{"id":29941,"date":"2023-06-05T11:03:16","date_gmt":"2023-06-05T09:03:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/06\/gibt-es-hoffnung-fuer-den-sudan\/"},"modified":"2023-08-14T23:17:59","modified_gmt":"2023-08-14T21:17:59","slug":"gibt-es-hoffnung-fuer-den-sudan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/06\/gibt-es-hoffnung-fuer-den-sudan\/","title":{"rendered":"Gibt es Hoffnung f\u00fcr den Sudan?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ein erneuter, wom\u00f6glich lang dauernder Krieg, eine Hungerkatastrophe und damit zusammenh\u00e4ngend Fluchtwellen in die angrenzenden L\u00e4nder, besonders \u00c4gypten, sollte aber nicht das Schicksal der Menschen in diesem Lande sein, die bereits zweimal durch gewaltfrei-revolution\u00e4re Massenbewegungen Diktatoren st\u00fcrzen konnten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der Sturz an-Numairis nach der Hinrichtung Muhammad Tahas<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem der urspr\u00fcnglich nasseristische Jung-Obrist aus dem lange als \u201elinks\u201c eingestuften Lager der \u201eFreien Offiziere\u201c, an-Numairi, im Sudan bereits 1969 geputscht und eine s\u00e4kulare Ideologie vertreten hatte, wandelte er sich zum islamistischen Milit\u00e4r, der 1984\/85 die islamistischen \u201eHadd\u201c-Strafen einf\u00fchrte. Bei diesen Strafen kam es zu zahlreichen \u00f6ffentlich durchgef\u00fchrten Amputationen wegen Diebstahl und Tausenden von Auspeitschungen wegen Alkoholkonsums.<br \/>\nDer 1909 bis 1985 lebende Mahmud Muhammad Taha hatte als Sufi eine theologische Unterscheidung zwischen \u201ekleinem\u201c und \u201egro\u00dfem\u201c Djihad eingef\u00fchrt und stark \u00fcber seine Organisation \u201eDie republikanischen Br\u00fcder\u201c, unterst\u00fctzt von Student*innen an der Universit\u00e4t Khartum, verbreiten k\u00f6nnen. Die Prophetenworte in dessen Lebensphase in Medina wurden von Tahas Theologie dem \u201ekleinen Jihad\u201c zugeordnet, darunter Krieg und Gewalt. \u201eEr ordnete der medinensischen Phase weiter die Sklaverei, den Kapitalismus, die Scharia und die Unterdr\u00fcckung der Frau zu. Die in Mekka (oder der mekkanischen Lebensphase des Propheten; L.M.) gepredigten Prinzipien seien dagegen die friedliche \u00dcberzeugung, die rechtliche Gleichheit von Muslim*innen und Nicht-Muslim*innen und die Gleichheit der Geschlechter.\u201c ((2))<br \/>\nZitate Tahas aus seiner Interpretation der mekkanischen Phase:<br \/>\n\u201eDas grundlegende Prinzip im Islam ist, dass jeder Mensch frei ist. (\u2026) Das grundlegende Prinzip im Islam ist Gemeinschaftlichkeit des Besitzes.\u201c ((3))<br \/>\nIm Laufe der Zeit wurde Taha jedoch aufgrund der zunehmenden Popularit\u00e4t seiner Theologie zur Bedrohung an-Numairis, von diesem mit Unterst\u00fctzung der islamistischen \u201eMuslimbr\u00fcder\u201c des Sudan als Ketzer verfolgt, schlie\u00dflich festgenommen und am 18. Januar 1985 wegen Ketzerei (offiziell \u201eApostasie\u201c; L.M.) am Galgen im Khartumer K\u00f4bar-Gef\u00e4ngnis hingerichtet.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Im April 2019 kam es zu von Frauen getragenen Massenprotesten gegen den Ausnahmezustand. Auf diesen Druck wurde der V\u00f6lkerm\u00f6rder in Darfur, al-Bashir, aus dem Amt geputscht.<\/strong> <\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Exekution Tahas f\u00fchrte im M\u00e4rz und April 1985 zu einem massenhaften, von gewerkschaftlichen Kampfmitteln, das hei\u00dft Streiks und Demonstrationen, gepr\u00e4gten Aufstand, der letztlich w\u00e4hrend einer Auslandsreise an-Numairis in einen innermilit\u00e4rischen Putsch von an-Numairi-Gegnern und damit in die Absetzung des Diktators am 6. April 1985 m\u00fcndete. (\u2026) Khalid Duran berichtet sogar \u00fcber eine w\u00e4hrend des Massenaufstands erfolgte Gef\u00e4ngnisst\u00fcrmung und \u201aGalgenbesetzung\u2018 zu Ehren Tahas. (\u2026) \u201aF\u00fcr die Sudanesen ist dieser Ort zu einer nationalen Gedenkst\u00e4tte geworden.\u2018\u201c ((4))<br \/>\nDie auf diesen Erfolg einer gewaltfrei-revolution\u00e4ren Massenbewegung folgende demokratische Phase im Sudan dauerte jedoch nur vier Jahre bis 1989, bis zum n\u00e4chsten Putsch durch die islamistischen al-Bashir-Milit\u00e4rs, deren Dschandschawid-Milizen dann den Genozid in Darfur ma\u00dfgeblich ver\u00fcbten. Schon damals hie\u00df deren Chef Mohamed Hamdan Dagolo (Spitzname \u201eHemeti\u201c). ((5))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der gewaltfreie Aufstand von 2019<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 22. Februar 2019, nach 30 Jahren Herrschaft, verh\u00e4ngte das al-Bashir-Regime den Ausnahmezustand und setzte erneut das Milit\u00e4r als oberste Macht im Lande ein, nachdem es zuvor in mehreren sudanesischen St\u00e4dten zu Protesten gegen gestiegene Lebenshaltungskosten gekommen war. Die Proteste wurden stark von Frauen getragen, die auch als selbstbewusste Rednerinnen bei Demos und Kundgebungen auftraten. Zu ihnen geh\u00f6rte auch die Aktivistin Shadin Alfadil. Am 6.\/7. April 2019 kam es zu von Frauen getragenen Massenprotesten gegen den Ausnahmezustand. Auf diesen Druck wurde der V\u00f6lkerm\u00f6rder in Darfur, al-Bashir, aus dem Amt geputscht. Die Proteste gingen jedoch weiter und ein inzwischen eingerichteter \u201eMilit\u00e4rischer \u00dcbergangsrat\u201c wurde zum bedingungslosen R\u00fccktritt aufgefordert. Das Hauptquartier der Armee in Khartum wurde mehrere Wochen mit zivilem Ungehorsam blockiert. Am 3. Juni 2019 t\u00f6teten die Hemeti-Milizen und andere Milit\u00e4rs aus dem \u00dcbergangsrat 118 Menschen und schossen die Blockade nieder. Als Antwort kam es vom 9.-11. Juni 2019 zum Generalstreik. Es gab zahlreiche Aufrufe zum zivilen Ungehorsam, bis es zu einem vorl\u00e4ufigen Abkommen am 17. Juli 2019 kam und ein Rat aus Vertretern des Milit\u00e4rs und der Protestbewegung gebildet wurde. ((6))<br \/>\nDie heutigen kriegerischen Auseinandersetzungen gingen aus Spaltungen unter den Milit\u00e4rs und Milizen dieses Rats hervor und zeigen wieder einmal, dass es in sozialen Bewegungen keine zivilgesellschaftlichen Kompromisse mit zuvor m\u00f6rderisch gewordenen Milit\u00e4rs geben darf. Der hohe Frauenanteil der Proteste von 2019 \u2013 Quellen sprechen von rund 70 Prozent Frauen unter den \u2028Demonstrant*innen \u2013 l\u00e4sst sich zum Teil ebenfalls auf die Taha-Tradition zur\u00fcckf\u00fchren. Selbstbewusste Rednerinnen auf Demos fielen durch ihre wei\u00dfe Kleidung auf, die in der Tradition der Republikanischen Schwestern um die Taha-Tochter Asma Mahmud steht, die sich nicht nur als Theologin, sondern auch als Feministin im Kampf gegen die Scharia-orientierten Sitten, die vor allem auf dem Lande noch bestehen, verstand. Noch am Ende seiner Lebenszeit hie\u00df es zu Taha: \u201eObwohl Taha zweifellos die charismatische F\u00fchrungsperson der Bewegung war, hielt er sich zunehmend bei Diskussionen zur\u00fcck, moderierte nur, rief zu gegens\u00e4tzlichen Meinungs\u00e4u\u00dferungen auf und f\u00f6rderte ab 1975 vor allem die Diskussionsf\u00e4higkeit von Frauen, die bald als \u201aRepublikanische Schwestern\u2018 \u2013 um diese Zeit (Anfang der 1980er-Jahre; L.M.) waren ca. 200 der rund 1000 \u201aRepublikanischen Br\u00fcder\u2018 Schwestern \u2013 frei in der \u00d6ffentlichkeit diskutierten, Rednerinnen bei Massenversammlungen waren sowie unabh\u00e4ngig von ihren Familien in \u201aRepublikanischen H\u00e4usern\u2018 lebten \u2013 eine im sudanesischen Kontext geradezu unglaubliche Revolutionierung der patriarchalen Tradition.\u201c ((7))<br \/>\nDie feministischen Rednerinnen in ihren wei\u00dfen Umhang-Kleidern grenzten sich an der Khartumer Universit\u00e4t sowohl von den westlichen Modernisiererinnen als auch von den islamischen Traditionalistinnen ab.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Organisationsversuche unter den aktuellen Bedingungen der milit\u00e4rischen Konfrontation<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu dieser feministischen Tradition, die auch als frauenpolitisches Empowerment bezeichnet werden k\u00f6nnte, z\u00e4hlt auch die j\u00fcngst vom \u201aSpiegel\u2018 interviewte Aktivistin \u2028Shadin Al-\u2028fadi, die eindr\u00fccklich die Bedingungen und die Notlage schildert, unter der sie die aktuellen K\u00e4mpfe der beiden Milit\u00e4rformationen erlebt:<br \/>\n\u201eDas Schie\u00dfen wird immer wahlloser. Man muss nicht neben einer Milit\u00e4rbasis oder einem Flughafen wohnen, um zum Opfer zu werden. Die Rapid Support Forces (RSF) haben ihre Fahrzeuge und K\u00e4mpfer inzwischen gezielt in den Wohnvierteln positioniert. Sie versuchen, die Bev\u00f6lkerung als Schutzschild zu missbrauchen. Gleichzeitig schie\u00dfen sie selbst wahllos um sich. Ich wei\u00df nicht, ob aus Frustration oder um gezielt Chaos zu stiften. Sie setzen nicht nur Maschinengewehre ein, sie feuern schwere Waffen in Wohnvierteln ab, das ist eine riesige Gefahr f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Die Menschen haben keinen Zugang zu Krankenh\u00e4usern, die Toten werden nicht gez\u00e4hlt. Aus der Innenstadt hat jemand berichtet, dass dort schon seit Samstag Leichen rumliegen, keiner kann raus, um sie zu identifizieren oder ins Krankenhaus zu bringen.\u201c ((8)) Sie prangert schonungslos die Strategie der Kompromisse mit den Milit\u00e4rs von 2019 an und fordert, Konsequenzen daraus zu ziehen, die nur auf eine verst\u00e4rkte Eigenst\u00e4ndigkeit gewaltfreier und zivilgesellschaftlicher Bewegungen hinauslaufen k\u00f6nnen: \u201eIch bin auch sauer auf die zivilen politischen Kr\u00e4fte im Sudan, weil sie in den vergangenen Monaten versucht haben, den RSF-Anf\u00fchrer Hemeti an sich zu binden. Sie wollten damit Druck auf die Armee aus\u00fcben, um ihre Forderungen f\u00fcr eine zivile Regierung durchzusetzen. Aber Hemeti f\u00fchrt eine Miliz an. Es ist ein gro\u00dfer Fehler, den \u00dcbergang zur Demokratie in seine H\u00e4nde zu legen. Hier geht es um Prinzipien. Eine Miliz und Demokratie passen nicht zusammen.\u201c ((9))<br \/>\nSo kann daran gearbeitet werden, dass auch im b\u00fcrgerkriegsbedrohten Sudan wieder Hoffnung entsteht. Sie basiert auf der Erinnerung an bereits gewonnene gewaltfreie K\u00e4mpfe und die konkrete Erfahrung, dass Siege gegen das Milit\u00e4r und die Islamist*innen m\u00f6glich waren:<br \/>\n\u201eWir als Zivilgesellschaft, als Aktivistinnen, m\u00fcssen jetzt den Leuten helfen. Wir bauen Unterst\u00fctzungsnetzwerke auf f\u00fcr die Menschen in den einzelnen Stadtvierteln. Wir haben WhatsApp-Gruppen f\u00fcr Frauen gegr\u00fcndet, damit sie sich gegenseitig unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, wenn sie schwanger sind oder ihre Periode haben, wenn sie Kinder mit besonderen Bed\u00fcrfnissen versorgen oder wenn ihnen die Lebensmittel ausgegangen sind. \u00dcber diese Gruppen k\u00f6nnen sich Menschen in der Nachbarschaft \u00fcber ihre Notlagen informieren, dann wird Hilfe in der N\u00e4he organisiert.\u201c ((10))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein erneuter, wom\u00f6glich lang dauernder Krieg, eine Hungerkatastrophe und damit zusammenh\u00e4ngend Fluchtwellen in die angrenzenden L\u00e4nder, besonders \u00c4gypten, sollte aber nicht das Schicksal der Menschen in diesem Lande sein, die bereits zweimal durch gewaltfrei-revolution\u00e4re Massenbewegungen Diktatoren st\u00fcrzen konnten. 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