{"id":2992,"date":"1999-11-01T00:00:31","date_gmt":"1999-10-31T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2992"},"modified":"2012-01-29T14:43:41","modified_gmt":"2012-01-29T12:43:41","slug":"an-der-kreuzung-links-abbiegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/11\/an-der-kreuzung-links-abbiegen\/","title":{"rendered":"An der Kreuzung links abbiegen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Aber da Pop bekanntlich ein inter- oder transnationales Gesch\u00e4ft ist, sind die interessanten Fragen auch gar nicht auf die nationale Referenz angewiesen. Und zudem haben &#8222;unsere&#8220; ExpertInnen auch ihre Pendants oder Vorbilder in verschiedenen Cultural Studies betreibenden Schulen all over the world. Dazu geh\u00f6rt sicher auch George Lipsitz aus San Diego\/Kalifornien. Dangerous Crossroads hei\u00dft sein aktuelles Buch und handelt, au\u00dfer im lesenswerten Extra-Vorwort zur deutschen Ausgabe, zum Gl\u00fcck kein bi\u00dfchen von Deutschland.<\/p>\n<p>In Deutschland sind in den vergangenen Jahren verschiedene Positionierungen vorgenommen worden, die immer wieder um die Frage nach der M\u00f6glichkeit von linker, emanzipatorischer Politik im Pop kreisten. W\u00e4hrend f\u00fcr die traditionelle oder auch die antinationale Linke (z.B. konkret, Bahamas) dieses Kreisen von vornherein sinnlos war, scheint es f\u00fcr die als &#8222;Poplinke&#8220; Verschm\u00e4hten (z.B. Die Beute, Spex) erst jetzt, Ende der 90er und im Angesicht der Neuen Mitte als Projekt fraglich zu werden. Lipsitz hingegen ist da noch euphorischer. Bei ihm wird Popkultur als der potentielle Ort gefeiert, an dem ein dritter Weg beginnt: Als Reaktion auf weltweite Migrationsbewegungen geht&#8217;s von hier aus einer Welt entgegen, die mit den falschen Alternativen von Markt vs. Staat aufr\u00e4umt. Pop kann laut Lipsitz optimal Stellung beziehen, einerseits gegen Assimilationsdrohungen, die immer auf Homogenit\u00e4t abzielen, und gegen ein statisches Modell von Multikulturalismus andererseits, das das Fremde fremd und zur Folklore werden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>In Popmusik sieht Lipsitz immer kulturelle Praktiken, die es verm\u00f6gen, Glamour an Gleichberechtigung zu koppeln. Selbst f\u00fcr umstrittene Projekte zwischen Popstars und indigenen MusikerInnen hat Lipsitz meist mehr als ein offenes Ohr und ein gutes Wort \u00fcbrig. So zeichnet er zum Beispiel die Diskussionen um die Multikulti-Events von Paul Simon oder David Byrne nach. Der Vereinnahmung und dem Abschleifen der entscheidenden musikalischen wie kulturspezifischen Kanten zugunsten einer besseren kulturindustriellen Verwertbarkeit h\u00e4lt Lipsitz letztlich immer die positive Seiten des Austauschs und der Vermischung entgegen. Bei aller Stereotypenproduktion rechnet Lipsitz der Popul\u00e4rkultur immer an, in ihren utopischsten Momenten denjenigen Gruppen Vers\u00f6hnung zu versprechen, &#8222;die durch Unterschiede der Macht, der M\u00f6glichkeit und der Erfahrung gespalten sind&#8220;. Politisch gesprochen hei\u00dft das: Die postkoloniale, kulturelle Praxis und ihre strategischen Neubearbeitungen von Identit\u00e4ten kann zum Ausgangspunkt werden, von dem dann neue Koalitionen gegen die diskreditierten Modelle von konservativer freier Marktwirtschaft und Sozialdemokratie geschmiedet werden k\u00f6nnen. Ein Programm, das von &#8222;Postmodernen&#8220; wie Judith Butler oder Stuart Hall stammen k\u00f6nnte, und das in Lipsitz&#8216; Sprechart &#8222;strategischer Anti-Essentialismus&#8220; hei\u00dft: Die Chicano-Band <cite>Los Lobos<\/cite>ist nur eines von zahlreichen, faszinierenden Beispielen, an denen Lipsitz seinen Ansatz erl\u00e4utert: vor\u00fcbergehend jemand werden, der ich nicht bin, um so auf viel kr\u00e4ftigere Weise zu best\u00e4tigen, wer wir sind, um von da an etwas Neues werden zu k\u00f6nnen. Nicht nur mit dieser Stratgie f\u00fcr Minderheitenpolitik bewegt sich Lipsitz auf postmodernem Terrain. Auch seiner Zeitdiagnose steht das Label Postmoderne ohne weiteres zu. Mehr und mehr fallen demnach heute kultureller und geographischer Ort auseinander. Und Lipsitz\u00b4 Schilderungen sind ein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, die daraus entstehenden M\u00f6glichkeiten zu nutzen und nicht kulturpessimistisch als Niedergang von etwas vermeintlich Urspr\u00fcnglichem zu deuten. Letztlich geht es ihm um nichts geringeres, als darum, das Problem der Gerechtigkeit nicht dem Staat zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Bei seinen sympathisch unakademisch gehaltenen Analysen von Rai-, Reggae- oder Bhangramuffinkulturen kommt Lipsitz immer zu dem Schlu\u00df, da\u00df die Rastlosigkeit des Kapitals auf der Suche nach neuen Investitionsm\u00f6glichkeiten letztlich auch Menschen \u00fcber ehemalige Grenzen hinweg vereint. Durch eine &#8222;eindrucksvolle Vielfalt kultureller Praktiken und Ausdrucksformen sind vibrierende, dynamische und nicht-elit\u00e4re \u00f6ffentliche R\u00e4ume entstanden&#8220;. Aber gibt es diese R\u00e4ume wirklich? Oder sind sie eine Utopie, mit der Pop &#8211; wie andere auch &#8211; immer schon gespielt hat? Das Versprechen, statt Teil einer lokalen, unterd\u00fcckten Minderheit zu sein, der globalen Majorit\u00e4t anzugeh\u00f6ren, ist ja nicht gerade neu und hat ArbeiterInnen- oder Jugendbewegung, Intellektuelle und Frauenbewegungen oder eben Popsubjekte lange motiviert. F\u00fcr wie viele (oder wie wenige) dieses Versprechen allerdings auch tats\u00e4chlich, materiell eingel\u00f6st wird, schreibt Lipsitz nicht oder l\u00e4\u00dft es dezent unter den turntable fallen. Insofern schliddert auch dieser Theoretiker in die Falle, in die die Rede \u00fcber Postmoderne so oft tappt: Zwischen Erw\u00fcnschtem und Erreichtem wird nicht mehr hinreichend differenziert. Die kultursoziologische Begeisterung \u00fcber Vielfalt und Hybridit\u00e4t geht zu Lasten einer sozialstrukturellen Betrachtung, also der Frage, wer sich diese neuen Lebensformen wann, wo und \u00fcberhaupt leisten kann. Popdiskurs im Kontext globaler Umstrukturierung ist immer auch die Besch\u00e4ftigung mit Herrschaft. &#8222;Kollisionen geschehen an den Crossroads um uns herum &#8211; an den Kreuzungen, Kreuzwegen, \u00dcberschneidungen, Schnittmengen. Man kann sich an solchen Orten verirren. Die Wegkreuzung ist ein gef\u00e4hrlicher Platz. Aber wie schon die Alten der Yoruba in Westafrika ihren Kindern beizubringen pflegen: Der Trickster am Kreuzweg ist auch der Meister der M\u00f6glichkeiten&#8220;. Um diese M\u00f6glichkeiten geht es. Denn ob der Mut zum Mischmasch eine Option f\u00fcr soziale Befreiung ist oder die karnevaleske Geste von ein paar metropolitanen Semi-Intellektuellen, ist doch ein &#8211; im wahrsten Sinne &#8211; m\u00e4chtiger Unterschied.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber da Pop bekanntlich ein inter- oder transnationales Gesch\u00e4ft ist, sind die interessanten Fragen auch gar nicht auf die nationale Referenz angewiesen. 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