{"id":2984,"date":"1999-11-01T00:00:32","date_gmt":"1999-10-31T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2984"},"modified":"2012-01-29T14:37:49","modified_gmt":"2012-01-29T12:37:49","slug":"cake-walk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/11\/cake-walk\/","title":{"rendered":"Cake Walk"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Politische Unruhen sind immer mit erheblichen privaten Einbu\u00dfen verbunden&#8220;, darin ist sich die illustre Gesellschaft aus Staatsr\u00e4ten, Textilfabrikanten, Gener\u00e4len und Gutsherren einig. Zumal dann, wenn man auf die Ankunft der Musiker, die einen von der Langeweile erl\u00f6sen, warten mu\u00df und das Personal immer noch keinen Ersatz f\u00fcr die ausgefallene K\u00fchlmaschine besorgt hat. In der Lagune, wo die Bourgeoisie au\u00dferhalb der vom P\u00f6bel beherrschten Stadt gelassen auf das Ende der Unruhen wartet, wird der Martini warm.<\/p>\n<p>Eine geh\u00f6rige Portion Ironie, die bisweilen in blanken Zynismus umschl\u00e4gt, kennzeichnet diesen historischen Roman \u00fcber ein Spanien, das lange vor dem B\u00fcrgerkrieg von politischen Unruhen und einer dekadenten F\u00fchrungsschicht gekennzeichnet war. Im Barcelona des Jahres 1909 war das Volk kriegsm\u00fcde. Die verheerende Niederlage im spanisch-amerikanischen Krieg hatte den Verlust von Kuba, Costa-Rica und den Philippinen zur Folge: Spanien keine Kolonialmacht mehr. Unter Alfons dem XIII. hatte sich das Ringen um nationalstaatliche Einflu\u00dfsph\u00e4ren nach Nordafrika verlagert: Marokko sollte f\u00fcr Ausgleich sorgen. F\u00fcr den verlustreichen Kampf gegen die dort beheimateten Berber, die Ryf-KabylInnen, wurden Reservisten in der nord\u00f6stlichen Provinz Katalonien einberufen. Wer Geld hatte, konnte sich gegen eine kleine Summe freikaufen. Aber in der reichen, weil industriell entwickelten katalonischen Hauptstadt gab es genug Arbeiter, die das Wenige nicht aufbringen konnten. Es kam zu einer Revolte, die unter dem Namen &#8222;semana tragica&#8220;, die Blutige oder auch Tragische Woche, in die Fu\u00dfnoten der spanischen Geschichte eingegangen ist. Dieser Aufstand in Katalonien war nur einer von vielen Revolten und Streiks, mit denen das Volk f\u00fcr bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen k\u00e4mpfte.<\/p>\n<p>Anl\u00e4\u00dflich der Blutigen Woche notierten die Chronisten sp\u00e4ter: &#8222;Das Resultat war eine f\u00fcnft\u00e4gige Herrschaft des P\u00f6bels, in der die Gewerkschaftsf\u00fchrer jegliche Kontrolle \u00fcber ihre Leute verloren und 22 Kirchen und 34 Kl\u00f6ster niedergebrannt wurden&#8220;. Der Aufstand wurde von Innenminister La Cierva niedergeworfen, der 175 Arbeiter erschie\u00dfen lie\u00df. Zu den Hingerichteten geh\u00f6rte damals auch der Anarchist Francisco Ferrer, einer der Begr\u00fcnder der freiheitlichen P\u00e4dagogik, er hatte die Escuela Moderna ins Leben gerufen.<\/p>\n<p>Ein Sonntagabend im Juli 1909, Barcelona am Vorabend des Aufstands, das ist die Ausgangssituation von Lorenzens Roman Cake Walk. In der \u00d6ffentlichkeit herrscht eine Atmosph\u00e4re ged\u00e4mpfter Unruhe. Die Z\u00fcge kommen versp\u00e4tet an, man munkelt gelegentlich von Krieg oder Unruhen, oder sucht sich irgendwie zu beschwichtigen. Streikende Arbeiter blockieren im Hafen die &#8218;Reina Luisa&#8216;, um Munitions- und Reservistentransporte nach Marokko zu verhindern. Noch bevor die Revolte offen ausbricht, ist deren Scheitern gewi\u00df: Ein Pfaffe, eigens dazu ausgebildet, den noch zu Verhaftenden bei Folter und Hinrichtung seelsorgerischen Beistand zu leisten, hat es vom Kommandanten der ber\u00fcchtigten Festungsgarnison Mont de Montjuich erfahren: &#8222;Das Volk d\u00fcrfe drei Tage seinen \u00dcbermut auskosten. Dann aber sei Schlu\u00df&#8220;. Ab Donnerstag wird verhaftet, verh\u00f6rt, gefoltert, hingerichtet &#8211; und getr\u00f6stet.<\/p>\n<p>CakeWalk, das ist eine Kindermusik von Claude Debussy und ein afro-amerikanischer &#8222;Negerjazz&#8220; (325), der Ende des 19. Jahrhunderts zum europ\u00e4ischen Modetanz wird. An eine Art grotesken Tanz erinnert auch das Verhalten, da\u00df Lorenzen seine \u00fcber 40 Akteure bisweilen auff\u00fchren l\u00e4\u00dft. Die herrschende Klasse etwa vertreibt sich in sicherer Entfernung die Zeit bis zum Ende der Wirren mit albern-eitler Selbstbespiegelung. In den Pausen ihrer z\u00fcgellosen Ausschweifungen spielt sie das kleine Welttheater und belustigt sich am bevorstehenden Sieg der Konterrevolution: &#8222;Paff!, Paff!, Paff!, wie die Kinder ahmen sie die Gewehrsalven der Garnison nach. Aber w\u00e4hrend die Bourgeoisie schon im voraus die S\u00e4rge der Aufst\u00e4ndischen bejubelt, deutet sich ihr Untergang von ganz anderer Seite an: L\u00e4ngst wirtschaften Gutsverwalter in die eigene Tasche, verfallen Rohstoffpreise, f\u00fchren Finanzspekulation und noch unentdeckte Betr\u00fcgereien an den Rand des Bankrotts.<\/p>\n<p>Nein, das Volk mit seinen sporadischen Revolten wurde zu keiner Zeit als ernsthafte Bedrohung empfunden. Noch bevor ein eher zuf\u00e4llig ausgel\u00f6ster Schu\u00df das Chaos in Form von Randalen, Spontanexekutionen und Vergewaltigungen einleitet, ist das Scheitern des Aufstands gewi\u00df. Denn die Akteure &#8222;wissen noch nicht, da\u00df sie allein sind und da\u00df die kommende Woche deshalb sem na tragica hei\u00dfen wird, weil alle allein bleiben, weil sich kein Anf\u00fchrer findet und jeder Einzelne lernen mu\u00df, sich mit anderen zu solidarisieren &#8211; was aber nicht gl\u00fcckt&#8220; (24).<\/p>\n<p>Errico Malatesta war derjenige, der auf dem Londoner Anarchistenkongre\u00df verk\u00fcndet hatte, das Volk brauche f\u00fcr seine Befreiung keinen F\u00fchrer, die Kraft der Solidarit\u00e4t reiche aus, die Ketten zu sprengen. Aber Lorenzens Blutiger Woche mangelt es nicht nur an Solidarit\u00e4t. Sie war keine organisierte Erhebung, kein geplanter Anarchistenaufstand, sondern eine spontane Entladung ohne l\u00e4ngerfristige Ziele. Dem kurzzeitigen Aufbegehren folgt schon bald die Ratlosigkeit: &#8222;Streik und Meuterei sind ihnen gelungen, was nun sollen sie anfangen mit so einem Sieg? Die Deserteure haben ihre Freiheit &#8211; und was nutzt sie ihnen?&#8220; fragt der Erz\u00e4hler (184).<\/p>\n<p>Lorenzen, der aus seinem Nihilismus keinen Hehl macht, gibt implizit eindeutige Antworten. Sein Menschenbild ist gepr\u00e4gt von Fatalismus in einer dem Untergang geweihten Welt, in der jeder, wenn \u00fcberhaupt, dann nur f\u00fcr sich selber k\u00e4mpft. Humanit\u00e4t, Gemeinschaft, Hoffnung oder Solidarit\u00e4t bleiben Fremdworte, und selbst die, die auf einer Seite k\u00e4mpfen sollten, verraten sich gegenseitig. Nutzlos ist jeder Befreiungsversuch, sei er bezogen auf Herrschaft oder auf die Bew\u00e4ltigung der pers\u00f6nlichen Vergangenheit. Revolution f\u00fchrt in der Sicht des Autors doch nur dazu, da\u00df sich das Volk gegenseitig abschlachtet. Eine Herrschaft w\u00fcrde nur abgel\u00f6st von einer neuen, die ebenso rasch wie die vorige der Dekadenz verfiele. Quer durch alle Gesellschaftsschichten, aus denen Lorenzen seine Charaktere rekrutiert, gilt in CakeWalk: Der Mensch an sich ist unf\u00e4hig, etwas Positives zu bewirken. Zu sehr sind die Figuren in ihre Vergangenheit verstrickt, zu viel Leid wurde ihnen angetan, auch wenn sie sich nur selten dem offenen Selbstmitleid ergeben.<\/p>\n<p>Im Wechsel von Dialog und R\u00fcckblenden in Form von Erinnerungen schafft Lorenzen plastische Lebensl\u00e4ufe. Und es sind vor allem die Frauen, deren innere Monologe von Leid getr\u00e4nkt sind. Fast alle weiblichen Hauptfiguren von der amerikanischen Revolutionstouristin und Spionin Mi\u00df Alabama, \u00fcber die alternde Diva und Generalsgattin Morocha bis hin zur Infantin Hyazinthe Florida: Alle sind sie schon in fr\u00fchester Jugend mi\u00dfbraucht und vergewaltigt worden.<\/p>\n<p>Den anderen passiert es jetzt gerade, im Juli 1909. Diese Szenen beschreibt der allwissende Erz\u00e4hler mit einer distanzierten K\u00e4lte und ohne Mitleid.<\/p>\n<p>Eines der Opfer aus verarmter Adelsfamilie redet sich ein, &#8222;wieviel schlimmer alles h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen, wenn jetzt ein Anarchist auf ihr l\u00e4ge&#8220; (319). Die Schwiegereltern der Entjungferten f\u00e4nden es hingegen besser, sie w\u00e4re tot.<\/p>\n<p>Kein Trost, nirgends.<\/p>\n<p>Die &#8222;Katalonische Reise in die Anarchie&#8220;, so der Untertitel des Romans, transportiert wieder einmal die Idee vom Anarchisten als ewigem Bombenleger, von Chaos, Gewalt und Untergang, wenn das Volk gegen sein Unterdr\u00fcckung aufbegehrt. Man darf getrost davon ausgehen, da\u00df Lorenzen sich mit den konstruktiven Aspekten von Anarchie (an archia = ohne Herrschaft) gar nicht auseinandergesetzt hat. Und das liegt nicht daran, da\u00df es in jener Epoche der spanischen Geschichte keine gegeben h\u00e4tte. Aber dem genialen Erz\u00e4hler geht es nicht um Historie. Die dient vielmehr nur als Kulisse f\u00fcr das Sittengem\u00e4lde einer verkommenen und orientierungslosen Gesellschaft, die sinnbildlich f\u00fcr Europa und das ganze Jahrhundert steht.<\/p>\n<p>Unaufgeregt, in einem langen ruhigen Flu\u00df verkn\u00fcpft der Autor Geschichtliches, Erdachtes, Mythen und vor allem Schicksale. Im Vordergrund des Geschehens stehen aber nicht die Aufst\u00e4ndischen, also Arbeiter oder desertierte Reservisten. Es sind vielmehr nur mittelbar oder g\u00e4nzlich Unbeteiligte, die von ihrem Logenplatz die semana tragica zur Kenntnis nehmen: die Bourgeoisie.<\/p>\n<p>\u00dcber Anarchie, ihre Anliegen oder gar Theorien erf\u00e4hrt die LeserInnenschaft nur, da\u00df es keine geben soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Politische Unruhen sind immer mit erheblichen privaten Einbu\u00dfen verbunden&#8220;, darin ist sich die illustre Gesellschaft aus Staatsr\u00e4ten, Textilfabrikanten, Gener\u00e4len und Gutsherren einig. Zumal dann, wenn man auf die Ankunft der Musiker, die einen von der Langeweile erl\u00f6sen, warten mu\u00df und das Personal immer noch keinen Ersatz f\u00fcr die ausgefallene K\u00fchlmaschine besorgt hat. 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