{"id":29944,"date":"2023-06-05T11:03:17","date_gmt":"2023-06-05T09:03:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/06\/vom-querdenken-zur-querfront\/"},"modified":"2023-09-08T18:26:48","modified_gmt":"2023-09-08T16:26:48","slug":"vom-querdenken-zur-querfront","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/06\/vom-querdenken-zur-querfront\/","title":{"rendered":"Vom Querdenken zur Querfront"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sahra Wagenknecht und ihr Anhang organisierten am 25. Februar 2023 vor dem Brandenburger Tor in Berlin eine <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/03\/warum-ich-das-sicher-nicht-unterschreiben-werde\/\">Kundgebung<\/a> unter dem Motto \u201eAufstand f\u00fcr den Frieden\u201c, an der auch Rechte, u. a. AfD-Politiker, \u201eReichsb\u00fcrger\u201c, QAnon-Anh\u00e4nger, die Partei \u201eDie Basis\u201c, J\u00fcrgen Els\u00e4sser oder Nikolai Nering teilnahmen. Bereits 2020 konstituierte sich die Bewegung der \u201eQuerdenker\u201c, die von Reichsb\u00fcrger:innen, Impfgegner:innen und Neonazis gebildet wurde. Von Anfang an wurden rechte Individuen und Gruppen toleriert.<br \/>\nTeile der Linken, darunter Mitglieder der Linkspartei wie Sahra Wagenknecht, Dieter Dehm, Wolfgang Gehrcke, Annette Groth oder Norman Paech, zeigten in ihren Publikationen sowie durch ihre Teilhabe am \u201eKrefelder Appell\u201c, wesentliche \u00dcbereinstimmungen mit der von Neonazis infiltrierten und aus dem Hintergrund gesteuerten Bewegung der \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/querdenker-demos-in-schwarz-weiss-rot\/\">Querdenker<\/a>\u201c. In dem \u201eKrefelder Appell\u201c wurde diese \u201eBewegung zur Wiedererlangung unserer Grund- und Menschenrechte\u201c gelobt. Zu den Erstunterzeichnern geh\u00f6rten f\u00fchrende Vertreter der \u201eQuerdenker\u201c, wie z. B. Michael Ballweg, Anselm Lenz und Wolfgang Wodarg. Der Aufruf spielt der faschistoiden Strategie und Taktik der \u201eQuerfront\u201c in die H\u00e4nde und zielte darauf ab, einer rot-braunen Querfront T\u00fcr und Tor zu \u00f6ffnen (vgl. GWR 477).<br \/>\nGemeinsamkeiten zwischen Linken und Rechten waren bereits ab Mitte der 1920er Jahre sichtbar geworden, wo es zu partiellen ideologischen und politischen \u00dcbereinstimmungen der Nazi-Ideologie mit nationaalkommunistischen Vorstellungen gekommen war. Diese Gemeinsamkeiten bestanden aus Teilen der deutschen Kultur (Rassismus, Autoritarismus, etc.), als auch ihrer antidemokratischen Theorie und Praxis. In diesen Schnittstellen verbinden sich nationalistische und autorit\u00e4re Anspr\u00fcche der Nazis mit der national-bolschewistischen Ideologie und Praxis der KPD. Wissenschaftliche Vergleiche zwischen diesen beiden extremen Formierungen sind mit politischen und parteipolitischen Vorgaben belastet, und es muss deshalb betont werden, dass es sich hierbei um Vergleiche handelt und nicht um ihre Gleichsetzung. Letzteres verbietet sich schon deshalb von selbst, weil Geschichte und Programmatik der beiden politischen Str\u00f6mungen fundamental unterschiedlich waren und sind. Doch die vorhandenen Gemeinsamkeiten von Rechten und Linken m\u00fcssen genannt werden, das gebietet die Verpflichtung zur historischen Wahrheit.<br \/>\nDiese historische N\u00e4he zwischen Linken und Rechten zeigte sich in der Zusammenarbeit der NSDAP und der KPD in der ersten deutschen Republik. Dieser Weg, als der st\u00e4rksten Linken Organisation, f\u00fchrte die deutschen Kommunisten zu einer nationalistischen Orientierung in der SBZ\/DDR, mit Zustimmung der KPdSU. Diese l\u00e4sst sich an der Namensgebung f\u00fcr gesellschaftliche und staatliche Institutionen leicht ablesen, wie z. B. der \u201eNationalrat der Nationalen Front\u201c, der \u201eNationale Verteidigungsrat\u201c, die \u201eNationale Volksarmee\u201c oder der \u201eNationalpreis\u201c, um nur einige Beispiele zu nennen. Die andere Seite dieses Nationalismus war der Bezug auf eine v\u00f6lkische Ideologie, was sich in den Begriffen \u201eHervorragender Wissenschaftler des Volkes\u201c, \u201eVaterl\u00e4ndischer Verdienstorden\u201c, \u201eVolkskammer\u201c, \u201eVolkspolizei\u201c und \u201eVolkssolidarit\u00e4t\u201c usw. usf. zeigt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Rot-braune Querfront nach 1945<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die KPD und ihre Hinwendung zum v\u00f6lkischen Nationalismus ab Mitte der 1920er Jahre war der ideologische und politische Vorl\u00e4ufer f\u00fcr die Politik der SED, die von der Sowjetunion mit der DDR einen Staat erhalten hatte, in dem die nationalistische und autorit\u00e4re Programmatik zur Staatsraison erhoben werden konnte. Diese Politik der SED war kein Ausdruck von \u201eEinzelf\u00e4llen\u201c oder gar ein \u201epolitischer Ausrutscher\u201d, nein, sie war seit Jahrzehnten elementarer Bestandteil ihrer Politik und Ideologie. Anfang der 1950er Jahre organisierte die F\u00fchrung der SED einen Dialog mit Vertretern von Gruppen aus ehemaligen Nazis, die sich in der BRD organisiert hatten. Diese Tagung fand am 29. und 30. Januar 1951 in Berlin statt. Unter den Teilnehmer:innen der Delegation der SED\/FDJ waren Erich Honecker, damals Erster Sekret\u00e4r des Zentralrats der FDJ und Kandidat f\u00fcr das Politb\u00fcro der SED, sowie Margot Feist, seine sp\u00e4tere Ehefrau, die zu dem Zeitpunkt Sekret\u00e4rin des Zentralrats der FDJ und Abgeordnete der Volkskammer war. Au\u00dferdem waren auf DDR-Seite mit Dieter Schmotz, Horst Rogee, Siegfried Dallmann und Horst Dre\u00dfler-Andres ehemalige Nazif\u00fchrer beteiligt. Auf der westdeutschen Seite waren Vertreter der ehemaligen Reichsf\u00fchrung der Hitler-Jugend (HJ) in der BRD, u. a. Karl Cerff, ehemaliger Obergebietsf\u00fchrer der HJ und andere alte Nazis beteiligt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Gemeinsamkeiten zwischen Linken und Rechten waren bereits ab Mitte der 1920er Jahre sichtbar geworden, wo es zu partiellen ideologischen und politischen \u00dcbereinstimmungen der Nazi-Ideologie mit nationaalkommunistischen Vorstellungen gekommen war.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab den 1980er Jahren besch\u00fctzte das MfS, im Auftrag der SED, die beiden westdeutschen Neonazis Udo Albrecht und Odfried Hepp, vor justizieller Verfolgung westdeutscher Beh\u00f6rden. Albrecht war am 29. Juli 1981, bei einem gerichtlichen Ortstermin bei Lauenburg (Schleswig-Holstein) in die DDR gefl\u00fcchtet. Auslieferungsersuche von Beh\u00f6rden der BRD wurden von der DDR strikt abgelehnt. Albrecht war als junger Mann aus der DDR in den Westen geflohen und begann da eine bemerkenswerte Karriere als Krimineller. Bereits in den 1960er Jahren bezeichnete er sich als \u201eNeonazi im Kampfauftrag der PLO\u201c. Hepp begann seine Karriere bei der von ihm gegr\u00fcndeten \u201eWehrsportgruppe Schlageter\u201c, sowie der \u201eKampfgruppe Schwarzwald\u201c, deren St\u00fctzpunkte 1978\/79 in Baden lagen. Au\u00dferdem war er Mitglied der neonazistischen \u201eNSDAP\/AO\u201c, sowie Mitglied in der \u201eWehrsportgruppe Hoffmann\u201c (WSG). 1980 floh Hepp vom Libanon in die BRD und wurde am Flughafen in Frankfurt\/M. verhaftet, vor Gericht gestellt und zu 16 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Nach seiner Haftzeit, Ende 1981, ging er am 14. Januar 1982 in die DDR, um sich dem MfS als Mitarbeiter anzudienen. Bereits 1980 hatte das MfS versucht, Hepp als \u201eInoffiziellen Mitarbeiter\u201c (IM) zu gewinnen. Doch nun gelang es dem MfS, Hepp unter dem Decknamen \u201eFriedrich\u201c f\u00fcr eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Im Laufe des Jahres 1982 traf Hepp seinen F\u00fchrungsoffizier mindestens siebenmal, meistens in einem Objekt des MfS im Berliner Umland.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Linkspartei und Querfront nach 1990<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 31. Juli 1998 ver\u00f6ffentlichte die Tageszeitung \u201eNeues Deutschland\u201c (ND), sie wurde vom Bundesvorstand der Linkspartei kontrolliert, einen Text von Roland Wehl, ein rechter Nationalist: \u201eDie Nation zur Sache des Volkes machen: Wie national muss die Linke sein?\u201c. Der Autor schrieb bereits seit 1993 f\u00fcr die rechte Wochenzeitung \u201eJunge Freiheit\u201c.<br \/>\nMichael Nier, ehemals Direktor des Instituts f\u00fcr Gesellschaftswissenschaften an der Ingenieur-Hochschule in Mittweida und Hochschullehrer an der TU Dresden und an der TU Chemnitz, erhielt im ND die M\u00f6glichkeit, seine kruden nationalistischen und faschistoiden Ansichten f\u00fcr die Bildung einer Querfront von ganz links bis nach ganz rechts zu verbreiten. Das \u201eNeue Deutschland\u201c ver\u00f6ffentlichte am 14. August 1998 einen Beitrag von M. Nier, in dem er gegen die \u201evolksfeindliche Politik des transnationalen Kapitals\u201c und die \u201eimmer brutalere Amerikanisierung\u201c Position bezog, denn f\u00fcr Deutschland sei \u201edie Erinnerung an die Nation der Griff zur Notbremse im rasenden Zug des Kapitalismus\u201c. Der ND-Redaktion fiel offenbar gar nicht auf, dass diese pathetischen Zeilen von einem Neonazi stammten. Und selbst wenn, h\u00e4tte sie dies kaum ernsthaft st\u00f6ren d\u00fcrfen. Schlie\u00dflich hatte die Redaktion die Debatte, in deren Rahmen der Beitrag erschien, selbst angesto\u00dfen, indem sie unter der Fragestellung \u201eWie national muss die Linke sein?\u201c auch einen Beitrag des rechten Autoren Roland Wehl abdruckte, dem Redakteur der rechten Zeitung \u201eWir Selbst &#8211; Zeitschrift f\u00fcr nationale Identit\u00e4t\u201c und Autor der rechten Zeitung \u201eJunge Freiheit\u201c. Sein Gastauftritt im ND war Teil eines Autorenaustausches: Ein paar Monate zuvor ver\u00f6ffentlichte ND-Redakteur Marcel Braumann einen Beitrag in \u201eWir Selbst\u201c, und auch in der rechten Zeitschrift \u201eMUT\u201c finden sich Artikel von M. Braumann. In einem Leserbrief an die rechte \u201eJunge Freiheit\u201c hatte sich ein M. Braumann \u201eeinen intellektuell ernstzunehmenden konservativen Beitrag zur regionalen Identit\u00e4tssuche (\u2026), der sich vom Euro- und Globalisierungswahn abhebt\u201c, gew\u00fcnscht. Die PDS-Bundestagskandidatin aus Schwerin, Angelika Gramkow, beklagte in einem Leit-artikel des ND Folgendes: \u201eWir haben die nationale Identit\u00e4t den Rechten \u00fcberlassen\u201c. Johann Scheringer, der PDS-Fraktionsvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, hatte der \u201eJungen Freiheit\u201c (9\/1993) ein Interview gegeben, in dem er sich zur \u201edeutschen Nation\u201c bekannte. Sp\u00e4ter bekr\u00e4ftigte er mit einem Beitrag in der rechten Zeitschrift \u201eWir Selbst\u201c dieses Bekenntnis.<br \/>\nNach 2014 fanden sich bei den antisemitischen \u201eMahnwachen\u201c in Berlin und in \u00fcber 80 Orten Linke und Rechte zu einer rot-braunen Querfront zusammen. Daran beteiligten sich u. a. der ehemalige Linke J\u00fcrgen Els\u00e4sser und der Antisemit Ken Jebsen, sowie die Bundestagsabgeordneten der Partei \u201eDie Linke\u201c Heike H\u00e4nsel, Dieter Dehm, Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko.<br \/>\nSahra Wagenknecht war ab 1989 Mitglied der SED und in allen folgenden Organisationen bis zur Partei \u201eDie Linke\u201c, auch in F\u00fchrungspositionen. Sie war Abgeordnete des Europaparlaments und bis heute des Bundestages. Au\u00dferdem war sie Mitglied der \u201eKommunistischen Plattform\u201c, einer Unterorganisation der Partei \u201eDie Linke\u201c. Nach der Kundgebung am 25. Februar 2023 erkl\u00e4rte Wagenknecht, dass sie 2025 nicht mehr f\u00fcr die Partei \u201eDie Linke\u201c kandidieren werde. Sie lie\u00df offen, ob und wann sie eine eigene Partei gr\u00fcnden w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sahra Wagenknecht und ihr Anhang organisierten am 25. 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