soziale Revolution. In Barcelona belagerten die Leute die Kasernen und bedr\u00e4ngten die Soldaten und die Polizeibeamten, sich der antifaschistischen Bewegung anzuschlie\u00dfen. Die CNT, die gr\u00f6\u00dfte anarchosyndikalistische Gewerkschaft der Welt, hatte in Spanien 1936 etwa zwei Millionen Mitglieder bei einer Bev\u00f6lkerungszahl von 23 Millionen, also fast jeder zehnte war zu Beginn des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/gewaltfrei-im-buergerkrieg\/\">Spanischen B\u00fcrgerkriegs<\/a> Mitglied der CNT. Das war eine gesellschaftliche Kraft, die mit bewirkt hat, dass sich gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung gegen diesen faschistischen Putsch gestellt haben. Sie haben Blockaden errichtet, Barrikaden aufgebaut und sich zum Teil auch bewaffnet, obwohl die Anarchisten eigentlich den bewaffneten Kampf abgelehnt haben, aber in dem Fall ging es um die Selbstverteidigung der Republik gegen eine faschistische Diktatur. Die Motivation des bewaffneten Kampfes r\u00fchrte auch daher, dass jeder Mensch, der nach Deutschland und nach Italien geschaut hat, wusste, was es bedeutet, wenn sich eine Demokratie in einen faschistischen Staat verwandelt, n\u00e4mlich die totale Zerst\u00f6rung sozialer Bewegungen und aller emanzipatorischen Kr\u00e4fte. Tats\u00e4chlich gelang es, in gro\u00dfen Teilen Spaniens eine soziale Revolution umzusetzen. In den anarchistischen Gebieten wurden \u00fcber dreitausend freie \u201eFrancisco-Ferrer-Schulen\u201c gegr\u00fcndet, ein beispielloses Alphabetisierungsprogramm, durch das Erwachsene und Kinder Lesen und Schreiben gelernt haben. Es gab viele emanzipatorische, anarchistische Zeitungen, Zeitschriften und Literaturbl\u00e4tter, eine zuvor unvorstellbare kulturelle Vielfalt.<br \/>\nIn Teilen Spaniens war \u201eDer kurze Sommer der Anarchie\u201c, wie ihn Enzensberger (1972) in seinem besten Buch beschrieben hat, Realit\u00e4t. Es gl\u00fcckte, gro\u00dfe Teile der Gesellschaft von unten her umzuw\u00e4lzen. Die Hotels Barcelonas, wo vor der Revolution nur Reiche verkehren konnten, wurden in Volksk\u00fcchen verwandelt, in denen die Bev\u00f6lkerung gemeinsam essen konnte. Viele Kirchen wurden zu Krankenh\u00e4usern. Die Stra\u00dfenbahnen wurden vergesellschaftet und mit schwarz-roten Symbolen der anarchosyndikalistischen CNT und der anarchistischen FAI versehen. Gro\u00dfgrundbesitzer und Chefs wurden vertrieben, Landwirtschaft und Betriebe kollektiviert. Trotz B\u00fcrgerkriegsbedingungen in weiten Teilen Spaniens wurde versucht, die Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft soweit wie m\u00f6glich in die Tat umzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00fcrgerkrieg dauerte drei Jahre, die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/revolution-oder-buergerkrieg\/\">Spanische Revolution<\/a> war aber im Grunde nur ein kurzer Sommer der Anarchie. Nach dem Sommer 1936 fand eine Militarisierung statt und im B\u00fcrgerkrieg gewannen die stalinistischen Kr\u00e4fte immer mehr die Oberhand, was damit zusammenhing, dass keiner die anarchosyndikalistischen Kr\u00e4fte und auch nicht die demokratische Regierung unterst\u00fctzen wollte, auch Frankreich nicht. Letztlich war Stalin der, der Waffen lieferte, die er sich im Tausch gegen den Goldschatz der spanischen Republik abtrotzen lie\u00df. Die Sowjetunion und Mexiko waren die beiden einzigen L\u00e4nder, die die spanische Republik unterst\u00fctzten. Stalin f\u00f6rderte die ihm nahestehende Kommunistische Partei Spaniens, die vor dem B\u00fcrgerkrieg noch bedeutungslos war. W\u00e4hrenddessen wurden die Franco-Faschisten massiv von Nazideutschland und dem faschistischen Italien unterst\u00fctzt. Nach drei Jahren B\u00fcrgerkrieg war die spanische Republik Geschichte. Die Franco-Diktatur hielt sich bis zum Tod des Diktators 1975 beziehungsweise bis zur Abhaltung freier Wahlen 1977.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anarchismus ist nicht nur Geschichte, sondern es ist eine soziale Bewegung, die heute immer noch existiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Anarchismus in Deutschland allerdings zun\u00e4chst bedeutungslos. Es gab wenig erfolgreiche Versuche, wieder an die anarchistische Massenbewegung der Zwanziger Jahre sowie an die anarchistische Jugendbewegung anzukn\u00fcpfen. Durch zw\u00f6lf Jahre Nazidiktatur waren das Wissen und die Zusammenh\u00e4nge zerst\u00f6rt und die Bewegung weitgehend ausradiert.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Neoanarchismus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der DDR gab es erst ab Ende der Siebziger Jahre wieder eine neue, kleine anarchistische Bewegung. In der Bundesrepublik entwickelte sich das tats\u00e4chlich ab 1965. Vorher gab es eine anarchistische Kleinstbewegung. Im Rahmen der Ostermarschbewegung gr\u00fcndeten sich die ersten Graswurzelzeitungen und -gruppen, aber erst ab siebenundsechzig, achtundsechzig, gibt es den Neoanarchismus, in dem wir uns heute noch befinden. Der Neoanarchismus war anders als der Anarchosyndikalismus der 1920er Jahre kein Teil einer proletarischen Bewegung, sondern er entstand, stark beeinflusst durch die aus den USA kommende Hippie-Bewegung, bei den Studierenden aus dem B\u00fcrgertum und seinen intellektuellen Szenen.<br \/>\nSeit 1972 gibt es die Zeitschrift Graswurzelrevolution (GWR). Damit besteht ein Versuch, diese anarchistische Idee schon ein St\u00fcck weit zu leben und auch publizistisch die Ideen des Gewaltfreien Anarchismus zu verbreiten. Die GWR selbst hat sich seit 1972 weiterentwickelt, auch in Abgrenzung zu linken Bewegungen und Zeitschriften, die der RAF mehr oder weniger nahe standen. Die \u201eagit 883\u201c, eine bekannte neoanarchistisch-linksradikale Zeitschrift ver\u00f6ffentlichte alles M\u00f6gliche, unter anderem auch RAF-Papiere oder Texte von anderen autorit\u00e4ren marxistischen Gruppen. Die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/09\/heim-weh-ulrike-meinhofs-letztes-interview\/\">RAF<\/a> wurde in der BILD und anderen Massenmedien immer als anarchistisch bezeichnet. Das war sie nicht. Aus Sicht der RAF-Mitglieder war der Anarchismus \u201eeine kleinb\u00fcrgerliche, pseudorevolution\u00e4re Bewegung\u201c. Die Mitglieder der RAF waren \u201eLeninisten mit Knarre\u201c. Aber das Zerrbild, dass Anarchie Chaos sei und Anarchisten Terroristen, wurde durch den Terror der RAF indirekt befeuert. Die RAF selbst distanzierte sich immer von dieser Zuschreibung. Sie w\u00e4ren keine kleinb\u00fcrgerlichen Anarchisten, sondern Leninisten.<br \/>\nDieses Bild der \u201eb\u00f6sen Anar-chist:innen\u201c spukt aber immer noch in den meisten K\u00f6pfen der Bev\u00f6lkerung und der Medienmacher*innen, bis hin zur TAZ, die auch schon auf der Titelseite Hitler als den gr\u00f6\u00dften Anarchisten bezeichnet hat. Solche Absurdit\u00e4ten sind ein Spucken auf Erich M\u00fchsams Grab und auf die Gr\u00e4ber von anderen durch Nazis ermordete Anarchist:innen. Hitler hasste Erich M\u00fchsam pers\u00f6nlich und bek\u00e4mpfte die Anarchist:innen brutal. Es ist ein Skandal, den Diktator und Massenm\u00f6rder als Anarchisten zu bezeichnen. Das zeigt deutlich, wie infam dieser Begriff bis heute verwendet wird, bis in weite Teile der Linken.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Es gab schon fr\u00fch anarchistische Gesellschaften, die nicht auf Herrschaft aufgebaut waren, die ein gleichberechtigtes emanzipatorisches Leben f\u00fcr alle versucht und die im Einklang mit der Natur gelebt haben. Davon sind wir heute leider weit entfernt.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Anarchismus heute gibt es ein sch\u00f6nes Beispiel: die FAU. Die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/aufstand-der-spargelritter\/\">Freie Arbeiter*innen Union<\/a> versucht an die gro\u00dfen Erfolge der FAUD der Zwanziger Jahre anzukn\u00fcpfen. Es ist eine kleine Gewerkschaft. Viel mehr als 2.000 Mitglieder hat die FAU heute wahrscheinlich noch nicht. An die bis zu 150.000 Mitglieder der Vorg\u00e4ngerin, die die FAUD nach dem Ersten Weltkrieg hatte, kommt die FAU noch nicht heran.<br \/>\nDie Graswurzelrevolution ist als \u201eMonatszeitschrift f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft\u201c auch Teil der sozialen Bewegungen. In der \u00dcbernahme anarchistischer Prinzipien durch die sozialen Bewegungen, denke ich, k\u00f6nnen wir als Anarchist:innen heute die gr\u00f6\u00dften Erfolge verbuchen, weil viele gewaltfreie und anarchistische Ideen, die in dieser Bewegung entstanden sind, tats\u00e4chlich in den sozialen Bewegungen heute zum Teil umgesetzt sind. Heute ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass man versucht, sich in den sozialen Bewegungen basisdemokratisch zu organisieren. Gewaltfreie Widerstandsmethoden, wie sie die GWR propagiert, waren zum Beispiel in den Protesten gegen die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/von-wyhl-bis-zu-den-castor-blockaden\/\">Castortransporte<\/a> sehr effektiv und sind heute in der Klimagerechtigkeitsbewegung eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<br \/>\nWichtig ist es, in den sozialen Bewegungen alt werden zu k\u00f6nnen und dabei so viel wie m\u00f6glich von der Utopie schon zu Lebzeiten umzusetzen. Diese Idee hat unter anderem <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/08\/horst-stowasser-ist-tot\/\">Horst Stowasser<\/a> (1985) mit dem Projekt A versucht, in die Tat umzusetzen. Die Idee, die dahintersteckte, war, dass man als Anarchist:in nicht nur als Nischenbewegung in den sozialen Bewegungen, kleinen Projekten etwas machen, sondern auch Strukturen schaffen sollte, in denen man alt werden kann und in denen Anarchist*innen anarchistische Strukturen aufbauen k\u00f6nnen, auch innerhalb des kapitalistischen Systems. Das w\u00e4re wiederum zun\u00e4chst nur eine Nische, weil ein Ziel ist, den Kapitalismus mit einem herrschaftsfreien Wirtschaftssystem zu ersetzen, einem, das menschenfreundlicher w\u00e4re und das nicht auf Ausbeutung und Konkurrenz basiert, sondern auf gegenseitiger Hilfe und sozialem Zusammenleben. Die Idee, die hinter dem <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/projekt-a-der-film\/\">Projekt A<\/a> steckte, war, dass man versucht, eine Kleinstadt oder ein Dorf anarchistisch zu \u201eunterwandern\u201c, indem man verschiedene Doppelprojekte aufbaut: zum Beispiel eine Kneipe und einen Buchladen oder ein Taxiunternehmen und ein Caf\u00e9, eine B\u00e4ckerei usw. Im Grunde sollten alle sozialen Bereiche durch verschiedene Doppelprojekte abgedeckt werden. Der Gedanke dahinter war, dass Leute in den verschiedenen Projekten t\u00e4tig w\u00e4ren, und zwischen den verschiedenen Bereichen wechseln k\u00f6nnen, einmal im Buchladen t\u00e4tig sind oder in der Kneipe oder in der B\u00e4ckerei. Dazu w\u00fcrde regelm\u00e4\u00dfig Geld in einen gemeinsamen Topf geworfen werden. Damit k\u00f6nnten neue Projekte vorfinanziert werden und letztlich w\u00fcrde im Dorf eine Struktur ohne Chef entstehen und das ganze Dorf durch anarchistische Betriebe \u00fcbernommen werden. Diese Idee finde ich nach wie vor gut. Es ist wichtig als Anarchist:in in solchen Strukturen leben zu k\u00f6nnen. Trotzdem hatte Adorno Recht, als er sagte: \u201eEs gibt kein richtiges Leben im falschen\u201c, aber wir wollen trotzdem so gut und herrschaftsfrei wie m\u00f6glich leben, und wir wollen alle versuchen, soviel von den eigenen Utopien schon jetzt in die Realit\u00e4t umzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade in der Antiatombewegung sind freiheitliche Versuche umgesetzt worden, zum Beispiel das \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/40-jahre-republik-freies-wendland\/\">H\u00fcttendorf 2001<\/a>\u201c in Gorleben, wo auf dem Bauplatzgel\u00e4nde 1980 ein H\u00fcttendorf mit \u00fcber dreitausend Leuten aufgebaut, wo mit Solarenergie experimentiert wurde und Anarchist:innen sich stark beteiligten. In diesen Bewegungen entstand eine gro\u00dfe Kraft, die letztlich dazu f\u00fchrte, dass der nieders\u00e4chsische CDU-Ministerpr\u00e4sident Ernst Albrecht, Vater der heutigen EU-Chefin Ursula von der Leyen, das gr\u00f6\u00dfte Projekt der Atom-Mafia in Niedersachsen aufgeben musste. Albrecht sagte zum Ende der geplanten Plutoniumfabrik WAA in Gorleben sinngem\u00e4\u00df: \u201eWir k\u00f6nnen die Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben nicht gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung durchsetzen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hoffe, dass es uns gelingt, auch durch anarchistische Strukturen, die Gesellschaft von unten zu transformieren hin zu einer menschenfreundlicheren, egalit\u00e4ren, herrschaftsfreieren Gesellschaft. \u201eHerrschaftsfreiheit\u201c ist ein Ziel, das im Kapitalismus nicht m\u00f6glich ist. Der Kapitalismus muss letztlich \u00fcberwunden werden. Kapitalismus ist ein System, das die Menschheit in den Untergang treibt. Der Klimawandel und das Artensterben sind nicht nur von Menschen gemacht, sondern eine Folge des Kapitalismus. Dem k\u00f6nnen wir nur versuchen, mit unseren eigenen Utopien, mit konkreten Handlungen und Theorien entgegenzutreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt weltweit eine reiche Widerstandsgeschichte, von der Pariser Commune, \u00fcber die Salzm\u00e4rsche in Indien, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/12\/erinnerung-an-rosa-parks\/\">Rosa Parks<\/a>, den K\u00e4mpfen gegen Rassismus, Krieg und Sexismus bis hin zur erfolgreichen weltweiten Bewegung gegen das Apartheidregime in S\u00fcdafrika. Das sind Geschichten, an die wir denken sollten, wenn der Frust uns zu \u00fcberw\u00e4ltigen droht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit einem weiteren Zitat von Gustav Landauer, aus der von ihm herausgegebenen libert\u00e4r-sozialistischen Zeitschrift \u201eDer Sozialist\u201c von 1897:<br \/>\n\u201eEs kommt keine Freiheit, wenn man sich nicht die Freiheit und die eigene Facon selber herausnimmt, es kommt nur die Anarchie der Zukunft, wenn die Menschen der Gegenwart Anarchisten sind, nicht nur Anh\u00e4nger des Anarchismus. Das ist ein gro\u00dfer Unterschied, ob ich Anh\u00e4nger des Anarchismus oder ob ich ein Anarchist bin. Der Anh\u00e4nger eines Lehrgeb\u00e4udes kann im \u00fcbrigen ein Philister und Spie\u00dfb\u00fcrger sein; eine Wesenswandlung ist notwendig oder wenigstens eine Umkrempelung des ganzen Menschen, so da\u00df endlich die innere \u00dcberzeugung etwas Gelebtes wird, das in Erscheinung tritt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff \u201eAnarchie\u201c kommt aus der griechischen Antike und bedeutet \u201eohne Herrschaft\u201c. Es war urspr\u00fcnglich ein weitgehend neutraler Begriff, mit dem prim\u00e4r die Zeit zwischen den Wahlen gemeint war. Der Begriff wurde augenscheinlich neutral verwendet. 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